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Dem Handel stehen zahlreiche Maßnahmen zur Vermeidung von Inventurdifferenzen zur Verfügung.
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Kriminalität - Ladendiebstähle und Inventurverluste

Ein dunkles Kapitel

Ladendiebstähle und Inventurverluste sind eine Plage für Händler. Angesichts der sich seit Jahren kaum verändernden Situation in diesen Bereichen lohnen verstärkte Investitionen in Schutzmaßnahmen.

Ladendiebstähle erklären nur einen Teil der Inventurdifferenzen. Mangelhafte Organisation, Lieferanten und Mitarbeiter verursachen ebenfalls erhebliche Schäden.Dem Handel stehen zahlreiche Maßnahmen zur Vermeidung von Inventurdifferenzen zur Verfügung. Während die einfachen Ladendiebstähle stetig weniger erfasst werden, nimmt die Zahl der schweren Ladendiebstähle kontinuierlich zu.

Ladendiebstähle sind ein Problem für jeden Einzelhändler. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden jedes Jahr hunderttausende Fälle von einfachen Ladendiebstählen aufgezählt. Im vergangenen Jahr 2019 zählte die Statistik 303.552 solche Straftaten. Sie verursachten 26,6 Millionen Euro Schäden. Insgesamt setzte das vergangene Jahr damit auf dem Papier einen seit Ende der 90er Jahre bestehenden Trend fort, bei dem die Zahl der Taten stetig sinkt. Seit 1997 (über 670.000 registrierte Ladendiebstähle) hat sich die Zahl der Ladendiebstähle in etwa um die Hälfte reduziert, ein Trend, der in dieser Form in allen westlichen Ländern beobachtet werden kann.

Hohe Dunkelziffer

So positiv diese Entwicklungen auf den ersten Blick klingen mögen, beinhalten sie viele Schwierigkeiten, die nicht unter den Tisch fallen dürfen.
Das Problem an den Zahlen der Kriminalstatistik zeigt sich bereits an der Aufklärungsquote: Diese ist leicht gesunken, liegt aber immer noch bei über 90 Prozent. Ladendiebstähle werden also vor allem dann angezeigt, wenn der Ladendieb auch gleich erwischt wird. Die Polizei räumt selbst ein, dass in der Regel der Händler zur Diebstahlsanzeige auch gleich den Ladendieb mitliefert. Wenn der Händler nicht bemerkt, dass er gerade bestohlen wird, kann er auch schlecht in diesem Moment eine Anzeige aufgeben. Im Nachhinein entsteht oft genug die Situation, dass nicht gesagt werden kann, wie Ware verschwunden ist und ob es sich tatsächlich um einen Ladendiebstahl handelte. Wissend um die beschränkten Möglichkeiten der Polizei unterbleibt dann in der Regel eine Anzeige.
Der Handelsverband Deutschland (HDE) erkennt angesichts dieser Gemengelage und den Zahlen aus der Händlerschaft, dass sehr viel mehr Ladendiebstähle begangen werden, als die Statistik ausweist. Der Verband geht von einer geschätzten Dunkelziffer von »mindestens 98 Prozent« aus. Angesichts eines solch enormen Ausmaßes relativiert sich die Aussagekraft der Kriminalstatistik. Zum einen wird aus der erfassten Schadenssumme von über 26 Millionen Euro ein Betrag von geschätzten 2,38 Milliarden Euro (laut EHI Retail Institute in 2018). Zum anderen rutscht die Aufklärungsquote von über 90 Prozent in der Realität laut HDE auf unter 2 Prozent bezogen auf die Gesamtzahl der voll­endeten Taten. Statt über 300.000 Ladendiebstähle schätzt der HDE die Zahl der tatsächlich begangenen Diebstähle auf weit über 16 Millionen Taten. Das lässt dann wieder Interpretationsspielraum entstehen, wenn es darum geht, die erfassten Zahlen richtig einzuschätzen: Ist ein Rückgang um ein paar Prozentpunkte bei den erfassten Ladendiebstählen in einem Jahr tatsächlich ein Beleg für weniger Ladendiebstähle oder für eine gestiegene Professionalität der Diebe? Auch steht zu befürchten, dass durch längere Öffnungszeiten bei geringerem Personalschlüssel viele Diebstähle unerkannt bleiben. Das EHI geht davon aus, dass auf einen angezeigten Ladendieb 65 unerkannte Ladendiebe kommen.
Übrigens erfährt das Fahrrad in der polizeilichen Kriminalstatistik besondere Zuwendung. Die Rubrik »Einfacher Ladendiebstahl« wird in genau zwei Unterkategorien unterteilt. Sie lauten »Einfacher Ladendiebstahl von sonstigem Gut« und »Einfacher Ladendiebstahl von Fahrrädern«. Von den weit über 300.000 registrierten Ladendiebstählen entfielen im vergangenen Jahr 250 Fälle auf den Ladendiebstahl von Fahrrädern. In 72,4 % dieser Fälle konnte der Diebstahl auch aufgeklärt werden. Die Quote liegt damit etwas über dem Niveau von 70% in den vergangenen Jahren. Auch in dieser Unterkategorie dürfte es noch eine erhebliche Dunkelziffer geben, aber insgesamt ist doch sichtbar, dass dieser Straftatbestand eher seltener vorkommt. Ganze Fahrräder lassen sich eben nicht einfach einstecken. Unterschätzen sollte man die Versuchung für Diebe trotzdem nicht.

