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Markt - Personalsuche

Der steinige Weg zu neuem Personal

Der Fachkräftemangel in der Fahrradbranche ist seit vielen Jahren ein Problem. Vor allem in der Werkstatt fehlt fachkundiges Personal. Doch es gibt Wege, um die Not erfolgreich zu bekämpfen.

Seit Ausbruch der Coronapandemie im Jahr 2020 geht es im Fahrradfachhandel rund. Die Umsätze haben sich seitdem zumeist prächtig entwickelt. Auch 2022 soll der Boom anhalten, so das Ergebnis der YouGov-Umfrage, die im März 2022 erschien. Demnach planen 23 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in diesem Jahr ein Fahrrad oder E-Bike zu kaufen oder haben dies bereits getan. So weit die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite klagen Händlerinnen und Händler seit Langem über fehlendes Personal. Sie geraten damit zusehends unter Druck.

Den Nachwuchs anlocken

Ein Blick in den BiBB-Datenreport 2020 vom Bundesinstitut für Berufsbildung stützt zunächst die These, die Pro­bleme seien auch hausgemacht. Hatten im Jahr 2000 bundesweit noch 57 Prozent der Betriebe eine Ausbildungsberechtigung, waren es 2018 nur noch 52 Prozent. Betrachtet man die tatsächliche Ausbildungsaktivität der Betriebe, folgt der nächste Dämpfer: Von den 52 Prozent berechtigter Betriebe im Jahr 2018 bildeten nur 53 Prozent tatsächlich aus. Dabei gäbe es gute Gründe, in die Ausbildung einzusteigen. Ein Ausbildungsplatz ist in der Regel leichter zu besetzen und eine Investition in die Zukunft.
Auf der Suche nach Azubis bieten sich Schulkooperationen an. »Neben der direkten Kontaktaufnahme zu einer Schule lohnt sich auch die Anfrage bei Fördervereinen. Denn diese sind bereits an vielen Schulen eine feste Institution«, ergänzt Valeska Martin, Referentin am Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA, siehe Kasten). Andreas Kulbatzki, seit Anfang des Jahres 2021 Alleininhaber von Nordbikes in Bremen im Stadtteil Woltmershausen, sammelte bereits gute Erfahrungen mit Schulpraktika. Nur in der Hochsaison seien diese zu herausfordernd. »Wir haben eine hohe Anzahl von Praktikumsanfragen, können aber leider nicht jedem einen Platz anbieten. Dafür fehlt uns in der Saison einfach die Zeit. Man möchte ja einem Praktikanten genug Aufmerksamkeit schenken, viele Sachen erklären und zeigen und passende Aufgaben für ihn oder sie finden. All das ist ziemlich kompliziert im laufenden Betrieb.«
Wer auf Schulen zugehen möchte, kann auch Betriebsführungen für Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler anbieten. »Schulämter, Lehrerverbände und -gewerkschaften oder die örtlichen Kammern sind weitere Ansprechpartner, die Händlerinnen und Händler unterstützen können«, rät Valeska Martin. »Um die junge Zielgruppe auf Angebote wie Schnupperpraktika aufmerksam zu machen, können Anzeigen in Schülerzeitungen helfen. Die Schaltung der Anzeige finanziert zudem die Schülerzeitung mit und zeigt der Öffentlichkeit das Engagement des Betriebes.«
Da viele Maßnahmen der persönlichen Kontaktaufnahme derzeit wegen Corona nur eingeschränkt genutzt werden, sollten virtuelle Ausbildungsmessen verstärkt in den Blick genommen werden. »Wie in der realen Welt haben junge Erwachsene auch hier die Chance, sich mit Händlerinnen und Händlern über einen Live-Chat zu unterhalten. Bei manchen Messen können vorab auch Termine vereinbart werden«, erklärt Valeska Martin. »Aus der Praxis wissen wir auch: Die Hemmschwelle von Jugendlichen ist online deutlich geringer. Kandidatinnen und Kandidaten, die auf einer realen Messe zu schüchtern sind, um Ausbildungsbetriebe direkt anzusprechen, sind im Live-Chat plötzlich viel aktiver.« Eine noch größere Baustelle, als Ausbildungsplätze zu besetzen, ist die Gewinnung von voll einsetzbaren Fachkräften.

