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Mit dem RS1 leistet Nordrhein-Westfalen Pionierarbeit bei der Umsetzung überregionaler Radschnellwege.
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Report - Radschnellwege

Klasse Trasse: NRW baut innovative Radschnellwege

Der Anfang ist gemacht: Zwischen Essen und Mühlheim ist der erste Abschnitt von Deutschlands erstem Radschnellweg (RS1) fertig. Bis 2020 soll er 100 Kilometer lang werden und den Stau auf den Straßen und Autobahnen im Ruhrgebiet spürbar verringern. Der RS1 ist weitaus mehr als ein attraktives Stück Radweg für Fahrradfahrer. Mit ihm beginnt im bevölkerungsreichsten Bundesland eine neue Ära der Mobilitätskultur.

Die Autobahn A 40 ist die Schlagader für viele Pendler im Ruhrgebiet. Jetzt hat sie Konkurrenz bekommen. Seit November existiert zwischen Essen und Mühlheim der erste Abschnitt des Radschnellwegs RS1. Er ist vier Meter breit, 10,4 Kilometer lang, verläuft meist geradeaus und ist weitestgehend mit einer frischen Asphaltschicht versehen. Im Gegensatz zu den Autofahrern auf der A40 haben die Radfahrer auf dem RS1 freie Fahrt. In Essen müssen sie an einer Ampel stoppen, ansonsten gilt: Bahn frei bis Mühlheim.
Das ist komfortabel und ein deutliches Signal. Mit dem RS1 beginnt eine neue Epoche für Radfahrer in Nordrhein-Westfalen. Mit ihm werden Maßstäbe gesetzt für eine Vielzahl weiterer Radschnellwege, die derzeit in Nordrhein-Westfalen geplant werden. Zu den neuen Standards gehören angemessen breite Fahrspuren, Servicestationen, Beleuchtung und ein Winterdienst.
Für Deutschland ist das ein Novum. Mit diesen Standards will Nordrhein-Westfalens Verkehrsministerium den Planern das nötige Handwerkszeug liefern. »Der Ingenieur fragt natürlich nach DIN-Normen und nach dem Aktenzeichen. Wenn wir das jetzt haben, wird die Lust der Verkehrsingenieure steigen, sich den innovativen Verkehrswegen zuzuwenden«, sagte Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Michael Groschek optimistisch beim Kongress der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte (AGFS) in Essen.
Vor dem Bau des RS1 haben Experten, die sonst den volkswirtschaftlichen Nutzen von Autobahnen oder Eisenbahntrassen berechnen, eine Machbarkeitsstudie für das Projekt erstellt. Demnach könnten täglich mehr als 50.000 Autofahrer von der A40 und anderen Strecken auf den RS1 wechseln. Das entspricht 400.000 Kilometer pro Tag. Zum Vergleich: Die Erde hat am Äquator einen Umfang von etwa 40.000 km. Im Idealfall werden damit also mit dem RS1 täglich zehn Weltumrundungen per Auto eingespart.
Mit dieser Prognose untermauert die Regierung in Nordrhein-Westfalen ihr Mobilitätskonzept. Die Landesregierung will den Radverkehr massiv steigern. Das Fahrrad soll dort ein gleichwertiges Verkehrsmittel für den Alltag- und Pendelverkehr werden. Mehrere Radschnellwege sollen dieses Vorhaben unterstützen. Um ihren Bau zu erleichtern, plant Verkehrsminister Michael Groschek, sie als neue Wegekategorie einzuführen. Noch in diesem Jahr sollen Radschnellwege per Gesetz gleichberechtigte Landesstraßen werden. Dann ist in weiten Teilen das Land NRW für ihren Bau und ihren Unterhalt zuständig.
Vor diesem Hintergrund war die Eröffnung der Strecke zwischen Mühlheim und Essen im November 2015 ein wichtiger Meilenstein. Bereits jetzt klingen die Planer zufrieden. »Zur Rush-Hour am Morgen und zwischen 16 und 17 Uhr sind dort die meisten Radfahrer unterwegs«, sagt Martin Tönnes, Bereichsleiter Planung beim Regionalverband Ruhr (RVR). Mit mobilen Messstationen hat der RVR die Fahrradfahrer gezählt. Für ein fundiertes Ergebnis sei die Messdauer zwar zu kurz, aber die Tendenz sei dennoch eindeutig: Der RS1 ist eine Pendlerstrecke.
Die neue Route verbindet die Städte auf direktem Weg. Zwischen Bahngleisen und Schrebergärten, Wohnhäusern und Unternehmen fahren die Arbeitnehmer von einer Stadt zur anderen. Landschaftlich reizvoll ist die Strecke zwar nicht. Umso reizvoller sind für die Pendler dagegen die Aspekte Schnelligkeit und Sicherheit.
»Hier fällt für Radfahrer der Nahkampf mit dem Autoverkehr weg«, sagt Tönnes. Die Pendler bleiben unter sich, selbst Fußgänger sind auf deutlich voneinander getrennten Wegen unterwegs. »Auf dem RS1 kann man den Kopf abschalten«, sagt Tönnes. Sicherer und komfortabler kann Radfahren nicht sein.
Schneller auch nicht. Heute braucht man für die 20 Kilometer mit dem Fahrrad vom Essener Bahnhof Kray über Gelsenkirchen, Rheinelbe bis zum Hauptbahnhof in Bochum 70 Minuten. Mit dem RS1 verkürzt sich die Strecke und damit auch die Reisezeit für Radfahrer auf 35 Minuten, das ist die Hälfte.

