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Kolumne - Marius Graber

Autofokus und Schaltautomatik

»Autofokus«. Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals im Fotoladen stand und Toni, mein Lieblingsverkäufer, mich zu sich heranwinkte. Er legte mir eine erste Kamera mit einem Autofokus-Objektiv würdevoll in die Hand und forderte mich auf, den Zauber auszuprobieren. Durch das Objektiv wurde...

... erst Tonis Nase scharf gestellt, dann die Filmdöschen hinter ihm, dann der Baum draußen auf dem Trottoir. Srrt – scharf, srrrrt-scharf, srrt – scharf. Natürlich wurde danach ausgiebig diskutiert. Ein anderer Kunde meinte, Autofokus wäre für Stümperfotografen, die nicht selber scharf stellen können, für Anfänger und solche, welche gerne Profis wären. Man riss Witze, vom Fotografen, der den Ball erst erwischt, wenn er schon im Tor liegt, weil der Autofokus nicht schnell genug war. Oder noch lustiger: dass der Fotograf gar nicht abdrücken kann, weil just dann die Batterie leer ist. Und das Fazit: Heute stellt kaum mehr jemand beim Fotografieren die Schärfe von Hand ein. Meine Töchter wissen schon gar nicht mehr, was »Autofokus« bedeutet.

Bei den Veloschaltungen stehen wir gerade an einem sehr ähnlichen Punkt: Enviolo kann automatisch schalten, Rohloff neu auch, Pinion seit letztem Jahr, Shimano schon länger und hat, wie auch TRP, das automatische Schalten nun auch den Kettenschaltungen beigebracht. Großartig, finde ich. Doch die Szenerie erinnert mich an den denkwürdigen Besuch im Fotoladen von damals: Natürlich funktionieren die Schaltungen noch nicht perfekt und haben auch schon Ärger verursacht. Auch die Sprüche, welche ich von meinen Händlerkollegen und Produktmanagern höre, sind die dieselben: Das brauche ich doch nicht. Das ist nur für die Faulen. In der Tour de France werden Profis damit nie fahren.

Ich kann die Argumente nun einzeln zerpflücken: Ja klar, du brauchst das nicht, aber deine Kunden sind vielleicht froh drum. Hurra, endliche eine Schaltung auch für Faule, ist doch schön. Warum sollte für unsere Kunden von Bedeutung sein, was bei der Tour de France gefahren wird. Doch es geht mir um etwas anderes: Endlich wird Velofahren unkompliziert. Mir war es immer peinlich, einem Velo-Neuaufsteiger, einer Velo-Neuaufsteigerin die Veloschaltung zu erklären: Vier Schalthebelchen, um ein Velo zu schalten, und dann noch links und rechts in unterschiedlicher Logik. Auf diese Funktionalität konnte man nun wirklich nicht stolz sein. Nur wir, mit all unseren Jahren im Sattel haben uns längst daran gewöhnt und brüsten uns, die Klaviatur am Lenker blindlings bedienen zu können.

Darum plädiere ich dafür, sich mit Automatikschaltungen zu beschäftigen, in den Laden zu nehmen und die Kunden damit fahren zu lassen. Es geht dabei nicht darum, dass wir bei der Wette, ob sich die Technik etabliert, nicht so alt aussehen, wie damals, als die erste E-Mountainbikes auf den Markt kamen. Es geht darum, dass wir lernen sollten, Velos an die zu verkaufen, die noch gar nicht Velo fahren. Velos zu konstruieren, für jene, welche noch im Auto oder im Bus hocken. Denn wir als Branche schaffen es seit Jahren meisterhaft, unsere Zeit, unser Geld und unsere Energie damit zu verballern, möglichst ein großes Stück vom Kuchen zu bekommen, anstatt uns ernsthaft darum zu bemühen, den Kuchen größer zu machen.

Marius Graber ist seit über 35 Jahren Fahrradhändler in Luzern und schreibt seit 25 Jahren für Fachmagazine über Fahrradtechnik, Reisen und die Branche.

12. Dezember 2025 von Marius Graber
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