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Report - Sicherheit

Der Diebstahlschutz der Zukunft

Der Diebstahlschutz bei hochwertigen Fahrrädern verändert sich gerade grundlegend. Mechanische Schlösser bekommen digitale Verstärkung. Vernetzte Systeme sollen E-Bikes nicht nur sichern, sondern sie auch dauerhaft mit ihren Besitzern verbinden.

Wann haben Sie zuletzt Ihr Auto mit einem Bügelschloss an einem Laternenmast gesichert? Vermutlich noch nie. Zum Wegtragen sind Autos zu schwer und moderne Fahrzeuge schützen sich längst mit elektronischen Wegfahrsperren, Alarmanlagen oder digitalen Schlüsseln. Radfahrenden hingegen blieb lange Zeit nur das Bügel- oder Kettenschloss für den Laternenmast. Das ändert sich gerade. Im Premiumsegment stehen immer mehr E-Bikes mit vernetzten Sicherheitssystemen zur Verfügung, die Motor, Akku und weitere Komponenten digital absichern. Kann man teure E-Bikes künftig also ähnlich sorglos abstellen wie moderne Autos – oder beginnt mit der neuen Technologie nur die nächste Runde im Wettlauf zwischen Herstellern und Diebesbande?
»Wer sein E-Bike abstellt, soll sich keine Sorgen um Diebstahl machen müssen«, sagt Dr. Gregor Dasbach, Leiter Digital Business bei Bosch eBike Systems. Das ist das erklärte Ziel vieler Hersteller. Specialized, Hepha, Avinox, Stromer oder Riese & Müller statten ihre Räder mittlerweile mit digitalen Schutzfunktionen aus, die weit über eine einfache Sperre hinausgehen. Das Grundprinzip ist bei allen Systemen ähnlich: Das E-Bike erhält eine digitale Identität, die es eindeutig mit seiner Besitzerin oder seinem Besitzer verknüpft, vergleichbar mit dem digitalen Schlüssel moderner Fahrzeuge. Erkennt das System den berechtigten Nutzer per Smartphone oder Display, werden Motor und weitere Funktionen freigeschaltet. Ohne diese Autorisierung bleibt das Rad gesperrt.

Wenn der Akku für Diebe wertlos wird

Einige Hersteller wie Bosch haben mit Technologien wie dem E-Bike Lock den digitalen Diebstahlschutz auf eine neue Stufe gehoben: Sie machen einzelne Komponenten nach einem Diebstahl unbrauchbar.


App-Funktionalitäten gewinnen an Bedeutung bei modernen Fahrradgenerationen ...

Bosch verfolgt mit dem E-Bike Lock ein ähnliches Prinzip wie die Hersteller von modernen Smartphones. Ohne PIN, Passwort oder biometrische Freigabe können Diebe die teuren Geräte nicht nutzen. Seitdem ist ihr Wert auf dem Schwarzmarkt deutlich gesunken. Einen ähnlichen Effekt erhofft sich Bosch nun auch bei E-Bike-Komponenten.
Zentrale Bauteile wie der Bosch-Akku lassen sich durch die digitale Sperre nicht mehr in anderen E-Bikes verwenden. Außerdem können die Komponenten in der App als gestohlen markiert werden. Das heißt: Rad und Akku können ihren Besitzern eindeutig zugeordnet werden. Für Diebesbanden ist das ein herber Schlag, denn seit Jahren werden Akkus gezielt zum Weiterverkauf geklaut. Der neue Ansatz verändert die Logik des Diebstahlschutzes: Nicht nur das Entwenden soll schwieriger werden, auch der Weiterverkauf gestohlener Teile wird schwieriger.

Druck auf Hersteller groß

Ob die neuen Anti-Diebstahl-Maßnahmen tatsächlich wirken, wird sich allerdings erst in ein paar Jahren zeigen. Bis dahin stehen die Hersteller unter Zugzwang. Denn der wirtschaftliche Schaden durch den Fahrraddiebstahl ist immens. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sank die Zahl der gestohlenen Fahrräder zwar von rund 180.000 Fällen im Jahr 2015 auf etwa 115.000 im Jahr 2025. Aber der Schaden pro gestohlenem Fahrrad erreicht seitdem jedes Jahr einen neuen Höchststand. Lag er 2020 noch bei durchschnittlich 870 Euro, erreichte er 2025 mit 1.270 Euro. Der Grund: die wachsende Zahl hochwertiger E-Bikes in den Verkaufs- und damit auch Diebstahlszahlen. Allerdings bleibt ein Teil der Diebstähle unsichtbar. Dunkelfeldstudien des Landeskriminalamts Schleswig-Holstein deuten darauf hin, das dort nur etwa jeder zweite Fahrraddiebstahl überhaupt gemeldet wurde. Auch das ist eine bemerkenswerte Marktveränderung. Vor wenigen Jahren ging man noch davon aus, dass bis zu 90 Prozent der Fahrraddiebstähle nicht angezeigt werden.

Wie sicher ist der digitale Schlüssel?

