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Park Tool
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Portrait - Park Tool

Die blaue Marke

Eines Tages in den frühen Sechzigerjahren ist Howard Hawkins wohl der Kragen geplatzt. Der Fahrradhändler aus Minneapolis hatte es satt, bei Fahrradreparaturen immer tief gebeugt rumschrauben zu müssen. Er schnappte sich ein paar Tischbeine, eine ausgediente Fahrzeugachse und eine leere Granathülse und bastelte daraus seinen ersten Reparaturständer. Hawkins und dessen Geschäftspartner Art Engstrom ahnten damals noch nicht, dass dies die Geburtsstunde von Park Tool, des dereinst weltweit führenden Anbieters von Fahrradwerkzeug, sein sollte.

Park ToolMit Montageständern fing bei Park Tool alles an. Die Bauteile für den Einsatz in Fahrradwerkstätten werden mit kundiger Hand geschweißt.

Eine Reise nach Minneapolis ist wie eine Reise in das kalte Herz der amerikanischen Fahrradindustrie. Allerdings bezieht sich die Beschreibung kalt hier ausschließlich auf die klimatischen Gegebenheiten. »Es gibt hier zwei Jahreszeiten: Winter und Stau«, erklärt Export-Chef Roger Olson auf der Fahrt zu Park Tool. Eine Hälfte des Jahres beherrscht hier der arktische Wettereinfluss, der ungehindert über die weiten Ebenen Zentral-Kanadas hereinbläst, die Temperaturen. Im kurzen Sommer müssen dann die Frostschäden beseitigt werden, was zu häufigen Behinderungen im Verkehr führt.
Minneapolis und dessen Zwillingsstadt St. Paul sind jedoch nicht nur eine Region der langen und kalten Winter, sondern vor allem auch eine pulsierende Wirtschaftsmetropole und Heimat vieler innovativer Unternehmen. Der Erfinder-Konzern 3M ist hier beispielsweise beheimatet und IT-Riese IBM betreibt in der Nähe seinen weltweit größten Standort. Die Region genießt aber auch in der amerikanischen Fahrradbranche einen besonderen Ruf. Nicht nur, weil hier mit die meisten Radfahrer in einer amerikanischen Großstadt zu finden sind. Minneapolis und St. Paul sind darüber hinaus auch die Heimat einiger namhafter Unternehmen im US-Bikebusiness, beispielsweise auch von Vorzeige-Grossist QBP und Ergometer-­Hersteller Kurt Kinetic.
Im kommenden Jahr feiert das Familienunternehmen Park Tool seinen 50. Geburtstag. Als Howard Hawkins und Art Engstrom vor fünf Jahrzehnten ihre ersten Reparaturständer und kurz darauf auch Fahrradständer für den Laden zusammenschweißten, hieß deren Unternehmen noch Hazel Park Bicycle, benannt nach einem Stadtteil von St. Paul. Bald wurden andere Händlerkollegen auf die praktischen Reparaturständer aufmerksam. Es folgten weitere Werkzeugentwicklungen und aus der Tüftelei für den Eigenbedarf wurde bald ein lukratives Nebengeschäft, das 1963 zur Gründung der Zweitfirma Park Tool führte. Als dann auch noch Fahrradlieferant Schwinn, damals noch eine Macht im amerikanischen Bike-Business, auf Park Tool aufmerksam wurde und den Vertrieb der Werkzeuge und Werkstatteinrichtungen übernahm, wurde aus der Nebenbeschäftigung endgültig eine Erfolgsstory.
Wobei die Park-Tool-Gründer noch einige Jahrzehnte lang ein zweigleisiges Unternehmen führten. Hazel Park Bicycle entwickelte sich nämlich ebenfalls prächtig: Aus dem Bike-Shop wurde ein Filialbetrieb mit drei Fachmärkten, der in den Siebzigerjahren zu den größten Fahrradhändlern der USA zählte. Im Jahr 1977 war die Kette sogar USA-weit der größte Kunde von Schwinn. Erst 1981 verkauften die beiden Park-Tool-Gründer ihr Standbein im Einzelhandel, um sich fortan auf das Geschäft mit Werkstattausrüstung zu konzentrieren. »Born in a bike shop« blieb jedoch weiterhin ein wichtiges Wesensmerkmal des Unternehmens.

