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Skurriles und Revolutionäres gab es auf der Startup-Area in Friedrichshafen zu sehen
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Startup-Area auf der Eurobike

Das Rad wirklich neu erfunden

Die Stimmung ist gut wie nie in der Fahrradbranche. Wer klagt, tut das auf hohem Niveau. Und wie oft, wenn's gut läuft, macht die Kreativität einen Satz. Und bringt unter den Händen von Leuten, die für ihre Sache brennen, wirklich Revolutionäres, Schräges, einfach Neues hervor. Spannende, etwas andere Neuheiten und ihre Geschichten haben wir in der Startup-Area der Eurobike 2019 gesammelt.

Skurriles und Revolutionäres gab es auf der Startup-Area in Friedrichshafen zu sehenAllrad-Pedelec von EllioJorrit Heidbüchel von EllioPedale neu interpretiert - TatzePedale neu interpretiert - Tatze von Armin HofreiterPocket-PedalAqua-Quad - Monster auf vier Rädern mit Pedelec-TechnikMaximilian Camp auf seinem Steereon

Ellio: Doppelter Schub – doppelte Sicherheit?

„Wir wollen nicht dem Radfahrer ein schnelleres Rad geben – sondern dem Autofahrer mehr und bessere, sichere Kurzstrecken-Mobilität.“ Das sagt Jorrit Heidbüchel, der eigentlich aus dem Automotive-Bereich kommt. Als Mitarbeiter der Universität Lewen in Belgien hat der belgische Ingenieur sich an ein Novum gewagt, zusammen mit seinem Kollegen Tomas Keppens: Aktive Sicherheit fängt für die beiden dort an, wo andere schon lange denken: „fertig“: Beim zweiten Motor fürs E-Bike. Die beiden glauben, dass man S-Pedelecs durch einen Allradantrieb deutlich sicherer machen kann – zumindest wenn er so smart ausgestattet ist, wie das Ellio. Heidbüchel hat das Unternehmen IntuDrive zusammen mit Keppens gegründet, um das Ellio zu bauen. Der Kollege hat lange bei Toyota gearbeitet und bringt viele Erfahrungen daraus ins Unternehmen ein. Seit 2017 sind sie am Ellio dran, und jetzt ist das Rad mit Mittelmotor und vorderem Radnabenmotor nahezu fertig. Die beiden leisten etwa gut 50 Newtonmeter, summieren sich aber nach Angaben der Macher niemals vollständig auf 100, denn die schiere Leistung ist nicht Zweck des Konzepts. Auch, weil der Antrieb eine Antriebsschlupf-Regelung besitzt. Heißt: Auf dem Zwanzigzöller kann man auch im Stand mit voller Kraft in die Pedale treten – das Vorderrad verliert die Traktion nicht. Auch nicht auf dem Feldweg – wie wir wissen, ist das gerade für den Frontantrieb schon sehr sinnvoll.
Das andere wichtige Feature des Pedelecs: Ein automatischer Antrieb, "ähnlich dem wie er im Toyota Prius steckt", so Heidbüchel. Auf der rechten Lenkerseite kann man über ein Lenkerdisplay und Tasten die gewünschte Trittfrequenz einstellen, ähnlich wie man es von der Enviolo-Schaltung kennt. Gestartet wird grundsätzlich und automatisch im kleinen Gang, die gewünschte Trittfrequenz wird vom Start weg eingehalten. Sicherheit, Zuverlässigkeit und einfacher Gebrauch sind die drei Säulen, auf denen das Ellio-Konzept den beiden nachstehen sollte.
„Weil wir nicht vom Fahrrad, sondern vom Automotive-Bereich kommen, haben wir das S-Pedelec von einem ganz anderen Blickwinkel her entwickelt" erklärt der Macher. Wir wollen die aktive Sicherheit des Autos auf das S-Pedelec übertragen. Und es soll wartungsfrei und robust sein. Zur belgischen Markteinführung im Frühjahr 2020 ist dann auch ein ABS-System integriert. Wer das Ellio fährt, bemerkt neben dem ziemlich faszinierenden Schub tatsächlich, dass das Zwanzigzöller sehr ruhig läuft. Dass es wie auf Schienen um die Kurve zirkelt und sehr leichtfüßig Wendemanöver zulässt. Heidbüchel erzählt gar von erfolgreichen Tests auf Eisbahnen, wo die integrierte Antriebsschlupfregelung zeigen konnte, was in ihr steckt. Auch die Batterie, die den rautenförmigen Rahmen ausfüllt, kann sich sehen lassen: Bis zu 1150 Wattstunden soll sie haben. Das soll laut IntuDrive für 80 km bei Höchstgeschwindigkeit reichen. Natürlich muss ein Pendlerrad Details wie das gleichschließende Abus Plus Lock System haben. Auch ein Gepäckträger, der sämtliche Systemadapter aufnehmen kann, ist hilfreich. Guckt man genauer hin, kann man sehen, wie ernst die Robustheitsversprechen gehen: Die Schutzbleche sind so stabil, dass man das Rad durchaus daran heben kann.

