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Report - Radsport-Nachwuchs

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Ein Rad für Kinder ist ein geschrumpftes Erwachsenenrad. Richtig? Richtig. Allerdings gibt es weder offizielle Zahlen, wie viele davon herumfahren. Noch ist das Schrumpfen immer gut umgesetzt. Worauf es ankommt und warum man mit einem kleinen Segment als Händler großen Erfolg haben kann.

Kinder und Jugendliche sind ein blinder Fleck auf der Fahrradlandkarte. Zumindest, was die Nutzung sportlicher Räder, also von Mountainbikes, Straßenrennerm und Crossern, betrifft. Erfasst werden in Studien und Marktübersichten zwar die Kategorien »Kinderräder« und »Rennräder«, aber eine genauere Aufteilung gibt es offiziell nicht. Auch Verbandszahlen basieren oftmals auf Schätzungen und Erfahrungswerten. So weiß der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC) beispielsweise zwar, dass er 9.719 Mitglieder von 0 bis 14 Jahren und 5.746 zwischen 15 und 18 Jahren hat und dass Kinder und Jugendliche derzeit ungefähr 10 Prozent der Mitglieder ausmachen. Ob und wie viele davon sportlich Rad fahren und wie viele »nur« über die Eltern Mitglieder sind, ist allerdings nicht bekannt.

Maßanzug Kinderrad

Zunächst dürfte das Finanzielle bei Kaufentscheidungen ein wichtiger Faktor sein. »Eltern möchten für Kinderräder – aus guten Gründen – nicht so viel Geld ausgeben«, bestätigt Volker Dohrmann von Fahrradhersteller Stevens, der seit langem junge Fahrer, vor allem im Crossbereich, unterstützt. So wird das jüngere Kind eben auf das Rad des älteren Geschwisterchens gesetzt, wenn das ein neues Bike bekommt oder der Nachwuchs erbt das zu klein gewordene Velo des Nachbarkindes oder des Cousins. Dass ein »vererbtes« Fahrrad von den Maßen her so zum kleinen Fahrer passt, wie es sollte, ist dabei für die Eltern zweitrangig. Dabei ist die richtige Größe ein entscheidender Faktor für sicheres Fahren. Im Grundschulalter sollte ein Kind mit beiden Zehenspitzen gleichzeitig den Boden berühren können, während es im Sattel sitzt, lauten gängige Empfehlungen. Biometrie-Experten wie Dr. Kim Tofaute gehen einen Schritt weiter und sind der Meinung, dass ein professionelles Bikefitting bereits im Jugendalter in Erwägung gezogen werden könne, um Fehlbelastungen von vornherein auszuschließen.

Gewichtiges Problem

Je sportlicher das Rad wird, desto wichtiger ist es, dass der kleine Pilot richtig darauf sitzen und es optimal bedienen und kontrollieren kann. »Ein Kinderrenner muss, und zwar in jeder Hinsicht, ein miniaturisiertes Erwachsenenrad sein«, stellte das Rennradmagazin TOUR einmal in einem Test von Rennrädern für Kinder fest. Soll heißen: Schalt- und Bremshebel, Sattel, Laufräder und Rahmen sollten im Optimalfall maßstabsgetreu verkleinert werden. Doch gerade im Sportradsegment finden sich noch immer viele Konstruktionen, die nicht sehr kinderfreundlich sind. So sind oftmals die Tretlager zu hoch, um im Sattel sitzend den Boden zu erreichen. Das Oberrohr ist so lang, dass der Rücken der Nachwuchsrennfahrer stark gestreckt wird, und die Bremshebel sind so schwergängig, dass die Kraft nur dann reicht, wenn die Kids sie vom Unterlenker aus bedienen. Als Händler kann man dem nur begrenzt entgegensteuern, indem man einen kürzeren Vorbau einsetzt oder den Sitzrohrwinkel mittels gekröpfter Sattelstütze verändert. Die Basisarbeit müssen die jeweiligen Hersteller machen. Und die werden sich der Bedeutung der jungen Klientel immer mehr bewusst. »In den frühen Anfängen verdienten ›Kinderbikes‹ ihren Namen nicht«, erinnert sich Sebastian Maag von Specialized. »Sie waren schwer, entsprachen nicht dem aktuellen Stand der Technik und wurden deshalb nicht von den Kids genutzt.« Was keinen Spaß macht und nicht zumindest ansatzweise cool aussieht, wird verschmäht, bestätigt eine Erhebung des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs ADAC. Begrenztes Budget und hohe (technische) Anforderungen – zwei kaum vereinbare Pole, die in Rädern für Kinder und Jugendliche zu einer funktionalen, robusten und optisch ansprechenden Einheit verschmelzen sollen.

