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Ein Urlaubsort erfindet sich neu
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Portrait - Ruhpolding

Ein Urlaubsort erfindet sich neu

Eigentlich könnte sich Markus Stuckmann als Tourismusdirektor von Ruhpolding entspannt zurücklehnen. Der Ort in den Chiemgauer Alpen ist als Biathlon-Hochburg weltbekannt und bei vielen Stammgästen in der Generation 60+ beliebt. Dennoch arbeiten die örtlichen Tourismus-Akteure mit viel Ehrgeiz daran, Ruhpolding als Urlausbziel neu zu erfinden. Dabei stehen vor allem die Mountainbiker im Mittelpunkt.

Einmal im Jahr herrscht in Ruhpolding der Ausnahmezustand. Wenn der Biathlon-Weltcup traditionell jeweils Mitte Januar in Ruhpolding Station macht, verwandeln bis zu 15.000 Zuschauer den sonst eher beschaulichen Ort in eine große Party-Zone. Den Rest vom Jahr geht es in Ruhpolding hingegen deutlich ruhiger zu.
Das schätzen vor allem viele Stammgäste, die typischerweise schon etwas älter sind und die Tourismusdirektor Stuckmann als erholungs- und genusssuchende, naturliebende Gäste beschreibt. »Aber eher passiv, nicht unbedingt der aktive Typ«, erklärt der Ruhpoldinger Tourismuslenker. Man könnte Ruhpolding bislang also wohl als Biathlon- und Rentner-Hochburg beschreiben.
Abgehen davon fand Markus Stuckmann, als er vor rund zwei Jahren das Amt der Tourismus-Direktors übernahm, in Ruhpolding ein touristisch eher diffuses Bild vor: »Wir hatten einen touristischen Bauchladen. Es gab keine klare Botschaft, für was die touristische Marke Ruhpolding steht. Man hat viel mehr versucht, mit der Gießkanne sehr viele Themen gleichzeitig zu bespielen.«
Mangels einer klaren Positionierung mit griffigen Themen registrierten die Ruhpoldinger bereits, dass immer weniger jüngere Gäste das Urlaubsziel für sich entdeckten. »Vor diesem Hintergrund haben wir vor drei Jahren das Marketing umgestellt, um eine Veränderung in der Gästestruktur zu erzielen. Wir wollten zum einen auch wieder jüngere, zum anderen aber auch Gäste mit einer höheren Kaufkraft für uns gewinnen«, erklärt Tourismusdirektor Stuckmann.
Wobei auch die älteren Gäste heute anders ticken als vielleicht noch vor zehn Jahren: »Die Menschen werden immer älter, aber gleichzeitig auch immer gesünder und aktiver«, weiß Stuckmann und erklärt: »Wenn wir sagen, wir wollen eine jüngere Zielgruppe, heißt das nicht, dass wir nun nur noch 20jährige anpeilen. Vielmehr wollen wir die Best Ager zu uns holen, die noch aktiv sind und sich in der Natur bewegen wollen. Diese Menschen leben einen bewussten Lebensstil, bei dem Themen wie Sport und Ernährung zum Alltag gehören.«

Suche nach der Alleinstellung

Als eine seiner ersten Amtshandlungen holte Stuckmann 2013 die Akteure im Ruhpoldinger Gastgewerbe an einen Tisch, um das Profil des Urlaubsortes zu schärfen. Die entsprechenden Gespräche und Entscheidungen bezeichnet der Tourismusexperte rückblickend als »Reinigungsprozess«.
Ein Ergebnis dieses Prozesses ist ein neuer Claim, der die Stärken von Ruhpolding auf den Punkt bringen soll. Er lautet: »Wildromantisches Naturparadies für aktive und passive Erholung mit authentischer Lebensart«.
Darüber hinaus wurde in Ruhpolding entschieden, dass statt dem bisherigen Bauchladen künftig die klare Fokussierung auf einige wenige zentrale Themen angepeilt wird. Für den Winter lag natürlich die Konzentration auf nordische Sportarten nahe. Und im Sommer wurde das größte Potenzial neben dem Wandern beim Mountainbiken ausgemacht.
Die Ruhpoldinger sind sich dabei durchaus bewusst, dass unter den Mountainbike-Destinationen im Alpenraum bereits ein ausgeprägter Wettbewerb herrscht. Und Ruhpolding hat keinen hippen Bike-Park vor der Haustür und auch keinen prestigeträchtigen Marathon im Event-Kalender, bei dem konditionsgestählte Biker an einem Tag hunderte Kilometer und tausende Höhenmeter fressen. Dafür bietet Ruhpolding eher sanfte Berge mit weiten Tälern und zahlreichen Almen. Und genau mit diesen Voraussetzungen sehen die Chiemgauer ihre Chance, sich unter Mountainbikern eine gewisse Alleinstellung zu erobern: »Ich glaube, dass wir die Genuss-Mountainbiker, die sehr wohl einen sportlichen Anspruch haben, aber auch Wert auf eine entsprechende Infrastruktur mit einer schönen Almlandschaft legen, hervorragend bedienen können. In diesem Bereich haben wir ein Angebot, das außergewöhnlich ist«, erklärt Stuckmann selbstbewusst. Nicht die harte Tour, sondern Spaß und Erholung sollen in den Bergen rund um Ruhpolding im Vordergrund stehen. »Ruhpolding soll eine Bike-Region werden, wo man schon mal eine 90-Kilometer-Tour mit entsprechenden Höhenmetern packen kann, es aber eben auch ruhiger und genussvoll angehen lassen kann. Also durchaus eine sportliche Herausforderung, aber ohne immer eine Höchstleistung abzufordern«, erklärt Stuckmann.

