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Report - Rumänien

Westrumänien – das neue Bike-Zentrum Europas?

Für die Fahrradbranche hat sich Rumänien innerhalb weniger Jahre zum zweitgrößten Standort Europas nach Portugal entwickelt. Fahrradhersteller und Komponentenlieferanten haben sich in kurzer Zeit vor allem im Westen des Landes angesiedelt. Zu den bekanntesten Namen zählen Decathlon, Corratec, Mach 1, Mavic, Campagnolo und Hutchinson. In Zeiten von Nearshoring lohnt sich ein Blick darauf, wie sich diese Region so schnell etablieren konnte und wie ihre weiteren Aussichten sind.

Kann man bereits von einem zweiten (nach Portugal) europäischen Bike Valley sprechen? Rumänien, insbesondere die Region rund um Timișoara im Westen des Landes, hat sich innerhalb weniger Jahre zum zweitgrößten Fahrradmontagestandort Europas entwickelt. Nach den jüngsten offiziellen Daten von Eurostat aus dem Jahr 2023 wurden dort rund 1,5 Millionen Fahrräder produziert, während Portugal auf 1,8 Millionen Einheiten kam. Allerdings war 2023 ein Jahr mit einem deutlichen Marktrückgang (–24 Prozent verglichen mit 2022). Branchenvertreter schätzen die aktuelle Produktionskapazität Rumäniens inzwischen auf nahezu zwei Millionen Fahrräder pro Jahr. Wer sind die Treiber dieser Entwicklung?

Decathlon als Wachstumsmotor

Decathlon ist seit 2009 in der Region präsent und eröffnete 2022 gemeinsam mit seinem Partner SMW (Sport Mechanical Workshop) eine seiner weltweit größten Fahrradfabriken. Die Anlage verfügt über eine Jahreskapazität von einer Million Fahrrädern und produziert fast ein Drittel aller Fahrräder des französischen Sportartikelkonzerns.
Mit Decathlon kamen auch zahlreiche Zulieferer in die Region, darunter der französische Felgen- und Speichenspezialist Mach 1. Nach Angaben von Raul Buzgar, Produktionsleiter von Decathlon in Rumänien, entfallen noch immer 60 bis 70 Prozent des lokalen Geschäftsvolumens auf den Konzern.
»Alles hängt von den Stückzahlen ab. Decathlon verfügt über eine enorme Marktmacht, weshalb die Zulieferer folgen. Das erleichtert den Austausch und macht Lieferungen schneller und kostengünstiger«, erklärt François Joly, Vertriebs- und Marketingleiter beim finnischen Komponentenhersteller Herrmans Bike Components, der als ehemaliger Vertriebsleiter von Mach 1 und Mavic die Verhältnisse vor Ort sehr gut kennt.
Nahezu zeitgleich eröffnete auch der deutsche Fahrradhersteller Corratec sein Montagewerk in Timișoara. Die Produktionskapazität soll dort auf bis zu 300.000 Fahrräder pro Jahr steigen.
»Es war die richtige Entscheidung, auch wenn die Marktbedingungen damals schwierig waren«, erinnert sich Loredana Pintea, General Managerin von Corratec SRL. In der Fabrik werden auch Fahrräder für andere Marken montiert, darunter die österreichischen Hersteller Simplon und Kinderradspezialist Woom.

Ein Branchenverband für den Aufbau eines Clusters

Mit den drei wichtigsten Montagebetrieben SMW, Corratec und dem traditionsreichen rumänischen Hersteller DHS folgten zahlreiche Zulieferunternehmen. Sie ließen sich entweder direkt als Unternehmen oder über lokale Partner im Westen Rumäniens nieder.


Die Fahrradproduktion in Rumänien hat inzwischen eine beträchtliche Fertigungstiefe. Nur die Rahmenherstellung fehlt noch vor Ort.

