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Fotos: GebioMized
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Report - Bike-Fitting

Machen Sie es Ihren Kunden bequem

Bike-Fitting ist immer weniger ein Nischenprodukt. Zu Recht, denn es verhilft Radfahrern jeden Leistungsstands zu mehr Spaß und weniger Schmerzen im Sattel. Und Radhändlern zu neuer und treuer Kundschaft.

Profis scheinen mit ihrem Rad zu verschmelzen: Zeitfahrspezialisten ducken sich windschnittig über Aerolenker, Bergflöhe fliegen Anstiege hoch, als wären Höhenmeter etwas, das nur in der Wahrnehmung anderer existiert, und Mountainbike-Profis gleiten wie auf Luftkissen über verblockte Steinpfade und holprige Wurzeltrails. Dass einer von ihnen regelmäßig mit schmerzendem Hintern, steifem Nacken oder kribbelnden Händen von seinem Arbeitsgerät steigt – unvorstellbar. Anders bei Hobbyfahrern: Bei ihnen sind diese Symptome so häufig, dass viele sie bereits als notwendiges Übel für jeden, der sich in den Fahrradsattel schwingt, akzeptiert haben. Mehr einzustellen als die Sattelhöhe? Kommt den meisten gar nicht in den Sinn.
Doch sie verschenken damit eine Menge Fahrspaß und Energie. Eine Tatsache, die findige Händler mit überschaubarem Aufwand für sich nutzen können: Mit einem entsprechenden Fitting-Angebot, mittels dessen das Rad so an den Fahrer angepasst wird, dass Schmerzen gar nicht erst entstehen. Denn wenn ein Muskel damit beschäftigt ist, eine durch einen zu hohen Sattel verkippende Hüfte auszubalancieren oder der Nacken über einem zu tief oder zu weit vorn montierten Lenker verkrampft, kostet das Kraft, die nicht auf der Straße landet. Gut, mag man argumentieren, wer sein Rad nur nutzt, um ins Büro oder zum Bäcker um die Ecke zu fahren, will keine Geschwindigkeitsrekorde aufstellen. Aber sehr wohl schmerzfrei dort ankommen. »Die Haltung und Sitzposition auf dem Fahrrad spielt eine wichtige Rolle, um sich auch auf längeren Strecken wohlzufühlen«, bestätigt Martin Switalla von Externum, einem Konzept für entspanntes Fahrradfahren unter gesundheitssportlichen Gesichtspunkten. Deshalb muss das Rad zum Fahrer passen – egal, ob ambitionierter Triathlet, Wochenend-Mountainbiker oder Stadtradler.

Komfort bindet Kunden

»Meistens haben die Menschen Beschwerden an den Kontaktpunkten zum Fahrrad. Wenn der Körper Schmerzen hat, will er sich schützen. Und das tut er, indem er die umliegende Muskulatur zwingt, den Schmerz auszugleichen und die betreffende Stelle zu entlasten. Das führt dann aber schnell zu Verspannungen und Fehlbelastungen«, weiß Lloyd Thomas aus Erfahrung. In seinem Fitting-Labor cyclefit.de in der Nähe von Frankfurt am Main hat er schon Dutzende Radfahrer vermessen und richtig aufs Bike gesetzt. »Richtig« heißt in diesem Fall: entsprechend der Anatomie, Beweglichkeit, Verletzungshistorie und Leistungsveranlagung des jeweiligen Radlers. Denn eine Schablone für die optimale Radhaltung gibt es nicht. Umso mehr lohnt sich eine professionelle Sitzpositionsanalyse – und zwar für jeden. Die Effekte eines gut gemachten Fittings sind so unmittelbar spürbar, dass es zum wirkungsvollen Instrument zur Kundenbindung und -gewinnung werden kann. »Ein Physiotherapeut sieht den Radfahrer ausbildungsbedingt mit anderen Augen«, ist Switalla überzeugt.
Inzwischen gibt es verschiedene Ansätze und Anbieter. Interessant für Radhändler, die keine (sport-)medizinische oder Physiotherapie-Ausbildung haben, dürften Systeme sein, die mit standardisierten Parametern arbeiten, mittels derer die wichtigen Eckpunkte der Sitzposition analysiert und angepasst werden. Auch einige Radhersteller wie Scott oder Specialized bieten sie inzwischen ihren Vertragshändlern als zusätzliches Verkaufsargument an. Und Externum hat ein Konzept entwickelt, das individuelle Intensivberatung beim Fachhändler des Vertrauens mit einem Produktkonzept mit den Schwerpunkten Komfort und Ergonomie im Bereich E-Bike, Reise- und Cityrad verbindet. Doch auf was muss man überhaupt schauen und welche Möglichkeiten hat man zur Anpassung?

