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Porträt - Papin Sport

An der meistbefahrenen Radstrecke Europas

Karlfritz Schmidhofer war Sportfachhändler in Innichen, als er 1987 den Fahrradverleih Papin Sport startete. Anlass war die Errichtung des Drauradwegs, der Richtung Osten über 366 Kilometer an der Drau entlang verläuft.

Die 3400-Einwohner-Gemeinde Innichen liegt auf 1200 Meter Seehöhe. Inmitten von Bergen sind es die Radwege in den Tälern, die den Fahrradverleih begünstigen.
Der Drauradweg war erst der Anfang: In den vergangenen Jahrzehnten entstanden mehrere attraktive Radwege, die den Radtourismus anzogen: Darunter der Dolomiten-Radweg, der Alpe-Adria-Radweg und der Radweg Etsch. Besonders beliebt war und ist die Strecke zwischen Innichen und Lienz. Mit bis zu 5000 Radfahrenden pro Tag gilt sie heute als die meistbefahrene Radstrecke Europas.
Schmidhofer nutzte diese Entwicklung und expandierte kontinuierlich. Am Anfang konzentrierte er sich auf die Errichtung von Verleihstellen im Pustertal, das von Brixen bis nach Lienz reicht. Zu Anfang der Nullerjahre waren es 40 Verleihstellen, die er mit einer Flotte von 1000 Fahrrädern bediente. Das außerordentliche Wachstum begann mit der Gründung der B2B-Sparte: 2004 belieferte er erstmals Hotels in Südtirol mit Verleih-Fahrrädern, woraufhin sich der Fuhrpark innerhalb von drei Jahren verdreifachte. Die nächste Expansionsphase setzte 2007 ein, als er Kooperationen mit Reiseveranstaltern startete. Seither ist Papin Sport nach eigenen Angaben der europäische Marktführer im Fahrradverleih. Heute deckt das Unternehmen mit 30 Verleihstationen alle Radwege in der Region ab. Die Flotte in den Lagern in Innichen, Bozen und Villach ist auf 10.000 Fahrräder und 4000 E-Bikes angewachsen. Die Fahrräder werden mit 30 Anhängerfahrzeugen verteilt, die insgesamt 1500 Fahrräder transportieren können.

Zweite Generation

Thomas Schmidhofer Junior ist die 44 Kilometer von Innichen nach Lienz schon als Kind geradelt. Inzwischen 39 Jahre alt, ist er Doktor der Wirtschaftswissenschaften und teilt sich die Geschäftsführung mit seinem Vater. Auf die Frage nach dem Angebot sagt er: »Unsere Dienstleistung hängt ganz vom Angebot des Radreiseveranstalters ab. Egal was jemand plant, in unserer Region können wir eigentlich alles anbieten, was Logistik, Radservice und Wartung betrifft. Wir übernehmen das Prozedere vor Ort und der Reiseveranstalter kann sich auf sein Verkaufsgeschäft konzentrieren.«

Die Fahrräder werden inklusive Seitentaschen zum Ausgangspunkt gebracht. Entlang des Radweges gilt der Komplettservice, und am Ende der Tour werden die Fahrräder eingesammelt, geputzt, gewartet und wieder zum Ausgangspunkt für die nächsten Radreisenden gebracht. Der Komplettservice umfasst Pannenservice und Austauschräder in den Verleihstationen.

Alles aus erster Hand

In den Verleihstationen entlang der Radwege kooperiert Papin Sport mit Partnern. Das können Fahrradgeschäfte, Bars und Restaurants genauso sein wie Tourismusinformationsbüros. Schmidhofer: »Wer Interesse hat, einen Radverleih zu betreiben, dem stellen wir die Fahrräder und die Software zur Verfügung.« Dabei steht es den Verleihstationen offen, die Wartung zu übernehmen.
Dienstleistungen bleiben aber grundsätzlich innerhalb des Verleihnetzes – trotz der enormen Mengen an Fahrrädern, die das Unternehmen jährlich transportiert, wartet und repariert. Die Reparaturen laufen über die Zentrale, über Werkstätten an den größeren Verleihstationen und mobil über die Fahrzeuge.
Auch die gebrauchten Fahrräder werden innerhalb des eigenen Verleihnetzes verkauft. Weil Papin Sport dann Anlaufstelle bleiben kann und weiterhin die Möglichkeit hat, Service zu bieten. Die Flotte wird alle ein bis zwei Saisons erneuert.

