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Die Ergomanin
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Report - Junik-HPV

Die Ergomanin

Juliane Neuß hat sich mit Junik-HPV eine eigene Nische in der Spezialrad-Sparte geschaffen. Bekannt ist sie aber auch für ihre Ergonomie-Konzepte. Wir haben Junik-HPV in Clausthal-Zellerfeld besucht.

Meine erste Erinnerung ans Fahrradfahren? Da sehe ich mich eher irgendwo in der Pampa, das Fahrrad auf den Lenker gestellt, und schraube«, erklärt Juliane Neuß lachend. Schrauben als erste Erinnerung ans Radfahren? Tatsächlich kam die Leidenschaft für das Fahrradfahren selbst deutlich später und über den Umweg einer anderen Sportart. Was das Fahrrad für das Mädchen mit dem Schraubenschlüssel aber damals schon Spannendes an sich hatte, war der Werkstoff: Metall. Neuß‘ Vater war Metallkundler und Juliane scheint es auch »in den Genen« zu haben, meint sie heute. Julianes Bruder wollte jedenfalls zu Kinderzeiten ohne sie als Rennmechaniker keine Radtour machen, so eine Familien-Anekdote. Tatsächlich ist die in der Fahrradbranche gut bekannte Ergo-Spezialistin zunächst ein Mensch, der sich in diese Richtung ausbilden ließ und sich berufsmäßig mit Metallen und deren Oberflächen beschäftigt. Und zwar, bemerkt man schnell, sehr leidenschaftlich. Seit dreißig Jahren steht sie im Universitäts-Institut für Schadensforschung und Schadensverhütung (ISSV) der Bundeswehr in Hamburg am Mikroskop und am Vortragspult, auch heute noch tageweise. Doch für die Zweiradbranche steht Neuß vor allem für Junik-HPV: »Entwicklung und Vertrieb von Spezialfahrrädern und Zubehör.« Und: Natürlich lässt sich die Metaller-Berufung bestens mit dem Zweirad verbinden und in Vorträgen mit Skurrilitäten würzen: Da gab es doch beispielsweise tatsächlich jemanden, der, um einfacher aufsteigen zu können, von seinem Trekkingrad das Oberrohr entfernte …

Ordnung ist die halbe Werkstatt

Wir stehen in Neuß‘ »Fahrradschmiede 2.0« in Clausthal-Zellerfeld. »2.0« deshalb, weil die ursprüngliche Nutzung des Grundstücks vor vielen Jahrzehnten der Überlieferung nach auch schon dem Fahrrad gewidmet war. Doch Ladenfront und Freifläche davor erinnern nicht zufällig an eine Tankstelle: Später, bis in die Siebzigerjahre, bekam man hier Benzin und Service rund ums Auto – nicht weit vom Ortskern der 15.000-Einwohner-Stadt im Harz. Hinter den Schaufenstern des Geschäfts liegt heute ein etwa 30 Quadratmeter großer Verkaufsraum, den man sich gut als Kassen- und Verkaufsraum einer Tanke vorstellen kann.
In der Auslage stehen unter anderem Räder, die der normal große Schaufenstergucker kaum wahrnimmt: weil sie so klein sind. Neben den Tretrollern und dem Faltrad Brompton gibt es vor allem Räder mit kleinen bis kleinsten Laufrädern: Kinderräder und Räder für Kleinwüchsige. Eigenentwicklungen von Juliane Neuß. Dahinter liegt die Werkstatt: eine große freie Fläche um einen Montageständer herum, dahinter eine breite, saubere Arbeitsfläche. Ein Blick in die federleicht gleitenden Schubfächer eröffnet ein Sammelsurium an Kleinteilen, das sich aufgeräumter nicht präsentieren könnte. Im nächsten liegen Lenkerbügel, nach Krümmung geordnet und wie in einem Mikado entnehmbar, ohne dass man mit dem einen Lenker einen anderen berührt. »Ich bin ein totaler Ordnungsfreak«, erklärt sie. Man sieht aber auch sofort: Hier legt jemand Wert auf Ergonomie. Die Arbeitsfläche selbst hat eine deutlich geringere Tiefe als gewohnt. Schließlich will die Chefin ohne Anstrengung auch das Werkzeug am Wandbrett erreichen.