Wie wird man Mountainbike-Hochburg?

Mit der Zielsetzung alleine ist natürlich noch keine Mountainbike-Hochburg entstanden. Vielmehr markierte die Entscheidung den Start eines Prozesses, in dem sich die Ruhpoldinger immer noch erst am Anfang sehen.
»Es geht damit los, bei den Vermietern und den anderen Leistungsträgern Verständnis für die Bedürfnisse der Mountainbiker zu vermitteln«, erklärt Stuckmann. Dabei hat der Tourismusdirektor wohl durchaus einige offene Türen eingerannt: »Viele Akteure waren froh, dass wir uns seitens der Vermarktung klar für das Thema Mountainbike ausgesprochen haben«. Auf dieses klare Bekenntnis haben viele Akteure wohl nur gewartet. Zumal einige aktive Mountainbiker unter den Ruhpoldinger Gastgebern das Thema auch glaubwürdig darstellen können: »Die Authenzität war nur eine geringe Hürde. Es gab auch tatsächlich vor Ort schon einige Angebote für Mountainbiker, die aber nicht ausreichend und zentral kommuniziert wurden.«
Kritische Stimmen zur Neuausrichtung auf den Mountainbikesport gab es wohl ebenfalls nur wenige. Natürlich wissen die Ruhpoldinger um das Konfliktpotenzial der ebenfalls nicht unerheblichen Zahl an Wanderern in der Region mit den Mountainbikern. Wo es geht, werden beide Zielgruppen deshalb auf unterschiedliche Wege gelenkt. Und wo dies nicht möglich ist, wird um Verständnis und Rücksichtnahme geworben. Wobei laut Stuckmann das Thema längst nicht mehr so kontrovers ist: »Wenn Wanderer wissen, dass eine Strecke auch von Mountainbikern genutzt wird, gehen sie damit entspannter um«, beschreibt er seine Erfahrung. Aufklärung ist also wohl der Schlüssel zum harmonischen Miteinander.

E-Mountainbike von Anfang an vorne mit dabei

Eine Mountainbike-Region, die nicht die sportliche Höchstleistung, sondern Spaß und Genuss in den Vordergrund stellt: Das klingt natürlich nach einem perfekten Terrain auch für E-Mountainbikes. Und tatsächlich nehmen die Sportgeräte mit E-Motor in den Planungen der Ruhpoldinger bereits einen großen Stellenwert ein.
Gerade kürzlich wurden über verschiedene Medien die zehn schönsten MTB-Touren in der Region vorgestellt. Drei davon wurden speziell für E-Mountainbiker angelegt. Sie unterscheiden sich durch die Wegebeschaffenheit und durch geringere Anforderungen an die Fahrtechnik. Zudem gibt es unterwegs an bewirtschafteten Almen die Möglichkeiten, den E-Bike-Akku an Ladestationen wieder aufzufüllen.
Wer sich als Urlaubsgast in Ruhpolding spontan für eine E-Mountainbike-Tour interessiert, findet entsprechende Verleihangebote bei zwei Fahrradhändlern vor Ort. Lokale Guides bieten zudem geführte Touren speziell für E-Mountainbiker an. Dem kurzentschlossenen E-Mountainbike-Abenteuer steht also nichts im Wege.

Noch ein langer Weg

Vieles wurde in Ruhpolding für das Ziel, ein Mountainbike-Mekka zu werden, schon in die Wege geleitet. Entsprechende Erfolge sind an der Zahl der Gäste, die mit Bike im Gepäck anreisen, bereits messbar. Dennoch wartet auf die Akteure vor Ort noch viel Arbeit: »Wir müssen die Mountainbiker wissen lassen, dass man hier hervorragend biken kann. Aber natürlich müssen wir auch das Produkt entsprechend darstellen«, erklärt Stuckmann. Dazu zählt vor allem auch die Wegweisung vor Ort: »Wir haben das Glück, dass wir bereits ein dichtes Wegenetz aufgrund der Wanderer haben, aber die Beschilderung für Biker ist ebenso wie die Erfassung von GPS-Daten noch ausbaufähig.«
Unterdessen wartet bereits die nächste große Herausforderung auf die Ruhpoldinger: »Wir wollen in den nächsten ein bis zwei Jahren auch überregional eine Ausschilderung für Mountainbiker hinbekommen.« Stuckmann erwartet im Mountainbike-Tourismus eine Entwicklung, die vom Wintersport schon längst vorgelebt wird. Nämlich, dass sich Regionen vernetzen und ihre Themen gemeinsam nach einheitlichen Standards darstellen. »Nach innen wird es natürlich schwerer, wenn mehr Akteure an einem Tisch sitzen. Aber dem Gast ist das schlussendlich wurscht. Für den lösen sich die Grenzen immer mehr auf«, sagt Stuckmann.

15. Juli 2015 von Markus Fritsch
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