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Immer mehr Arbeitnehmer leasen ein Jobrad.
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Report - Leaserad

Dienstwagen 2.0

Fahrradleasing ist eine noch ziemlich neue Idee – und für viele auch eine ziemlich gute. Dass sie überhaupt im großen Maßstab umgesetzt wird, ist vor allem dem Freiburger Unternehmen Leaserad zu verdanken.

Der Augustinerplatz gehört zu den ersten Adressen in der Freiburger Altstadt: Museen, Straßencafés, südländisches Flair. Das große Gebäude mit Hausnummer 2 ist ziemlich unüberschaubar. Kein Wunder, dass die Praktikantin des Unternehmens Leaserad, das hier seinen Sitz hat, sich derzeit noch nicht immer ganz sicher ist, welche Eingangstür und welchen Aufgang sie für eine bestimmte Abteilung nehmen muss: Die Firma ist mit ihrer Marke Jobrad vor kurzem erst hierhin gezogen, hat auch einen zweiten Firmensitz in der Nähe und mietet im Haus quasi im Wochentakt neue Räume an. »Dynamisches Wachstum« ist da eher untertrieben: »Als ich vor eineinhalb Jahren bei Leaserad anfing«, erzählt Rita Leusch von der Öffentlichkeitsarbeit des Unternehmens, »waren wir um die 30 Mitarbeiter. Heute sind es gut 100.« Der Bike-Leasing-Markt wächst exponentiell. Andere sagen: Er explodiert. Ein Grund dafür ist im E-Bike-Trend zu sehen, ein zweiter, wichtiger in der sogenannten Gehaltsumwandlung, die seit Ende 2012 auch in Bezug auf Fahrräder beziehungsweise E-Bikes möglich ist: Das über den Arbeitgeber geleaste Fahrrad wird also steuerlich genauso behandelt wie der Dienstwagen. Und da kommt Leaserad ins Spiel.

Menschen aufs Fahrrad ­bringen

Ulrich Prediger, Gründer von Leaserad, lächelt – wohl nicht nur, weil es Jobrad gut geht und sein Unternehmen mit einer schon fast bedrohlichen Geschwindigkeit wächst. Wer ihm zuhört, nimmt ihm gern ab, dass ein wesentliches Ziel seiner Anstrengungen immer war, viele Leute aufs Rad zu bringen – und er damit auch ein profitables Unternehmen betreiben wollte und will. Und im Moment scheint es um beide Ziele ganz gut zu stehen. »Wir haben derzeit etwa 4400 Arbeitgeber, deren eine Million Mitarbeiter Dienstrad-berechtigt sind. Das ist ein enormes Potenzial«, sagt Prediger. Und man muss tatsächlich davon ausgehen, dass das Wachstum noch mehr Dynamik erreicht: Das geleaste, als Dienstrad steuerlich vergünstigte Rad ist in vielen Köpfen noch gar nicht angekommen – aber auf dem besten Weg dahin.
Nach Abschluus der Leasingvereinbarung (mehr zum Ablauf des Leasings »Dienstrad – gutes Geschäft für den Handel«, S. 64-67 dieser Ausgabe) tritt die Ein-Prozent-Regelung in Kraft: Der Arbeitnehmer muss für die auch private Nutzung des Rads nur 1 Prozent des Neupreises als geldwerten Vorteil versteuern. Und noch ein Vorteil: Im Gegensatz zu anderen Leasing-Unternehmen hat der Kunde bei Jobrad freie Markenwahl. Durch die günstige Versteuerung spart der Arbeitnehmer bis zu 40 Prozent des normalen Kaufpreises ein – verglichen mit einem Direktkauf inklusive Diebstahlversicherung.