Zu ihnen gehören unter anderem Mach 1, Mavic, Hutchinson, Bosch, DDK (einer der weltweit größten Sattelhersteller) sowie Allcolors. Lediglich Rahmenhersteller fehlen bislang weitgehend. Die Fahrradrahmen werden überwiegend aus China, Taiwan, Vietnam und Bangladesch importiert.
Vor diesem Hintergrund entstand Ende 2024 der rumänische Fahrradproduzentenverband APROB. »Wir wollen aktiv dazu beitragen, unseren Cluster zu fördern und sichtbar zu machen«, erklären mehrere Mitglieder des Verbandes. Von Konkurrenzdenken könne dabei kaum die Rede sein – mit einer Ausnahme: beim Wettbewerb um qualifizierte Arbeitskräfte.

Qualifizierte Fachkräfte als Standortvorteil

Eine der größten Stärken der Region liegt in ihrer industriellen Tradition und ihrer engen Verbindung zur Automobilindustrie und zu Consumer Electronics.
»Es gibt hier eine lange industrielle Geschichte sowie Führungskräfte, die mit den Arbeitsabläufen und Qualitätsstandards der Automobilbranche vertraut sind. Wenn die Kompetenzen vorhanden sind, spart man viel Zeit bei der Ausbildung neuer Teams«, sagt Loredana Pintea. »Wir arbeiten zudem mit Universitäten an Projekten zusammen, um unser geistiges Eigentum auszubauen. Bislang lagen viele Patente in Asien,« sagte Alexandru Farcas, CEO von Chimica, der seit mehr als 20 Jahren für Mavic produziert.
Die größte Herausforderung bestand und besteht für die Unternehmen trotzdem darin, ausreichend Personal zu finden. In der Region liegt die Arbeitslosenquote lediglich zwischen einem und 1,5 Prozent, während sie im restlichen Rumänien bei rund sechs Prozent liegt.
SMW beschäftigt etwa 500 Mitarbeiter, Corratec rund 200, Mavic etwa 150, Mach 1 etwa 50. Hinzu kommen zahlreiche Beschäftigte bei den Komponentenherstellern. Die Rekrutierung qualifizierter Fachkräfte bleibt auch weiter eine der zentralen Herausforderungen.

Perspektiven bis 2030

Die Zukunftsaussichten werden von den befragten Unternehmen überwiegend positiv bewertet. »Nach mehreren schwierigen Jahren sehen wir endlich Licht am Ende des Tunnels«, sagt Mario Perreira, ehemaliger OEM-Manager bei Mavic. Die Marktindikatoren zeigen nach oben. Sowohl Decathlon als auch Corratec berichten von einem guten Jahresstart. Corratec konnte zudem die Fahrradmarken Simplon und Woom als Kunden für sein rumänisches Montagewerk gewinnen, was wohl auch dafür spricht, dass der Standort und das Werk mit ihren Vorteilen überzeugen können.
»Rund 70 Prozent unserer Produktion hier entfallen auf E-Bikes. Außerdem beobachten wir in Osteuropa und Mitteleuropa einen gesellschaftlichen Wandel: Das Auto verliert zunehmend seinen Status als zentrales Symbol. Das spüren wir deutlich an den Verkaufszahlen unseres Outlet-Stores«, erklärt Loredana Pintea.
Als zusätzliche Herausforderung bleibt die Logistik. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine erschwert weiterhin die Lieferketten. Die Häfen am Schwarzen Meer arbeiten langsamer und müssen andere Prioritäten berücksichtigen. Luftfracht ist zudem sehr kostspielig.
»Der Hafen von Koper in Slowenien hat sich zu einer wichtigen Alternative entwickelt«, sagt Pintea. Allerdings liegt der slowenische Hafen rund neun Autostunden von Timișoara entfernt.
»Die Nähe zu den Marken und damit unseren Kunden ist ein Vorteil. Sie wünschen sich Flexibilität und Reaktionsfähigkeit. Wir beliefern ganz Europa innerhalb von weniger als 48 Stunden«, fügt Alexandru Farcas an. Rumänien wird absehbar auf lange Zeit eine wichtige Rolle im Fahrradmarkt einnehmen. //

24. Juli 2026 von Bruno Joly

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