
Kolumne - Gegenwind
Der leere Trichter
... Achtzehn Bewerbungen auf eine Sales-Stelle. Achtzehn Mal männlich, keine einzige Frau darunter. Der Trichter war schlicht leer, bevor der Auswahlprozess überhaupt beginnen konnte. Meine Co-Autorin ist Geschäftsführerin einer Fahrradmarke. Also hat sie die Stellenausschreibung noch einmal gelesen. Und noch einmal. Irgendwann stellte sich nicht mehr die Frage, warum sich keine Frau beworben hatte, sondern warum sie es überhaupt tun sollte.
Die Fahrradbranche sucht die immer selben Menschen auf denselben Wegen und wundert sich anschließend, dass sie immer dieselben Menschen findet.
Die Fahrradbranche sucht die immer selben Menschen auf denselben Wegen und wundert sich anschließend, dass sie immer dieselben Menschen findet.
Unsere Bewerbungsstapel sind erstaunlich homogen. Männlich, Mitte dreißig, fahrradaffin. Dagegen ist nichts einzuwenden, viele davon sind hervorragend qualifiziert. Das Problem beginnt erst, wenn alle denselben Blick auf Markt, Produkt und Kundschaft mitbringen. Wer immer gleich besetzt, entwickelt irgendwann auch nur noch für Menschen, die ähnlich ticken.
Dabei liegen die Zahlen schon auf dem Tisch. Die Studie Wirtschaftsfaktor Frau von Women in Cycling Germany zeigt auf, dass Frauen zwar 51 Prozent der Bevölkerung stellen, aber nur für 38 Prozent des Marktvolumens sorgen. Bis 2030 liegt das zusätzliche Marktpotenzial laut Studie bei bis zu 950 Millionen Euro.
950 Millionen Euro, wir wiederholen das gern für alle, die Diversität noch immer für ein HR-Thema halten. Eine Branche, die gleichzeitig über Absatzprobleme klagt, lässt hier sehenden Auges Umsatz liegen.
Wer soll diese Zielgruppe verstehen, wenn sie in Produktmanagement, Vertrieb oder Entwicklung kaum vertreten ist? Es geht nicht darum, dass nur Frauen Produkte für Frauen entwickeln können. Es geht darum, dass homogene Teams häufiger dieselben Fragen stellen und dieselben Antworten finden.
Die Studie zeigt außerdem, dass Radfahrerinnen andere Prioritäten setzen. Sicherheit, Ergonomie und Passform gehören zu den wichtigsten Kaufkriterien.
Das sind keine Sonderwünsche. Das ist ein Markt, den wir noch immer behandeln, als wäre er eine Nische.
Vielleicht beginnt das Problem schon viel früher, nämlich bei der Stellenausschreibung. Viele lesen sich, als suche man den Kapitän einer World-Tour-Mannschaft. Voller Szenesprache und Leistungsvokabular. Sie sprechen genau die Menschen an, die ohnehin schon da sind. Alle anderen lesen gar nicht erst weiter.
Diversität entsteht nicht zufällig und auch nicht durch ein Teamfoto auf der Karriereseite. Entscheidend ist, wer Produkte entwickelt, Budgets verantwortet und Strategien gestaltet.
Die Stelle wurde übrigens besetzt. Mit einem guten Mann. Und mit der Erkenntnis, dass wir beim nächsten Mal nicht wieder denselben Trichter aufstellen werden, um anschließend vom Ergebnis überrascht zu sein. Vielleicht leidet unsere Branche gar nicht unter Fachkräftemangel, sondern nur unter einem erstaunlich engen Bild davon, wie Fachkräfte aussehen.
Karla Sommer verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Sie betreibt mit Velokin ihre eigene Handelsagentur. Jessica Schumacher ist Geschäftsführerin der Kompaktradmarke i:SY.
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