Image-Schub durch ­Bike-Leasing

Der Arbeitgeber hat den Image-Vorteil eines nachhaltig agierenden, modernen Unternehmers und bekommt Mitarbeiter, die erwiesenermaßen zufriedener, motivierter und gesünder sind als Angestellte, die mit dem Auto zur Arbeit fahren. Ganz nebenher spart er oft auch noch Firmenparkplätze.
Kompliziert ist die Sache dann eher für Leaserad. »Wir arbeiten für nahezu jedes Unternehmen einen individuellen Vertrag aus«, so Prediger. Und das kann je nach Änderungswünschen auch mal Wochen dauern. Auch die genannten 4400 Arbeitgeber-Partner wollten erst überzeugt werden, dass Fahrradleasing für sie eine gute Idee ist. »Manchmal sind wir drei Jahre an einem Unternehmen dran«, so Holger Tumat, der zweite Geschäftsführer von Jobrad und seit 2011 im Unternehmen. So konnte man beispielsweise im Herbst letzten Jahres den Arbeitgeber Deutsche Bahn von den Vorteilen einer Leasing-Partnerschaft überzeugen: 145.000 Jobrad-Berechtigte bei einem Arbeitgeber! Mit 50.000 Mitarbeitern war die Commerzbank 2014 der erste große Kunde. »Je größer das Unternehmen, desto individueller die Rahmenverträge, die abgeschlossen werden«, so Prediger. Und Tumat ergänzt: »Bei der Commerzbank etwa gab es in Sachen Prozessintegration unglaublich viel anzupassen. Das heißt, das Einbinden der Jobrad-Abläufe in die digitalen Systeme – in diesem Falle der Commerzbank – kann zeitintensiv sein. Das ist aufwendig für uns, aber auch sehr effektiv. So können wir uns weiterentwickeln. Wir haben diese anspruchsvollen, herausfordernden Kunden immer auch gesucht!« Weitere große Kunden: Canon, SAP, Schneider Schreibgeräte, Vaude, Weleda – um nur einige Beispiele zu nennen.

Im Zentrum des Geschehens: der Fachhandel

Nicht zu vergessen: die Fachhandelspartner! Nur mit ihnen funktioniert das Ganze. Sie bekommen über die Zusammenarbeit mit Leaserad nicht nur neue Kunden, in den Laden, oft werden Lease-Kunden auch Stammkunden. Und die Händler erhalten den Kaufpreis über Leaserad (über deren Leasingbank) sofort erstattet, der Betrag ist im Regelfall am nächsten Werktag auf ihrem Konto. 7 Prozent des Fahrrad-Kaufpreises gibt der Händler an Leaserad ab, wenn Leaserad den Kontakt zwischen Fachhändler und Arbeitgeber hergestellt hat. Hat der Fachhändler den Arbeitgeber ins Boot geholt, entfällt diese Prämie ganz, nach dem »Kooperationsvertrag 4.0«, der seit Juni letzten Jahres gilt.
Leaserad bietet zur Sicherheit des Nutzers auch ein Wartungspaket an: Für je eine Inspektion im Wert von 70 EUR in allen drei Leasingjahren erhöht sich die monatliche Umwandlungsrate um 5 EUR. Unabhängig vom Kaufdatum ist der Inspektions-Zeitraum so ausgelegt, dass der Händler die Inspektion immer im Winter-Halbjahr ausführen kann – also dann, wenn die Kunden tendenziell deutlich weniger werden. »Mit solchen Dingen heben wir die Fahrradbranche auf ein strukturell ganz neues Niveau«, erklärt Tumat, »denn was beim Auto drin ist, muss auch beim Fahrrad möglich sein!« Und Prediger ergänzt: »Ein großer Kunde ist mit den ersten 1000 Leasingverträgen inklusive Inspektion durch die Pilotphase – und alle Beteiligten sind zufrieden.« Mit 3800 Partnerhändlern arbeitet Leaserad derzeit zusammen.
An diesen Strukturen merkt man, dass nicht nur intern, sondern auch im Außendienst dynamisch gearbeitet wird. Der Fachhandel ist ein großer strategischer Partner – dessen ist man sich bewusst. Deshalb gibt es seit Kurzem auch ein Fachhandels­außenteam. Jobrad schult die Händler regelmäßig. Dazu kommt ein Außendienstler vorbei. Auch das sei ein besonderes Feature, das das Frei­burger Unternehmen von anderen abhebe. Dazu kommen Workshops und Webinare, Internet-Seminare für die Händler. »Natürlich versuchen manche Händler auch, den Service ohne Leasingunternehmen anzubieten. Viele von ihnen erkennen aber schnell, dass sich für sie der Aufwand nicht lohnt. Wir liefern die Struk­turen, und damit sind alle besser bedient« erklärt Prediger.

