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Mit der Bündelung von Ressourcen im Bereich Entwicklung und Produktion sollen sogenannte Bike Valleys die Fahrradindustrie in Europa wieder stärken.
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Report - Bike-Cluster

Europa: Bike comes back!

Nirgends wird so viel Fahrrad gefahren wie in Europa. Die Produktion der Fahrradrahmen und vieler Komponenten ist jedoch seit langem weit, weit weg. Doch es wurden und werden Schritte unternommen, das zu ändern.

Manche in der Branche sind zu jung, um sich zu erinnern: Der konsequente Umstieg auf Fahrradrahmen aus Aluminium inklusive der Auslagerung des Rahmenbaus nach Asien gegen Ende des letzten Jahrhunderts brachte der europäischen Fahrradwirtschaft vor allem niedrige Kosten bei relativ gut planbarer Qualität und großen Kapazitäten. Was sie den europäischen Unternehmen im Gegenzug nahm, war unter anderem Flexibilität – die Möglichkeit, Entscheidungen schnell umzusetzen, Aufträge zeitnah zu ändern und damit näher am Puls des Geschehens zu sein. Schnellere Marktreife durch das zeitnahe Umsetzen von Entscheidungen, direkte Rückkoppelung zwischen Entwicklung und Produktion? Meist keine Chance. Dazu schwang die nicht unberechtigte Angst, mit der Produktion auch das Know-how ins weit entfernte Asien auszulagern und möglicherweise partiell den Zugriff zu verlieren, immer mit. Einige Marktteilnehmer, wie Alfred Thun in einem Interview in der Zeitschrift »Bike Europe« 2014, sahen bereits die ganze Fahrradproduktion in Gefahr. Immer wieder wurde vereinzelt Kritik am bisherigen Status quo laut. Aber in den letzten Jahren sind tatsächlich auch Taten gefolgt, um den angeprangerten Missstand zu beheben. Verschiedene Projekte entstanden, um Europa als Produktionsstandort für Fahrräder und Fahrradkomponenten wieder zu stärken. Auch Projekte, mit denen die Rahmenproduktion nach Europa zurückgeholt werden soll. Dorthin, wo die Räder letztendlich verkauft – oder doch zumindest assembliert – werden.

Mehrwert: Portugal Value

2014 taten sich die drei portugiesischen Komponentenhersteller Miranda, Cicli Fapri und Rodi zusammen, um die Triangle‘s Cycling Equipments SA zu gründen. Standort: bei Aguenda, im Nordwesten Portugals. Eines der Ziele: einen nicht unbedeutenden Anteil der Fahrradrahmen-Produktion zurück nach Europa zu holen. Dass die Europäische Union daran Interesse haben musste, wenn das Geld für die Produktion in Europa bleibt, stellte sich wohl schnell heraus. So wurden laut Recherchen des Fachjournalisten Jo Beckendorff für die Fachzeitschrift »Bike Europe« insgesamt etwa 14 Millionen Euro in das Gemeinschaftsprojekt investiert. Gut sieben Millionen Euro davon sollen von der EU gekommen sein. Derzeit wird vor allem für einen spanischen Fahrradhersteller produziert. Der anfängliche Namen des Zusammenschlusses Bike Valley – in Anklang an das kalifornische Silicon Valley – wurde später in Bike Value umgetauft.
Schon seit 2008 gibt es dort bereits die Stahlrahmen-Produktion von RTE. In Vila Nova de Gaia, an der Atlantikküste und nicht weit von Agueda entfernt, wurden bislang allerdings ausschließlich Stahlrahmen für Decathlon gefertigt. Jährlicher Ausstoß: etwa 300.000 Einheiten. Und eine dritte Fabrik steht bereits in den Startlöchern, wie »Bike-Europe«-Redakteur Jan-Willem van Schaik aus vertraulichen Quellen erfahren haben will.
Die beteiligten Akteure wollen in Portugal eine gute Basis schaffen, um an einem Standort die gesamte industrielle Wertschöpfungskette von der Entwicklung bis hin zum Vertrieb darzustellen. Die Initiatoren von Bike Valley konnten zusammen mit dem italienischen Maschinenbauer Bike Machinery und dessen Robotern die erste vollautomatische Rahmenproduktion aufbauen. Deutlich unter zwei Monate Lieferzeit stünden dabei vier bis sechs Monaten für Rahmen aus Asien gegenüber.
Wer jedoch von den großen Fahrradherstellern bereits geplant hat, einen Teil seiner Produktion in Portugal darzustellen, lässt sich derzeit schwer herausfinden – hier hält man sich in Branchenkreisen noch äußerst bedeckt. Jack Ortwijn, Herausgeber von »Bike Europe« vermutet, dass zumindest die Accell-Gruppe bereits stark involviert ist. Allerdings erhielt er dazu bislang keine Bestätigung. »Aber es werden definitiv noch viele andere europäische Hersteller dabei sein«, sagt Ortwijn im Gespräch mit velobiz.de.
Luis Pedro, Generalmanager von Triangle‘s spricht davon, dass auf dem Gelände 2018 etwa 250.000 Rahmen-Einheiten produziert werden sollen. Bis 2020 könnten es bereits etwa eine halbe Million sein. Das werden vor allem Rahmen für E-Bikes mit Mittelmotoren sein. Wenn die volle Kapazität erreicht ist, soll innerhalb von vier Wochen nach Auftragseingang die Auslieferung der Rahmen erfolgen können. Auch die dazu verwendeten Rohre kommen aus Portugal.
Kostengünstiger als im fernen Osten wird man zwar kaum produzieren können, doch neben der größeren Flexibilität und logistischen Vorteilen gegenüber Fernost geht es untere anderem auch darum, kleinere Serien anbieten zu können als die asiatischen Produzenten. Um die 50 Angestellte dürften derzeit im der Fabrik arbeiten.

