
Markt - 32-Zoll-Laufräder
Darf es noch ein bisschen größer sein?
Auf der Eurobike 2025 stand bei Maxxis ein Fully-Prototyp am Stand, der zunächst niemanden besonders zu bewegen schien. Ein Cross-Country-Aufbau mit 32-Zoll-Laufrädern, eher Studie als Serienankündigung. Inzwischen lässt sich sagen, dass dieser Auftritt gewirkt hat wie ein Startschuss. Die Industrie arbeitet seither parallel an Felgen, Reifen, Naben, Gabeln und Geometrien für ein Maß, das die Branche bislang nur aus der Einrad-Welt und von einigen US-Custombuildern für sehr große Fahrer kannte.
Michael Grätz, Gründer und Geschäftsführer von MG Components mit der Marke Newmen, beschreibt diesen Moment so. »So richtig ins Rollen kam das auf der letztjährigen Eurobike. Da stand bei Maxxis ein Leuchtturmprojekt am Stand. Da haben viele gesehen: ›Nicht nur ich baue 32 Zoll, andere bauen auch 32 Zoll.‹ Und viele andere haben gesehen, dass das gar nicht so verkehrt aussieht.« Was als Sichtbarwerden einzelner Experimente begann, hat seither große Dynamik entwickelt. Erste Manufakturen wie Stoll, mit einem Rahmen von Bike Ahead aus Würzburg, verkaufen bereits, was sie liefern können.
Eine Branche im Vorbereitungsmodus
Wie weit die Vorbereitung im Hintergrund bereits gediehen ist, lässt sich an einzelnen Datenpunkten ablesen. Mavic startete sein 32-Zoll-Projekt im Januar 2025 und arbeitet seither anderthalb Jahre an der Umstellung der Produktionslinie. Produktmanager Manuel Berschandy sagt: »Es war eine große Umstellung. Keine unserer Maschinen konnte 32-Zoll-Laufräder aufnehmen. Wir mussten die Maschinen im Labor und an der Produktionslinie anpassen.« Bei Newmen sind die 32-Zoll-Felgen in Vorserie. Reifenhersteller Maxxis hat die ersten drei Cross-Country- und Gravel-Modelle lieferbar.
Ulrich Guppenberger, der bei Bikemarketing den deutschen Maxxis-Vertrieb verantwortet, nennt einen aufschlussreichen Absatzwert. »Wir haben bereits eine beträchtliche Zahl an Reifen verkauft, obwohl es ja noch fast keine Räder gibt. Das verwundert mich schon etwas. Wer baut denn da alles etwas mit 32 Zoll gerade?« Das spricht für eine rege Test- und Entwicklungstätigkeit, die in den bisherigen Produkt-Pipelines bislang kaum sichtbar ist.
Grätz erklärt das Tempo unter anderem mit der Erinnerung an den 29-Zoll-Umbruch. »Was da mit dem neuen Laufraddurchmesser passiert, ist gerade momentan immens. Alle wissen ja, wie es mit 29 Zoll war. Da haben die einen etwas gemacht, die anderen nichts. Derzeit hat jeder ein bisschen Angst, dass er den Anschluss verpasst.«
Gravel und Cross-Country zuerst
Die übereinstimmende Einschätzung aller befragten Quellen lautet, Gravel kommt zuerst. Der Grund ist nüchtern industriell. Ein Gravel-Bike braucht keine Federgabel. »Ein Gravel-Bike hängt von weniger Faktoren ab«, sagt Grätz. »Wenn ich ein neues Gravel-Bike mache, dann habe ich eine Carbongabel, die ich selbst entwickeln kann, das kommt alles aus einer Hand. Beim Mountainbike bin ich auf die Federgabelhersteller angewiesen. Bei Gravel geht es also deutlich einfacher.« Berschandy sieht es genauso, Mavic bereitet Gravel und Cross-Country-MTB parallel vor, mit mehr als einem Produkt pro Bereich.
