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Ideologisch und erfolgreich
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Handel - Velociped

Ideologisch und erfolgreich

Wie wird aus einer ideologischen Selbsthilfe-Werkstatt eines der größten und vielseitigsten Fahrradgeschäfte der Schweiz? Das Velociped schafft diesen Weg seit 28 Jahren mit einer einfachen Grundstrategie und ohne Berührungsängste vor neuen Ideen.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich Velociped in Kriens nur wenig von jedem anderen modernen Fahrradgeschäft. Zwar ist das Ladengeschäft in der Zentralschweizer Gemeinde Kriens für Schweizer Verhältnisse mit einer Fläche von 600 Quadratmeter überdurchschnittlich groß, und die Fahrradausstellung hebt sich durch eine großzügige und sorgfältige Warenpräsentation von der Masse des Marktes ab. Auf den zweiten Blick stechen dann jedoch schon Fahrradmodelle heraus, die man auch in der Schweiz nur an wenigen Orten kaufen kann. Die angebotenen Liegedreiräder, Cargobikes und Tandems vermitteln dem flüchtigen Besucher aber auch nur, dass es sich bei Velociped um ein Fahrradgeschäft handelt, das bei aller Professionalität die Liebe für Nischenprodukte nicht verloren hat. Wer sich jedoch etwas eingehender mit dem Laden beschäftigt, wer die Website studiert und mit den Angestellten spricht, findet rasch heraus, dass hinter Velociped noch viel mehr steckt. Er stellt fest, dass das Angebot im Laden nur einen Teil von dem wiedergibt, wofür das Unternehmen seine Kräfte einsetzt. Und wenn dann die Gründer im Gespräch beinahe beiläufig erwähnen, dass man die heutige Größe und der wirtschaftliche Erfolg nie ein Ziel waren, dann hat Velociped endgültig das Interesse für seine besondere Geschichte geweckt.

Ursprung in der Umweltbewegung

Die Ursprünge des Fahrradgeschäfts liegen im Wald. Denn diesem ging es in den Achtziger Jahren so schlecht, dass Umweltschutz-Themen plötzlich nicht nur von überzeugten Naturfreunden diskutiert wurden. Auch Cyrill Wiget ließ das Waldsterben nicht unberührt, und er wollte dagegen ankämpfen. Und statt nur den eigenen Lebensstil anzupassen, wollte er auch andere Menschen dazu bringen, weniger umweltschädliche Abfälle zu erzeugen. Das Mittel zum Zweck lag für Cyrill auf der Hand: Als leidenschaftlicher Tourenradfahrer wusste er um das Potenzial des Fahrrads als umweltschonende Alternative zum Auto.
Sensibilisiert durch sein Theologiestudium war für Cyrill klar, dass er die Leute nicht mit der Moralkeule erschlagen wollte. »Missionieren liegt mir nicht. Mir schien es von Anfang an zielführender, wenn ich sie mit praktischen Argumenten von den Vorteilen des Fahrrads überzeugen kann«, erklärt er seine Überlegungen. 1988 entstand als konkrete Folge davon Velociped.
Ganz bescheiden startete die »Veloförderungswerkstatt« in Kriens. Der damals 26-jährige Gründer konnte einen 27 Quadratmeter kleinen Arbeitsraum in einem Hinterhof in der Ortsmitte mieten. Überschaubar waren auch die Öffnungszeiten: Nur am Freitag und Samstag empfing Velociped Kunden, die übrigen Tage arbeitete Cyrill für seinen Broterwerb noch als Religionslehrer. Vielseitig war dagegen schon damals das Angebot: Neben dem Verkauf von Secondhand-Fahrrädern konnten Kunden auch Anhänger, ein Liegetandem oder ein dreirädriges Transportrad mieten. Das Herzstück von Velociped war aber die Reparaturwerkstatt: Hier konnten Kunden an ihren Fahrrädern selbst Hand anlegen. Für den bescheidenen Betrag von einem Franken pro Stunde (damals ungefähr 1,20 D-Mark) stellte Cyrill den Platz und die Werkzeuge zur Verfügung und verkaufte neue oder gut erhaltene gebrauchte Ersatzteile. Ansonsten hielt sich der Werkstattleiter aber bewusst zurück und steuerte sein Wissen nur bei, wenn jemand nicht mehr weiter wusste: »Die Idee dahinter war, dass Radfahrer eine Beziehung zu ihrem Gefährt entwickeln sollten, wodurch es für sie an Stellenwert gewinnt«, erklärt er.