Bike Valleys im Osten

2016 entschied Sport-Riese Decathlon, auch in Rumänien eine Fahrradfabrik aufzubauen. Auch hier geht es um die vollautomatische Produktion von Fahrradrahmen. Bis zu eine Million Fahrräder pro Jahr sollen dort vom Band laufen können. In Bulgarien sollen ebenfalls bald Rahmen produziert werden können. »In naher Zukunft«, konnte man auf der Eurobike erfahren, würden Pläne der bulgarischen Anbieter Fox Laser und Metal Werk umgesetzt werden. Auch in der Türkei werden, unabhängig von einem wie auch immer gearteten Cluster, Fahrradrahmen gebaut. Korel Electronik Sanayi ve Ticaret stellt seit 2016 Alurahmen her, nun werden auch für den europäischen Markt komplette Fahrräder gebaut. Bislang werden dafür Hydroforming-Rohre zugekauft – was mehr oder minder auch bedeutet, dass der Premium-Fahrradmarkt nicht bedient wird.

Großer Sport: Hightech in Belgien

Auch im Radsport-Land Belgien gibt es ein Bike Valley: Die Non-Profit-Organisation Flanders‘ Bike Valley wurde bereits 2013 vom Helmhersteller Lacer, dem Bekleidungsunternehmen Bioracer, der Fahrradmarke Ridley und Voxdale, einem Spezialisten für Aerodynamik, zusammen mit Flanders Make, gegründet, einem im Automotive-Bereich tätigen Wissenszentrum. Anders als Portugal Value aber sieht man sich vor allem als offenes Innovationszentrum für die Bike-Industrie. Der Fokus liegt auf Sport und Tourismus. Mobilität, Sicherheit, Wissenschaft/Technologie sind weitere Schwerpunkte – Flanders‘ Bike Valley ist also sehr breit angesetzt, und der letzte Fokuspunkt zeigt, dass die Initiative stark in der Region verwurzelt ist. Hier geht es auch darum, zusammen mit Institutionen des Landes neue Wege für Mobilität zu finden. International anerkannte Innovationen, wirtschaftliche Leistung der Mitglieder und nicht zuletzt Arbeitsstellen sollen hier geschaffen werden. »Mittlerweile sind über 75 Mitglieder in dem Cluster vertreten«, so Bert Celis, Mitgründer und CEO des Unternehmens.
Ein Ziel des Flanders‘ Bike Valley: Unternehmen zusammenbringen, die gemeinsam Neues schaffen und so neben eigenem Erfolg auch dem Fahrrad Fortschritt bringen. So ist Bike Valley auch etwas wie eine Partnervermittlung für viele verschieden gelagerte Unternehmen unter dem Dach der Bike-Branche. Im Januar 2018 beispielsweise findet das nächste Smart Bike Matching Event statt – hier können sich Newcomer und erfahrene Unternehmen austauschen und nach Kooperationspartnern suchen.
Ein ganz wichtiges Feature von Bikevalley bzw. Bikeville, wie sich der tatsächliche Standort nennt: Bereits 2016 wurde der Windkanal in Beringen, zwischen Antwerpen und Maastricht liegend, fertiggestellt. Er zeigt ein weiteres Ziel auf: Auch Unternehmen mit geringerem Budget sollen über die Mitgliedschaft die Möglichkeit erhalten, innovative Testvorrichtungen für die weitere Entwicklung zu nutzen. »Die Einrichtung sieht sich selbst auch gern als Brutkasten – neue Produkte entstehen hier«, so Celis. Mit dem Bikeville-Inkubator will man auch jungen Start-Ups die Chance geben, Ideen weiter zu entwickeln, sich zu vernetzen und Projekte auch mit Partner voran zu treiben, die mit anderen Augen auf Entwicklungen sehen.
