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Porträt - Last

Auf dem Sprung

Seit 20 Jahren gibt es nun Bikes von Last aus Dortmund. In all dieser Zeit ist die Marke nie aus ihrer Nische herausgetreten. Das ist erstaunlich, denn Last-Gründer Jochen Forstmann hat als Konstrukteur ganz außergewöhnliche Qualifikationen. Ein neues Bike könnte das Nischendasein demnächst endgültig beenden.

Als andere Kids in der Mitte der 90er Jahre bei ihrem Alter schummelten, um in die Disco zu kommen, da machte sich Jochen Forstmann ein bisschen älter, als er war, um sein erstes Downhill-Rennen fahren zu dürfen. Damals musste man noch 16 Jahre alt sein für den wilden Rennzirkus auf seligen 26 Zoll, was für den damals 15-jährigen gefühlt noch unendlich weit weg war.
Es ist immer eine spannende Frage, woher die Leidenschaft für eine bestimmte Betätigung kommt und welche Faktoren eine Rolle spielen, damit man diese als so erfüllend betrachtet, dass diese Leidenschaft schließlich sogar zum Lebensinhalt wird. Denn nach seiner durchaus respektablen Downhill-Laufbahn ließ Forstmann das Radfahren im Gelände nicht auf sich beruhen, sondern zündete die nächste, mindestens genauso intensive Phase seiner Radbegeisterung: Er gründete im Jahr 2000 Last Bikes. Damals hatte er sein Maschinenbaustudium begonnen und musste dafür ein Pflichtpraktikum absolvieren, für das er sich bei Hase Spezialräder vorstellte. Anscheinend hat er sich nicht so schlecht während des Praktikums angestellt, denn am Ende dieser Zeit wurde er gefragt, ob er noch etwas haben wolle von Hase. Er erbat sich weiteren Zugang zur Werkstatt, um an eigenen Rädern zu bauen, was ihm bemerkenswerterweise gewährt wurde. Last Bikes, inzwischen nur noch Last, war geboren und von Freitag nachmittags bis Sonntagabend konnte er zusammen mit Jörg Heydt, der heute fest bei Hase Bikes angestellt ist, an eigenen Projekten schrauben.
Am Anfang ging es zunächst nur darum, das eigene Traumrad zu bauen: einen minimalistischen Dirtjump-Rahmen aus Stahl, ohne die ganzen als unnötig empfundenen Anbauteile für Schaltung und Co. Jeder bekam ein Rad für sich selbst, dazu wurden je zwei weitere Räder gebaut, um die Kosten wieder hereinzubekommen. »Die Triebfeder am Anfang war tatsächlich, ein Rad zu bauen, das es nicht gab«, erklärt Forstmann, »ich wollte, nachdem ich mit dem Rennen fahren aufgehört habe, ein Rad, das cleaner und einfacher war.«
Natürlich beließen sie es nicht dabei und bauten stetig ihr Programm immer weiter aus. Zunächst kam naheliegend ein Downhiller dazu, dann ein Freerider und schließlich ein ausgewähltes Sortiment an Fullys zusammen, das zwar vor allem die Experten und Spezialisten ansprach, aber über die Jahre dennoch manchen Preis von Seiten der Publikumspresse einheimsen konnte.

»Ich wollte, nachdem ich mit dem Rennen fahren aufgehört habe, ein Rad, das cleaner und einfacher war.«Jochen Forstmann

Allmählich kamen dann auch die Kapazitäten und Möglichkeiten bei Hase an die Grenzen. Die langen Wochenenden mit komprimierter Arbeit wurde den beiden zu viel. So erfolgte nach ein paar Jahren der Umzug in eigene Räumlichkeiten in Dortmund, wo man bis heute aktiv ist. Der Anspruch an die eigenen Räder ist von Anfang an unverändert: »Es muss funktionieren, es muss einfach sein und darf nicht riesigen Wartungsbedarf haben«, erklärt Gründer Forstmann. Damals war man auch schon Vorreiter bei der Geometrie, als man früh mit sehr flachen Winkeln konstruierte. »Wir waren lange deutlich flacher als der Durchschnitt, auch wenn der Markt inzwischen nachgezogen hat.« Der Downhiller gehört schon seit vielen Jahren nicht mehr zum Sortiment, heute dominieren die Trail- und Enduro-Bikes das Angebot.

