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Supershift Laden in Köln mit Besitzer Ben Kaufmann.
Foto: Philipp Hympendahl
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Porträt - Supershift

Die Patina der Profis

Ein studierter Künstler hat in Köln den Weg in den Radhandel gewagt. Sein Geschäft bedient eine extreme Nische: Kunden, die auf dem Rad sitzen möchten wie zuvor Berufsathleten.

Supershift Laden in Köln mit Besitzer Ben Kaufmann.
Foto: Philipp HympendahlSupershift Laden in Köln mit Besitzer Ben Kaufmann.
Foto: Philipp HympendahlSupershift Laden in Köln mit Besitzer Ben Kaufmann.
Foto: Philipp Hympendahl

Dies ist ein Laden, über den man sich wundert. In einem der schönsten Viertel der Millionenstadt Köln gelegen, gleich um die Ecke von der Hauptverkehrsader der innenstädtischen Ringe, ein paar Meter zu Fuß vom Eifelplatz mit seinen herrschaftlichen Wohnhäusern aus dem frühen 20. Jahrhundert und dem Volksgarten entfernt, wo die Bewohner der Südstadt sich gern zum Yoga oder Bier zusammensetzen: Hier rollt man vorbei an einem erstaunlichen Schaufenster. Es zieht die Blicke der meisten Passanten vom Gehweg und auch der Radler auf der Fahrbahn an. Da steht ein weißes BH-Rennrad im Schaufenster, ein kleiner Rahmen mit sehr sportlicher Geometrie – und dahinter sieht man nur eine Handvoll Räder, aber sie alle haben ihre eigene Geschichte.

»Supershift« steht auf dem schwarzen Schild über der Eingangstür, und daneben das Motto dieses eigentümlichen Einzelhandels: »Teambikes & Photography«. Wenn man einen Händler sucht, der tief in einer Nische unterwegs ist – hier wird man fündig. Und wenn man durch die Tür tritt, den langen, schlanken Betreiber dieses Ladens trifft, bestätigt sich der erste Eindruck. Hier steht Ben Kaufmann, ein Radhändler, der es mit Produkten versucht, für die es in der Großstadt höchstens einen Minimarkt geben kann.

Viel Kunst, viel Design

Das Besondere an Supershift leuchtet Eingeweihten auf den ersten Blick ein, andere brauchen vielleicht etwas. Hier geht es ums Rennradfahren, es gibt die passenden Räder und Zubehör wie Kleidung oder auch Teile, aber damit wäre dieses Unternehmen nichts Außergewöhnliches. Die Räder im Geschäft sind von unterschiedlichsten Herstellern, sie stammen von BH, Fuji, Look oder De Rosa. Aber sie alle vereint die Tatsache, dass sie einmal das Arbeitsgerät von Radprofis waren. »Diese Patina der Räder übt auf viele eine Faszination aus«, sagt Ben Kaufmann, und wenn man diesen Worten lauscht, dann hört sich das ganz und gar nicht an wie ein Gespräch in den meisten Fahrradgeschäften.

Tatsächlich wirkt alles an dem Geschäft wie aus einem Kunst-Umfeld. Es gibt Kunst-Poster, es gibt viele außergewöhnliche Designelemente und Unikate statt Stangenware. Kaufmann selbst steht beinahe schüchtern im Geschäft, und wenn er über die Räder und ihre Geschichte redet, dann ist er schnell in den Details und bei der Faszination, die er selbst für den Straßenradsport empfindet. Sein Blick wandert durchs Geschäft, seine Worte springen, er sieht hier etwas Interessantes und deutet dort auf ein Foto an der Wand. Er kommt von Hölzchen auf Stöckchen, er sprudelt vor Begeisterung, und doch ist er dabei ganz dezent. Er schaut auf seine Räder, die da stehen, deutet auf ein Koga der niederländischen Ausbildungsmannschaft SEG Team. »Für mich hat Radfahren etwas mit Haltung zu tun«, sagt Kaufmann. Und damit ist er schnell bei einer Absage an die Massenmode, die Carbon-Aero-Boliden von den großen Versendern, »Räder für die Idioten«. »Ich bin für den Underdog.«