In Beringen gibt es neben einem Concept Store, also einem Showroom, in dem die innovativsten Produkte ausgestellt sind, viele Räume für Workshops und Meetings. Deshalb erscheint auch ein eigenes Flanders‘-Bike-Valley-Magazin, in dem unter anderem Mitglieder ihre neuesten Entwicklungen vorstellen. Der klare Unterschied zu Bike Vallue Portugal: Es geht hier nicht um ein Joint Venture, das sich vor allem der Fahrradproduktion verschrieben hat. Eher ist es ein Think Tank aus vielen verschiedenen Einheiten und Unternehmen mit angehängtem Windkanal als Main Act – »der ist ein wichtiger Magnet und einer der größten Erfolge«, wie der Gründer betont. Internationale Rennteams nehmen die Möglichkeit wahr, hier an der aerodynamischen Optimierung ihrer Räder oder der Bekleidung zu arbeiten. Ein Dummy, für den niemand geringerer als Tony Martin Modell gestanden hat, steht dabei Modell. Die Radbekleidung von Tom Dumoulin, Sieger des Giro d‘ Italia 2017, wurde hier beispielsweise optimiert.
Entscheidend für den Erfolg ist wohl auch, dass viele der 75 Mitglieder nicht aus dem Bike-Bereich kommen – da sind Designer, Elektronikunternehmen oder solche im Gesundheitswesen, die in den Bereich einsteigen oder auch von einem anderen Standpunkt aus Neues beitragen. Bike Valley lobt auch den Innovation Award aus: Einen Wettbewerb um die Kürung der Erfindung des Jahres – wenn es sich um ein bereits im Markt eingeführtes Projekt handelt – oder den Erfinder des Jahres – wenn es um bahnbrechend neue Ideen mit Zukunft geht.
Belgien ist stolz auf die Einrichtung. »Durchschnittlich kommt derzeit pro Monat ein neues Mitglied hinzu«, so Celis. Und die kommen nicht nur aus Belgien: »Wir sind ausdrücklich auch offen für deutsche Unternehmen und Start-ups«, so Celis. »Das Valley wird hauptsächlich durch den Mitgliedsbeitrag finanziert und auch durch Projekte, die wir, auch in Zusammenhang mit der Regierung, realisieren.« In diesem Zusammenhang gibt es derzeit auch internationale Radschnellweg-Projekte; Planungen, die das belgische Bike Valley mit deutschen Partnern realisiert, etwa mit der Rhein-Main-Region.
Ein Fernziel, an dem eifrig gearbeitet wird, ist zudem die Rückführung der Produktion von Carbon-Rahmen nach Europa. »Derzeit entstehen hier schon Komponenten aus GFK, mehr ist aktuell schon in Planung«, so der Chef des Flanders‘ Bike Valley. Auch im Bereich Mobilität und Verkehr passiert einiges: Die Belgier sind mit viel Elan dabei, das Smart Cycle weiter voranzubringen. Dabei hat man mit den selbstfahrenden Autos die Auto-zu-Auto-Kommunikation als Vorbild. »Wir arbeiten intensiv an Bike-to-Car-Communication«, erklärt Celis. Und er verweist auf einige Helmhersteller, die nach der Entwicklung mit Flanders‘ Bike Valley bereits smarte Kopfschützer auf den Markt gebracht haben.

Die Zukunft der Valleys

Welches Ziel auch jedes einzelne der europäischen Fahrrad-Cluster verfolgt, gemeinsam ist – neben der eigenen Prosperität – der Wunsch, Europa in der Entwicklung und Produktion durch Schaffung von Kooperationen und Netzwerken nach vorn zu bringen, Bike-Unternehmen in Europa zu stützen und die Evolution des Fahrrads voranzutreiben. Die Wege dazu sind verschieden.
Anmerkung der Redaktion: Wir danken den Kollegen von Bike Europe für die Unterstützung bei der Recherche.

11. Dezember 2017 von Georg Bleicher
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