
Interview - Mavic
»In schwierigen Zeiten zeigt sich, wer Mehrwert bietet«
Herr Morgando, wie beurteilen Sie die aktuelle Lage am Fahrradmarkt?
Alberto Morgando: Die Lage ist herausfordernd. Nach dem Boomjahr 2022 mit rund 16 Millionen produzierten Fahrrädern in Europa ist die Produktion 2024 auf etwa 10 Millionen gefallen. Das entspricht einem Rückgang von über 30 Prozent. Die Ursachen liegen unter anderem im Nach-Corona-Effekt, als viele Hersteller ihre Produktionsmengen stark erhöhten, die Nachfrage jedoch nicht dauerhaft mithielt. Die Lagerbestände bei Herstellern haben sich inzwischen normalisiert, in der Lieferkette sind sie aber noch hoch. Für 2025 erwarten wir keine weitere Verschlechterung, aber auch keine schnelle Erholung. Ich rechne mit einer Stabilisierung ab 2026 und einem möglichen neuen Wachstumszyklus ab 2028 – insbesondere im Mountainbike-Bereich, dessen Lebenszyklen etwa vier bis fünf Jahre betragen. Wir arbeiten aktuell mit OEM-Partnern bereits an Modellen für 2027 und 2028. Das gibt uns frühzeitig Einblick in kommende Trends.
Welche Segmente sehen Sie mittelfristig im Aufwind?
Morgando: Besonders der Gravel-Bereich zeigt starkes Wachstum und differenziert sich zunehmend. Wir sehen zwei klare Richtungen: einerseits sportlich-performante Gravelbikes, andererseits Modelle für Bikepacking und Abenteuer. Auch der klassische Straßenradsport bleibt stabil und profitiert von Events wie der Tour de France. Der E-Mountainbike-Sektor wächst weiter, da er vielen Menschen den Zugang zum Sport erleichtert. Der Mountainbike-Bereich insgesamt schwächelt derzeit, aber wir sind überzeugt, dass er zurückkommen wird – das bestätigen auch Gespräche mit Herstellern. Bei diesen Trends muss man natürlich sehen, wo unsere Schwerpunkte liegen: Mavic konzentriert sich auf das mittlere bis obere Segment, mit Fokus auf Performance und Innovation. Kinder- oder Einsteigerprodukte gehören nicht zu unserem Portfolio.
Wie hat sich die Branche seit dem Boom verändert?
Morgando: Während des Booms war Differenzierung kaum nötig – alles wurde verkauft. Jetzt zählt wieder die Substanz. Marken mit Innovationskraft, Know-how und klarer Positionierung setzen sich durch. Opportunistische Anbieter, die nur vom Trend profitieren wollten, verschwinden. In schwierigen Zeiten zeigt sich, wer wirklich Mehrwert bietet. Das gilt für Produkte ebenso wie für Markenführung. Auch Mavic hat in der Vergangenheit dabei Fehler gemacht. In dieser Phase wurde zu wenig in Produktentwicklung investiert, was zu Kundenverlusten führte. Seit Ende 2020 gehört Mavic zur Bourrelier-Gruppe, einem familiengeführten Unternehmen mit langfristiger Strategie. Das hat uns Stabilität und neue Investitionen ermöglicht.
Wie ist Mavic aktuell aufgestellt?
Morgando: Wir haben 2024 genutzt, um unsere industrielle Struktur zu reorganisieren. Die Produktion wurde auf einen Standort in Rumänien konzentriert, um effizienter zu arbeiten. Unser Headquarter fokussiert sich nun auf Produktentwicklung, Markenkommunikation und Vertrieb. Die Struktur ist schlanker und besser an die Marktgröße angepasst. 2025 ist das Jahr, in dem wir mit neuen Produkten und einer gestärkten Organisation wieder durchstarten. Wir investieren gezielt in Sichtbarkeit – etwa durch Sponsoring von Gravel- und Mountainbike-Teams wie Mondraker und KTM sowie durch Kooperationen mit Pinarello. Unser Ziel ist es, wieder bei den großen Events wie der Tour de France präsent zu sein. Der deutsche Markt spielt dabei eine zentrale Rolle: Er ist der größte in Europa, sowohl im OEM- als auch im Aftermarket-Bereich. Wer in Deutschland erfolgreich ist, hat gute Chancen, auch international zu bestehen.
