
Handel - Weiterbildung
Aus dem Quereinstieg Fachpersonal generieren
Markus Unger, einer der beiden Geschäftsführer der Vit:bikes-Akademie, kennt die Fahrradbranche und ihre Herausforderungen seit 20 Jahren: »Heute stehen aufgrund des anhaltenden Fachkräftemangels sehr viele Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger in der Werkstatt, aber auch im Verkaufsraum der Fahrradläden, wobei die beiden Arbeitsbereiche gerade in kleineren Betrieben nicht streng voneinander getrennt sind. Sprich: Beschäftigte, die zumeist in der Werkstatt stehen, müssen auch Verkaufsgespräche führen können.«
Eine Situation, die Walter Wall, der vor drei Jahrzehnten selbst als Quereinsteiger in die Fahrradbranche kam und heute Inhaber von Rad & Sportservice Wall in Wenzenbach im Landkreis Regensburg ist, nur zu gut kennt, aber selbst auch auf den Quereinstieg baut. »Ich schätze ›meine‹ Quereinsteiger sehr. Sie sind gierig darauf, die sich schnell verändernde Fahrradtechnik zu verstehen. Sie schauen über ihren Tellerrand und sind nicht so eingefahren. In unserem Betrieb arbeitet zum Beispiel ein ehemaliger Banker und Immobilienhändler. Er hat bei uns sein Hobby – seit seiner Jugend ist er ein großer Fahrradfan – zu seinem Beruf gemacht und sagt, dass er sehr froh über diese Entscheidung ist.«
Fördermöglichkeiten, die Arbeitgeber im Bereich der Weiterbildung von Beschäftigten bei der Agentur für Arbeit haben.
Auch Michael Schuchardt, Geschäftsführer und Leiter bei Eic-Bike in Leinefelde-Worbis, wirbt auf seiner Homepage aktiv darum, sich auch als Quereinsteigerin und Quereinsteiger bei ihm zu bewerben: »Falls du keine Vorkenntnisse … hast, freuen wir uns über deine große Motivation zum Lernen!« Die Postulate »Motivation« und »Lernen« sind damit aber auch klar gesetzt. Dass es ohne nicht geht, wissen sicher auch andere Betriebe, denn das Prinzip »Learning-by-doing« geht oft nur bedingt auf. »Den Vorgesetzten fehlt im Arbeitsalltag zumeist die Zeit, um zum Beispiel eine bestimmte Technik an E-Bikes über die aktuell für die Reparatur notwendigen Details hinaus zu erklären. Aufseiten der Beschäftigten kann sich dann langfristig das Gefühl einstellen, dass sie in dem Betrieb keine Perspektive haben. Unsere Erfahrung ist, dass sich unter diesen Vorzeichen nur wenige durchbeißen, andere orientieren sich um«, beschreibt Unger das Dilemma.
Vorteile auf allen Seiten
Die Vit:bikes-Akademie, die 2017 mit händlerfinanzierten Weiterbildungskursen an den Start ging, will dem entgegenwirken. Seit August 2024 bietet sie Weiterbildungen an, die sich auf Quereinsteigerinnen und -einsteiger konzentrieren, wobei auch sogenannte Alt-Gesellen daran teilnehmen können. »Bislang waren 250 Beschäftigte dabei, davon waren circa 90 Prozent Quereinsteiger und circa zehn Prozent ›Alt-Gesellen‹«, stellt Unger fest. Michael Schuchardt schickte in den letzten Wintermonaten zwei seiner Angestellten auf Schulung, einen Meister aus dem Kfz-Bereich und einen aus der Fahrradbranche, der schon vor vielen Jahren seine Ausbildung abgeschlossen hat. Auch von Rad & Sportservice Wall nahmen zwei Quereinsteiger zwischen September 2024 und Februar 2025 an der Vit:bikes-Weiterbildung teil, neben dem Immobilienmakler auch ein Anlagenmechatroniker, dessen Ausbildungsbetrieb kurz vor seinem Abschluss Insolvenz anmelden musste, und der nun Teil des Wall-Teams ist. »Die Weiterbildung der beiden war abwechslungsreich und sehr interessant«, erzählt Wall. »Von den Basics bis hin zum speziellen Fachwissen wurden alle Themen sehr ausführlich und fundiert erklärt.