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Bernhard  Lange ist stark involviert in die Hilfsbemühungen für die Ukraine.
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Ukraine-Krise

Fahrradbranche reagiert auf Kriegssituation

(Update 03.04.) Der Krieg in der Ukraine belastet auch die Fahrradbranche. Zahlreiche Unternehmen sind entweder in Hilfsbemühungen involviert oder ziehen Konsequenzen für bestehende Geschäftsverbindungen.

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass weder die Ukraine noch Russland für die hiesige Fahrradwirtschaft ein großer Markt sind. Weder werden viele Räder und Teile aus diesen Ländern importiert, noch exportiert, wie ZIV-Geschäftsführer Burkhard Stork feststellt. Dennoch unterhalten viele Unternehmen mehr oder weniger intensive Geschäftsbeziehungen und haben derzeit viel Klärungs- und Handlungsbedarf angezeigt.

Eines der stärker betroffenen Unternehmen ist Paul Lange. Die Stuttgarter haben eine Niederlassung in der Ukraine, die ihren Sitz in Kiew hat. Diese wurde bereits in der ersten Kriegsnacht geschlossen, als in der Nähe erste Explosionen zu hören waren. Seitdem kümmern sich die Kollegen um die Mitarbeiter: Die Frauen von drei Mitarbeitern mitsamt fünf Kindern wurden evakuiert in die Niederlassung in der Slowakei. Auch Shimano Polen hat aktiv Hilfe angeboten, etwa um flüchtende Mitarbeiter so lange wie nötig unterzubringen und zu versorgen. Drei weitere Mitarbeiter leisten inzwischen Militärdienst und sind nach aktuellem Stand unversehrt. „Wir machen alles, was wir können für die Mitarbeiter“, erklärt Michael Wild von Paul Lange. So habe man ein Firmenfahrzeug zur Verfügung gestellt, um den Transport von Hilfsgütern zu organisieren. „Diese Solidarität zu spüren ist das einzig Gute in dieser Situation“, sagt Wild weiter. Paul Lange hat kein eigenes Russland-Geschäft und es gibt auch keine Shimano-Niederlassung, die über Japan gesteuert würde.

Stevens gibt an, derzeit keine russischen oder ukrainischen Vertriebspartner zu haben. Der Konflikt betrifft das Geschäft der Firma dennoch, berichtet Stevens-Manager Volker Dohrmann. „Auswirkungen haben diese Konflikte auch auf unser Business, weil damit die Logistik, Preisgefüge und zum Teil Anschaffungen betroffen sind. In Hamburg gibt es generell zahlreiche Firmen mit einer Handelsbeziehung zu den betroffenen Ländern. Die Hamburger Hafengesellschaft HHLA hat beispielsweise in der Ukraine (Odessa) eine Zweigstelle. Energiepreise und Frachtraten steigen, Frachtwege verlängern sich durch die Umwege und den Ausfall von Eisenbahnlinien und Flügen. Ob es damit auch einen neuerlichen Preisschub geben wird, können wir momentan noch nicht abschätzen. Ansteigende Lieferzeiten halten wir jedoch für wahrscheinlich.“

Manche Stimmen werfen dem Markt auch opportunistisches Verhalten vor. Einige Firmen, die nicht mehr nach Russland liefern, täten das auch, weil kein Geld mehr aus Russland komme, erklärte ein PR-Sprecher gegenüber velobiz.de, der jedoch namentlich nicht genannt werden will. Weitere Gründe seien, dass auch Transporte und deren Versicherungen kaum noch möglich seien.

Giant hat die Lieferung sämtlicher Ware nach Russland eingestellt. „Wir haben weder Produktionsstandorte noch eigenständige Vertriebsgesellschaften in Russland oder der Ukraine. Grundsätzlich sind wir in beiden Ländern mit einem Distributeur vertreten. In Russland ist es momentan so, dass wir keinerlei Fahrräder dahin liefern. Die Gründe dafür gehen über den eingestellten Zahlungsverkehr hinaus. In der Ukraine haben wir einen Distributeur, der im Moment natürlich auch nicht seinem Geschäft nachgeht. Er selbst ist persönlich eher in Sicherheit, weil er sich im Westen der Ukraine aufhält. Aber auch dahin funktionieren auch keine Lieferungen, weil zum Beispiel der Hafen, über den er seine Ware empfängt, momentan nicht handlungsfähig ist“, sagt Steffen Barkhau, Produktmanager bei Giant Deutschland. Das Unternehmen habe ansonsten einen vierstelligen Betrag gespendet und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu (Sach-)Spenden aufgerufen. Den geflüchteten Besitzer eines ukrainischen Giant-Stores unterstütze man organisatorisch. Außerdem beobachte das Unternehmen die steigenden Energiepreise, die wie die Pandemie und die Logistikproblemen weitere Preissteigerungen zur Folge haben dürften. „Das wird sich jetzt im Prinzip nur nochmal verstärken“, so Barkhau.

Marcel Spork, Vertriebsleiter Aftersales bei SKS, blickt besorgt auf die Ereignisse in der Ukraine: „Natürlich sind wir alle tief bestürzt." So gibt es einen großen Kunden, zu dem es vor wenigen Tagen noch direkten Kontakt gab, der mittlerweile selbst aktiv das Land verteidigt. "Das geht schon unter die Haut.“ Was Geschäftsbeziehungen in Russland betrifft, sieht Spork Unsicherheiten bezüglich der rechtlichen Rahmenbedingungen. In den Auftragsbüchern hat SKS erste Konsequenzen gezogen: „Aufträge, die wir schon vor dem Kriegsausbruch gepackt hatten, werden wir noch verschicken, soweit das möglich ist. Darüber hinaus frieren wir die Geschäfte in Russland vorerst ein, nehmen also keine neuen Aufträge an. Das hat für uns nennenswerte Auswirkungen. Im vergangenen Jahr war Russland in unserem Länder-Ranking immerhin das achtgrößte Exportland“, so erklärt Spork.

