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Report - Werkstatt

»Eine Werkstatt lebt«

Aus dem notwendigen Übel der Vergangenheit ist heute ein zentrales Geschäftsfeld geworden: Die Rede ist natürlich von der Werkstatt. Sie ist für viele Betriebe heute ein wesentliches Profit-Center. Doch der Weg dahin ist nicht trivial. Zum Prozess gehört auch die passende Werkstatteinrichtung.

Es findet in der Branche schon seit Jahren ein Umbruch statt, wenn es um die Wahrnehmung der eigenen Werkstatt geht. Abgeschlossen ist er aber noch lange nicht. Während viele Fachhändler bereits in eine zeitgemäße Werkstatteinrichtung und insbesondere -organisation investiert haben, arbeiten viele Kollegen noch mit jahrzehntealten Einrichtungen.

Werkstätten werden größer

Noch immer verfügen die meisten Fahrradläden über relativ kleine Werkstattbereiche mit zwei bis vier Arbeitsplätzen. Doch das ändert sich gerade etwas. Die Realität auf der Verkaufsfläche – stagnierende Umsätze, wachsende Konkurrenz und die wachsende Bedeutung des Servicegeschäfts – bringt viele Händler zum Umdenken oder zwingt sie dazu. »Die Werkstatt ist mittlerweile das, wo man aktiv Geld verdienen kann«, bringt es Moritz Vock, Experte für Werkstatteinrichtungen bei Großhändler Grofa, auf den Punkt. Dort hat man mittlerweile mit Thurmetall und Park Tool sogar zwei Ausrüstungsmarken im Programm, um der Vielfalt der Wünsche entgegenkommen zu können.
Wessen Einrichtung in die Jahre gekommen ist und/oder wenn die Werkstatt neu organisiert werden soll, dann liegt es nahe, alle Vorteile der aktuellen Werkstatteinrichtungen mitzunehmen. Dort wird vieles mitgedacht, was nicht unmittelbar mit Schrankgrößen und Arbeitsflächen zu tun hat.

Effizienz als Schlüssel

Eine moderne Ausstattung bedeutet nicht nur Komfort, sondern vor allem höhere Produktivität. Vock rechnet vor, dass schon kleine Zeitverluste durch schlecht organisierte Abläufe erhebliche Kosten verursachen können. »Wenn ein Mechaniker am Tag 20 Minuten Teile sucht, summiert sich das im Monat schnell auf mehrere Stunden. Das sind Umsätze, die verloren gehen.« Neue Konzepte setzen daher auf kurze Wege, klare Strukturen und optimal platzierte Ersatzteile. Das Ziel: Jede Minute, die der Mechaniker arbeitet, soll abrechenbar sein.
Neben Effizienz spielt auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden eine zentrale Rolle. Sauber strukturierte Arbeitsplätze mit klar definierten Werkzeugplätzen verhindern Reibungsverluste und steigern die Motivation. »Wenn die Mechaniker glücklich in deiner Werkstatt sind und dort bleiben und sich wohlfühlen und vielleicht sogar noch produktiver sind, dann ist enorm viel gewonnen«, so Vock. Angesichts des Fachkräftemangels gerade im Werkstattsektor ist das ein entscheidender Faktor. Der Weg dahin führt über Kosten und Wirtschaftlichkeit.

Auch ein wichtiger Grund für ein Werkstatt-Update: Montageständer, die auch schwere Lastenräder sicher tragen.

