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Das Ziel, eine Plattform für den Erfahrungsaustausch der Akteure im MTB-Tourismus zu schaffen, haben die Veranstalter bereits bei der Premiere erfolgreich umgesetzt.
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Report - MTB-Tourismusforum

Aufbruchsstimmung mit 30 Jahren Vorlauf

Seit rund 30 Jahren sind Mountainbikes in den deutschen Mountains unterwegs. Fast ebenso lange gibt es touristische Angebote für die Natursportler. Doch erst in diesem Jahr fand in Bischofsgrün ein Mountainbike Tourismusforum statt, das einen übergreifenden Austausch zwischen den Akteuren der Tourismuswelt bewirken will. Es zeigte sich, dass trotz vielen bereits geschaffenen Strukturen noch enormes Potential brach liegt.

"Aufbruch" lautete ein zentrales Motto des 1. Deutschen Mountainbike Tourismuskongress und bereits mit diesem Wort zeigt sich, welche große Kluft zwischen der Entwicklung des MTBs und den touristischen Angeboten für diesen Sport immer noch besteht.
Dass ein großes Interesse an den Themen eines MTB-Tourismusforums besteht, zeigte sich sehr schnell unter den rund 130 Teilnehmern der Premierenveranstaltung, die im Übrigen längst nicht nur aus Deutschland kamen. Von Anfang an ergriffen die Kongressbesucher die Möglichkeit, die präsentierten Informationen mit der eigenen Praxis zu verknüpfen, was durchgehend für angeregte Diskussionen sorgte.
Als »Zukunftswerkstatt« konzipiert war das umfassende Vortrags- und Workshop-Programm der Kern der zweitägigen Veranstaltung. Hier wurde ein umfassender Überblick über die aktuelle Situation im Mountainbike-Tourismus gezeichnet und auch bereits zukünftige Perspektiven angedacht. Wie der Weg zu einem herausragenden MTB-Mekka gestaltet werden könnte, war daher nicht zufällig der Kern fast aller Fragestellungen.
Wie groß das Potential tatsächlich sein könnte, das im Mountainbike-Tourismus besteht, erörterte Mitorganisator Norman Bielig im ersten Vortrag des Forums. Auf der Grundlage von umfassendem Zahlenmaterial entwickelte er unter anderem die These, dass Deutschland bereits die besten Voraussetzungen mitbringt, um dem Bergradler seine innigsten Wünsche zu erfüllen. Die Zahl der schon bestehenden Bikeparks etwa sollte bereits jetzt für den Großteil der abfahrtsorientierten Biker ein passendes Angebot bereithalten. Von zukünftigen Projekten besonders profitieren könnten seiner Überzeugung nach strukturschwächere Gebiete. Hier könnte das MTB durch Entwicklung der ländlichen Gegend und weitere strukturierte Angebote noch eine bemerkenswerte Zahl an Arbeitsplätzen schaffen, was insbesondere in der Argumentation mit den lokalen Behörden und Politikern ein zugkräftiges Argument sein sollte.