Um die ukrainischen Flüchtlinge zielgerichtet zu unterstützen, spendet die SKS-Unternehmensgruppe 4.000 Powerbanks zum Laden von Smartphones. Die Akkus sind Teil des Fahrrad-Handyhalterungssystems aus dem SKS-Sortiment, diese können aber auch ohne Halterung benutzt werden. Mit 30.000 OP-Masken beteiligte sich SKS an einer weiteren Hilfsaktion für Kriegsflüchtlinge, die an der polnisch-ukrainischen Grenze ausharren. Gerade für die Weiterfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln werden die Masken dringend benötigt. Ganz konkret ist die Hilfe von SKS für eine Familie geworden, zu der eine persönliche Beziehung besteht. Drei Frauen und drei Kinder wurden aus der Ukraine abgeholt und bewohnen jetzt eine Werkswohnung in Sundern.

Auch Bosch beobachtet die Lage aufmerksam und kritisch, wie Claus Fleischer darstellt: "Bosch eBike Systems ist weder auf dem ukrainischen noch auf dem russischen Markt aktiv. Die aktuellen Geschehnisse haben nach jetzigem Stand auch keine direkten Auswirkungen auf unsere Produktion. Perspektivisch ist es jedoch möglich, dass sich die aktuelle Lage in der Ukraine und Russland auf die globale Transportlogistik auswirken könnte. Die künftigen Entwicklungen diesbezüglich sind momentan jedoch noch nicht abzuschätzen.
Krieg darf niemals eine Lösung für politische Konflikte sein. Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind bei allen Menschen, die von den Folgen des Kriegs in der Ukraine betroffen sind und persönliches Leid erfahren müssen. Bosch tut alles in seiner Macht Stehende zum Wohl seiner Beschäftigten und deren Angehörigen vor Ort. Zudem spendet Bosch für humanitäre Hilfe in der Region an das Deutsche Rote Kreuz und prüft weitere Hilfsmaßnahmen vor Ort."

Als international agierende Unternehmensgruppe hat sich die Geschäftsführung der Hebie Groub entschieden, 20.000 EUR zu spenden. Zusätzlich wurden die Belegschaft und die Radwelt Bielefeld (mit einer Beteiligung von 5.000 EUR) eingeladen, ebenfalls ein Zeichen für eine starke, europäische Gemeinschaft zu setzen. Insgesamt konnte so eine Summe von 31.480 EUR erreicht werden, die an die Hilfsorganisation „Aktion Deutschland hilft“, über das dafür angelegte Spendenkonto „Die HEBIE GROUP hilft der Ukraine“, entrichtet wird. Zudem haben sich zwei Mitarbeiter bereiterklärt, Sachspenden zu sammeln und diese selbst an der Grenze abzugeben.

Von Fahrradhersteller Cube heißt es zur aktuellen Situation: "Der russische Markt ist für uns sehr klein. Bislang haben wir über einen Distributor geliefert. Ein Büro haben wir nicht vor Ort. Derzeit sind Lieferungen an Russland gestoppt. Die zu erwartenden Auswirkung sind hohe Rohstoff- und Energiepreise."

Großhändler Cooolsport hat sein Lager auf den Kopf gestellt und Hilfspakete mit Kleidung für die Menschen aus der Ukraine zusammengestellt. Diese Pakete wurden bereits am Freitag, dem 18.03.2022, verschickt. Zudem hat CEO Klemens Kreuzthaler eine Spendenaktion für die Menschen in der Ukraine gestartet. "Lass uns gemeinsam noch mehr tun" - dabei handelt es sich um zwei Sportbrillen – Pakete die um einen Spottpreis von den Kundinnen und Kunden erworben werden können. Die Gesamteinnahmen der Hilfspakete werden von COOOLspor verdoppelt und an "Nachbar in Not" gespendet.

Lucky Bike hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem eigenen Team zu helfen, die Ukraine zu unterstützen. Bisher wurden 30.000 Euro an die „Aktion Deutschland hilft“ gespendet und weitere 20.000 Euro stehen für private Aktionen der Mitarbeitenden bereit. Zwei wurden bereits realisiert: Ein Mitarbeiter aus der Filiale in Wiesbaden ist mit einem Lucky Bike-Bus zur polnisch-ukrainischen Grenze gefahren, um dort Hilfsgüter auszuliefern, die umgehend an ein Krankenhaus in Kiew gebracht wurden. Lucky Bike hat den Transporter, Sprit und zusätzliche 2.000 Euro dafür bereitgestellt. Davon wurden benötigte Materialien und Medikamente gekauft. Am Unternehmenssitz und der Filiale in Bielefeld wurden knapp tausend Euro durch den Verkauf von Kaffee, Kuchen und Würstchen eingenommen. Einer der Geschäftsführer stand am Grill und am Ende gab es fünftausend Euro von Lucky Bike zusätzlich. Die Organisatoren der Hilfsaktion kauften davon nötige Hilfsgüter und brachten die Waren selbst an die Grenze.

Updates folgen

Weitere Unternehmen aus der Fahrradbranche haben Statements auf Anfrage von velobiz.de angekündigt. Diese folgen in Kürze als Update.

3. April 2022 von Daniel Hrkac, Sebastian Gengenbach, Martin Dinse
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