Schwerer Ladendiebstahl wird häufiger

Neben dem einfachen Ladendiebstahl gibt es noch den schweren Ladendiebstahl. In diese Kategorie fallen alle Fälle, in denen etwa Sicherheitsetiketten entfernt, verschlossene Vitrinen aufgebrochen, eine Waffe oder ein gefährliches Werkzeug mitgeführt wird, die Ware einen nicht geringen Wert hat oder der Dieb als Mitglied einer Bande aktiv ist. Zwar wurde in den vergangenen Jahren kein einziges Mal eine Schusswaffe verwendet, dafür ist die Bandenaktivität auf hohem Niveau. Die Zahl der erfassten schweren Ladendiebstähle ist in den letzten Jahren sogar gestiegen und verharrte in 2019 bei 22.234 erfassten Fällen auf hohem Niveau. Auch hier wird eine hohe Dunkelziffer jenseits der 98 % vermutet, so dass einmal mehr der Zusammenhang zwischen erfassten Fällen und tatsächlichem Vorkommen nicht ohne weiteres möglich ist. Besonders relevant ist diese Form des Ladendiebstahls aufgrund seiner durchschlagenden Wirkung. Nach EHI-Schätzungen entfällt wertmäßig rund ein Viertel aller Ladendiebstähle auf organisierte Bandenkriminalität. Auch der Vergleich zu 1997 ist aufschlussreich: Von damals 7.389 schweren Ladendiebstählen hat sich die Fallzahl bis heute verdreifacht.

Sicherungsmaßnahmen funktionieren

Einen wesentlichen Beitrag zur Verhinderung von Ladendiebstählen leisten alle Formen von Sicherungsmaßnahmen. Der Handel investiert jährlich hohe Summen für Prävention und Sicherheit, 2017 waren es 1,35 Mrd. Euro. Vor allem abschreckende Maßnahmen wie Kameraüberwachung haben besondere Priorität. Wichtig und wirkungsvoll ist geschultes und sensibilisiertes Personal, das gegebenenfalls den Dieben signalisieren kann, dass sie unter Beobachtung stehen und damit das Risiko, erwischt zu werden, zu groß ist. Tatsächlich ist laut EHI die Schulung des Personals die am häufigste genutzte Maßnahme zur Vermeidung von Inventurdifferenzen, gefolgt von Datenauswertungen in der Warenwirtschaft und einer Kameraüberwachung.

Inventurdifferenzen Insgesamt hoch

Bei alledem darf nicht vergessen werden, dass Ladendiebstähle nur einen Teil der Inventurdifferenzen verursachen. Geschätzt waren 2018 etwa 4,3 Milliarden Euro an Inventurverlusten durch den Handel zu beklagen, im Vorjahr waren es noch 4,1 Mrd. Euro. Neben den genannten 2,38 Mrd. Euro durch Ladendiebstähle kommen weitere 850 Millionen Verluste durch eigene Mitarbeiter, 320 Millionen Euro durch Lieferanten und Servicekräfte und 560 Millionen Euro Schaden durch eine mangelhafte Organisation zu Stande. All diese Punkte gilt es auch mehr oder weniger stark im Fahrradhandel zu berücksichtigen.
Um all diese Formen von Verlusten zu minimieren, lohnt also das ständige Schulen der Mitarbeiter, die durch eine Grundsensibilität viel Ungemach verhindern können und selbst durch geeignete Strukturen im Betrieb auch nicht in Versuchung geführt werden sollen. Bei den Abschreckungsmaßnahmen gilt es, ein geeignetes Maß zu finden, dass einerseits Diebe von ihrem Vorhaben abbringt, ohne die ehrlichen Kunden zu verschrecken oder unter Generalverdacht zu stellen. Elektronische Sicherheitsmaßnahmen sind heute sehr leistungsfähig, mitunter aber kostspielig. Die Verhältnismäßigkeit gilt es auch in finanzieller Hinsicht zu wahren. Was konkret empfehlenswert ist, kann sehr individuell sein. Die verschiedenen Verbände und die Polizei selbst stehen dem Handel mit Rat und Tat zur Seite.

6. April 2020 von Daniel Hrkac
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