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Markt - Saison auf dem Prüfstand

Ist die Saison noch zu retten?

Was vor wenigen Wochen bei der Themenplanung als durchaus ernste Frage für unser Stimmungsbild im Fachhandel gemeint war, hat sich innerhalb kürzester Zeit in eine schon fast ironisch anmutende Fragestellung gewandelt. Die Händler werden derzeit oft überrannt von der Nachfrage nach Fahrrädern. Die Branche durchläuft gerade eine ganz bemerkenswerte Entwicklung.

Die Tage der großen Ungewissheit, als niemand wusste, wie es weitergehen würde, sind noch nicht vergessen. Von leichten Bauchschmerzen über alle Formen des Unwohlseins bis hin zu massiven Existenzsorgen reichte die Bandbreite der Emotionen. Seit dem 20. April geht es nun für die meisten Händler wieder weiter. Zumindest für die Fahrradwelt zeichnet sich ab, dass man zu den wenigen glücklichen Branchen gehören könnte, in denen die Krise nur wenig Schaden angerichtet hat. Tatsächlich sieht es so aus, als ob der Neustart kaum hätte besser laufen können.
Statt Absatzproblemen, wie sie noch vor kurzem befürchtet wurden, stehen nun eher Nachschubsorgen im Raum. Statt Kurzarbeit gibt es plötzlich wieder Überstunden. Die weithin prophezeite Rezession scheint zumindest vorerst für die Fahrradbranche in weiter Ferne. Auch nach inzwischen Wochen hält die gute Stimmung der Radhändler vor. »Ich bin positiv überrascht und sehe, dass das Fahrrad als Gewinner aus der Situation herauskommt. Wir waren immer zuversichtlich, aber es läuft jetzt wahnsinnig gut. Wenn es so weitergeht, haben wir eher Probleme, wo wir unsere Nachlieferungen herbekommen. Es ist sehr positiv«, berichtet beispielsweise Klaus Braun von Fahrrad Sperk in Ottobrunn.
Seit der Wiedereröffnung hat auch Deniz Aybas von PerPedale in Frankfurt einen großartigen Neustart: »Nach der Wiedereröffnung haben wir einen Rekord-Umsatz. Die Nachfrage hat uns umgehauen. Wir haben ordentlich zu tun.«
Der Geschäftsführer Ralf Finger vom Radwerk in Marburg kann aktuell ebenfalls eine glückliche Wendung berichten: »Nach einem eher schwachen Jahresbeginn folgte die Schließung der Geschäfte, so dass die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr bis Mitte April deutlich schlechter waren. Seit dem hat sich das Blatt um 180 Grad gewendet und zwar derart, dass wir bereits jetzt nahezu auf dem sehr hohen Niveau des Vorjahres liegen.«
Damit hat er eine unfreiwillige Achterbahnfahrt hinter sich, die so oder so ähnlich zahlreiche Händlerkollegen erleben mussten. Georg Wagner, Bereichsleiter Marketing bei der Bico, sieht im Verband aktuell ganz parallele Entwicklungen. »Im Großen und Ganzen ist die Rückmeldung schon so, dass es brummt.« Bis es dahin gekommen ist, war aber manche Sorgenfalte zu sehen. »Wir haben Händler, die im Lock-Down sehr gut gearbeitet haben und maximal 20 % Umsatzeinbuße hinnehmen mussten. Wir haben aber auch Händler, die bis zu 60 % Einbußen hatten. Aber, und das ist das Schöne, viele dieser Händler sagen, dass sie diese Einbußen langsam aber sicher schon wieder aufholen.«

Profitable Werkstätten dämpften Krise ab

Dass die Verluste nicht noch viel höher liegen, wie es bei vielen anderen Branchen der Fall ist, liegt natürlich auch an den Werkstätten, die durchgehend geöffnet bleiben durften. Auch bei den VSF-Händlern hat dies vieles abgefedert. »Der erste Puffer war die Öffnung der Werkstätten. Da wir als Verband mehrheitlich kleinere bis mittelgroße Händler betreuen, ist der Anteil der Werkstatt dort wichtiger als bei ganz großen Betrieben. Dieser Anteil hat schon einen guten Beitrag zur Beruhigung geleistet«, sagt Uwe Wöll, Geschäftsführer der VSF Service GmbH. »Mit den all..ride-Werkstätten haben wir ohnehin bereits ein System, bei dem diese profitabel arbeiten.« Die hohe Nachfrage nach Werkstattleistungen über die Zeit habe geholfen. »Die Händler sind wirklich ausgelastet gewesen. Sie haben ja im März noch einige Überhänge mitgenommen, etwa in Form von Auslieferungen, die zuvor bestellt waren. Im April brachen zwar die Umsätze bei Fahrrädern ein, aber nicht in der Werkstatt«, erklärt Wöll, der aber dennoch nicht übersehen will, dass »das im Einzelfall anders aussehen mag«.

