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Kolumne - Gegenwind

Die Angst vor dem Ökosystem

Die Fahrradbranche liebt Netzwerke. Solange jemand die Einladungen verschickt. Solange klar ist, wer die Agenda bestimmt und wer am Kopfende des Tisches sitzt. Solange man...

... weiß, wohin die Kritik zu richten ist. Was die Branche deutlich weniger mag, sind Ökosysteme.

Die sind unordentlich. Sie entstehen nicht auf Beschluss eines Vorstands, nicht durch Organigramme und auch nicht durch strategische Freigaben. Sie wachsen. Menschen verbinden sich, weil sie gemeinsame Interessen haben, ähnliche Herausforderungen teilen oder dieselbe Vision verfolgen.
Während vielerorts noch darüber diskutiert wird, wie man Talente gewinnt, entwickelt oder hält, passiert längst etwas anderes. Quer durch die Branche entstehen neue Verbindungen zwischen Industrie, Handel, Wissenschaft, Politik und Medien. Menschen tauschen Wissen aus, öffnen Türen füreinander und schaffen Sichtbarkeit.

Initiativen wie Women in Cycling zeigen, wie solche Strukturen entstehen können. Nicht, weil dort Frauen miteinander sprechen. Sondern weil dort etwas aufgebaut wird, das weit über einzelne Organisationen hinausreicht. Verbindungen. Vertrauen. Vervielfachung. Und damit etwas, das diese Branche dringender braucht als den hundertsten Motor, das nächste Lastenrad oder die nächste Marketingkampagne. Infrastruktur. Für Wissen. Für Talente. Für Sichtbarkeit. Für Veränderung.
Denn keines der Probleme, über die wir seit Jahren sprechen, lässt sich allein lösen. Nicht der Fachkräftemangel. Nicht die Mobilitätswende. Nicht die Frage, wie das Fahrrad gesellschaftlich relevant bleibt. Dafür braucht es Menschen, die Brücken bauen. Vielleicht macht genau das manche nervös. Nicht weil Frauen sichtbarer werden. Sondern weil hier etwas entsteht, das vielen Organisationen selbst fehlt. Ein funktionierendes Ökosystem.

Die Fahrradbranche erzählt bis heute gerne Geschichten über Helden. Über Gründer, ehemalige Profis oder Vertriebskünstler. Das 20. Jahrhundert liebte den starken Einzelnen. Das 21. Jahrhundert belohnt diejenigen, die andere miteinander verbinden.
Wer heute Einfluss erzeugen will, braucht keine größere Bühne. Er oder sie braucht belastbare Beziehungen zwischen Menschen, die gemeinsam etwas bewegen wollen. Einfluss entsteht längst nicht mehr dort, wo jemand am Kopfende des Tisches sitzt, sondern dort, wo jemand den Tisch größer macht und die Spielregeln ändert. Und zwar für alle und nicht nur für sich selbst. Das erzeugt Wirkung, die wir alle dringend brauchen.

Karla Sommer verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Sie betreibt mit Velokin ihre eigene Handelsagentur. Isabell Eberlein ist Geschäftsführerin der Berliner Agentur velo_konzept und noch in vielen weiteren Branchen- und Fahrradinitiativen engagiert.

Heute um 09:00 von Karla Sommer und Isabell Eberlein
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