Mitarbeitende als Markenbotschafter

Mitarbeiterempfehlungen sind daneben wohl die vertrauenswürdigste Variante der Personalgewinnung. Sind die eigenen Angestellten passionierte Bikerinnen und Biker und in soziale Netzwerke eingebunden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dort weitere fahrradaffine Personen zu finden. Außerdem wissen Mitarbeitende sehr gut, wer in ihr Team passt, und sie agieren authentischer. Fehlbesetzungen sind deshalb unwahrscheinlicher. Händlerinnen und Händler sollten daher ihrem Team Bescheid geben, wenn das Personal aufgestockt werden soll, und auch kommunizieren, dass Empfehlungen – auch über Social-Media-Kanäle – ausdrücklich gewünscht sind. »Damit sich die neugewonnenen Unternehmensbotschafterinnen und -botschafter in ihrer Rolle sicher fühlen, ist es sinnvoll, im Vorfeld Social-Media-Guidelines zur Verfügung zu stellen. Zudem sollten Unternehmen den Mitarbeitenden eine Schulung in diesem Bereich ermöglichen«, gibt Valeska Martin Arbeitgebern mit auf den Weg. Eine Prämie für die, die in ihrem Freundeskreis erfolgreich geworben haben, stärkt das Engagement. Sollten auf eine Empfehlung ungeeignete Bewerbungen eingehen, sollte schon im Vorfeld klar sein, dass dies nicht den eigenen Mitarbeitenden zur Last gelegt wird.

Stellenanzeigen eindeutig formulieren

Händlerinnen und Händler, die eine Stellenanzeige schalten möchten, sollten diese so eindeutig und klar wie möglich formulieren und die Zielgruppe, die sie erreichen möchten, genau definieren. Die Zusammensetzung des aktuellen Teams und der Kundschaft kann hierfür eine Richtschnur sein. Ältere Bewerberinnen und Bewerber, Frauen, Geflüchtete, Studienabbrecherinnen und -abbrecher können Zielgruppen sein, auf die sich andere Händlerinnen und Händler vielleicht nicht fokussieren, wodurch sich die Chance erhöht, Personal zu finden.

»Wir setzen bei der Personalsuche vor allen Dingen auf Praktika, vor allem Schulpraktika und Mund-Propaganda.«

Andreas Kulbatzki, Nordbikes in Bremen

In der Stellenanzeige sollten nicht nur die Anforderungen, sondern auch die eigenen Leistungen aufgeführt werden. Nach Wichtigkeit abgestuft erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, passgenauere Bewerbungen zu erhalten. Die Angabe einer konkreten Ansprechperson für Rückfragen optimiert die Anzeige. Zugeständnisse in Form von Angaben zu Qualifikationen, die auch nach der Anstellung noch gelernt werden können, erweitern das Spektrum potenzieller Bewerberinnen und Bewerber.

Online-Kanäle für die Personalsuche

Die ausformulierten Stellenanzeigen kann man sowohl online als auch offline veröffentlichen. Anzeigen in Printmedien, insbesondere in klassischen Fahrradzeitschriften, sind allerdings selten geworden. Sie werden eher für das Employer Branding genutzt. Unternehmen, die gleichzeitig sehr viele Stellen neu besetzen wollen, präsentieren sich dort als attraktive Arbeitgeber.
Neben der hauseigenen Online-Stellenbörse auf velobiz.de fokussieren sich auch bikejobs.de, fahrrad-berufe.de und eurobike.com auf das Bike-Business. Der Möglichkeit der einfachen Schaltung des Stellenangebots für eine bestimmte Zeit stehen für einen Aufpreis auch Top-Platzierungen, Zusatz-Features, wie eine Logo- und PDF-Integration, und längere Laufzeiten gegenüber. Die oben genannten Plattformen arbeiten selbstständig, bieten aber auch partnerschaftliches, sogenanntes Multiposting an, wodurch die Reichweite spürbar erweitert wird.
Stellenanzeigen großer Unternehmen sollten sich von denen kleinerer Betriebe unterscheiden. Während Großkonzerne mit einer sachlichen Darstellung punkten, kommen kleinere Betriebe mit Stellenangeboten, in denen es »menschelt«, leichter zum Ziel. Ein Text, formuliert mit einem Augenzwinkern, lockt dort Mitarbeitende an, die ein familiäres Umfeld suchen. Viele kleine Händler scheuen diese Form der Ansprache allerdings.
Das Maximale an Bewerbungsanzahl holen Händlerinnen und Händler heraus, wenn die Anzeige in einer Generalisten-Jobbörse wie »StepStone« und in mehreren Bike-Spezialisten-Jobbörsen veröffentlicht wird. Gerade Werkstattpersonal ist derzeit sehr schwer zu finden. Wenn man seine Hoffnungen auch auf Bewerbungen von Quereinsteigerinnen und -einsteigern zum Beispiel aus der Autobranche setzt, lohnt sich die Schaltung der Stellenangebote auch bei Generalisten. Das Gleiche gilt für die Azubi-Suche und die Personalsuche in abgelegenen Regionen. Ein Irrtum zieht sich bei der Frage nach dem Einbeziehen von Generalisten nach wie vor durch die Branche. Viele Arbeitgeber meinen, das umfassendste Register der Stellenschaltung müsse nur dann gezogen werden, wenn Führungspositionen zu besetzen sind. Die Erfahrung zeigt aber, dass dies vielmehr notwendig ist, wenn die Stellen per se schwer zu besetzen sind. Dann gilt: Nur viel hilft viel. Deshalb sollten offene Stellen auch auf allen Social-Media-Kanälen des Betriebs veröffentlicht werden.