Früher Galerist, heute Händler

So spricht keiner, der seit Jahren mit dem Boom des Fahrrads von Gewinnrekord zu Gewinnrekord wächst. So spricht einer, der dem Lager der Künstler zuzuordnen ist. Kaufmann, heute 48, kam in Aalen zur Welt und studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er hatte später eine eigene Galerie in München und Berlin, ehe er von 2013 bis 2018 als Direktor des Neuen Aachener Kunstvereins fungierte. Seit dem vergangenen Jahr nun handelt dieser Mann mit Rädern und Zubehör. Welch eine Wendung!

Die Idee zum Geschäft hat Kaufmann aus der eigenen Vita entwickelt. Er ist nicht nur fasziniert von den Bildern des Radsports, sondern selbst begeisterter Fahrer. Es war das Jahr 2012, als Kaufmann erstmals nicht ein Rad beim Händler erstand, sondern recherchierte, wie er an ein gebrauchtes Profirad kommen könnte. Er nahm Kontakt auf zum italienischen Team Androni, sprach mit den Mechanikern und kam dann wiederum in Verbindung mit dem Team-Ausstatter Bianchi. So erstand er damals sein erstes Velo, das von einem Profi in Rennen benutzt worden war. In den vergangenen Jahren knüpfte Kaufmann viele Kontakte in die Szene, lernte die Teams kennen, begleitete Rennen, fotografierte dort und weiß heute, wen er anrufen muss, um an welches Material zu kommen.

Geduld ist gefragt

Nun ist es aber nicht gerade so, dass der Handel mit gebrauchten Rennern so etwas wäre wie die Lizenz zum Gelddrucken. Im Gegenteil: Es ist mühsame Arbeit, bei der man sich auch mal verlieren kann. Auf der Website von Supershift lässt sich jedes einzelne Fahrrad betrachten, das Kaufmann seit Gründung seines Geschäfts verkauft hat – für andere Radhändler natürlich unvorstellbar. 13 Stück waren es bis zum Besuch von velobiz.de im September, mit einer Marge, die Kaufmann als deutlich niedriger bezeichnet als die Spanne, die andere Händler beim Verkauf neuer Rennräder von Herstellern erhalten.

So läuft das Geschäft im wahrsten Sinne handverlesen. Kaufmann kauft ein paar interessante Exemplare bei den Teams, ordert vielleicht noch passende Laufräder oder andere Ausstattung von den Herstellern dazu und wartet dann, bis es passende Kunden gibt. »Oft sind das tatsächlich Leute, die selbst Lizenzrennen fahren, aber es gibt auch ganz andere Kunden«, hat Kaufmann beobachtet. Die Kunden müssen mitunter selbst warten, manche kämen immer wieder, sagt der Unternehmer, sie fragten immer wieder nach, wann es mal ein passendes Rad für sie geben könnte.

Kapital ist begrenzt

Mit Blick auf die Preisschilder bei Supershift kann man schon von Schnäppchen sprechen: Das grüne De Rosa, das aus dem Schaufenster gut zu erkennen ist, ein Protos in Rahmenhöhe 51, gibt es für 4199 Euro – inklusive Miche-Supertyre-Laufrädern und einer Dura-Ace-Ausstattung von Shimano. Verglichen mit Neupreisen sind das sehr attraktive Bedingungen, doch kann sich Kaufmann nicht unzählige Räder ins Geschäft stellen. Dafür fehlt ihm das Kapital, denn er muss die Räder ja vorfinanzieren. So kauft er einzelne Exemplare und wartet, bis die Kundschaft wieder Geld in seine Kasse gebracht hat. Dann fährt er wieder auf Einkaufstour.