Urlaubsplanungen helfen der Fahrradbranche

Ganz offensichtlich ist das Fahrrad für viele Menschen eine sehr gute Alternative, wenn es um ihre umgeworfenen Urlaubspläne geht. »Viele Tätigkeiten waren und sind nicht oder nur eingeschränkt möglich, Reisen ins Ausland in den nächsten Monaten wohl ebenso, so dass viele Urlaubsplanungen nicht verwirklicht werden können. Daher entdecken möglicherweise viele Personen das Radfahren als angenehme und förderliche Alternative für Freizeit und Alltag«, beobachtet Finger. Klaus Braun bestätigt diese Einschätzung: »Wir hatten in den vergangenen Tagen schon ein paar Mal die Situation, dass die Kunden sagten, ›in Urlaub können wir nicht fahren, das Geld ist aber schon zur Seite gelegt, also kaufen wir uns ein Fahrrad‹. Der Preis spielt im Moment kaum eine Rolle, es gibt sehr wenig Preisdiskussionen.« In diesen Zusammenhang gehört wohl auch das Revival des Kinder- und Jugendradsegments. Wenn die ganze Familie aufs Rad steigen soll, dann müssen natürlich auch die Kids angemessen ausgerüstet werden. Die ebenfalls schon berichteten steigenden Verkäufe von Fahrradträgern fürs Auto legt nahe, dass die Gebiete mit Fahrradtourismus sich auf viele heimische Gäste freuen dürfen.

»Auch in der dritten Woche lesen wir die Meldungen, dass das Geschäft brummt.«Uwe WöllVSF Service GmbH

Bleibt die aktuelle Situation?

Seit der Wiedereröffnung der Radläden ist die Stimmung unverändert gut. Es handelt sich also nicht um ein Strohfeuer, bei dem nur kurzfristiger Nachholbedarf wieder aufgeholt wird. »Auch in der dritten Woche lesen wir die Meldungen, dass das Geschäft brummt«, beobachtet Uwe Wöll im VSF. Von Händlern hört er Aussagen von »ist ja wie sonst« bis »sehr positiv gestimmt«. Dennoch ist auch für die Fahrradbranche die Krise noch nicht vorbei. »Euphorie ist schon deswegen nicht angebracht, weil wir alle noch nicht wissen, wie es weitergeht und welche Folgen das noch haben wird.« So stellt Wöll etwa die Frage, ob es eine Kaufzurückhaltung geben wird. »Im Moment sind die Läden noch voll und die Händler können sich vor Arbeit kaum retten.«
Bei der Bico wird man die weitere Entwicklung ebenfalls genau beobachten und erwartet auch wieder etwas ruhigere Tage. »Auch wir denken, dass sich die Entwicklung in den nächsten Wochen wieder etwas abschwächen wird. Gerade nach der Eröffnung war schon viel los, aber die Händler haben es gut hinbekommen, mit Terminen, telefonischen Absprachen oder via E-Mail den Kundenstrom so zu struktururieren, so dass er den hygienischen Vorgaben entspricht.«

Kommt es zu Lieferproblemen?

Die angedeuteten und gewohnten Lieferprobleme sind bislang noch nicht verbreitet. »Dafür ist es noch zu früh«, sieht Bico-Mann Wagner. »Der ein oder andere Lieferant und Hersteller hatte im Shut-Down die Lieferungen eingestellt. Aber jetzt sehen wir auch bei unseren Eigenmarken, dass wir schon wieder schnell und viel ausliefern konnten. Das haben auch viele von unseren Streckenlieferanten sehr gut hinbekommen. Ware ist da und wird verkauft. Wenn es im Juni und Juli so weitergehen sollte, hoffen wir, dass es nicht zu Engpässen kommt. Im Teile- und Zubehörbereich war ja auch während der Lock-Down-Phase sehr viel Bestellvolumen da, weil sehr viel repariert wurde. Die Werkstätten waren schließlich weiter auf. Auch da ist das Bestellvolumen noch mal hochgegangen.«

»Die Nachfrage ist gut, wenn nicht sehr gut.«Georg WagnerBico

Die Fahrradbranche steht also insgesamt nach ihren eigenen Planungen aus dem Vorjahr nicht da, wo sie sie ohne die unvorhersehbare Virus-Krise sein könnte. Aber sie hat diese bisher deutlich besser verkraftet als die meisten anderen Branchen. Es wird vielleicht kein weiteres Rekordjahr mehr werden, aber der Aderlass ist auch vergleichsweise milde. Dafür hat das Fahrrad insgesamt die Chance, seine Rolle im Alltag, im Stadtbild, in der Freizeit, als Sportgerät und nicht zuletzt als Wirtschaftsfaktor kräftig auszubauen. Es ist eine Krise, aber sie könnte noch zu etwas richtig Gutem führen.

1. Juni 2020 von Daniel Hrkac

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