Zahlen zum MTB-Tourismus

Darauf aufbauend stellte Tilman Sobek, ebenfalls Mitorganisator und Geschäftsführer von absolutGPS, die Ergebnisse einer Grundlagenerhebung vor. So gibt es annähernd genauso viele Mountainbiker wie Fußballspieler, dennoch besteht ein himmelweiter Unterschied in der öffentlichen Wahrnehmung der beiden Sportarten. Indem er aufzeigte, wie vielschichtig die Ansprüche von potenziellen Bike-Touristen heute sind, legte er auch gleich offen, wo die größten Bau- und Problemstellen für die Radtouristiker liegen. So ist etwa das Bestehen von Bikeverboten in einer Region für über 90 % der Befragten ein sehr wichtiges Kriterium bei der Auswahl ihrer Reiseziele. Ebenso angesprochen wurde die Entwicklung des Mountainbikes an sich. Aus der einst homogenen Fahrradgattung ist inzwischen die wohl am stärksten segmentierte Radspezies geworden. Hardtails, Fully, Freerider oder Downhiller und neuerdings 29er und E-MTBs sorgen dafür, dass sehr unterschiedliche Vorstellungen von einem gelungenen MTB-Urlaub bestehen, denen von den Anbietern mit entsprechenden Infrastrukturen an Strecken und Versorgung begegnet werden müssen.
Daniel Wegerich zeigte in seinem Vortrag Wege auf, Hürden bei der Umsetzung von radtouristischen Projekten zu bewältigen. Als Projektleiter der Sauerland-Radwelt konnte er auf diesem Gebiet umfassende Erfahrungen sammeln und präsentierte eine beeindruckende Zahl an Parteien, die berücksichtigt werden müssen, um das angestrebte Projekt zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Damit angesichts der Fülle an potentiellen Stolpersteinen die Projektplaner ihre Ziele erreichen können, präsentierte er auch gleich verschiedene Strategien, wie Partnerschaften geschmiedet und Widerstände besänftigt werden können.
Nicht fehlen durfte natürlich das Thema E-Mountainbike. Dazu präsentierten Stefan Baumgartner (radkollektiv) und Johannes Haidn (Testchef world of mtb-Magazin) den aktuellen Stand der Technik und zeigten auf, welche Vorbereitungen man als Tourismusanbieter leisten sollte, damit die E-Biker auf ihre Kosten kommen.

Neue Ideen im Dialog

Auf die nächste Stufe gebracht wurde die Auseinandersetzung mit den aktuellen MTB-Tourismusfragen dann in den nachmittäglichen Workshops, die dazu dienten, die aufgegriffenen Themen der Präsentationen zu vertiefen und im nächsten Schritt eigene Ideen zu formulieren. Hier entfaltete sich die geballte Kompetenz der Kongressteilnehmer. Wenn sie etwa im Workshop »Herausragende Destinationen: Der Weg zur Weltklasse« innerhalb kürzester Zeit viele Dutzend Verbesserungsansätze vorschlugen, dann zeigt sich zum einen, dass die Kongressbesucher viel praktische Erfahrung einbringen und zum anderen, dass beim Mountainbike-Tourismus noch an zahlreichen Hebeln angesetzt werden muss. So leiden viele Projekte an dem Problem, den monetären Mehrwert zu messen, den touristische Bike-Angebote bringen. Können Biker beanspruchen, ein eigenes Wegenetz zu übernehmen, etwa, wenn es von Wanderern nicht mehr unterhalten werden kann? Welches Mandat haben Touristiker überhaupt? Viele, zum Teil auch gegenläufige Entwicklungen bestimmten die Diskussion. So unterscheiden sich die Fragestellungen in Destinationen, die um Auslastung kämpfen sehr deutlich von denen, die bereits heute überlaufen sind.
Dass es tatsächlich 30 Jahre gebraucht hat, bis die Tourismusbranche in Deutschland einen eigenen Kongress für Mountainbike-Destinationen bekommen hat, ist eine Seltsamkeit, ob der man sich nur den Kopf kratzen kann. Dass der Zug für die Branche trotzdem längst nicht abgefahren ist, zeigt nicht zuletzt diese Premierenveranstaltung. Die Pioniere der Branche haben bereits viele Grundlagen gelegt. Zahllose neue Aktivitäten rund um den MTB-Tourismus können heute auf viele Best-Practices zurückgreifen, anhand derer die Entwicklung der Zukunft vielleicht einfacher gestaltet werden kann. Auch wenn der Mountainbike-Sport vielleicht nie den gleichen Stellenwert wie König Fußball erreichen wird, so haben sich die Touristiker inzwischen doch sehr intensiv dieses spannenden und lohnenden Betätigungsfeldes angenommen.

15. Juli 2015 von Daniel Hrkac
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