Digital schlägt Papier

Und auf diese Strukturen ist man stolz. Nicht nur, was die vertragliche Seite und Partnerschaften angeht: Ein ganz wesentlicher Teil des Angebots von Leaserad ist die für alle Beteiligten fast gänzlich papierlose Abwicklung des gesamten Verfahrens. Thomas ­Zeller, Organisationsentwicklung und Systeme, erklärt: »Die papierlose Abwicklung hat enorm viele Vorteile. Es gibt keine Zettelwirtschaft, alles passiert in Echtzeit.«
Wenn ein Arbeitnehmer beim Fachhändler ein Fahrrad aussucht, erstellt der Fachhändler über das Portal ein digitales Angebot an den Arbeitnehmer, der es an den Arbeitgeber übermittelt. Der kann es direkt online bestätigen und löst damit die Bestellung beim Fachhändler aus. Hat der Händler das entsprechende Rad vorrätig, bekommt der Arbeitnehmer oft noch am gleichen Tag per E-Mail eine Benachrichtigung, sein Rad abholen zu können. Danach kann der Fachhändler die Abrechnung im Portal erstellen – und Jobrad weist die Zahlung an.
»Die Kunden und wir können jederzeit sehen, wie weit der Vorgang fortgeschritten ist. Und natürlich kann nichts verloren gehen«, so Zeller. Leaserad zählt auch DAX-Unternehmen zu seinen Partnern. »Da gehen unsere Leasing-Verträge oft direkt in deren SAP-System.« Und auch er hebt die Möglichkeiten, die das System bietet, hervor: »Ein Arbeitgeber wie die Deutsche Bahn muss keine einzige Unterschrift leisten. Wir setzen wirklich Maßstäbe in Sachen digitale Leasingverträge!« So gibt es ein Mitarbeiter- und ein Arbeitgeber-Portal neben dem bereits erwähnten Fachhandelsportal. Und alle zusammen bilden ein Netzwerk, in dem alle Daten – sofern sie für den jeweiligen Nutzer relevant sind – aktuell angezeigt und nutzbar sind. Da ist für Programmierer so einiges zu tun. Leaserad arbeitet mit rund zehn zum Teil externen davon zusammen.

Bis zu 350 neue Jobradler pro Tag

Wer die Möglichkeiten und den Erfolg des Jobrad-Teams sieht, muss aber auch auf die Anfänge sehen – da war eine Idee und dann ein langer Weg zur Umsetzung: »Ich fand das Firmenwagen-Prinzip super, auch wenn der Wagen bei mir nur zuhause herumstand«, erzählt Prediger. »Man muss sich beim Leasing um nichts kümmern und hat trotzdem immer ein nutzbares Fahrzeug. Sollte es so etwas nicht fürs Fahrrad geben?« fragte er sich vor gut zehn Jahren. »Schließlich würden BMW und Mercedes ohne Firmenwagen viel schlechter dastehen. Leasing ist doch der Grund dafür, dass es die großen Limousinen überhaupt gibt!«
Beim eigenen Arbeitgeber vorstellig geworden, schüttelten die Verantwortlichen im Tenor »ein Fahrrad leasen – geht’s noch?« den Kopf. Aber Prediger war auf den Dienstfahrrad-Appetit gekommen und verfolgte die Idee weiter. Er erstellte einen Business-Plan für eine Fahrrad-Leasingfirma und gewann prompt einen Wirtschafts-Wettbewerb damit. 2007 meldete er ein Gewerbe an – mit Sitz im eigenen Schlafzimmer »als Kontrast zur sprichwörtlichen Garagenfirma«, scherzt er. Zäh kamen die Kunden – ein Hotel, das das Konzept als Radverleiher umsetzen wollte. Doch nach vielen Gesprächen wurde immer klarer: Es musste ein anderes Konzept her, denn der Arbeitgeber hatte die Kosten zu tragen, und das wollten klassische Privatunternehmen nur sehr selten. 2011, mit Holger Tumats Eintritt in das Unternehmen, zeichnete sich allmählich ein Weg ab: Das Fahrrad muss dem Auto als Dienstwagen gleichgestellt werden, anders würde für Radleasing kein Markt entstehen. Wieso gilt auch die Ein-Prozent-Regelung nur für Kraftfahrzeuge – was Fahrräder leider nun mal nicht sind.
Schließlich fand sich ein Weg. Mit welcher Begründung will man ein in vieler Hinsicht umweltverträglicheres, günstigeres und wirtschaftlicheres Fahrzeug einem Auto nicht gleichstellen? »Der Uli ist immer schon intensiver Netzwerker gewesen«, meint Tumat anerkennend, »und das hat uns da weitergeholfen.« Die beiden wandten sich mit obiger Frage an Verbände aus der Verkehrs- und Fahrradbranche: ADFC, VCD, VSF und weitere, insgesamt waren es sechs, erinnert sich Prediger. Diese befeuerten zeitgleich die Finanzministerien der Länder mit der Aufforderung, Gleichstellung und damit die Ein-Prozent-Regelung für Fahrräder und E-Bikes zuzulassen. Und siehe da: Die Lohnsteuerreferatsleiter der Länder konnten kaum mehr anders. Der Gehaltsumwandlung beim Dienstfahrrad stand nichts mehr im Wege. Und dann rollte die Sache …