« Das bestätigt auch Schuchardt und ergänzt: »Am Ende haben von den vielen Themen auch unsere anderen Mitarbeiter profitiert, denn wir haben einiges davon auch noch im Team besprochen. Die, die bei der Weiterbildung mitgemacht haben, geben ihr Wissen jetzt auch an unsere Auszubildenden und Praktikanten weiter.«
»Weiterbildung spielt eine sehr große Rolle bei der Frage, ob ich einen Quereinsteiger in meinem Betrieb halten kann oder nicht.«
Walter Wall, Rad & Sportservice Wall
Dieser Mehrwert ist nur möglich, weil bei der Vit:bikes-Akademie die Inhalte permanent aktualisiert werden »und damit der Schnelllebigkeit der Branche absolut gerecht werden«, was Wall besonders beeindruckt. »Und so profitieren die Kollegen in ihrem Alltagsgeschäft absolut davon. Die Weiterbildung gibt ihnen mehr Sicherheit. Ihr vorhandenes und neues Fachwissen wird durch die Maßnahme gefestigt, gesichert und ausgebaut.« Schuchardt sieht das ähnlich: »Das neu erworbene Hintergrundwissen hilft allen, die Aufgaben besser zu verstehen und das Gelernte gezielter umzusetzen. Insgesamt lässt sich sagen: Die Weiterbildung stärkt uns, sowohl im praktischen Handeln als auch im theoretischen Verständnis. Eine wertvolle Kombination für den Berufsalltag.« Und wenn er einen Wunsch offen hätte? »Gerne noch mehr ›Quiz‹-Fragen und besondere Tipps, die gut im Kopf bleiben.«
Geförderte Weiterbildung
Die Akademie ist AZAV-zertifiziert. Dies hat zur Folge, dass die Bundesagentur für Arbeit, das Jobcenter und unter Umständen auch die Rentenversicherung die Maßnahmen fördern, in beachtlicher Höhe sogar: So können Teilnehmende kostenfrei an den Weiterbildungen teilnehmen. Doch auch der Handel profitiert davon, denn die Förderstellen übernehmen – je nach Weiterbildungskurs – bis zu 100 Prozent des Arbeitslohns. »Allerdings legt die Agentur für Arbeit mancherorts bei der Beantragung der Fördergelder schon mal kleine Stolpersteine in den Weg. Das kann dann sehr mühsam und langwierig werden«, weiß Walter Wall aus eigener Erfahrung. »Zum Glück erhielten wir von Vit:bikes vollen Support, was sehr wichtig war, denn ich bin mir sicher: Ohne diese Unterstützung stünden Händler schnell auf verlorenem Posten.« Dass das Vit:bikes-Team einen sehr guten Support liefert, bestätigt auch Michael Schuchardt aus Leinefelde-Worbis. Doch hatte er auch mit der Behörde weit mehr Glück als Wall aus Wenzenbach im Raum Regensburg: »Unsere zuständige Person auf dem Arbeitsamt fand das Ganze ebenso überzeugend und somit ging es relativ zügig durch.«

Michael Schuchardt, Geschäftsführer und Leiter bei Eic-Bike in Leinefelde-Worbis
Zwei Kursvarianten bietet die Vit:bikes-Akademie an: Die Weiterbildung »Zweiradmechatronik mit Schwerpunkt E-Bike« konzentriert sich auf die Basisthemen des Fahrradfachhandels, auf die Fahrrad- und E-Bike-Technik, auf die Werkstattorganisation und den Verkauf. Markus Unger ist vor allem der Praxisbezug wichtig. »Deshalb haben wir auch die Themen Garantie und Kundenkommunikation in unser Programm aufgenommen.« Ein Team von zwölf Personen kümmert sich in der Akademie um die Inhalte und die pädagogische wie technische Umsetzung.