Mit der zunehmenden Vernetzung des Fahrrads entsteht für Diebe allerdings auch eine neue Angriffsfläche. Denn wo Software und Cloud-Dienste zum Bestandteil des Produkts werden, muss auch die digitale Infrastruktur dauerhaft geschützt werden.


... nicht zuletzt weil Versicherungen immer häufiger auf digitale Absicherung pochen.

Bosch hat eine eigene Cybersecurity-Strategie. »Es geht um die umfassende Absicherung der Softwarefunktionen des E-Bikes und der Daten unserer Nutzerinnen und Nutzer«, sagt Dasbach. Zur Strategie gehören verschlüsselte Daten, abgesicherte Kommunikationswege und regelmäßige Software-Updates über die E‑Bike-Flow-App. Auf diese Weise sollen Sicherheitslücken geschlossen und neue Angriffsmethoden frühzeitig erkannt werden.
Aber was passiert, wenn ein Hersteller diese Infrastruktur nicht dauerhaft betreiben kann? Wenn er den Betrieb einstellt, die Server abschaltet oder die Software-Updates ausbleiben? Die Insolvenz von VanMoof hat gezeigt, welche Probleme entstehen, wenn zentrale Funktionen eines Fahrrads über App und Cloud-Dienste laufen.
Für den Diebstahlschutz bedeutet das: Die digitale Identität eines Fahrrads muss langfristig genauso zuverlässig funktionieren wie ein gutes mechanisches Schloss. Hersteller stehen deshalb vor der Aufgabe, nicht nur neue Funktionen zu entwickeln, sondern auch Fragen zu Update-Zeiträumen, Datenzugang und der Unterstützung älterer Modelle zu klären.

Wettlauf zwischen Herstellern und Angreifern

Dass digitale Sicherheit kein Selbstläufer ist, zeigt der Blick in andere Bereiche der E-Bike-Technologie. Beim Tuning von Motoren liefern sich Hersteller wie Bosch, Shimano oder Brose seit Jahren ein Katz-und-Maus-Spiel mit Anbietern von Tuningmodulen.
Andreas Gahlert, Vordenker für digitale Mobilität, sieht beim Diebstahlschutz jedoch einen entscheidenden Unterschied. »Beim Tuning wird ein Modul zwischen Geschwindigkeitssensor und Motorsteuerung eingebaut, das die Signale des Sensors verändert«, sagt er. Dem Motor werde eine niedrigere Geschwindigkeit vorgegaukelt, selbst wenn die 25 km/h bereits überschritten seien.

»E-Bike-Kunden mit Versicherung müssen an laufenden Kosten nur noch die Inspektion bezahlen.«

Eric Lenz, Lenz E-Bikes

Beim digitalen Diebstahlschutz sei eine solche Manipulation deutlich schwieriger. »Das E-Bike-System prüft die in der Cloud verwaltete verschlüsselte Berechtigung des Nutzers, bevor die System- oder Komponentenunterstützung freigeschaltet wird«, sagt Gahlert. Für einen Dieb sei es damit praktisch nicht mehr möglich, die Motorunterstützung ohne die digitale Berechtigung des Eigentümers freizuschalten.

Der Fahrradständer als Schloss

Digitale Sicherheit muss nicht immer spektakulär aussehen. Die nächste Generation des Diebstahlschutzes entsteht nicht nur durch komplexe Software, sondern auch durch Lösungen, die sich unauffällig in den Alltag integrieren. Auf der Eurobike zeigten Hersteller aus Asien Lösungen, die digitale Sicherheit mit praktischer Nutzung verbinden und den Schutz stärker an den Alltag der Besitzerinnen und Besitzer anpassen.
Ein Beispiel ist der intelligente Fahrradständer. Er macht aus einem Bauteil, das bislang nur das Fahrrad abstützt, einen Teil des Sicherheitssystems. Sobald der Ständer ausgeklappt wird, blockiert das Hinterrad und das gesamte E-Bike-System wird verriegelt.
Besonders interessant ist diese Lösung für Familien, die im Alltag mit dem Cargobike unterwegs sind. Wer morgens die Kinder zur Kita bringt, noch kurz beim Bäcker anhält und anschließend zum Supermarkt fährt, muss so nicht jedes Mal einen Schlüssel suchen oder eine App öffnen.
Der Ansatz zeigt, wohin sich der E-Bike-Markt entwickeln könnte: Sicherheit wird nicht mehr als einzelne Zusatzfunktion verstanden, sondern konsequent im gesamten Bike mitgedacht. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sich Hersteller von E-Bike-Systemen und Komponenten einander öffnen und ihre Technologien enger aufeinander abstimmen. So lassen sich Mechanik und Software nahtlos miteinander verbinden

