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Das Team der Filiale in Sutton wird geleitet von Retail Operations Manager Pete Campbell (2. v. l.).
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Portrait - Pearsons

Lebendiges Denkmal

Der älteste Fahrradladen der Welt betreibt im Südwesten Londons erfolgreich ein Geschäft mit Nachbarn, Pendlern und Rennradenthusiasten als Kunden. Aus dem eigenen Namen hat man eine begehrte Rennradmarke gemacht – und auch den Sprung ins Internet erfolgreich gemeistert.

Tradition kann zur Marke werden, aber man muss auch behutsam mit ihr umgehen – denn Tradition bietet keine Garantien für die Zukunft. Vielleicht ist das der Grund, warum eines der traditionsreichsten Fahrradgeschäfte der Welt keinen Bohei um seine herausragende Tradition macht. Man muss den Blick schon etwas schweifen lassen, bis man über der Verkaufstheke im Ladenlokal an der High Street des Vororts Sutton im Südwesten Londons die gerahmte Urkunde erblickt: »Guinness World Records Certificate« steht da und die Bestätigung, dass Pearson Cycles das älteste Fahrradgeschäft der Welt ist.
Wie ein Unternehmen lange Tradition mit modernen Trends des Fahrradmarkts verbindet, kann man in den beiden Filialen des Unternehmens Pearson – im Stammlokal in Sutton und in der zweiten Filiale in Sheen – gut beobachten. »Es ist ein ganz besonderer Ort mit viel Geschichte. Wir sind immer noch in genau den Räumen, wo vor mehr als 150 Jahren alles anfing«, sagt Pete Campbell, der seit 2014 als »Retail Operations Manager« arbeitet. Er ist der Manager des Ladens – doch die Nachfahren des Gründers, Guy und William Pearson, bestimmen im Hintergrund weiterhin die Geschicke und geben den Kurs vor.
1860 wurde das Geschäft in Sutton zunächst nicht als Fahrradladen gegründet, sondern als Schmiedewerkstatt für den Transitverkehr mit Pferdekutschen. Sutton lag damals an einer wichtigen Route vom Herzen der Metropole London zu den Häfen an der südlichen Küste Englands. Thomas Pearson etablierte sich an dieser Stelle als Hufschmied und ging dann mit der Zeit: Er reparierte Fahrräder, die sich im späteren 19. Jahrhundert immer weiter verbreiteten. Als das Geschäft an seinen Sohn Harry überging, war der Laden bereits zum Fahrradspezialisten avanciert. Noch heute kann man in der Filiale in Sutton alte Werkzeuge bewundern, mit denen damals etwa Räder und Reifen repariert wurden.
Der Pearson-Store in Sutton liegt mitten in einer belebten Fußgängerzone, er ist zugleich ein Denkmal als auch ein Laden für die Nachbarschaft als auch ein Anziehungspunkt für anspruchsvolle Rennradsportler. »Wir bieten das alles in den Räumen, in denen damals die Familie Pearson lebte und arbeitete«, erklärt Manager Campbell. So ist die Filiale in ein Vorderhaus und ein Hinterhaus geteilt. Vorn findet man eine Vielfalt an Rädern – vom Kinderrad über Brompton-Bikes bis zu Stadtflitzern und Mountainbikes, daneben Helme, Schlösser und vielerlei Handelsware. Geht man durch den engen Hinterhof, so findet man die Werkstatt in einem Verschlag, der einst auch die Schmiede beherbergte – und daneben den Showroom für das Rennradsegment, dem man bei
Pearson viel Herzblut widmet.
Die Gebäude sind alt, typisch englisch alt: roher Backstein, enge Durchgänge, steile Treppen. Das ist ein gelungener Kontrast zum Sichtbeton und nüchternen Farbkonzepten bei großen Ketten und Discountern. Es ist eben ein Haus mit Tradition, wo es auch mal etwas enger wird, viel Ware auf kleiner Fläche steht.
»Wir bedienen sehr unterschiedliche Kunden«, sagt Campbell. Einerseits profitiere man stark von der wachsenden öffentlichen Förderung des Fahrradfahrens in Großbritannien. Beispielsweise gibt es staatlich geförderte »Bike-to-Work«-Programme, bei denen Arbeitnehmer mit Förderung durch ihre Firmen neue Räder kaufen können. »Für uns ist das wichtig, es belebt das Geschäft mit Alltagsrädern«, sagt Campbell.

