
Kolumne - Gegenwind
Diversität als Feigenblatt
... Feigenblatt mit Mikrofon. Und auch ein formal paritätisch besetztes Gremium wirkt nur auf dem Papier modern, wenn sich an den tatsächlichen Machtverhältnissen nichts ändert.
Denn ja, die Frau darf sprechen. Nur gehört wird sie oft nicht. Entscheidungen fallen weiterhin dort, wo sie gar nicht erst eingeladen ist. Im Hinterzimmer. Beim Bikeride. Am Tresen. Diese eine Frau wird zur Projektionsfläche. Sichtbar genug für das gute Gewissen, machtlos genug, um nichts zu verschieben. Und wenn sie es doch versucht, gilt sie schnell als schwierig. Ein Prädikat, das Männern mit identischem Verhalten bemerkenswert selten verliehen oder gar als durchsetzungsstark wahrgenommen wird.
Noch deutlicher wird es bei jüngeren Frauen. Eingeladen werden sie gern, solange sie nicht zu viel Raum einnehmen. Erfahrung fehlt, heißt es dann. Während junge Männer mit eben demselben Profil als vielversprechend gelten. Und Frauen Mitte dreißig? Zu erfahren für Nachwuchsrollen, zu wenig etabliert für echte Macht. Männer gleichen Alters sind einfach gesetzt. Diese Logik ist so verlässlich wie unerquicklich.
Die eigentliche Frage ist deshalb nicht Quote oder nicht. Das Problem ist die Bequemlichkeit homogener Gremien. Wer immer wieder Menschen auswählt, die ähnlich denken, ähnlich entscheiden und sich gegenseitig bestätigen, bekommt keine besseren Ergebnisse.
Sondern schneller Einigkeit bei mittelmäßigen Ideen. Diversität ist kein moralisches Extra. Sie ist ein betriebswirtschaftlicher Hebel. Wer ihn ignoriert, verzichtet bewusst auf bessere Entscheidungen.
Und dann wäre da noch das gern bemühte Argument, man habe es doch gut gemeint. Schön. Gut gemeint ist allerdings die Lieblingsausrede der Wirkungslosen. Wer wirklich etwas verändern will, gibt Einfluss ab. Hört zu. Lässt andere Perspektiven nicht nur zu, sondern wirken. Alles andere bleibt Diversity Theater. Hübsch anzusehen, aber ohne Substanz.
Trotzdem gehört ein unbequemer Satz auch an die Frauen selbst gerichtet. Wenn die Anfrage kommt, dann bitte öfter Ja sagen. Nicht als Quotenlösung und nicht aus Gefälligkeit. Sondern weil Räume sonst wieder gleich besetzt werden. Wer nicht am Tisch sitzt, wird nicht mitentscheiden. So nüchtern ist das Spiel.
Und am Ende geht es nicht um Gerechtigkeit als Selbstzweck. Die Fahrradbranche braucht mehr Frauen in allen Positionen, weil sie sonst konsequent an ihren Kundinnen vorbeiwirtschaftet. Schlechtere Einkaufserlebnisse, verschenktes Potenzial, verpasste Umsätze. Man kann es auch einfacher sagen. Wer Diversität ignoriert, entscheidet sich gegen wirtschaftlichen Erfolg.
Und das ist keine Haltung. Das ist schlicht schlechtes Management.
Karla Sommer verfügt über langjährige Branchenerfahrung. Sie betreibt mit Velokin ihre eigene Handelsagentur. Die Gastautorin für diese Ausgabe ist Elena Laidler-Zettelmeyer, sie leitet den Bereich strategischer Kooperationen beim Branchenverband Zukunft Fahrrad.
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