Smarter Diebstahlschutz, nicht für jedes Rad die beste Lösung

Momentan bleibt der digitale Diebstahlschutz vor allem ein Angebot fürs Premiumsegment. GPS-Tracker und einzelne Alarmsysteme lassen sich zwar bei vielen Fahrrädern nachrüsten. Eine vollständige Integration in Motor, Akku und Steuerung ist bei älteren E-Bikes jedoch kaum möglich, weil die Komponenten von Beginn an miteinander kommunizieren müssen.
Doch selbst bei hochwertigen E-Bikes ist die digitale Absicherung nicht immer die einzige passende Lösung. Andreas Gahlert sieht den größten Nutzen dort, wo Fahrräder regelmäßig längere Zeit unbeaufsichtigt im öffentlichen Raum stehen – »etwa für City-, Urban- oder Trekkingräder«, sagt er. Bei E-Mountainbikes dagegen, die überwiegend für Trails oder Touren genutzt und selten unbeaufsichtigt abgestellt werden, sei ein solcher Hightech-Schutz möglich, aber nicht zwingend. Gleiches gelte für hochwertige Fahrräder ohne Motor: Hier könne ein GPS-Tracker mit eigener Batterie zwar sinnvoll sein. Da sich ein Fahrrad trotz Alarm aber einfach wegtragen und der Tracker später entfernen lasse, bleibe ein hochwertiges mechanisches Schloss die wichtigste Sicherheitsmaßnahme.

Schloss aus Stahl zur Abschreckung

Der digitale Schutz hat eine Schwachstelle: Man sieht ihn nicht. Deshalb gehört für den Fahrradhändler Eric Lenz, der in Kelheim im Taunus seine E-Bike-Boutique betreibt, das mechanische Schloss weiterhin zur Grundausstattung von teuren E-Bikes. »Es ist die erste sichtbare Hürde«, sagt er und stellt gleichzeitig klar: »Kein noch so guter Diebstahlschutz schützt tatsächlich vor Diebstahl.« Mit einer Akkuflex könne man letztlich jedes Schloss knacken. Seine Devise ist deshalb: es den Dieben so schwer wie möglich zu machen. Dazu gehört für ihn, mehrere Schutzebenen zu kombinieren.
Bei Riese & Müller gehört die Kombination aus digitaler Sicherung und mechanischem Schutz schon seit Längerem zur Produktstrategie. Obwohl laut Steffen Dautzenberg, Product Manager Connectivity bei Riese & Müller, inzwischen rund 80 Prozent der E-Bikes des Unternehmens serienmäßig mit dem RX-Chip ausgestattet sind, ist die Beratung im Fachhandel entscheidend, damit die Kundinnen den Service auch nutzen. Für Eric Lenz gehört das Gespräch über GPS-Ortung und Versicherung mittlerweile zum Standard, wenn er hochwertige E-Bikes verkauft. »Ein GPS-Sender kann die Chancen erhöhen, ein gestohlenes Fahrrad wiederzufinden, insbesondere, wenn die Ortung innerhalb von 24 Stunden erfolgt und die Polizei eingebunden wird«, sagt er.
Einige seiner Kundinnen und Kunden hätten ihr Fahrrad auf diesem Weg tatsächlich zurückbekommen. In anderen Fällen sei vor Ort allerdings nur noch der GPS-Chip gefunden worden.
Für ein E-Bike im Wert von rund 5000 Euro kostet die Police laut Lenz je nach Anbieter etwa 150 bis 180 Euro im Jahr. Die Versicherungen gehen inzwischen oft über den reinen Diebstahlschutz hinaus und umfassen beispielsweise Verschleiß, Schäden durch Diebstahl oder weitere Serviceleistungen. »Das Leistungspaket hat sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert«, sagt Lenz und sei mittlerweile umfassender als Autoversicherungen. »E-Bike-Kunden mit Versicherung müssen an laufenden Kosten nur noch die Inspektion bezahlen«, sagt er.
Riese & Müller gehört zu den Herstellern, die aus dem Diebstahlschutz ein Serviceversprechen entwickelt haben. Das Unternehmen kombiniert Tracking-Lösungen, Versicherungsangebote und weitere Services zu Paketen, die nicht nur im Fall eines Diebstahls helfen sollen, sondern generell eine sorgenfreie Mobilität versprechen. »Es geht uns um eine unbeschwerte Mobilität mit dem Fahrrad, die einem jede Freiheit lässt, weil man sich keine Sorgen mehr machen muss, im Alltag wie auf Reisen«, sagt Dautzenbach.

Weniger attraktiv für Diebe

Das vernetzte E-Bike wird auch in Zukunft wahrscheinlich nicht ohne ein gutes mechanisches Schloss auskommen. Doch die neue Technologie verändert die Spielregeln: Ein gestohlenes Fahrrad lässt sich schwerer nutzen, schlechter weiterverkaufen und mit größerer Wahrscheinlichkeit wiederfinden. Das ist der entscheidende Wandel. Trotzdem bleibt auch das vernetzte E-Bike nicht ohne Reiz für Langfinger. Denn es ist wertvoll, leicht zu transportieren und im Alltag überall verfügbar. Der Wettlauf zwischen Herstellern und Dieben wird also weitergehen. //

1. Oktober 2026 von Andrea Reidl

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