Nach der Eiszeit kommt das Fahrrad

Neuß wurde im Ruhrgebiet geboren. Mit dem Umzug der Eltern in den Harz fing sie als Schulkind das Eislaufen an, noch vor dem Radfahren war das ihre Königinnendisziplin – später erwarb sie darin verschiedene Trainerscheine. Gelaufen wurde auf den vielen durch den Bergbau entstandenen Teichen. Und was machten die Eislangläufer im Sommer? Auf Randonneuren Langstrecken fahren. »Dabei habe ich entdeckt, dass Eislaufen und Radfahren unglaublich viel gemeinsam haben«, so Neuß. So wurde das Fahrrad, vor allem der Randonneur, auch als Sportgerät und nicht nur als Metallprodukt interessant.
In ihrer Hamburger Zeit – mit Unterbrechungen von 1983 bis 2016 – arbeitete Neuß unter anderem im Fahrradfachgeschäft Nielandt und leitete zum Schluss auch eine Filiale. »Samstags montierte ich oft Kinderräder und habe mich viel über Geometrie und Technik aufgeregt. Es musste doch möglich sein, ein wirklich vernünftiges Kinderrad zu bauen!« Leichter, funktionaler, ergonomischer. 1993 entstand aus diesen Überlegungen das Skippy, ein heute vielen bekanntes, »mitwachsendes« Kinderrad. Gebaut wurde es für Neuß von der Stahl-Schmiede Patria. »Der Senior-Chef war anfangs gar nicht begeistert davon«, erzählt sie vom Gespräch mit Dieter Kleinebenne. Er glaubte nicht an Erfolgsaussichten des Rads. Doch der Juniorchef Jochen baute später das Rad – und das Skippy verkaufte sich etwa 4000 mal. Die Möglichkeit des Rads zum Mitwachsen ergab sich vor allem aus dem sehr flachen Sitzwinkel: Der Sattel wanderte beim Höherstellen auch deutlich nach hinten und sorgte so für mehr Sitzlänge. Ursprünglich sollte das Skippy in 24 Zoll einen Einrohrrahmen haben. »Das ging aber für die Jungs gar nicht – das war viel zu uncool“, erinnert sich Neuß. Also gab es ein Oberrohr, das vom Steuerkopf aus ging und ein zweites, das von der Sattelklemme kam, kreuzte. So blieb der Durchstieg relativ niedrig, die Optik entfernte sich aber vom »uncoolen Mädchenrad«. Zuletzt kostete das Skippy 1000 Euro. Viel Geld für ein Kinderrad, fanden viele – aber mit viel Mehrwert: »Die Räder sind heute oft in vierter Hand«, erzählt sie stolz. »Sie werden vier, fünf Jahre gefahren und dann weitergegeben.«
2012 fiel die Entscheidung, sich in Sachen Entwicklung vor allem den Mobilitätsbedürfnissen von Kleinwüchsigen zu widmen, so Neuß. »Damit habe ich eine Nische in der Nische«, sagt sie. »Da will ja sonst keiner ran. Der Markt ist sehr klein.« Aber bei den Betroffenen ist der Bedarf groß, das merkt man, sobald man sich etwas damit beschäftigt: »Die Not ist bei den Kleinsten am Größten«, weiß sie. Der Einstieg in die Nische kam quasi von selbst. Ein Kleinwüchsiger kam in den Laden, wollte für sich ein Fahrrad, um mit seiner Freundin Radfahren zu können. Neuß konnte seine Geometriedaten mithilfe des Skippy eruieren. Später brachte der Mann seine Freundin mit, die ein Dreirad eines Reha-Herstellers fuhr. »Da war alles falsch, was falsch sein konnte«, erinnert sie sich. Unter anderem war es mit 24 Kilogramm ungefähr so schwer wie seine Fahrerin. Und so bekam die 1,14 Meter kleine Frau ein speziell für sie entwickeltes Dreirad – »eines das ihr passte und das sie sogar heben konnte!«
Wer Räder für Kleinwüchsige entwickeln will, muss kreativ sein. Um das zu verstehen, bringt die 56-jährige ein eingängiges Beispiel: Die Sitzhöhe des kleinsten Puky-Kinderrads passt bei den kleinsten Kleinwüchsigen gerade im Alter von etwa 10 Jahren! Dazu kommt: Die Sitzgeometrie der Kinderräder passt bei Kleinwüchsigen oft nicht. Viele von Ihnen sind extreme Sitzriesen. Heißt: Die Beine sind, im Verhältnis zum Oberkörper, sehr kurz. Das stellt den Entwickler vor viele weitere Aufgaben. Eine wesentliche: die Kurbellänge. Hier muss viel im Selbstbau entstehen – es gibt einfach nichts auf dem Markt. Das zählt nicht nur bei Rädern für Kleinwüchsige: »Man entdeckt immer wieder noch 175er-Erwachsenen-Kurbeln an aktuellen Kinderrädern – das ist unglaublich.« Ergonomische Fahrräder dürfen Menschen weit jenseits des Standards wohl gar nicht erwarten. Außer bei Neuß. Bei den Eigenentwicklungen hilft der Ergonomin ein befreundeter Schlosser aus dem Ort. Stolz präsentiert Neuß ihr kleinstes Rad: Kurbellänge 60 Millimeter, Laufradgröße 10 Zoll. Die Kurbellänge entspricht nicht einmal dem Radius des Kettenblatts. Grundlage für diese Umbauten ist meist eine Sugino-Kurbel – sie ist massiv, der Schlosser kann sie kürzen und eine neue Pedalaufnahme einarbeiten.
Schon für Menschen mit unter 1,60 Meter Körpergröße sei es schwierig, die passenden Kurbeln zu finden, weiß Neuß. Ihr Richtmaß für: »Der Wert der Kurbellänge in Millimeter entspricht der Körpergröße in Zentimeter« – wenn der Mensch normal proportioniert ist.