Wie viel darf ein Radschnellweg kosten?

184 Millionen Euro soll der RS1 kosten. »Das ist teuer«, hört Tönnes häufig, wenn er die Zahl nennt. Stimmt. Infrastruktur kostet Geld. Für einen Kilometer Autobahn auf der grünen Wiese kalkulieren Planer etwa zehn Millionen Euro. In der Stadt sind die Kosten wesentlich höher. Die Berechnung für den RS1 enthält bereits diverse Brückenbau- und Sanierungsprojekte sowie die Beleuchtung oder die Servicestationen.
Im Gegensatz zu anderen Straßenbauprojekten soll der RS1 nicht nur kosten, sondern auch Geld einbringen. Laut den Autoren der Kosten-Nutzen-Analyse liegt das Verhältnis bei dem RS1 bei 4,8. Das heißt jeder investierte Euro bringt 4,8 Euro ein. Das ist viel. In der Regel erreiche ein Straßenbauprojekt gerade mal einen Wert von 1, erklärt Tönnes.
Mit 101,7 Kilometer wird der RS1 der längste Radschnellweg Europas sein. Zwischen Hamm und Duisburg verbindet er zehn Zentren wie Bochum und Dortmund miteinander. Allein in dem schmalen Streifen rund zwei Kilometer direkt neben dem Radweg leben 1,8 Millionen Menschen. 580.000 von ihnen sind Studenten und Arbeitnehmer. Für viele von ihnen soll laut den Autoren der Studie der Umstieg vom Auto aufs Fahrrad attraktiv sein.
Dafür spricht einiges. Vor allem die Verkehrslage in Deutschland. Vielerorts ist der Weg zur Arbeit bereits heute eine Qual. Busse und Bahnen sind überfüllt und auf den Straßen stauen sich die Pkws, wie auf der A40. Der einstige Ruhrschnellweg wird im Volksmund schon lange spöttisch Ruhrschleichweg genannt.
Eine Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) machen sich jeden Morgen mehr Pendler auf den Weg zur Arbeit. Im Jahr 2005 waren es noch 38,8 Millionen Deutsche, 2014 bereits 42,6 Millionen und auch für 2015 rechnen die Forscher mit einem weiteren neuen Pendlerrekord. Eine Ursache dafür ist die stetig steigende Zahl der Beschäftigten. Hinzu kommt, dass bis 2050 etwa 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden. Es wird also noch enger auf den Straßen.
Allerdings wohnt laut dem IW die Hälfte der Arbeitnehmer maximal zehn Kilometer von ihrem Arbeitsplatz entfernt. Das ist eine gute Distanz für sportliche Radfahrer und ebenso für Fahrer, die mit dem Pedelec unterwegs sind.