Beim Mountainbike öffnet sich das Fenster im Cross-Country zuerst. Die UCI hat 32 Zoll für Mountainbike-Rennen offiziell freigegeben, und niedriger Federweg passt konstruktiv besser zu den größeren Laufrädern. »Am einfachsten ist ein größeres Laufrad an einem Hardtail oder an einem Bike mit wenig Federweg unterzubringen«, sagt Grätz. »Da sind wir bei Cross-Country, und genau da ist das bessere Überrollverhalten ein Thema.«
Wie weit die Größe in den Federwegsbereich wandern wird, ist offen. Guppenberger zieht eine relativ enge Linie. »Es ist Cross Country Racing, es ist Gravel, und irgendwo bis vielleicht 100, 120 mm Federweg maximal.
32 Zoll im Downhill hinten sehe ich derzeit nicht.« Grätz hält bis 130 bis 140 mm für plausibel, in der Endurowelt eher in einer Mullet-Konfiguration. Beim E-Mountainbike, dem mit Abstand größten Volumensegment, bleibt Guppenberger vorsichtig. »Ich sehe das E-Mountainbike im Moment noch eher auf 29 Zoll und nicht auf 32. Ich sehe das jetzt noch nicht als Massengröße in den nächsten zwei Jahren bei den E-Mountainbikes. Vorerst bleibt es beim Sporteinsatz.«
Im Trekking-Segment ist Grätz skeptisch. Eine Käuferschaft, die häufig kleiner ist und schon heute mit der 29-Zoll-Optik kämpft, profitiert wenig von einer weiteren Vergrößerung. Beim Rennrad bremst die UCI-Begrenzung auf 700 mm Reifendurchmesser. Mittelfristig hält er auch hier Bewegung für möglich, sobald ein Hersteller bereit ist, sich von der UCI-Regel zu lösen.
Die offene Frage 30,5 Zoll
Ein interessanter Nebenschauplatz ist die Zwischengröße 30,5 Zoll. Newmen positioniert sie als notwendigen Bestandteil eines schlüssigen 32-Zoll-Systems. »Wenn man das Ganze vernünftig machen möchte, muss man es eigentlich zwingend machen«, sagt Grätz. Hintergrund ist der Sprung zwischen 29 und 32 Zoll, der trotz der Beschriftung tatsächlich 2,5 Zoll beträgt. »Da drinnen ist noch Platz für eine andere Laufradgröße. Und die wäre dann 30,5.« Vor allem für Mullet-Konfigurationen großer Fahrer und für kleinere Rahmengrößen, in die 32-Zoll-Laufräder nicht passen, ist die Zwischengröße aus Newmen-Sicht unverzichtbar. »Wenn wir ein Mullet mit 32 Zoll vorne und 29 Zoll hinten machen, dann sieht das bescheiden aus. Das sieht aus wie 29 vorne und 26 hinten. Das will niemand.«
Guppenberger wagt eine andere Lesart. »Ich bin sehr skeptisch bei dieser Zwischengröße, wenn man die Geschichte von den 27,5 Zoll im Massenmarkt sieht. Ich sehe nur einen Hersteller, der die 30,5 gerade propagiert.« Auch Mavic hält sich öffentlich zurück und konzentriert die Vorbereitungen auf 32 Zoll. Ob 30,5 zur strukturellen Ergänzung wird oder die nächste 27,5er-Randgröße, gehört damit zu den interessanten offenen Fragen der kommenden zwei Saisons.
