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Kolumne - Gegenwind

Die Verkehrswende beginnt in der Garage

Meine Gästin ist in einer Familie aufgewachsen, in der Mobilität einen Motor hatte. Mehrere Autos standen in den Garagen, ihr Vater...

... arbeitete in der Ölbranche und der Griff zum Autoschlüssel gehörte zum Alltag. Heute fährt sie ihre drei Kinder fast ausschließlich mit dem Lastenrad durch die Stadt.
Man könnte daraus eine Geschichte über Verzicht und Klimabewusstsein basteln. Nur erzählt sie etwas anderes. Sie spricht von Freiheit, Freude und Machbarkeit. Begriffe, die unsere Branche lieber auf Alpenpässe klebt, während Familienmobilität noch erstaunlich oft wie eine lästige Nebenabteilung des Radfahrens behandelt wird.
Vor drei Jahren stellte sie ihren Alltag um. Fahrradleasing machte das Lastenrad finanziell erreichbar. Danach kam die Erfahrung. Weniger Parkplatzsuche, kurze Wege, flexible Planung. Aus einem Fahrrad wurde ein ziemlich effizientes Werkzeug für Familienlogistik.
Heute bringt sie diese Erfahrung als Fahrradbürgermeisterin in ihre Stadt ein. Sie organisiert Fahrradbusse, unterstützt Kidical Mass und Schulweginitiativen und spricht mit Verwaltung und Politik. Dabei begegnen ihr immer wieder dieselben Probleme. Unsichere Kreuzungen, fehlende Abstellmöglichkeiten, schlechte Verbindungen und Familien, die durchaus Rad fahren wollen, aber nicht wissen, ob es im eigenen Alltag funktioniert.
Genau dort müsste die Fahrradbranche eigentlich glänzen. Stattdessen behandelt sie Familien noch erstaunlich oft wie eine komplizierte Sonderzielgruppe. Dabei kaufen sie Fahrräder, Anhänger, Kindersitze, Helme, Taschen, Schlösser und Regenausstattung. Sie brauchen Leasing, Versicherung, Wartung und Reparatur. Kurz gesagt, ziemlich viel von dem, womit diese Branche Geld verdient.
Trotzdem wirkt mancher Fahrradladen, als müsse nach dem Eintreten zweier Kinder erst einmal das Krisenmanagement zusammentreten.
Und Familienmobilität ist längst kein Frauenthema mehr. Immer mehr Männer übernehmen Care-Arbeit, bringen Kinder zur Kita, organisieren Einkäufe, Arzttermine und Sportverein. Damit entdecken sie nun dieselben Hürden, über die Frauen seit Jahren sprechen. Mobilität wird dort organisiert, wo Alltag organisiert wird. Das hat kein Geschlecht.
Wer diese Kundschaft gewinnen will, muss also aufhören, Familien lediglich Fahrräder hinzustellen. Sie müssen ausprobieren können, ob ein Rad ihren Alltag wirklich trägt. Leihmodelle, längere Tests und Kooperationen mit lokalen Initiativen sind deshalb keine nette Sozialromantik, sondern ziemlich handfestes Business Development.
Die Verkehrswende beginnt morgens vor der Kita und beim Wocheneinkauf. Wer Familien dort nicht ernst nimmt, überlässt dem Auto nicht nur den Alltag. Sondern auch den Umsatz.

Karla Sommer verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Sie betreibt mit Velokin ihre eigene Handelsagentur. Anna Genser ist die aktuelle Fahrradbürgermeisterin von Köln, daneben arbeitet sie in der strategischen und operativen Projektleitung im Lebensmitteleinzelhandel.

24. September 2026 von Karla Sommer und Anna Genser
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