Eine Grundausstattung pro Arbeitsplatz beginnt bei Park Tool etwa bei 1200 Euro und liegt bei Thurmetall bei rund 2500 Euro. Rechnet man die notwendige Werkzeugausstattung hinzu, muss ein Händler pro Arbeitsplatz etwa 3000 Euro einkalkulieren. Andere Anbieter können es auch günstiger, andere teurer. Im Verhältnis zur Lebensdauer – die Möbel meist ausgelegt auf 10 bis 15 Jahre Einsatz, leisten ihren Dienst aber oft sehr viel länger – sind diese Investitionen in jedem Fall überschaubar, insbesondere wenn man den zusätzlichen Umsatz durch effizientere Abläufe berücksichtigt. Das Werkzeug hält dabei nicht so lange wie die Einrichtung. Das 25er-Torx-Bit wird natürlich sehr viel häufiger ausgetauscht als etwa ein Schubladendämpfer. Immerhin gibt es für beides Ersatz. »Eine Werkstatt lebt«, macht Vock klar, Veränderung und Anpassung gehören dazu.
Meistens verfügen die Anbieter über beides, Einrichtung und Werkzeug, aber natürlich haben die Werkstätten hier freie Hand. So ist es sinnvoll, funktionierendes Werkzeug weiterzunutzen. Wo man neue Spezialitäten findet, die man unbedingt haben will, sei es die neue Kettenpeitsche von Cyclus Tools oder der noch genauere Drehmomentschlüssel, kann man diese problemlos integrieren.

Einfluss des E-Bikes

Ein Grund für eine neue Werkstatt sind nicht zuletzt die modernen Bikes, die in die Läden kommen. Das Aufkommen von E-Bikes hat die Anforderungen an Werkstätten drastisch
verändert. Mehr Stromanschlüsse, Diagnosetools und größere Arbeitsflächen sind inzwischen Standard. Schwere Modelle wie Lastenräder machen elektrische Montageständer unverzichtbar. Der Markt hat reagiert und bietet etwa wie by,schulz spezialisierte Modelle an, die sich auch an schwergewichtigen Lastenrädern nicht verheben. Ganz im Gegenteil wuchten sie auch hohe Gewichte in Arbeitshöhe, ohne dass das Personal Rückenprobleme bekommt oder in wackeligen Konstellationen arbeiten muss. Ohne solche Hilfsmittel sind Reparaturen an modernen Fahrrädern kaum mehr effizient machbar.

»Wenn ein Mechaniker am Tag 20 Minuten Teile sucht, summiert sich das im Monat schnell auf mehrere Stunden.«

Moritz Vock, Brandmanager Grofa

Neben der Elektrifizierung des Fahrrads zieht auch die Digitalisierung in die Werkstätten ein. Neben Diagnosegeräten und Software-Updates gehört etwa die Anbindung an Warenwirtschaftssysteme heute längst zum Alltag. Entsprechend wichtig sind stabile Arbeitsplätze für Monitore, Tastaturen und Ladegeräte. Moderne Einrichtungen berücksichtigen diese Anforderungen, indem sie spezielle Halterungen und geschützte Bereiche für elektronische Komponenten bieten. Das macht die Werkstatt nicht nur funktionaler, sondern auch sicherer.

Trends in der Gestaltung

Auch die Präsentation der Werkstatt wandelt sich. Statt dunkler Hinterzimmer rücken offene oder teiloffene Konzepte in den Vordergrund. Oft genug wird heute ein Teil der Verkaufsfläche zugunsten der Werkstatt geopfert. Besonders wichtig ist das Konzept der Dialogannahme. Das Rad wird gemeinsam mit dem Kunden begutachtet, Defekte beschrieben, Verschleißteile werden identifiziert, ein Kostenvoranschlag wird direkt erstellt. Das steigert das Vertrauen, schafft Klarheit und spart Zeit im Werkstattablauf. Auch hierfür gibt es heute spezialisierte Werkstatteinrichtung. Sie ist meist auf wesentliches Werkzeug abgespeckt und auf Kontrollmöglichkeiten des Rades optimiert.
Offene Werkstätten, Dialogannahme und ein professioneller erster Eindruck verändern auch das Selbstverständnis vieler Händler. Was früher ein versteckter Arbeitsbereich war, wird so zunehmend zum Aushängeschild. Gleichzeitig will man sensible Reparaturen nicht immer unter den Augen der Kunden durchführen. Semioffene Konzepte bieten hier den Mittelweg: Transparenz, ohne den Arbeitsalltag unnötig zu verkomplizieren.