Das englische Slogan von InTuDrive, „Move in Traffic“, ist doppeldeutig – er verspricht, dass man mit dem Ellio wirklich in Bewegung bleibt, auch wenn die Autos stehen. Aber auch, dass endlich Bewegung in die alte Mobilitätsform kommt. Auch wenn das Datum für Einführung des Ellio auf dem deutschen Markt noch nicht feststeht – Heidbüchel und Keppens wollten noch warten, wie sich hier die Infrastruktur entwickelt … Geduld ist angesagt. http://www.rideellio.com/

Slim fit – Pedale auf Diät

Man muss ja nicht das ganze Rad neu erfinden, oder? Manches passt ja durchaus so, wie es ist. Zum Beispiel das System aus Pedal und Kurbel. Oder? Jein. Natürlich passt das so – für die meisten. Aber ambitionierte Fahrer, vor allem im MTB-Bereich, könnten sich da noch Optimierung vorstellen. Leichtere, vor allem dünnere Pedale, die noch mehr Bodenfreiheit generieren könnten.

Wenn es um Pedale geht, ist Armin Hofreiter, Gründer von Tatze, schon lange findig. Sein Unternehmen hat in den letzten Jahren einige Pedale für den MTB-Sport in (Klein-)Serie hervorgebracht. Der neue Integral-Standart ist wirklich nichts anderes als eine kleine Revolution: Die Lagerung des Pedals sitzt nicht mehr in ebendiesem, sondern in der Kurbel; dort, wo sonst standardmäßig nur das Gewinde steckt. Der Effekt: Das sogenannte Blade-Pedal selbst kann quasi aus einem Stück und deutlich dünner und leichter gebaut werden. Drei Millimeter Stärke sind es am Rand des neuen Blade. Pins, die für die Rutschsicherheit der Plattform-Pedale sorgen, können nun komplett durch diesen dünnen Pedalkörper geschraubt werden. Er braucht nur halb so viele Bohrungen wie gewöhnlich, da nur eine Bohrung für je einen Pin nötig ist, die gleichermaßen oben und unten aus der Pedalfläche ragen. Somit ist das Pedal auch bei geringerem Gewicht steifer. Leichter ist es sowieso. Das Lager besteht aus einer Buchse mit zwei Industriekugellagern, die in die Pedalaufnahme an der Kurbel gepresst wird – und eben nicht in das Pedal selbst. Denn dieses geht sozusagen in seine eigene Achse über, die von dem Lager in der Kurbel aufgenommen wird. In Aluminium gefertigt, soll das ganze System 85 Gramm wiegen.
Armin Hofreiter setzt darauf, dass ein Hersteller seinen Standard bei den Kurbeln übernimmt und entsprechend am Integral-System mitwirkt. „Aber zunächst und für die erste Serie gehen wir davon aus, dass wir das System komplett produzieren“, sagt der Tiroler.