Akzeptanz und Optik
Die Akzeptanzfrage spiegelt das 29-Zoll-Drama von damals. In Online-Kommentaren tauchen Begriffe wie Hochrad auf, im Handel ist eine vorsichtige Zurückhaltung zu spüren. Grätz schreibt das einem psychologischen Mechanismus zu. »Die Leute geben sehr viel Geld für ihr Bike aus. Jetzt habe ich ein 29-Zoll-Bike, und plötzlich kommt etwas Neues. Dann will ich erst mal nicht wahrhaben, dass das, was ich mir gerade gekauft habe, jetzt zum alten Eisen gehört.« Wer 32 Zoll allerdings einmal gefahren ist, kippe schnell. Auch Berschandy ist von seinen Erfahrungen auf einem Mavic-Testbike beeindruckt. »In einigen Situationen war es unmöglich, dem 32-Zoll-Bike zu folgen.« Für sehr große Fahrer wirken die Räder zudem proportionsgerechter, Steuerrohre können kürzer ausfallen.
Offene Fragen und Risiken
Mehrere Variablen werden über Tempo und Reichweite der Verbreitung von 32 Zoll entscheiden. Die erste ist die Federgabel-Verfügbarkeit. Solange kein Massenhersteller den Knopf drückt, bleiben Castings teuer und die Auswahl überschaubar. Die zweite ist die 30,5-Zoll-Frage. Ohne klares Ergebnis bleiben kleine Rahmengrößen voraussichtlich auf 29 Zoll. Die dritte ist das E-Mountainbike-Segment, das aktuell stärker mit Motorleistung als mit Laufradgröße beschäftigt ist. »Das ist eher das Problem, das den Markt fast noch mehr beschäftigt«, merkt Guppenberger an. Und schließlich ist die Reifenaus-wahl im 32-Zoll-Format noch sehr begrenzt. Andererseits ist bei all diesen Themen auch erkennbar, dass dies schon bald erledigt sein wird.
Was wann zu erwarten ist
Ab Sommer und Herbst 2026 kommen die ersten Gravel-Bikes in 32 Zoll in den Markt, dazu einzelne Cross-Country-Modelle. Maxxis hat die ersten Reifen lieferbar, zwei breitere Trail-Reifen folgen im Spätherbst. Mavic plant die 32-Zoll-Alufelgen in Eigenfertigung für kommende Saison, zeitgleich rechnen die befragten Partner mit der Lieferbereitschaft der Federgabelhersteller. »Bis zum Frühjahr 2027 werden wir neue 32-Zoll-Bikes in den Läden sehen«, sagt Berschandy. Die anschließende Übergangsphase veranschlagt Grätz auf drei bis vier Jahre.
Ob am Ende eine Nische oder ein neuer Standard steht, ist noch offen. Berschandy erwartet großes Echo. »Ich glaube, dass alle voll mitziehen werden, all-in gehen.« Es ist tatsächlich denkbar, dass die großen Marken hier den Markt schneller vorantreiben könnten, als mancher derzeit erwartet. Anatol Sostmann, Director Product & Brand bei Rose, fasst die Marktperspektive nach erfolgreichen Testfahrten so zusammen: »Wir können beinahe von Euphorie sprechen. Die Erwartungen sind hoch. Mit Blick auf die Laufradgrößen-Geschichte prophezeie ich eine Entwicklung von der Nische zum neuen Standard.« Daneben hört man von vielen Marken ein lautes Schweigen zur neuen Laufradgröße. Hinter den Kulissen laufen ganz offensichtlich auf breiter Front entsprechende Vorbereitungen.
Natürlich spielt auch die wirtschaftliche Lesart eine Rolle, wie Berschandy erklärt. »Es ist auch das Ziel der Fahrradindustrie, Ware zu verkaufen. Es ist im Interesse aller, dass die Leute neue Dinge entdecken und diese dann kaufen wollen.« Michael Grätz ist weiter überzeugt, dass hier sehr großes Potenzial besteht: »Es ist nicht so, dass hier die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird. Kein Hersteller sagt, ›wir bauen jetzt einfach was Neues, nur damit wir was Neues haben‹. Wenn sich das Neue nicht gut fährt, wird es nicht gekauft.« Und wenn 32 Zoll tatsächlich so gut funktionieren, wie die bisherigen Erfahrungen versprechen, dann steht die Branche gerade vor einer gravierenden Umwälzung. //
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