An dieser Weiterbildung können sowohl Vollzeit- als auch Teilzeitkräfte teilnehmen. Die Dauer variiert zwischen sechs und zwölf Monaten. »1125 Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten sind zu absolvieren. Die Onlineformate enthalten auch Videos. Daneben gibt es Material in Printform, angeleitete Übungen und Live-Sprechstunden mit den Dozenten«, erklärt Unger. Je nach Betriebsgröße werden bis zu 75 Prozent – in besonderen Fällen bis zu 80 Prozent – des Arbeitslohns den Händlerinnen und Händlern erstattet. Der Abschluss der Weiterbildung wird mit einer hauseigenen Zertifizierung honoriert. »Nicht zu unterschätzen sind die zeitlichen Spielräume, die sich mit der Teilnahme an den Weiterbildungen für alle Beteiligten eröffnen», berichtet Unger. »Viele fuchsen sich in die Themen der Weiterbildungen richtig rein, denn die Option, auch auf eine externe Gesellenprüfung hinarbeiten zu können, spornt viele an.«
Der »Vorbereitungskurs auf die externe Gesellenprüfung« zum/zur Zweiradmechatroniker/in Fachbereich Fahrrad (HWK), der 600 Stunden umfasst, dauert drei Monate und kann nur in Vollzeit absolviert werden. Das Gehalt der Beschäftigten übernimmt die Bundesagentur für Arbeit hier zu 100 Prozent. Max, der Anlagenmechatroniker bei Rad & Sportservice Wall, möchte diesen Weg eigentlich auch einschlagen.
»Es gibt nur eine formale Hürde. Max muss zuerst viereinhalb Jahre in unserem Betrieb arbeiten, bevor er an der Qualifizierung teilnehmen kann«, berichtet Walter Wall. »Dies gilt auch für meinen Sohn Philipp, der als ausgebildeter Land- und Baumaschinenmechatroniker einmal unseren Betrieb übernehmen möchte.« Ob es diese langen Wartezeiten braucht, sei dahingestellt. Mit einem Risiko sind sie allemal verbunden: Keiner weiß, ob es dann noch die staatliche Förderung gibt.
Dass diese gut ankommt, ist augenfällig, denn in der Weiterbildung aufgegeben haben bisher nur sehr wenige. Gründe dafür waren bislang lediglich Kündigungen des Arbeitsverhältnisses. Ansonsten ergaben die Feedbackrunden, dass 99 Prozent der Teilnehmenden die Weiterbildung weiterempfehlen würden. Auch die Jury der diesjährigen Eurobike-Messe kam zu diesem positiven Ergebnis und zeichnete die Vit:bikes-Akademie mit einem Gold-Award aus.
Den Quereinstieg aufwerten
Markus Unger ist sich sicher, dass die Weiterbildungen eine gangbare Lösung sind, um das Personal an den Betrieb zu binden und aus dem Problem des Fachkräftemangels langfristig herauszukommen. »Mein Ansatz ist, dass der Pool der potenziellen Beschäftigten, aus dem wir schöpfen können, bislang sehr klein war. Ist er größer, können alle davon profitieren. Über die Weiterbildungen können wir mehr Interesse an der Arbeit in Fahrradläden generieren. Wir können Quereinsteigerinnen und -einsteiger dabei unterstützen, dass sie in der Branche gut ankommen. Und wir können sie halten. Die Weiterbildungen sind also auch ein wichtiger Beitrag für ein gutes Onboarding.« Das sehen auch Wall und Schuchardt so.
»Viele fuchsen sich in die Themen der Weiterbildungen richtig rein, denn die Option, auch auf eine externe Gesellenprüfung hinarbeiten zu können, spornt viele an.«
Markus Unger, Vit:bikes-Akademie
Als Nebeneffekt hofft Unger auch auf eine andere Einstellung zum Quereinstieg an sich. »Bisher war das Werben um Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger oft auch mit einer Abwertung verbunden, ganz nach dem Motto: ›Ausgebildetes Personal wäre uns eigentlich lieber. Weil es das aber derzeit nicht in gewünschtem Maße gibt, nehmen wir auch Quereinsteiger.‹ Mit den Weiterbildungen könnte sich daran etwas ändern, denn nun haben die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber es selbst in der Hand, wie gut ausgebildet ihr Personal ist.«
Gerade zur »Winterpause« denken viele Händlerinnen und Händler immer wieder darüber nach, ob sie aufgrund der geringeren Arbeitsauslastung Kündigungen aussprechen müssen. Nutzen sie die Zeit für Weiterbildungen, profitieren sie im Frühjahr davon, weil sie sich dann notwendige, zumeist auch zeit- und kostenintensive Neueinstellungen sparen. Je nach Behörden, die die Finanzierung übernehmen, dauert es vier bis sechs Wochen, bis die Finanzierung geregelt ist und man in die Weiterbildung einsteigen kann. In einem Beratungsgespräch mit dem Team der Vit:bikes-Akademie werden vorab alle Schritte, die zu gehen sind, geklärt. »Ob ein Händler einen Mitarbeiter oder gleich mehrere schickt, bleibt dabei ihm überlassen«, resümiert Markus Unger. //
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