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Porsche-Feeling  für Radfahrer
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Report - E-Mountainbikes

Porsche-Feeling für Radfahrer

Wie viel Potenzial steckt im Thema elektrounterstützte Sportbikes? Wer dieses Jahr über die Eurobike lief, stellte fest, dass diese neue Gerätegattung von einigen Herstellern prominent platziert wurde. Ein solches Engagement ist ein spannender Schritt, da in diesem Markt noch viele Unwägbarkeiten bestehen. Doch die Branche zeigt sich mutig.

Sind Elektro-MTBs das bessere Mountainbike? MTB 2.0? Eine völlig neue Sportart? Oder doch nur ein Marketinggag der Hersteller? Derzeit fällt es schwer, die Chancen und Risiken bei elektrounterstützten Mountainbikes richtig einzuschätzen. Noch fehlen Marktzahlen um die entsprechende Nachfrage beurteilen zu können. Gleichzeitig ermöglicht der technische Stand bereits Räder, die so potent sind, dass sich ihre Einsatzmöglichkeiten noch gar nicht klar umreißen lassen.
Mancher Hersteller hat sich dennoch bereits zu einem klaren Statement für diese neue Elektroradgruppe entschieden. Einige Aufmerksamkeit erregten beispielsweise die neuen Bikes von Haibike, wo man sich mit vielen verschiedenen Modellen deutlich in den sportiven Elektro-MTBs positionierte. »Wir befinden uns derzeit irgendwo zwischen klassischem Mountainbike und Motocross-Maschine«, beschreibt Sven Bernhardt bei Haibike den aktuellen Entwicklungsstand. »Diese Bikes sind in dieser Form keine klassischen E-Bikes mehr und ihre Antriebe haben keinen kompensierenden Charakter, sondern sind sportlich ausgelegt.« Während die bisher dominierenden E-Bikes und Pedelecs den Vorteil bieten, dass man auch mit körperlichen Beschwerden wieder Radfahren kann, steht hier ganz klar der sportliche Charakter im Vordergrund. »Den Trail auch mal hochzujagen, macht man sonst nicht. Und genau diese Jungs wollen wir auch ansprechen«, erklärt Bernhardt. Statt möglichst müheloser Fortbewegung im Alltag greift das E-Bike-Segment nun auch nach der jüngeren Zielgruppe der erlebnisorientierten Biker, die Sport und Spaß in einem neuen Mischungsverhältnis serviert bekommen. Zumindest das bisherige Feedback fällt laut Bernhardt sehr positiv aus: »Kunden berichten uns, dass sie sich nun in ein bis zwei Stunden mehr auspowern, als sie es sonst auf einem klassischen Mountainbike tun würden.«
Ebenso auf den sportlichen Fahrer zielt man inzwischen auch bei Riese und Müller ab. »Wir sehen eine starke Zielgruppe bei denen, die in den 80ern mit dem Mountainbiken anfingen und jetzt immer noch den Sport ausüben wollen. Auch im touristischen Bereich sehen wir viel Potenzial. Mit diesen Bikes können Leute Touren fahren, die sie sich sonst nie zutrauen würden«, sagt Tobias Spindler vom Darmstädter Hersteller.
Bei Flyer-Hersteller Biketec wiederum will man trotz aller Sportlichkeit auch den Faktor Gesundheit nicht völlig ausblenden, wie Unternehmenssprecherin Victoria Arnold erklärt: »Der gesundheitliche Aspekt ist wichtig. Viele Kunden, die mit dem E-MTB unterwegs sind, profitieren von der Federung und dem entsprechenden Komfort. Hier spielen gesundheitliche Aspekte und der Spaßfaktor zusammen.«

Wie groß ist der Markt?

Gerne wüsste die Branche, welche Stückzahlen abgesetzt werden können, aber hier traut sich noch kaum ein Marktteilnehmer mit Einschätzungen aus der Deckung. »In Zahlen kann man das schwer ausdrücken«, findet Bernhardt. »Es ist offensichtlich, dass das ein ernstzunehmender Markt ist«, aber es fehle aktuell noch die gesamte Struktur zum Thema. »Wir glauben, dass die Reise dahin geht, dass sich das E-Bike in allen Bereichen durchsetzt. Die Kultur rund um das Thema wird sich entwickeln ebenso wie der Rennsport mit E-Bikes, neue Kanäle werden entstehen und auch der Tourismus wird wichtig sein.«
Auch Biketec sieht im Sport-E-Bike keine Eintagsfliege. »Wir sind überzeugt, dass sich das Thema weiter entwickeln wird«, sagt Arnold »allerdings braucht es Zeit, bis es etabliert ist.«

Erst MTBs, dann Rennräder?