Erfahrungen damit dürfte er genügend haben, denn unter den Hardcore-Fahrern der MTB-Szenen sind seine Pedale bekannt. Das Add Flat etwa, das aus einem SPD-Pedal ein Flat macht. Oder das große MC-Air, das mit besonders viel Fläche aufwartet. https://tatze-bike.com

Pedal-Käfig zum Überziehen: Pocket Pedal

Nochmals Pedal: Rauf aufs Gravel- oder Crossbike und ab in die Arbeit? Oder kurz mal mit der Familie zum Eisessen? Leider verhindern Pedale oft die Alltags-Anwendung der Allrounder-Bikes, die heute stark im Trend stehen: Systempedale sind für Schuhe mit den entsprechenden Cleats perfekt, doch für viele Radfahrten wünscht man sich den Einsatz von Straßenschuhen – zum Beispiel, weil man, im Park angekommen, mit der Familie noch spazieren gehen will. Die Straßenschuhe finden jedoch auf Funktionspedalen mit SPD-SL- oder SPD-System keinen Halt, Adapter, die eine Plattform auf das System schaffen, sind rar und selten im Handumdrehen anzubringen.

Für dieses Problem hat Karl Birgir Björnsson jetzt eine Lösung: Er hat selbst lange nach einer Möglichkeit gesucht, bei kurzen Ausfahrten mit seiner Stieftochter mit normalen Schuhen unterwegs sein zu können. Zusammen mit einem Freund entwickelte er das Pocket Pedal. Das ist eine Art endloser Kunststoffring mit der Breite eines Flatpedals und einer rautenförmigen Seitenansicht. Sein Umfang erlaubt es gerade so, ihn über ein Systempedal zu schieben. Auf der Innenseite des Kunststoffrings sind im Material die entsprechenden Gegenstücke zum Clickpedal eingearbeitet. So kann statt des Cleats am Bikeschuh das Pocket Pedal im Systempedal einrasten.

Die Oberfläche des „Pedal zum Draufschieben und Einklicken“ sieht ihrerseits aus wie ein normales Flatpedal mit Pins. Auch wenn das Produkt komplett aus Kunststoff gefertigt ist, sollen diese rutschsichererer robust genug sein, um Straßenschuhen dauerhaft festen Halt zu geben. Vom Pedal gelöst wird der Problemlöser mit einer leichten, kräftigen Drehung – wie der Schuh mit Systemcleat an der Sohle. Die Vorteile von Pocket Pedals: Einfache, werkzeuglose Montage in Sekunden, einfacher Transport, geringes Gewicht. Das Pocket Pedal, das es bald auch für Look-Systeme geben soll, kostet in der Vororder 39 Euro. https://pocketpedals.com

Aqua Quad: Zum Brötchenholen ans Ufer radeln …

Der aufgedrehte, schon etwas ältere Herr ist sehr agil und überzeugt sofort durch die Leidenschaft mit der er sein Produkt erklärt. Er steht auf der Eurobike 2019 und präsentiert ein echtes Ungetüm: das Aqua Quad. Das Monstrum ist, wie der Name schon sagt, ein Vierrad – mit Allradantrieb. E-Motor und Antriebssteuerung machen es zu einem Pedelec.

Und die tonnenförmigen Fortsätze der Reifen? Sie sind der Garant dafür, dass man damit auch auf dem Wasser vorwärts kommt. Wie ein Schaufelraddampfer schöpfen diese „Reifen“ durch das Querprofil Wasser von der Oberfläche und schieben so das Gefährt weiter. Am Ufer angekommen, können diese Tonnen von den Rädern genommen werden. Dank grober Stollenreifen und E-Antrieb „schafft man es, wenn man am Ufer angekommen ist, jede Böschung hoch“, erklärt Mai mit einem stolzen Lächeln. Aber warum braucht man diese verrückten Dinger denn?