Gebrauchte Ware ist für den klassischen Zweiradhandel nicht gerade ein begehrtes Geschäftsfeld. Natürlich hängt eine Menge dran. Haftung übernimmt Kaufmann nicht, das gehört zu den Geschäftsbedingungen, aber er versichert, dass er alle Räder auf Technik und Sicherheit checkt. Er arbeitet zusammen mit Thomas Schneider, einem befreundeten Kölner Fahrradmechaniker, der selbst früher Profiradrennen fuhr. Der checkt in seiner Werkstatt die Rahmen – da sei es eben auch schon mal vorgekommen, dass ein Produkt aus dem Verkehr genommen wurde.

Neben den Rädern hat der studierte Künstler Kaufmann auch eine vielseitige Auswahl an Kleidung aus dem Profilager zur Auswahl: Es gibt etwa Regenjacken vom Team Jumbo-Visma, wie man sie eigentlich im Handel gar nicht beziehen kann, man findet Trikots, Hosen, Socken und mehr. Es kommt auch vor, dass Passanten sich gar nicht für die Vorgeschichte interessieren. So fahre seit einiger Zeit eine ältere Dame mit einem Radhelm durchs Veedel, die nicht wusste, dass dieses Teil zur Ausstattung eines Profi-Teams gehört hatte. Sie war einfach reingekommen, weil sie den Laden gesehen und Bedarf hatte.

Überzeugt vom lokalen Handel

Für Ben Kaufmann ist dies ein wichtiger Aspekt. Er baut zwar auch einen Webshop auf, aber das eigentliche Geschäft, da ist er überzeugt, soll über das stationäre Ladenlokal entstehen. »Viele Leute kommen einfach über die örtliche Präsenz mit mir in Kontakt, die finden das spannend.« Und das passt Kaufmann gut in den Kram, denn er sagt über sich selbst: »Ich bin Internet-soziophob.« Seine Lust auf Marketing in der Online-Welt ist be-grenzt, das ist schnell klar, er ist keiner, der Trends machen will oder groß die Werbetrommel rührt. Fast hat man das Gefühl, dass das Verkaufen für ihn eher ein lästiges Nebenthema ist. »Innerlich sträube ich mich dagegen, trendy zu sein«, sagt Kaufmann. Andererseits muss auch er Geld verdienen.

Das versucht er übrigens auch mit den Kunstfotos, die er seit Jahren bei Radrennen schießt. Im Ladenlokal hängen etliche gerahmte und nicht gerahmte Exemplare. Kaufmann hat viel mit der Hasselblad fotografiert, er hat Eindrücke aus dem Velodrom in Roubaix gesammelt. Stars porträtiert und das Zusammenspiel des Renngeschehens mit dem Publikum in Bilder gefasst. Hinten in seinem wuseligen, atelierartigen Radgeschäft gibt es einen Einbau, in dem nicht nur eine Toilette untergebracht ist, sondern auch eine winzige Dunkelkammer, wo Kaufmann seine Fotos entwickelt.

Man kann sich verlieren in diesem Geschäft. In den Einzelteilen in der Vi­trine, in den Sammlerstücken, den Bildern. In den Fotos, die er aus dem Archiv des Düsseldorfer Künstlers Horst H. Baumann gekauft hat und ebenfalls hier lagert, in großen Schubladen eines Holzschranks. Auf den grünen Schalensitzen, die einem bekannt vorkommen und die früher mal im Münchner Olympiastadion den Zuschauern bei Bayernspielen dienten, wo Ben Kaufmann während seines Studiums als Ordner jobbte. Es ist ein Radladen, in dem man schauen kann, anfassen, das Gefühl des Sports aufsaugen. Sicher hat Ben Kaufmann nichts dagegen, wenn man dann noch eines der edlen Rennräder bei ihm kauft. //

9. Oktober 2020 von Tim Farin
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