Zweiter Standort mit eigenem Schwerpunkt

Das Geschäft in Sutton mischt alle Kundentypen, das zweite Geschäft hingegen in Sheen zielt etwas mehr auf Sportfahrer, die gern auch teurer konsumieren. Auch bietet man dort, ganz dem Trend folgend, nicht nur Fahrradservice, sondern auch ein Café. Sogar radfahrerspezifische Physiotherapie gehört zum Angebot.
Doch man merkt auch in Sutton, dass viel Herzblut im Verkauf von High-end-Rennrädern und dem passenden Zubehör steckt. Pearson hat sich beispielsweise jüngst den Status als Händler für Rennräder von Storck ergattert – auch in Großbritannien genießt die deutsche Marke einen besonderen Ruf. Mit Fahrrädern von Trek und Specialized geht man auch ein eher wohlhabendes Publikum an. Besonders allerdings ist die eigene Marke Pearson, die auf Rennrädern verschiedener Preisstufen prangt und einen guten Ruf weit über den lokalen Handel hinaus genießt. In englischen Fachmagazinen ergattert Pearson mit seinen Modellen immer wieder gute oder sehr gute Bewertungen – und das gilt für alle Varianten, ob nun aus Carbon, Alu, Titan oder Stahl. Hinter den Rahmen, so hört man, soll übrigens der belgische Hersteller Ridley stecken.
Bei Pearson nimmt man sich viel Zeit für die persönliche Beratung. Verkaufsleiter Campbell sagt: »Als Filialist müssen wir unsere Vorteile und Kompetenz beweisen.« In beiden Filialen bietet das Unternehmen nicht nur intensive Gespräche, sondern eben auch Bike Fitting an – was man in England als potentiellen »Internet Buster«, also als Gegenmittel gegen das Netz, ansieht. Das kostet zwar knapp 200 Pfund, doch die Spezialisten nehmen sich auch Zeit und geben die Ergebnisse so mit, dass man sie im Zweifel auch woanders nutzen könnte. Doch wenn man daraufhin ein Fahrrad aus der Filiale auswählt, rechnen sie den bezahlten Betrag auf den Kaufpreis an. »Unsere Kunden verstehen, dass wir Service nicht umsonst anbieten können. Aber wir kommen ihnen auch entgegen, weil wir natürlich den Wettbewerb im Internet kennen«, sagt Campbell. Man überzeugt mit der eigenen Service-Qualität, diskutiert vielleicht auch mal über den Preis und ist auch bei Schnäppchenjägern immer gesprächsbereit. Die Bindung an den Laden soll auch mit einem eigenen Radsportklub gesteigert werden.

Keine Insel im Wettbewerb

Mit seinen beiden Filialen ist Pearson zweifellos eine Institution, doch das bedeutet nicht, dass man sich von der virtuellen Welt abschotte. Im Gegenteil: Basierend auf der erfolgreichen Eigenmarke Pearson zieht das Unternehmen ein eigenes Internetgeschäft auf, auch die passenden Kleidungsstücke, Zubehör und Werkzeuge gibt es im Netz – allesamt im aufwendigen Pearson-Design, mit ansprechenden Farbkonzepten und geschwungener Schriftmarke. »Das Branding des Zubehörs ist wichtig«, sagt Pete Campbell, »aber noch wichtiger ist, dass die Qualität top ist. Wir wollen keine Durchschnittsware mit unserem Namen drauf.«
Sie wissen, wie Handel funktioniert, und sie zeigen auch, dass sie die Lektionen des Internets verstehen. Wer die Social-Media-Kanäle und die Web-Aktionen von Pearson betrachtet, erkennt: Das sind keine bloßen Web-Visitenkarten, sondern hier geht es um aktive Kundenansprache und bewusstes Management der Community und der Kunden. Eigentümer Guy Pearson hat bereits in der Vergangenheit damit geliebäugelt, einen Investor an Bord zu nehmen und die eigene Marke international zu vertreiben. Er weiß, dass Tradition dafür auch im Internet wertvoll sein kann.
Gleichzeitig bleibt Pearson ein überzeugter Filialist. Es dauerte 150 Jahre, bis das Unternehmen in Sheen überhaupt seine zweite Filiale eröffnete. Nun, sagt Pete Campbell, könne es etwas schneller gehen. Man suche ernsthaft nach einem Standort für einen dritten Laden – mitten im Herzen Londons, um dort die eigene Rennradserie zu präsentieren.

11. Dezember 2016 von Tim Farin
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