Andreas Kulbatzki hat bereits gute Erfahrungen mit kreativer Personalsuche, etwa bei Azubis, gemacht.

Auch die Agentur für Arbeit hat ihr Portfolio vor allem in Gegenden und Städten mit relativer Vollbeschäftigung geändert und tritt inzwischen als beratende Behörde für Arbeitgeber auf (vgl. arbeitsagentur.de/unternehmen).
Für das anschließende Bewerbungsprozedere setzt Andreas Kulbatzki, der für sein fünfköpfiges Nordbikes-Team gerade nach einer Verstärkung sucht, auf kurze Wege. »Für den Erstkontakt reichen mir eine E-Mail oder ein Bewerbungsschreiben. Danach sehen wir schon, ob wir zueinander passen.«

Employer Branding

Die Darstellung eines Betriebs als attraktiver Arbeitgeber, sogenanntes Employer Branding, bewährte sich in den letzten zwei Jahrzehnten insbesondere in den Regionen, in denen Händlerinnen und Händler mit anderen Arbeitgebern, die besser zahlen können, konkurrieren müssen oder in denen die Arbeitslosenquote sehr niedrig ist. Andreas Kulbatzki ist ein Profi des Employer Brandings. In seiner »Neujahrsansprache von Nordbikes« auf seinem Youtube-Kanal zum Jahreswechsel liefert er einen authentischen, transparenten und unterhaltsamen Jahresrückblick auf 2021 und -ausblick auf das Jahr 2022, inklusive Danksagung an seine Mitarbeiterin und Mitarbeiter. Er gibt einen detaillierten Einblick in seine Betriebsstrategie, aber auch in die Liefersituation in der Fahrradbranche, in die Personallage etc. Am Ende meint man, sein Geschäft in- und auswendig zu kennen – ein gelungenes Employer Branding also.
Im Sinne dieser unternehmensstrategischen Maßnahme kann auch eine Karrierewebseite gestaltet werden. »Eine Karrierewebseite, eingebunden in den eigenen Internetauftritt, bietet enorme Vorteile. Sie ist an 365 Tagen im Jahr 24 Stunden am Tag für potenzielle Bewerberinnen und Bewerber erreichbar«, hebt Valeska Martin vom KOFA hervor. »Die Seite sollte neben Informationen über den Betrieb, das Team und die Unternehmenskultur auch Karriere- und Weiterbildungsmöglichkeiten aufzeigen. Aktuelle Stellenangebote und unterschiedliche Bewerbungsvarianten runden das Angebot ab.«

Gehalt und Benefits im Job

Potenzielle Bewerberinnen und Bewerber schauen aber auch auf das Gehalt. Mieten müssen bezahlt, die Lebenshaltungskosten finanziert werden. Höhere Gehälter auch schon während der Ausbildung steigern ohne Frage die Attraktivität des Betriebs. Schließlich stehen auch lange und stressige Arbeitszeiten und Wochenendarbeit an.
Neben einem guten Gehalt können Händlerinnen und Händler mit weiteren Benefits auf sich aufmerksam machen. Der Nordbikes-Inhaber Kulbatzki bietet seinem potenziellen Neuzugang eine ganze Reihe von Vorzügen: »Zum Jahreswechsel reduzierte ich die Öffnungszeiten, sodass nun alle im Team auch einen freien Montag haben. Gleichzeitig sorgen Betriebsferien dafür, dass wir auch einmal in Urlaub fahren können. Stress im Arbeitsalltag wird durch eine strikte Terminvergabe in der Werkstatt und im Verkauf abgebaut.« Das Thema Gesundheitsschutz steht bei Nordbikes ebenfalls hoch im Kurs. »Ein Bike-Lift bzw. Fahrradkran in der Werkstatt ermöglicht rückenschonendes Arbeiten«, freut sich Andreas Kulbatzki über seine Neuerwerbung. Die Zufriedenheit seines Teams liegt ihm am Herzen: »Daher gibt es in unserem Laden regelmäßig Leckereien zum Frühstück und verschiedene finanzielle Boni. Jeder aus unserem Team hat ein Dienst-E-Bike, und zwar mit bester und aktuellster Ausstattung, die man momentan haben kann. So bleiben alle mobil und wissen aus eigener Erfahrung, welche Räder bei Nordbikes verkauft werden.«
In größeren Städten ist das Angebot eines Jobtickets für den öffentlichen Nahverkehr eine weitere Möglichkeit einer guten Außendarstellung. »Außerdem legen wir großen Wert auf die Weiterbildung unseres Teams«, ergänzt Kulbatzki noch den letzten Punkt auf seiner Benefits-Liste. Ein wichtiger Aspekt wie auch der Punkt, der ganz oben auf seiner Liste steht: »Wir sind zueinander ehrlich und können offen sagen, was einem eventuell nicht passt, oder was man anders machen könnte, und wir lachen viel zusammen, das verbindet.«

5. Mai 2022 von Dorothea Weniger
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