Unmögliches ermöglichen

Eine Herausforderung, denn »Leichtbau und günstig sind im Fahrradbau meist absolute Gegensätze«, gibt Stevens-Mann Volker Dohrmann zu bedenken. »Man muss außerdem sehen, dass Räder für Kinder nicht viel leichter sein können als Fahrräder für Erwachsene.« Das liege zum einen daran, dass sie die gleichen Komponenten haben, schlicht, weil es keine speziellen Kinderversionen gibt. Zum anderen könne der Rahmen kaum weniger Material und damit Masse aufweisen als einer für Erwachsene. Ein Mountainbike mit zehn Kilogramm Gewicht sei schon ziemlich leicht, so Dohrmann. Dennoch werden Kinderräder im Verhältnis zum Gewicht ihrer Fahrer immer viel schwerer sein als ihre Erwachsenen-Pendants. Doch es tut sich was in diesem Bereich, wird von Herstellerseite bestätigt. Stevens erkennt einen allgemeinen Trend dahingehend, dass Eltern mehr Wert auf gute Fahrräder legen, da sie selbst auf hochwertigen Velos unterwegs sind. Bei Specialized sieht man bereits jetzt ein umfangreicheres Gesamtangebot als je zuvor. »Jährlich werden wir mit neuen Impulsen, neuen Marken und einem größeren Angebot konfrontiert«, so Sebastian Maag. Anstatt um Marktanteile zu fürchten, empfindet er diese Entwicklung jedoch als positiv: »Es ist ein Trend weg von Junkfood, Spielkonsolen und Smartphones erkennbar. Den lohnt es sich doch zu fördern, oder?«

Früh übt sich …

Ihn motiviert es, Räder zu konstruieren, die Kinderaugen leuchten lassen, wenn sie sie über den Wettkampfparcours manövrieren und dass sie sich dadurch motorisch weiterentwickeln. Doch nicht nur der hehre Wunsch, Kinder, Jugendliche und ihre Eltern für die Wichtigkeit von Bewegung an frischer Luft zu sensibilisieren, treibt die Hersteller an die Reißbretter. Es stecken auch wirtschaftliche Gründe dahinter. Denn was man als Kind schon gemocht und dem man vertraut hat, dem wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter treu oder zumindest gewogen bleiben. Es findet ein positiver Imagetransfer statt, der Nachwuchs soll deshalb früh von einer Marke begeistert werden. Nicht nur durch passives Anbieten, sondern auch aktiv, durch die Unterstützung von Schul- und anderen Radprojekten. »Gerade für junge Fahrer ist es schwer, gutes Material zu finanzieren. Ohne Unterstützung könnten viele Talente nicht gefördert werden«, ist Volker Dohrmann überzeugt.

Chancen nutzen

Doch nicht nur Hersteller, auch Fach- und Einzelhändler können sich über Fahrräder für Kinder und Jugendliche profilieren und Kundschaft an sich binden. Laut der Kurz-Studie »PROSA Fahrräder« des Öko-Instituts kaufen fast 70 Prozent der Befragten ihre Räder nach wie vor im Fachhandel. Wer die Eltern gut berät, hat im Nachwuchs vielleicht für viele Jahre einen treuen Kunden gewonnen. Denn einerseits braucht ein Heranwachsender öfter mal ein neues Velo – und andererseits ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein Kind, das von Anfang an ans Rad gewöhnt ist, dieses auch als Jugendlicher und Erwachsener ganz selbstverständlich einsetzen wird. Vielleicht nur als Fortbewegungsmittel in der Stadt, vielleicht zusätzlich als Sportgerät. Informieren Sie sich deshalb gezielt bei Ihren Handelspartnern nach speziellen Angeboten für Kinder. Lassen Sie sich von Biometrieexperten beraten, welche Geometrien für »Nachwuchsräder« sinnvoll sind und umsetzbar sein sollten. Das kindgerechte Rad beginnt beim Rahmen, führt über die Komponenten und endet bei der Übersetzung. Zugegeben, eine entsprechende Anpassung an den jungen Fahrer erfordert Geduld, Erfahrung und damit Zeit – ein Aufwand, der einem vergleichsweise geringen Kaufpreis (durchschnittlich um die 900 Euro bei Sportfahrrädern) gegenübersteht. Doch gut und konsequent umgesetzt, investiert man ihn in einen Kunden, den man vielleicht fürs Leben gewinnt.

16. Februar 2015 von Carola Felchner

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