Pedelec, das Pendlerfahrzeug für den Radschnellweg

Aktuelle Studien zeigen: Elektrofahrräder sind ideale Pendlerfahrzeuge. Erst im vergangenem Jahr hat das Projekt »E-Bike-Pendeln Fahrspaß mit Rückenwind« erstaunliche Zahlen veröffentlichen können. Ein Jahr lang hatten in Berlin-Brandenburg 324 Pendler die Gelegenheit, über bis zu zehn Wochen 100 Pedelecs kostenlos auszuleihen. Der erlebte Fahrspaß mit dem Pedelec sollte die Berufstätigen zum Umsteigen vom Auto verführen. Das Konzept ging auf. Jeder zweite Autofahrer ist umgestiegen.
2018 rechnen Experten mit rund zwei Millionen Elektrofahrräder auf den Straßen. Damit steigt das Potenzial an möglichen Fahrradpendlern, die längere Distanzen zurücklegen.
»Über die Nachfrage im Radverkehr mache ich mir keine Sorgen«, sagt Tönnes. Er hat mit der RVR in den vergangenen Jahren 700 Kilometer Radwege im Ruhrgebiet gebaut. Seine Beobachtung zeigt: »Radwege produzieren Radfahrer.«

Wer soll den RS1 bezahlen

Allerdings müssen die neuen Radwege auch bezahlt werden. Geht es nach Verkehrsminister Groschek, übernimmt der Bund einen Teil der Kosten. »Das Verkehrsministerium und das Umweltministerium wollen die Nahmobilität und den Radverkehr fördern, damit der Verkehr klimafreundlicher wird«, sagte er beim AGFS-Kongress in Essen. »Also erwarte ich, dass sich die Umweltministerin mit namhaften Beträgen am Aus- und Umbau des RS1 beteiligt.«
Das würde den Bau des RS1 deutlich erleichtern. Das erste Teilstück zwischen Essen und Mühlheim wurde zu 80 Prozent mit Fördermitteln aus einem regionalen Ökologie-Programm bezahlt. 20 Prozent hat der RVR beigesteuert. Aber er ist noch nicht komplett fertig. Die Beleuchtung fehlt und in Essen ein paar Meter Asphalt. Bald soll es weitergehen. Zurzeit wird diskutiert, welches NRW-Förderprogramm zur Finanzierung passt.
Derweil wird der RS1 im Mühlheimer Stadtgebiet weitergebaut. Noch in diesem Frühjahr soll der etwa drei Kilometer lange Abschnitt vom Bahnhof bis zur Ruhrbrücke fertig sein. 5,3 Millionen kostet das Teilstück laut dem Nordrhein-Westfälischen Verkehrsministerium. 3.7 Millionen Euro stammen aus Städtebauförderungsmittel und die fehlenden 30 Prozent zahlt auch hier der RVR.
Dann versperrt jedoch erstmal die Ruhr den Radlern den Weg. Eine stillgelegte Brücke muss bis 2018 saniert werden. Dann ist der Weg frei für Radfahrer bis zur Neuen Hochschule in Mühlheim und weiter bis nach Duisburg. Für diese Projekte übernimmt ein regionales Wirtschaftsförderungsprogramm 80 Prozent der Kosten und 20 Prozent der RVR.
Diese Beispiele zeigen, dass die Finanzierung von Radschnellwegen zurzeit nicht einfach ist. Selbst in einem Bundesland, das politisch von dem Konzept Nahmobilität überzeugt ist und das sie massiv
fördern will.
Groscheks Forderung ist deutlich: »Der Bund soll nicht alles, aber einen Teil mitfinanzieren.« Seit Jahren fördert Nordrhein-Westfalen unter dem Oberbegriff Nahmobilität den Rad- und Fußverkehr. Die Landesregierung will die Städte so gestalten, dass die Menschen wieder mehr aus eigener Kraft unterwegs sein möchten – zur Arbeit, beim Einkaufen und in der Freizeit. »Wir brauchen mehr Radverkehr«, betont Groschek immer wieder. »Die echten Metropolen von Kopenhagen über Amsterdam, Paris, London bis nach New York investieren Milliarden in die Ausstattung und den Ausbau der Radinfrastruktur«, sagt er. Für ihn ist das innovativ – eine Investition in die Zukunft.

12. April 2016 von Andrea Reidl
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