Der Wiener – eigentlich Zahnarzt – entwickelt Boote und schwimmende Inseln. Vor allem Inseln, auf denen Events wie zum Beispiel Konzerte veranstaltet werden. Oder solche, an denen man mit den entsprechenden Hausbooten andocken kann. Dann kann man „zum Beispiel zum Brötchenholen“, so der Wiener „morgens an Land fahren. Spinnerte Idee? Wer sich die Seite seines Boots- und Inselverleihs ansieht, kann feststellen, dass Mai damit durchaus erfolgreich ist. https://www.meine-insel.at , http://www.aquacon.at/

Doppelte Lenkung, doppelter Spaß

Der Beitrag von PLEV Technologies zum Thema „Neue Mobilität“: Das Steereon. Da schwingt „steuern“ und „Stereo“ mit, und das spricht für den Namefinder: Das Steereon ist ein Rad mit extrem kleinen Reifen – vorn einem 16er, hinten einem 12er, richtig fett sind sie beide – einen extrem kurzen Radstand und, das Hauptfeature: Beide Räder sind gelenkt. Dieses patentierte System ist es, was für Maximilian Camp und seinen beiden Gründungskollegen das Steereon auszeichnet. Das „Cruisen ist es, was Spaß macht, auch und vor allem in der City“, sagt der Marketing- und Finanzen-Verantwortliche Camp.

Entstanden ist das extrem kurze Bike mit faltbarer Lenksäule im Jahr 2017 aus einer Abschlussarbeit an der TH Köln. Professor Michael Frantzen stellte die Aufgabe, ein wirklich wendiges Fahrzeug für die letzten Kilometer zu entwickeln – ein Roller sollte es nicht werden. Die ersten Ergebnisse waren vielversprechend, die Hochschule sagte der Entwicklung ein Förderprogramm zu. So gings weiter. Heute hat das Steereon bereits für zwei Versionen (20 und 25 Stundenkilometer) die Straßenzulassung. Der Heinzmann-Motor im Vorderrad leistet 500 Watt und 65 Nm Drehmoment. Die Batterie ist seitlich aus dem Rahmen entnehmbar, die Kapazität soll für 50 Kilometer ausreichen. Das Rad wird voraussichtlich über den Handel und den eigenen Online-Shop vertrieben werden. Nach den letzten Prüfungen soll das Bike im Frühjahr 2020 in die erste Kleinserie gehen.

Dieser Carver, wie man das Rad auch nennen könnte, kann auf den Fußrasten stehend und im Sitzen gefahren werden. Ist der Sattel eingeschoben und der Lenker gefaltet, passt das knuffige Ding mit 20 Kilogramm Gewicht (ohne Straßenausstattung) in die meisten Kofferräume. Die Zielrichtung des Konzepts: Pendler, Hobby (Mobilitätshilfe auf dem Boot) und Funsport. Noch dieses Jahr soll das Steereon in Kleinserie produziert werden. Das Rad wird um die 3.000 Euro kosten, ist komplett in Deutschland produziert und soll einzigartigen Fahrspaß bieten.

Der ist allerdings für Anfänger nicht einfach abrufbar: Das Handling unterscheidet sich deutlich von dem des Fahrrads – es erinnert eher an ein Skateboard; entsprechend muss das Fahren einige Minuten geübt werden. Doch dann ist man „drin“: Mit kleinen Lenker-Schlenkern dreht man rasante Kreise, pest um die Ecke, schabt zentimetergenau an Hindernissen vorbei. Spaß dürfte es vor allem machen, quirlig die Engpässe zwischen den großstädtischen Hindernissen zu umcruisen.

Erwägt wird auch, schnellere Versionen zu bringen – vielleicht eine 35er. „Aber 45 Stundenkilometer werden es eher nicht sein – bei dem kurzen Radstand ist das schon sehr schnell“, sagt Maximilian Camp – und wir können das von der ersten Probefahrt her nur bestätigen. http://www.steereon.com

17. September 2019 von Georg Bleicher
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