50 Prozent leasen E-Bikes

In den letzten zwei Jahren hat sie nochmals deutlich an Dynamik gewonnen. Das liegt am allgemeinen Fahrradtrend und dem stetig gestiegenen Image des Zweirads, das mit einer höheren Bereitschaft, mehr Geld fürs Bike auszugehen, einhergeht. Aber natürlich auch am Siegeszug des E-Bikes: Etwa die Hälfte der Leasingverträge, die Jobrad schreibt, beziehen sich auf Räder mit Unterstützung. Tendenz: steigend. Das Unternehmenswachstum ist natürlich nicht zufällig so rasant. Eine heikle Situation, doch es wird viel dafür getan, dass das gut geht: Jeden Dienstag ist Jour Fixe für alle Mitarbeiter. Ergebnisse von Meetings, Entwicklungen, Ziele, über alles wird berichtet. Ohne Offenheit kein gemeinsames Wachstum. Gemeinsame Schulungen und Workshops finden statt. Dazu kommen »Kulturtage« in losen Abständen: ein Tag, an dem man außerhalb des Standorts zusammenkommt und an gemeinsamen Zielen arbeitet, Wünsche zum Ausdruck bringt und in Arbeitsgruppen versucht herauszufinden, wie man seine Talente effizienter einsetzen kann und die Arbeit (noch) zufriedener macht. Da werden schon auch mal Blümchen gepflanzt, die später dann auf einem riesigen Hinterher-Fahrradanhänger im Büro stehen und für das Gedeihen der Wünsche und Erwartungen stehen. Wem das oder der angenehme Bodenbelag des Büros, der etwas von der Rasenfläche eines bespielten Bolzplatzes hat, nun zu sehr nach Kuschel-Dynamik aussieht, dem sei versichert: Hier wird offensichtlich sehr effizient gearbeitet, und die Atmosphäre wirkt genau so angenehm und vertrauensvoll, dass sie eine gute Grundlage dafür bietet. »Ohmmm«-Rufe beispielsweise wurden während unseres Besuchs nicht wahrgenommen.
Dass die Entscheider bei Leaserad wissen, was sie tun, zeigt sich auch darin, dass bei gut 100 Mitarbeitern fünf Leute in der Personalabteilung agieren. Es gibt schließlich jeden Monat neue Mitarbeiter, und der Einarbeitungsplan, den sie alle durchlaufen, wird ständig weiterentwickelt. Unternehmensführung nach christlichen Grundsätzen ist für Prediger und Tumat nach eigenen Aussagen selbstverständlich – und somit für das Gros ihrer Angestellten auch. Und man kann wohl nicht sagen, dass das Unternehmen – trotz vorherrschendem Fachkräftemangel in Deutschland – Schwierigkeiten hat, wertvolle Mitarbeiter zu finden. »Der Projektleiter von der DB Fuhrparkservice, die Jobrad im DB-Konzern eingeführt hat, arbeitet nun bei uns«, erklärt Prediger.
Natürlich hilft es, dass praktisch alle Mitarbeiter Überzeugungstäter in Sachen Fahrrad sind. Das brauchen Sie nicht eigens zu bestätigen, das sieht man auch an vielen Rädern, die sich in den einzelnen, durch Glaswände und -Türen abgeschirmten Bürozimmern ansammeln. Dienstfahrräder sind – überall – auf dem Vormarsch. Und bald dürfte, auch dank Jobrad, die Fahrradgaragen- und Abstellanlagen-Industrie daran teilhaben.

26. Juni 2017 von Georg Bleicher

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