Bestückung der Flotte

In der Bestückung der Flotte arbeitet Papin Sport vorwiegend mit Cube, Kalkhoff und Giant zusammen. Wobei Kalkhoff und Cube auch auf Sonderwünsche eingehen. »Ein Verleihrad ist ja nicht dasselbe wie ein Gebrauchtrad. Wir benötigen zum einen Räder, die gut funktionieren, und zum anderen gute Marken für den Gebrauchtverkauf«, erklärt Schmidhofer. Gefragt sind Eigenschaften wie stabiles Material, kratzfester Lack und auffällige Farben. Außerdem sollten die Fahrräder möglichst verstellbar sein und möglichst wenig an sich haben, das kaputtgehen kann. Ein weiterer Aspekt ist die Bedienerfreundlichkeit: »Unsere E-Bikes laufen fast ausschließlich auf Bosch- oder Yamaha-Systemen. Da muss man nur einschalten, zwei Knöpfe drücken und das Rad funktioniert.«

Der größte Aufwand im Unternehmen entstehe beim Personaleinsatz und Material, erklärt der Unternehmer. »Wir haben einen großen operativen Aufwand von Personal und Logistik und ein wachsender Kostenfaktor ist der Materialeinsatz von E-Bikes. Da haben wir jetzt schon viel Kapital gebunden und das wird sicher in Zukunft noch wachsen. E-Bikes sind auch anspruchsvoller bei Lagerung, Wartung und Reparatur.«

Herausforderung Saisonbetrieb

In der Organisation des Personals dreht sich viel um Auslastung. Deshalb ist das Wintergeschäft wichtig, das aus dem Betrieb von fünf Skiverleih-Stationen in der Region besteht. Zwar ist die Radsaison auf die Monate Mai bis September beschränkt, aber trotzdem liegt der größte Aufwand bei den Fahrrädern. Die Werkstatt ist das ganze Jahr über beschäftigt. Schmidhofer: »Wenn das letzte Fahrrad repariert ist, trifft das erste schon wieder ein.« Der hoch qualifizierte Kern der Mitarbeiter geht zu den Stoßzeiten im Winter von der Radwerkstatt in den Skiverleih über. Das bringt zum einen ganzjährige Auslastung und zum anderen ganzjährige Beschäftigung. Auch der B2B-Bereich trägt zur Auslastung bei: In der Vorsaison läuft das Verleihgeschäft in der Hotellerie und in der Hauptsaison bei den Reiseveranstaltern.

Die Software wurde selbst entwickelt. Wegen der Fülle an Sondergegebenheiten sei das unumgänglich gewesen, erklärt Schmidhofer. Das System basiert auf einer Handy-App und jede Verleihstation ist mit mindestens einem Handy und einem Drucker angebunden. Die Fahrräder sind online zu buchen und kurzfristig über den Verleih verfügbar. Die Bezahlung kann online oder direkt vor Ort erfolgen. »Die Entwicklung der Software endet nie. Wir sind zwar schon recht weit, aber es kommt immer wieder etwas Neues dazu. Es ist absehbar, dass bei den E-Bikes eine Schnittstelle dazukommen wird, an der man den Verschleiß aus der Distanz ablesen kann. Das heißt, wann welche Bremse fällig sein wird und wann welcher Reifen zu tauschen sein wird.«

Länderübergreifend

Durch den Drauradweg, der sich größtenteils auf österreichischem Gebiet befindet, war Papin Sport von Anfang an länderübergreifend tätig. Die Gründung der Niederlassung in Villach erfolgte vor etwa zwölf Jahren. Auf Anfrage der Kärntner Landesregierung wurde 2018 zusätzlich ein E-Bike-Netz aufgezogen. Durch den öffentlichen Auftrag sind die Verleihstationen flächendeckend, wobei einige mehr und andere weniger frequentiert sind. »In Südtirol haben wir die Verleihstationen hingegen eigenständig errichtet und wir engagieren uns nur an den Plätzen, die von uns auch getragen werden können«, erklärt Schmidhofer das Vorgehen.

Seit Kurzem gibt es ein Joint Venture mit einem Reiseveranstalter in Oberbayern, der 40 Verleihstationen nach den Vorgaben von Papin Sport betreibt. »Wir stellen Know-how, Software und Fahrräder zur Verfügung und die Mitarbeiter werden von uns geschult. Der Partner führt dann mit uns ein kleines Lager und eine Werkstatt und übernimmt die fortlaufende Organisation. Wir liefern Ersatzteile nach, tauschen Räder um und unterstützen, wenn Hilfe benötigt wird«, erklärt Schmidhofer.

Projekt Bahnhofsverleih

Die Aufgabe für die kommenden Monate ist die Einrichtung neuer Verleihstationen an sieben Südtiroler Bahnhöfen. Die Standorte waren öffentlich ausgeschrieben und die Konzession gilt für die kommenden acht Jahre. »Wir haben viele Synergien und können besser und mehr anbieten als andere«, sagt Schmidhofer, der die Standorte als Jahresbetriebe organisieren will. Mehr als ein Fahrradverleih, sollen diese Touristen, Bürgern und Pendlern einen Rundum-Service bieten. Geplant sind eine Werkstatt, Lademöglichkeit und Fahrradaufbewahrung sowie ein kleiner Shop mit Gebraucht-E-Bikes und Utensilien. Das solle kein Konkurrenzprodukt zum Fahrradfachhandel werden, sondern eine Dienstleistung für all jene, die das Fahrrad täglich benutzen, so der Unternehmer.

9. Oktober 2020 von Hildegard Suntinger
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