Ergonomie und Arbeitsumfeld

Ein weiterer Fokus liegt auf ergonomischen Aspekten. Standardwerkbänke aus dem Metallsektor mit 84 Zentimetern Höhe sind für Fahrradwerkstätten nicht optimal. Der Sinn der niedrigen Tischplatten liegt in der dann passenden Höhe des Schraubstocks. Dieser spielt in der Fahrradwerkstatt aber eine untergeordnete Rolle. Stattdessen empfehlen Experten Höhen von 91 bis 94 Zentimetern, um Rückenschäden vorzubeugen. Ergänzt wird dies durch Anti-Ermüdungsmatten, die den Druck auf Gelenke und Rücken reduzieren sollen. Zweiradmechanikermeister Vock spricht aus Erfahrung: »Das ist eine Investition, die ich jedem Händler empfehlen kann.«

Zertifizierung und Professionalität

Zertifizierungen wie die VSF-All-Ride-Werkstatt oder die ZEG-Qualitätswerkstatt gewinnen an Bedeutung. Sie steigern nicht nur das Vertrauen der Kunden, sondern ermöglichen häufig auch höhere Stundensätze. Eine moderne, professionell ausgestattete Werkstatt ist hierfür oft eine Grundvoraussetzung. Meist lassen sich nur so die vorgegebenen Prozesse umsetzen.


Das Werkzeug hat zwar oft nicht die gleiche Lebensdauer wie Werkstattmobiliar, ist deswegen aber nicht minder wichtig.

Viele Händler schrecken trotzdem vor der Investition zurück, weil sie die Amortisation fürchten. Dabei zeigen Praxisbeispiele, dass sich die Anschaffung moderner Einrichtungen schnell bezahlt macht. Schon die Reduktion von Such- und Laufzeiten führt zu einer spürbaren Entlastung und, mit ein etwas Aufmerksamkeit, zu höherer Produktivität. Zudem verbessert sich das Erscheinungsbild der Werkstatt. Das ist ein nicht zu unterschätzender Faktor, wenn Kunden einen Einblick erhalten, was die da hinten eigentlich treiben. Ordnung und Sauberkeit werden zunehmend zu Qualitätsmerkmalen.
Die Kosten lassen sich auch senken, wenn man sich darüber klar wird, was einen wirklich voranbringt. Nicht jeder Betrieb braucht eine hochindividualisierte Lösung. Modulare Lösungen mit Baukastenprinzip sorgen für Flexibilität bei überschaubaren Kosten.

Weichenstellung für die Zukunft

Die Branche steht vor weiteren Umbrüchen und der Fachkräftemangel zwingt Händler, attraktive Arbeitsumfelder zu schaffen. Investitionen in Werkstattausstattung sind daher nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern auch ein Mittel zur Mitarbeitergewinnung und -bindung. Wer frühzeitig auf moderne Lösungen setzt, positioniert sich klar im Wettbewerb.
Die Transformation der Werkstätten im Fahrradhandel ist Teil einer größeren Entwicklung. Händler, die in den letzten Jahren in ihre Servicebereiche investiert haben, berichten von messbaren Erfolgen: kürzere Durchlaufzeiten, höhere Kundenzufriedenheit und nicht zuletzt bessere Margen. Eine Werkstatt, die klar strukturiert ist, signalisiert Professionalität – nach innen wie nach außen.
Gleichzeitig darf man die emotionale Komponente nicht unterschätzen. Kunden sehen heute genauer hin, vergleichen Leistungen und bewerten auch die Ausstattung. Eine moderne Werkstatt stärkt das Vertrauen und vermittelt Kompetenz. Für Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wiederum bedeutet sie Wertschätzung und bessere Arbeitsbedingungen. Ergonomische Arbeitsplätze, klare Abläufe und moderne Hilfsmittel sind Argumente im Wettbewerb um Fachkräfte.
Nach heutigem Wissensstand lohnt der Werkstattausbau nach wie vor. Vielerorts gibt es noch Mangel an Werkstattkapazitäten. Angesichts der in den letzten Jahren verkauften und geleasten Menge an Fahrrädern, insbesondere mit Elektromotor, die absehbar zum Service kommen, hat die Branche Nachholbedarf. Der Werkstattbereich ist seit Jahren in Bewegung und wird das auch bleiben. Er ist schon jetzt, je nach Unternehmensgröße und -ausrichtung, vom versteckten Nebenschauplatz zum strategischen Herzstück des Fahrradhandels geworden. //

29. Oktober 2025 von Daniel Hrkac

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