Wachstum trotz Widerständen

In Kriens wurde das neue Angebot nicht gleich mit offenen Armen empfangen. Der Ort war damals noch sehr dörflich geprägt. Die nahe Stadt Luzern und die übrige Welt waren ziemlich weit weg. »Die Gesinnung war stramm bürgerlich. Überlegungen zu Umweltschutz und Mobilitätsalternativen galten als linkes Gedankengut und waren damit aus Prinzip verdächtig«, erinnert sich Marius Graber, der vom ersten Öffnungstag mit dabei war, anfänglich ebenfalls ehrenamtlich neben seiner Ausbildung zum Primarlehrer. Auch in der Fahrradbranche hieß man den Quereinsteiger nicht willkommen. »Auf Sie hat niemand gewartet«, begründete beispielsweise Tigra den Entscheid, Velociped nicht zu beliefern. Die Marke gehörte damals zu den größten Fahrradherstellern der Schweiz und war Teil eines straff geführten Kartells, mit dem sich die Branche unliebsame Mitbewerber durch Lieferboykotte vom Leibe zu halten versuchte.
All diesen Widerständen zum Trotz: Die Kunden kamen und nutzten die Leistungen von Velociped so rege, dass Cyrill Wiget schon nach einem Jahr die Öffnungszeiten von zwei auf vier Tage ausdehnen und einen ersten Mitarbeiter anstellen konnte. Nach fünf Jahren zählte das Team bereits sechs Teilzeitangestellte, und bis heute ist das Personal auf 25 Leute angewachsen. Auch das Angebot wuchs und nähert sich dem der klassischen Fachgeschäfte an. Zuerst ergänzten selbst aufgebaute Neuräder das Angebot, mit denen man den Lieferboykott der Hersteller umging und zugleich die eigenen hohen Qualitätsansprüche befriedigen konnte. Ab dem dritten Geschäftsjahr nahm Velociped dann doch auch Reparaturaufträge von Kunden an. Und als der Mountainbike-Boom das Branchenkartell in die Knie zwang, ergänzten auch in Serie gefertigte Räder von namhaften Marken das Sortiment. Damit wuchs auch der Platzbedarf. Nachdem über die Jahre rund um das erste Werkstattzimmer viele größere und kleinere Räume für Werkstatt, Lager und Verkauf hinzugemietet werden konnten, folgte 2012 ein richtig großer Schritt: Das Velociped bezog im Zentrum von Kriens das heutige Verkaufslokal, wenige Meter vom Gründungsstandort entfernt Der Hinterhof blieb aber weiterhin ein Teil des Unternehmens: Hier ist bis heute die Reparaturwerkstatt inklusive den weiter vorhandenen Arbeitsplätzen für Kunden zu Hause.