Der Markt frustriert manchmal nicht nur die Endkunden

Michael Kemper, bekannter Rahmenbauer im rheinländischen Erkelenz, baut die Räder für Junik. »Eine sehr gute Partnerschaft!«, sagt sie. Feste Serien gibt es nicht: Bestellt jemand ein Rad, wird ihm bestmöglich eines maßgeschneidert. Mit den bereits genannten Herausforderungen wie Kurbellänge, Bremse oder Sattelbreite. Was letzteren Punkt anbetrifft, sei der Frust oft groß: »Es gibt für Kleinwüchsige mit schmalem Becken praktisch keine Sättel.« Das liegt natürlich an der geringen Abnehmerzahl, die solche Produkte hätten, aber auch daran, dass selbst Kindersättel in robuster Qualität praktisch nicht existieren, meint Neuß. Da weiß selbst die kreative Metallerin kaum Abhilfe. Aber auch das Beispiel Bremsen zeigt: Für Kleinwüchsige kann es derzeit noch keine perfekten Räder geben. Da ihnen oft Kraft in den Händen fehlt, sind viele vor allem auf die Rücktrittbremse angewiesen, so Neuß. Und selbst wenn die Kraft vorhanden ist, ist es nicht einfach: Die Bremsgriffe erlauben oft gar nicht die geringe Griffweite, welche die Zielgruppe bräuchte. Doch immerhin gibt’s da Abhilfe: Die »getunte« Ausrüstung der Hebel mit längeren Stellschrauben von Juliane Neuß. Dass diese Bremsen sehr feinfühlig arbeiten und immer genau eingestellt sein müssen, versteht sich von selbst.