Herr Kamm, als Country-Manager bei Mavic für Deutschland und Österreich können Sie das noch vertiefen: Wie entwickelt sich der deutsche Markt?
Thomas Kamm: Der deutsche Markt folgt den europäischen Trends, ist aber besonders vielschichtig. Road und Gravel boomt wie in den Nachbarländern, aber E-Bikes haben sich in Deutschland schneller durchgesetzt. Auffällig ist der wachsende Einfluss weiblicher Konsumenten, die selbstbewusst und informiert kaufen. In der Vergangenheit wurden Fahrräder oft vom Partner ausgesucht, heute entscheiden Frauen selbst – vom Rad bis zum Outfit. Die Handelslandschaft verändert sich ebenfalls: Große E-Tailer wie Bike24, Rose oder Bike-Discount wachsen weiter. Gleichzeitig konzentrieren sich viele Fachhändler zunehmend auf Fahrradverkauf und Service. Softgoods wie Schuhe oder Trikots wandern in den Online- oder Multisportbereich. Die Vielfalt der Vertriebskanäle, vom E-Commerce über Fachhandel bis zu Großhändlern und Kaufhausketten, macht den deutschen Markt besonders anspruchsvoll.
Was sind Ihre Produkt-Highlights für das kommende Jahr?
Morgando: Auf der Eurobike haben wir unsere neue Gravel-Produktlinie vorgestellt – mit Aluminium- und Carbon-Laufrädern in jeweils zwei Qualitätsstufen. Die Carbon-Modelle zeichnen sich durch geringes Gewicht, hohe Komfortwerte und optimierte Felgenbreiten aus. Zudem haben wir unser Laufradportfolio für Rennräder überarbeitet: Das SLR45 kommt jetzt mit Keramiklagern und bietet eine ausgewogene Kombination aus Gewicht, Aerodynamik und Rollverhalten. Für 2026 und darüber hinaus haben wir eine dreijährige Innovations-Pipeline mit Fokus auf Carbon-Technologie und Nabenentwicklung. Unser Ziel ist es, jedes Jahr neue Impulse zu setzen – immer im Einklang mit unserer DNA: Performance und Innovation.
Wie stehen Sie als Experte zur Diskussion um Hookless-Felgen?
Morgando: Hookless-Felgen sind aus Sicht der Industrie einfacher zu produzieren, bieten aber aus unserer Sicht keine entscheidenden Performance-Vorteile. Für Mavic steht Sicherheit an erster Stelle. Im Straßenbereich setzen wir konsequent auf klassische Felgen mit Haken, da sie bei höheren Drücken mehr Sicherheit bieten. Im Gravel-Bereich, wo mit niedrigeren Drücken gefahren wird, sind semi-hooked Lösungen denkbar. Wir führen bei jedem neuen Produkt 57 Tests durch, bevor es freigegeben wird. Innovation darf nicht auf Kosten der Sicherheit gehen – das ist für uns ein unverrückbares Prinzip.
Frage: Was ist Ihre größte Herausforderung in Deutschland?
Kamm: Während der letzten Boom-Phase kamen die Kunden von selbst, Verfügbarkeiten waren knapp und alles wurde gekauft. Jetzt müssen Händler wieder beraten und Zusatzverkäufe generieren – da möchte ich auf die sehr unterschätzten Laufräder hinweisen. Gerade bei E-Mountainbikes unter 4000 Euro sind oft minderwertige Laufräder verbaut, da das Budget in Motor, Akku, Rahmen und sonstige Ausstattung fließt. Wir bieten inzwischen Upgrade-Sets ab 219 Euro an. Mein Ziel ist es, Laufräder wieder sichtbar in die Shops zu bringen – raus aus der Werkstatt, rein ins Schaufenster. Händler müssen erkennen, dass sie nicht über den Preis konkurrieren können, sondern über Service und Beratung. Das gilt auch für große Filialisten, die Laufräder oft nur als Ersatzteil in der Werkstatt führen. Hier liegt großes Potenzial, das es auszuschöpfen gilt. //
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