Fehlerkultur als Erfolgsgeheimnis

Für Cyrill und seine Mitstreiter ist das erweiterte Geschäft kein Bruch mit der Ideologie. Man habe zwar nie die Absicht gehabt, so rasant zu wachsen, betont er. Dagegen gesträubt habe man sich aber auch nicht: »Das Wachstum hat sich einfach ergeben. Wir hatten immer wieder neue Ideen und fanden gute Produkte, mit denen wir neue Kunden anlocken konnten.« Bei allem Wachstum blieb der einstige Namenszusatz »Veloförderungswerkstatt« Leitgedanke: »Bevor wir unser Angebot ausweiten, fragen wir uns bis heute, ob wir damit mehr Leute für das Fahrrad gewinnen können und ob sie es dadurch lieber und öfter nutzten.« So einfach, wie sich das nun anhört, ist es im konkreten Fall aber selten. Velociped blieb trotz dem gewachsenen Geschäft flach organisiert, und die meisten neuen Ideen werden im Team beraten, was manchmal auch zu hitzigen Diskussionen führt. Als einer der intensivsten Entscheidungsprozesse ist Marius Graber die Frage in Erinnerung geblieben, ob man nun Pedelecs ins Sortiment nehmen soll oder ob diese nicht mehr mit den umweltschonenden Grundgedanken zu vereinbaren seien. Letztendlich entschied sich die Mitarbeiterversammlung für Pedelecs im Angebot, so wie manches andere Fahrradgeschäft auch. Mit dem Unterschied, dass bei Velociped dieser Schritt bereits 1998 erfolgte – zehn Jahre bevor E-Bikes ihren großen Siegeszug in der Fahrradbranche antraten.
In manch einem Betrieb würden so intensive Meinungsbildungsprozesse dem Effizienzdruck zum Opfer fallen oder erst gar nicht entstehen. Bei Velociped werden sie hingegen bewusst gepflegt. »Unsere Mitarbeiter kommen aus ganz unterschiedlichen Berufen, und jeder bringt Fachwissen und Erfahrungen aus seinem Bereich mit. Im Velociped versuchen wir, diese vielfältigen Kenntnisse so gut wie möglich für unsere Ziele zu nutzen«, beschreibt Cyrill das Betriebsklima. Zu diesem offenen Umgang miteinander gehört auch eine ausgeprägte Fehlerkultur, betont Marius Graber: »Wir gewähren uns gegenseitig das Recht, die Meinung ändern zu dürfen«. Dadurch fällt es dem scheinbar trägen Betrieb mit flachen Hierarchien vergleichsweise leicht, Fehlentscheide als solche zu akzeptieren und in der Folge zu korrigieren. Wenn es um die Grundphilosophie geht, können die Macher von Velociped aber auch stur sein: Cargobikes waren wie schon erwähnt seit der Gründung ein Thema. Bis man mit diesem Segment Geld verdienen konnte, brauchte es 25 Jahre und den E-Bike Boom, der die Nutzung vereinfachte. »Wir haben aber ganz bewusst daran festgehalten, weil wir vom Potenzial von Lastenrädern für eine umweltfreundliche Mobilität überzeugt sind«, blickt Graber zurück. Selbst geht Velociped als gutes Beispiel voran: Auch bei der heutigen Größe kommt das Geschäft noch ohne Auto aus und erledigt alle eigenen Transporte mit Cargobikes und mit der Hilfe von Fahrradanhängern.