Nebenprojekt mit Profi-Anspruch

Über die Jahre ist Last stetig gewachsen und beschäftigt heute vier Voll­zeit­äquivalente, dennoch sieht Forstmann seine Bikeschmiede Last als Zweitjob. Für beide Gründer war Last immer ein Nebenprojekt, wenn auch eines, das phasenweise sehr intensiv vorangetrieben wurde. Hauptsächlich ging und geht es um das eigene Radfahren. Da stellt sich natürlich die Frage, warum das so ist? Die einfache und doch verblüffende Antwort lautet: Weil Jochen Forstmann nicht nur Ex-Downhiller, leidenschaftlicher Biker und Bike-Hersteller ist, sondern in seinem Hauptberuf inzwischen an der Hochschule Osnabrück als verbeamteter Professor für Konstruktion lehrt. Er führt die dortigen Studenten des Maschinenbaus in die Feinheiten von Konstruktion, CAD und Finite-Elemente-Methoden-Simulation ein.
Und an dieser Stelle fällt dann dem geneigten Beobachter auf, dass das Unternehmen ziemlich perfekt aufgestellt ist für die Fahrradproduktion. Ein habilitierter Konstrukteur entwirft und produziert als Nebentätigkeit Fahrräder. Macht ihn das nicht irgendwie zum bestausgebildeten Bike-Entwickler im Lande? Vielleicht sogar zum besten Fahrradrahmenkonstrukteur in der Branche? Die Antwort von Prof. Dr.-Ing. Forstmann kommt so schnell wie bescheiden: »Es gibt mit Sicherheit etliche Leute, die genauso viel Fachkenntnis mitbringen, die aber dann nicht den akademischen Weg eingeschlagen haben, sondern in der Wirtschaft geblieben sind oder sich selbstständig gemacht haben.« Als prominente Beispiele nennt er Peter Denk oder die Macher von Rotwild, wo viel Know-How versammelt sei. »Ich glaube, es geht nicht nur um Methodenkenntnisse, da spielt immer auch massiv Erfahrung mit rein.« Das zeige sich auch an der eigenen Entwicklung von Last. Früher seien die Last-Bikes eher schwer gewesen, was sich grundlegend geändert habe. Inzwischen erreicht man auch mit den Alu-Bikes Gewichtsklassen, die andere Hersteller nur mit Carbon erreichen. Dennoch blieb Last bisher immer weitgehend im Schatten des Branchengeschehens.
»Es war immer klar, was die Hauptsache und was die Nebensache war«, erklärt Forstmann den bisherigen Modus operandi. »Wir haben nie unsere gesamte Existenz in dieses Projekt gesteckt, was uns vermutlich schon manches Mal gerettet hat.« So habe man es stets vermieden, allzu große Risiken im Bike-Business einzugehen, obwohl man über die Jahre vieles ausprobiert hat, um die Marke Last zu positionieren.

Flexibilität als Tugend

Es gab bereits einen Händlervertrieb samt dazugehöriger Strukturen, aber derzeit kommen die Bikes nur per Direktvertrieb zu den Kunden. Aufgrund der eigenen Aufstellung als Marke sei es selbst für begeisterte Händler schwierig gewesen, die Räder zu verkaufen. Die Händler konnten entweder keinen ausreichenden Durchsatz erzielen mit den Rädern, die sie geordert hatten oder wären schlecht beraten gewesen, wenn sie ein Rad von Last nachbestellen, statt mit höherer Marge bei den größeren Marken zu ordern. »Kleine Marken im Fachhandel zu verkaufen, ist äußerst schwierig umzusetzen. Ich sage nicht, dass es nicht geht, aber es geht nicht mit unseren Strukturen.« So werden etwa Produkte von Vorlieferanten sofort in die Serie eingebunden. Updates bei Federgabeln und Co., die inzwischen häufig im laufenden Modelljahr kommen, werden sofort eingebaut. »Ich will gar nicht, dass sich jemand etwas hinstellt und dann möglicherweise langsamer ist als wir, weil ich den nicht unglücklich machen will.«

Perfektionismus in den Details

Statt in Vertriebsstrukturen fließt der Ehrgeiz in die Produkte, die manche Eigenheit aufweisen. Eine Besonderheit der Alurahmen von Last besteht darin, dass man sie »unfertig« von der Produktion in Taiwan übernimmt. So werden die Lagersitze erst in Deutschland auf einer Fünf-Achs-Fräse bearbeitet. »Das sorgt dafür, dass diese perfekt gerade sitzen, den richtigen Durchmesser haben und alles zueinander passt«, erklärt der Konstrukteur.
Die Rahmen aus Stahl und Aluminium kamen und kommen weiterhin aus Taiwan. Ab Mai gibt es jedoch eine Straffung des Sortiments. Dann wird es nur noch drei Modelle geben: zwei Alu-Fullys für Enduro und Trail-Einsätze und das neue Tarvo, das einen Meilenstein für Last und vielleicht auch darüber hinaus bedeutet. Es ist der erste Rahmen der Dortmunder aus Carbon. Und er wird nicht in Fernost, sondern aufwendig in Deutschland hergestellt. Zum Einsatz kommt das Autoklav-Verfahren, mit dem ein eigenes Rahmenkonzept umgesetzt wurde. Das Ergebnis ist ein Enduro-Bike mit 160 mm Federweg am Heck, bei dem der Rahmen nur noch 2,08 kg in Größe L (ausgelegt für 175 cm Körpergröße) wiegt und gleichzeitig für den Bikepark freigegeben ist. Tatsächlich ist das Bike sogar für Kategorie 5 im amerikanischen ASTM-Standard für Fahrräder freigegeben, also auch für extreme Sprünge und Geschwindigkeiten über 40 km/h. Mit seiner Gewichtsangabe sei es nach den Last-eigenen Recherchen gleichzeitig das leichteste Enduro-Bike auf dem Markt und dürfte schon alleine damit für einiges Aufsehen in der Szene sorgen. Das Systemgewicht wird im wesentlichen durch die Laufräder begrenzt, wobei bei einem Fahrergewicht von 120 kg die Abstimmung schwierig werde.
Mit dem Launch des Tarvo wird auch der Wechsel zum Custom-Made-Anbieter vollzogen. »Die meisten unserer Kunden stellen sich ihr Bike ohnehin bereits im Baukasten zusammen. Jedes Rad ist anders konfiguriert«, beobachtet der Prof.
Nun gibt es Last bereits seit 20 Jahren und nach wie vor ist man ein Nischen-anbieter, der nur wenige hundert Räder im Jahr verkauft. Das könnte sich mit dem neuen Tarvo ändern – oder auch nicht. Wirklich entscheidend ist für Jochen Forstmann und sein Team ohnehin vor allem eines: Hauptsache das Bike ist‚ perfekt.

1. Juni 2020 von Daniel Hrkac

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