Ergonomisch korrekt ist anstrengend bequem

Ein weiteres Standbein von Junik-HPV: Die Ergonomie-Beratung, die sie auch für die Firma Patria durchführt. Überhaupt: die Fahrradergonomie. Wer sich mit Kinder- und Kleinwüchsigen-Rädern beschäftigt, kommt nicht drum herum. Im Beratungsraum steht vor dem Schreibtisch ein Velochecker – das Messrad des Bielefelder Herstellers Patria, der vor allem Maßräder aus Stahl baut. Sämtliche Werte lassen sich hier festhalten. Einschließlich der Sattel-Druckmessung mit einem Gerät von Gebiomized. Dabei wird auf verschiedenen Sätteln per elektronischer Druckmessfolie die Belastung der einzelnen Gesäß-Regionen festgehalten und so der passende Sattel für die jeweilige Sitzhaltung und Einsatzbereich des Radlers gefunden. Ihr wichtigster Grundsatz: »Ein bisschen Ergonomie geht nicht!« Das kommt auch schon in Neuß‘ Ergo-Buch von 2012 zum Ausdruck, mit dem sich die streitbare Autorin nicht immer mit der herrschenden Meinung zufrieden gibt. Auch die Lehre, dass Frauen grundsätzlich eine andere Rahmengeometrie bräuchten als Männer, teilt sie nicht: »Es gibt keine Untersuchung, die wirklich bestätigt, dass Frauen bei gleicher Größe längere Beine hätten als Männer!« Was die Rahmengeometrie allgemein anbelangt, setzt Junik-HPV vor allem auf den klassischen Rennrad-Rahmen. Und »das später entstandene Trekkingbike fußt direkt auf seinen Geometrie-Relationen«, sagt sie. Der Unterschied liege vor allem in der Lenkertiefe.
»Wenn das Rad nicht passt«, so ihre Erfahrung, »ist oft der Rahmen zu kurz oder die Sattelüberhöhung zu gering.« Komfort ist relativ: »Ergonomisch korrekt ist anstrengend bequem«, lautet eins ihrer Motti. Heißt: Die richtigen Winkelstellungen – zum Beispiel sollen nach Neuß Arme und Rücken einen 90-Grad-Winkel zueinander bilden – erfordern immer, dass Muskeln aktiv sind. Erst dann ist Radfahren wirklich ergonomisch und dauerhaft schmerzfrei.

Brompton und die Liegeradszene

Die Ergo-Spezialistin kann auch privat auf einige Radmodell-Phasen zurückblicken: 1993 entdeckte sie für sich das Faltrad – »und ich konnte mir nicht mehr vorstellen, ohne Faltrad zu leben«, erklärt der Brompton-Fan lachend. Zwei Jahre später die Liegerad-Phase. Sofort war da der Wunsch, die beiden Mobilitätsformen zu kombinieren. Das war auch später der Anlass, die Firma Junik zu gründen. Die Entwicklung funktionierte: Mit ihrem Umbausatz wurde das Brompton zum voll faltbaren Kurzlieger. In etwa einer Minute gefaltet und: Man konnte es später wieder zu einem aufrechten Brompton zurückbauen. Kernstück war ein zusätzlicher Vorderbau mit Tretlagergehäuse, sodass die Kurbel vor das Vorderrad wanderte. Um die 90 Umbausätze wurden verkauft. Bis eine Veränderung des Faltrads seitens des englischen Herstellers die Sache leider zunichtemachte. Aber schon bald soll es eine Neuauflage geben. Man munkelt, da sei Carbon statt Stahl im Spiel … HPV-Freunde kennen das Unternehmen Junik jedenfalls vor allem von diesem vielleicht ungewöhnlichsten Liegerad der Geschichte.
Neuß bietet aktuell den Umbau des Brompton zum Rad für Kleinwüchsige an: Statt der 16-Zöller läuft das Bromptonlino dann auf 12-Zoll-Rädern. Kurbelarm-Länge: 120 Millimeter. Der einfache Faltvorgang bleibt erhalten, was auch Kleinwüchsigen die Kombi verschiedener Mobilitätsformen ermöglicht. Allerdings: »Die Kleinwüchsigen haben verständlicherweise meist kaum Bezug zum ÖPNV«, erklärt Neuß. »Außerdem kann das Gewicht eines Rads je nach Körpergröße ein echtes Problem sein. Man muss sich eben erst in ihr Leben und ihre Denke hineinversetzen. Aber es macht sehr viel Spaß, in diesem Bereich und so nah an den Menschen zu arbeiten!« Das glaubt man Neuß aufs Wort.

4. März 2019 von Georg Bleicher
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