Tue Gutes…

Velociped könnte heute aber wohl nicht auf eine so zahlreiche wie treue Kundschaft zählen, wenn es über die Jahre nur das Sortiment gepflegt hätte. Ein wesentlicher Teil des Erfolgsrezepts ist das vielseitige Engagement für das Fahrrad und seine Nutzer innerhalb und außerhalb der Geschäftsräume. So war bereits im ersten kleinen Werkstattraum eine Ecke für den »Veloci-Pub« reserviert, wo Kunden mit dem Team einen Kaffee oder ein Glas Wein trinken und über Gott, die Welt und das Velo diskutieren konnten. Im Laufe der Zeit entstand daraus das Café Ambrosia, welches sich nachhaltig produzierte Speisen und Getränken verschrieben hat und das zudem Velociped als Pausen- und Besprechungsraum dient. Immer wieder wurden die Geschäftsräume auch für andere Zwecke genutzt wie beispielsweise für Jazzkonzerte oder Vorträge. Seit vier Jahren findet jeweils im November ein Teileflohmarkt im Verkaufslokal statt, bei dem Privatpersonen, andere Veloläden und Lieferanten überzählige Fahrradkomponenten weiterverkaufen können. »Für ein Fachgeschäft, das zu einem großen Teil vom Verkauf lebt, mag das auf den ersten Blick geschäftsschädigend wirken. Aber es ist ein schöner Anlass mit guter Stimmung, es bringt neue Leute in unser Lokal und alte Veloteile wieder auf die Straße«, beschreibt Graber die junge Ergänzung des Begleitprogramms.
Daneben haben sich Velociped und sein Team immer wieder auch verkehrspolititsch engagiert, sei es an Aktionstagen oder durch das Engagement bei der lokalen Velo-Lobby. Dieses Engagement führte letztendlich dazu, dass Cyrill Wiget ins lokale Parlament gewählt und vor zwei Jahren Jahr zum Bürgermeister von Kriens erkoren wurde. Ein weiterer Meilenstein war die Velo-Initiative, welche zum 20-jährigen Jubiläum angestoßen und gemeinsam mit anderen Fahrradförderern lanciert wurde. Dieser Vorstoß verlangte, dass der Kanton Luzern mit verschiedenen Maßnahmen den Fahrradverkehr fördert, damit dieser einen höheren Anteil in der gesamten Mobilität einnehmen kann. Das Anliegen wurde 2011 an der Urne zwar deutlich abgelehnt, doch dass die Abstimmung überhaupt zu Stande kam, war ein Achtungserfolg für das Velogeschäft.
Velociped setzt sich aber nicht nur mit seinem Angebot und politisch für das Fahrrad ein, sondern auch dadurch, dass es aktiv die Fahrradbranche stärkt. Das Geschäft engagierte sich schon früh beim VSF und ist bis heute das einzige Schweizer Mitglied des Verbunds. In der Schweiz stieß Velociped den Velofax an, eine Informationsaustausch-Plattform engagierter Fachhändler, die bis heute besteht. Marius Graber leitete und organisierte zudem während mehrerer Jahre das Praxis-Seminar als Schulungsreihe für Fachhandelsangestellte, bis der zweitägige Branchenkongress Infotech einen großen Teil dieser Aufgaben übernahm. Und immer wurden mit Ideen von Velociped Produkte von Lieferanten verbessert oder auf ihren Anstoß hin neu entwickelt – wie zuletzt der flexible und vielseitig einsetzbare Kettenschutz Hülse, der heute von der Berliner Manufaktur Fahrer hergestellt und vertrieben wird.

…und sprich darüber

Das Velociped verstand es aber von Anfang an auch, seine Leistungen bekannt zu machen. Getreu dem Motto »Tue Gutes und sprich darüber«, pflegte die Veloförderungswerkstatt eine aktive Öffentlichkeitsarbeit. Schon im ersten Jahr berichtete eine nationale Illustrierte über den ideologisch geführten Betrieb, und unzählige weitere Medienbeiträge zu den erfrischenden Aktivitäten der Veloförderungswerkstatt folgten seither. Der Einsatz wurde schon bald auch gewürdigt, beispielsweise 1994 mit einem national ausgeschriebenen Umweltpreis für die Idee des Velorecyclings. Oder 2015 mit der Auszeichnung der kantonalen Invalidenversicherung dafür, dass man unterdessen bis zu vier Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung bereitstellt.
Vielleicht hatte der damalige Direktor von Tigra Recht, als er meinte, dass niemand auf Velociped gewartet hatte. Doch auch viele große Erfindungen hatte niemand vermisst, bis sie vorgestellt wurden. Velociped prosperiert auch heute noch weiter und im Team werden weiter Ideen gewälzt, mit welchen Schritten man sich wieder weiter entwickeln könnte. Tigra hingegen musste schon wenige Jahre nach dem ersten erfolglosen Kontakt mit der Veloförderungswerkstatt Konkurs anmelden.

19. Februar 2018 von Urs Rosenbaum

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