Wenn nun die sportlichen Radsegmente im großen Stil elektrifiziert werden, dann stellt sich auch die Frage, wann Rennräder in größerem Umfang mit modernen Antrieben bestückt werden. Bisher haben nur wenige Anbieter hier Produkte vorgestellt. Es dürfte jedoch nur eine Frage der Zeit sein, bis auch hier eine gewisse Bewegung im Markt entsteht. Aktuell scheint die Entwicklung von E-Rennrädern der von E-MTBs um zwei Jahre hinterherzuhinken. »Die Diskussion verläuft ähnlich wie beim MTB«, beobachtet Bernhardt, »zuerst wurde das emotional geführt und Fundamentalisten propagieren das pure Radfahren, was natürlich seinen eigenen Charme hat.« Aber seine eigenen Erfahrungen mit elektrisch unterstützten Rennrädern lassen ihn annehmen, dass den Kunden echter Mehrwert geboten wird. »Beim E-Rennrad war mein Gedanke: ›so muss Porsche-Fahren sein‹!«
Auch Riese-und-Müller-Mann Spindler sieht im Rennradbereich noch Potenziale. »Wir sprechen dem enorm viel Potenzial zu.« So sieht er etwa den alternden Rennradfahrer, der Mallorca im Frühjahr wie seine Westentasche kennt, aber die ganz große Runde nicht mehr schafft. »Es geht immer um die Anwendung und den Anwender. Es gibt unserer Meinung nach einen realistischen Anwendungshorizont.«
Bereits früh auf diesem Gebiet un-terwegs war einmal mehr der E-Bike-Pionier Biketec mit seiner R-Serie. Die darin angebotenen E-Rennräder sind aber vorerst wieder aus dem Sortiment verschwunden. So erklärt Arnold die Entscheidung vor allem mit der neuen Sortimentsstruktur. »Die ›R-Serie‹ hatten wir seit 2011 im Sortiment. Dass sie nun mit der ›RS-Serie‹ – eine Mischung aus S- und R-Serie – ersetzt wurde, hängt vor allem mit unserer neuen Sortimentsgestaltung zusammen. Das Flyer-Sortiment wird ab dem Modelljahr 2014 deutlich straffer. Für den Händler sowie den Endkunden wird es damit übersichtlicher und verständlicher.« Man darf aber vermuten, dass sehr hohe Verkaufszahlen wohl zu einer anderen Entscheidung hätten führen können. So bleibt also zunächst abzuwarten, wann Rennräder mit Elektroantrieb ein breiteres Publikum ansprechen.
Wenn sich das sportliche Elektrorad-Segment in absehbarer Zeit etablieren sollte, dann wird auch der Fachhandel damit gefordert sein. Lange vorbei sind die Zeiten, als die Zahl der Gänge und das verbaute Schaltwerk wesentliche Verkaufskriterien waren. »Diese Räder sind sehr komplex, da stehen ganz andere Entwicklungskosten dahinter als bei konventionellen Fahrrädern. Das Ganze ist viel mehr als die Summe seiner Teile«, sagt Bernhardt. Dies wird den Handel fordern. Um die Unterschiede zwischen den Rädern vermitteln zu können, wird es dann einmal mehr sehr gut ausgebildetes Personal brauchen, um sich als kompetente Anlaufstation behaupten zu können. Andererseits: Wer sonst als der qualifizierte Fachhandel sollte die passende Beratung bieten können?
Allerdings wird das Thema auf Handelsseite noch mit deutlich weniger Euphorie gehandelt als von den Herstellern. »Abverkauft wird immer noch der Tiefeinsteiger mit Kette oder Nabe«, erklärt Robert Wiblishauser vom Radl-Stadl in Memmingen. »Es gibt zwar schon Leute, die mit sportiven Rädern unterwegs sind, aber nicht in der Menge, wie die Industrie gerade den Markt zuschüttet.« Entsprechend hofft er darauf, dass die Händler ihr Pulver zumindest vorerst noch trocken halten. »Wir glauben, dass man hier schon etwas erreichen kann, aber die Euphorie, die auf der Eurobike geschürt wurde, ist verfrüht. Jetzt ist es so, dass die Herstellerseite ihr Angebot verhundertfacht hat, die Nachfrage aber deutlich langsamer wächst. Und wenn dadurch Preisdruck entsteht, dann wird es vielleicht nicht so lustig.« Immerhin bieten Sportgeräte mit Elektroantrieb bessere Möglichkeiten, mit Begehrlichkeiten zu arbeiten. »Bei sportlichen E-MTBs sind Marke und Image ein größeres Thema«, beobachtet er bereits jetzt.
Und natürlich spielt bei diesen Rädern auch die Geographie für den Erfolg im eigenen Ladengeschäft eine Rolle, worauf Lothar Könekamp von Radlager Nirala in Köln hinweist. »Das Segment kann boomen, weil es vielleicht im Tourismusbereich ankommt. Ob das gut oder schlecht ist, sei dahingestellt. Wirtschaftlich gesehen ist das im Norden eine nette Begleiterscheinung, da haben andere Segmente deutlich mehr Potenzial.«
Auch der Kölner Händlerkollege Ralf Breuer von Breuers Bike Bahnhof hält sich zurück. »Ich ignoriere diese Räder ganz bewusst noch ein stückweit.« Zwar sei bei diesen sportlichen E-Bikes »eigentlich klar, dass das kein kurzfristiger Trend ist. Der Punkt ist nur, wie geht die Industrie damit um.« Mit über 30 Jahren Erfahrung im Radverkauf sieht er noch einige offene Fragen, die es zu klären gilt. Angesichts von Haftungsfragen und dem noch frühen Reifegrad der Produkte könnte noch manches Ungemach drohen. »Im Sportbereich ist das noch so weit in den Kinderschuhen, dass man sich auf ein Experimentalfeld begibt. Man sieht schon an normalen MTBs, welche Probleme bestehen. Wenn ich mir vorstelle, da ist auch noch ein Motor dran, dann weiß ich nicht, ob das schon Spaß macht.«
Dieser Einschätzung wird von Industrieseite nicht explizit widersprochen. »Das Fenster wurde gerade geöffnet, das Spielfeld wird jetzt erst so richtig bespielt«, sagt etwas Tobias Spindler von Riese und Müller. Die Entwicklung steht also noch an einem Anfang.

9. Oktober 2013 von Daniel Hrkac
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