Marktführer in zweiter Generation

Eric Hawkins, der die Führung des Familienunternehmens 1997 von seinem Vater Howard übernommen hat, mag zwar nicht in einem Bike-Shop auf die Welt gekommen sein, doch er ist ganz sicher in einem aufgewachsen. Bereits als Jugendlicher arbeitete der junge Hawkins in den Siebzigerjahren im elterlichen Fahrradgeschäft mit. Seit 1983 ist Eric Hawkins bei Park Tool tätig. Er steuert heute ein Unternehmen, das nach eigener Aussage rund 90 % aller Werkzeuge und Ausrüstungen in professionelle Fahrradwerkstätten in den USA liefert. Bei den etwas günstigeren Werkzeugen für Endkunden beziffert Park Tool den eigenen US-Marktanteil mit immerhin noch 50 %. In Europa, dem wichtigsten Markt außerhalb der USA, erfährt Park Tool zwar noch mehr Wettbewerb durch andere Anbieter, doch insgesamt sieht sich das Unternahmen aus St. Paul als weltweit führender Werkstattausrüster. Die Farbe Blau, die alle Werkzeuge von Park Tool ziert, hat sich das Unternehmen übrigens vor vier Jahren als Marke in den USA in mehreren Kategorien schützen lassen. Das ist bisher nur wenigen Unternehmen in der US-Wirtschaft gelungen, etwa UPS mit der Farbe Braun für Lieferwagen oder John Deere mit Grün für Traktoren.
Je nach Saison entwickeln, fertigen und vertreiben bei Park Tool zwischen 40 und 50 Mitarbeiter ein rund 400 Artikel umfassendes Programm, vom einfachen Flickzeugset bis hin zum über 1000 Euro teuren neuen Montageständer PRS-33, dessen Elektromotoren selbst über 50 kg schwere Fahrräder auf Arbeitshöhe heben können. Jedes Jahr werden rund 15 bis 20 neue Werkzeuge entwickelt. Im Gegenzug fallen lediglich zwei bis drei Werkzeuge jährlich aus dem Programm, vor allem dann, wenn die entsprechenden Standards am Markt kaum noch verwendet werden.
Das Abwägen welche neuen Standards die Entwicklung eines entsprechenden Werkzeuges erfordern, ist bei Park Tool ein ständiger Prozess. »Die Händler erwarten von uns, dass wir zu neuen Standards auch die entsprechenden Werkzeuge entwickeln. Auch die Hersteller dieser Standards drängen uns oft dazu, denn durch unsere Werkzeuge bekommt ein neuer Standard auch eine gewisse Relevanz für den Handel«, erklärt Eric Hawkins. Die Entwickler von Park Tool werden deshalb mitunter schon sehr früh von der Komponentenindustrie über die Entstehung neuer Produkte und Standards eingeweiht. Schließlich kann auch die Umsetzung der Werkzeuge zu diesen Standards bis zu zehn Monate in Anspruch nehmen.
Werkzeuge für den Konsumentenmarkt sowie Luftpumpen lässt Park Tool überwiegend in Asien fertigen. Was später jedoch in die Hände von professionellen Mechanikern gelangen soll, läuft überwiegend bei Park Tool selbst oder bei Auftragsproduzenten im engeren regionalen Umfeld vom Band. »75 % unserer Profi-Produkte sind Made in USA«, erklärt Park-Tool-Frontmann Hawkins nicht ohne Stolz und ergänzt: »Um unsere US-Lieferanten zu treffen, müssen wir noch nicht mal den Staat Minnesota verlassen.« Der Vorteil für Park Tool: bessere Kontrolle über die Qualität und mehr Flexibilität bei neuen Entwicklungen – beides Werte, die für den Werkstatt­ausrüster eine zentrale Rolle spielen.
Die Grenze zwischen Profi und Verbraucher unter den Schraubern lässt sich im Absatz von Park Tool übrigens immer weniger genau ziehen. Auch wenn die USA in einer Rezession stecken, ist vor allem der Straßenradsport in Amerika als Sport der oberen Mittelschicht immer noch von einer kaufkräftigen Verbraucherschicht geprägt. Und hier gibt es offenbar viele Männer, die gerne an ihrem Rad schrauben und dabei professionelle Werkzeugqualität auch als Statussymbol durchaus zu schätzen wissen. Park Tool ermuntert seine US-Handelspartner diesen Markt zu unterstützen, in dem die Händler nicht nur Werkzeuge verkaufen, sondern auch Seminare und Workshops für ihre Kunden anbieten. Übrigens nicht kostenlos: Das übliche Preisniveau für die Teilnahme an einem Schrauberkurs liegt bei 60 bis 90 US-Dollar, ungefähr so viel wie eine Fahrradinspektion in den USA typischerweise kostet. Dazu erhalten die Teilnehmer dann meist noch Unterrichtsmaterial, das die Händler ebenfalls von Park Tool geliefert bekommen. »Unsere Händler profitieren von dieser Aktivität dreifach«, sagt Export-Chef Roger Olson mit einem Augenzwinkern. »Sie verkaufen den Workshop und die Werkzeuge. Und sehr oft kommen die Kunden mit ihrem Fahrrad dann doch noch in die Werkstatt, um Schäden beheben zu lassen, die beim Reparaturversuch entstanden sind, oder um technische Probleme zu lösen, mit denen sie überfordert sind.«

Das Geschäft brummt

Bei Park Tool hat die marode Wirtschaftslage in den USA keine Spuren hinterlassen, wie Firmen-Chef Hawkins berichtet: »Die Rezession hält jetzt schon fünf Jahre an. Aber wir konnten jedes Jahr wachsen.« Wobei zwischen beiden Entwicklungen durchaus ein Zusammenhang besteht: »Der Umsatz in der Werkstatt ist in den meisten Läden deutlich gestiegen«, erklärt Hawkins. Wenn das Geld beim Verbraucher nicht für eine Neuanschaffung reicht, fließen offenbar mehr Mittel in die Erhaltung und Aufrüstung der vorhandenen Sport- und Freizeitgeräte.
Vor diesem Hintergrund gerät Park Tool am aktuellen Standort, der das Unternehmen seit rund 15 Jahren beheimatet, immer mehr in Platznot. Dem begegnet Park Tool nun mit einem Neubau, der voraussichtlich ab kommenden Januar die neue Heimat des Werkzeuganbieters wird. Dort werden dann pünktlich zum 50. Jubiläum rund 6300 qm Fläche bzw. 50 % mehr Platz als am aktuellen Standort zur Verfügung stehen.
Wie Park Tool den Flächenzuwachs nutzen will, darüber hat auch FirmenChef Hawkins bislang nur vage Vorstellungen. Dass wieder mehr Produktion ins Unternehmen geholt werden soll, scheint jedoch schon sicher. Die gegenwärtige Wirtschaftslage in den USA bot dem wachsenden Unternehmen eine günstige Gelegenheit, um in die Zukunft zu investieren. »Wir besetzen eine Nische in der Nische. Aber dort sind wir ein Schwergewicht«, sagt Hawkins und fühlt sich in dieser Rolle sichtlich wohl.

19. Oktober 2012 von Markus Fritsch

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