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Kolumne - Gegenwind

Die Sache mit der Kritikfähigkeit

Die Fahrradbranche liebt starke Persönlichkeiten. Gründer-Egos. Menschen, die angeblich Klartext reden. Wobei mit Klartext erstaunlich oft gemeint ist, dass Männer sich gegenseitig mit markigen Ansagen dekorieren, solange niemand...

... emotional wird. Wirklich interessant wird es erst, wenn eine Frau einem Mann sachlich erklärt, dass er gerade keinen besonders guten Führungsjob macht. Dann endet die viel zitierte Offenheit oft abrupt an der empfindlichen Außengrenze des männlichen Selbstbildes.
Die Geschichte, die jetzt kommt, haben wir gemeinsam aufgeschrieben. Weil sie genau dort beginnt, wo viele Diskussionen über moderne Führung plötzlich unangenehm werden. Und weil einer von uns sie erlebt hat.
Andi arbeitete gemeinsam mit seiner designierten COO an einem wichtigen Vertrag. Sie lieferte sauber vor. Präzise, strukturiert, professionell. Sein Feedback fiel knapp aus. Für ihn effizient. Für sie der komplexen Situation nicht angemessen und respektlos. Ihre Reaktion entsprechend kühl.
Auf seine Nachfrage folgte keine weichgespülte Business-Diplomatie, sondern eine klare Ansage. Zu wenig Feedback. Zu unkonkret.
Und jetzt passierte etwas, das vermutlich viele Männer aus dem Management kennen, aber kaum jemand offen zugibt. Er war beleidigt. Nicht laut. Nicht sichtbar. Sondern innen. So unmittelbar gekränkt, dass an konstruktive Reflexion erst mal nicht mehr zu denken war.
Nicht, weil die Kritik falsch gewesen wäre. Sondern weil sie ihn an einer Stelle traf, an der Professionalität plötzlich sehr persönlich wurde.
Das eigentlich Spannende begann allerdings erst später. Nämlich in dem Moment, in dem ihm klar wurde, dass sein Problem nie die Kritik selbst gewesen war. Sondern die Person, von der sie kam.
Plötzlich war sie in seinem Kopf nicht mehr die kompetente COO, sondern die Frau, die ihn verletzen wollte. Zu hart. Zu direkt. Zu emotional. Zu aggressiv. Obwohl sie schlicht ihren Job gemacht hatte. Und obwohl sie, wie er heute selbst sagt, mit allem recht hatte.
Genau darin steckt eine der unbequemsten Wahrheiten moderner Unternehmenskultur. Männer erzählen sich bis heute gerne, sie wollten ehrliches Feedback. Was viele tatsächlich meinen, ist Zustimmung mit Optimierungshinweis. Schulterklopfen in sportlicher Tonlage. Sobald Kritik jedoch von einer Frau klar und ohne verbales Wattepad formuliert wird, entwickelt die Situation plötzlich ein erstaunliches Eigenleben.
Dann wird nicht mehr der Inhalt bewertet, sondern die vermeintliche Absicht dahinter. Sie wolle verletzen. Sie sei schwierig. Zu emotional. Dabei liegt die eigentliche Emotionalität oft auf der anderen Seite des Tisches. Nur gesellschaftlich deutlich besser getarnt.
Vielleicht ist genau das die unangenehmste Erkenntnis dieser Geschichte. Nicht, dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizieren. Sondern dass viele Männer sich selbst für ausgesprochen kritikfähig halten, solange Kritik männlich codiert ist. Rau. Sportlich. Kameradschaftlich. Sobald eine Frau dieselbe Klarheit formuliert, kippt das Gespräch plötzlich von der Sachebene auf die Beziehungsebene.
Dann geht es nicht mehr um Führung oder Zusammenarbeit. Sondern um verletzte Selbstbilder.
Und vielleicht beginnt gute Führung genau an diesem Punkt. Dort, wo man den eigenen Reflex erkennt, sich angegriffen zu fühlen und trotzdem in der Lage bleibt, zuzuhören.

Karla Sommer verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Sie betreibt mit Velokin ihre eigene Handelsagentur. Andi Schmidt ist seit vielen Jahren in der Branche aktiv und heute Key-Account-Manager bei Zweirad Union.

Heute um 09:00 von Karla Sommer und Andi Schmidt
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