Winkel-Wunderland

»Vorrangig muss die Geometrie des Wunschrades zum individuellen Körperbau des jeweiligen Fahrers passen. Sowohl zu den Längenmaßen als auch zu den dynamischen Faktoren wie Beweglichkeit und Stabilität«, erklärt Lotte Kraus. Die examinierte Physiotherapeutin und professionelle Bike-Fitterin arbeitet beim Biomechanik-Unternehmen GebioMized in Münster mit Profis aus verschiedenen Disziplinen, aber auch mit Hobbysportlern, zusammen. Ein paar Rohre, ein paar Winkel, fertig ist das Rad? Wo Laien wenig Veränderbares sehen, eröffnet sich der Biometrie-Expertin eine Spielwiese an Anpassungsoptionen. Aber auch jede Menge Herausforderungen, denn »wenn man an einer Komponente der Sitzposition etwas verändert, beeinflusst das immer auch alle anderen.« Stellt man zum Beispiel den Sattel nur ein paar Millimeter nach vorn, können auf einem Renn- oder Triathlonrad Dammbereich und Rücken äußerst sensibel reagieren, weil sich die Muskelbelastung ändert. Das muss man stets im Hinterkopf haben und deshalb immer das Gesamtbild noch einmal kontrollieren, bevor man den Kunden mit seinem frisch eingestellten Bike auf die Straße entlässt.

Sitzen Frauen ­anders?

Frauen profitieren stark von einem perfekt auf sie abgestimmten Rad. Dabei sollte vermieden werden, mit zu vielen Spacern oder einem Stummelvorbau zu arbeiten, da beides die Fahreigenschaften empfindlich verändert. Ein normales Modell kann durchaus besser passen als ein spezielles Frauenmodell, das hängt von individuellem Körperbau, Längenmaßen, Beweglichkeit und Stabilität der Fahrerin ab. Oft stimmen bei Frauen Lenkerbreite und Bremsgriffposition nicht. Schwierig ist es, ein Standardmodell für sehr kleine Fahrerinnen zu finden. In diesem Falls sind spezielle Settings für kleine Körpergrößen mit entsprechend angepasster Übersetzung und Kurbellänge sinnvoll.
Eine Studie aus dem Jahr 2003 hat außerdem ergeben, dass sich Fahrerinnen in etwas aufrechterer Position wohler fühlen als in aggressiver Rennhaltung. Ein spezielles Damensattel-Modell ist nicht unbedingt notwendig, tendenziell ist der Sitzbeinhöckerabstand bei Frauen aber etwas breiter. Es gilt jedoch: nehmen, was sich für die Fahrerin auch nach längerer Zeit (ein bis zwei Stunden Fahrt, je nach Leistungsniveau) noch komfortabel anfühlt.

Ähnlich, und doch anders

Sitzhöhe und -länge, Sattelneigung und Lenkerbreite – die notorischen Schmerz- und damit Ansatzpunkte für Anpassungen sind bei allen Radgattungen gleich. Die Einstellung variiert aber teils stark – ein Trekkingradler sitzt anders auf seinem Gefährt als ein Mountainbiker, Rennrad- oder Zeitfahrer. Jemand, der 40 Kilometer maximal schnell zurücklegen will, braucht eine andere Position als jemand, der 180 Kilometer radelt und danach noch laufen können sollte. Ein Fahrer, der flexible Muskeln und einen starken Rumpf hat, fühlt sich mit einer größeren Überhöhung wohl, während ein weniger beweglicher Fahrer eine aufrechtere Haltung bevorzugen dürfte. Es ist also für ein professionelles Fitting unerlässlich, neben den »harten Messfakten« wie Oberschenkel- und Oberarmlänge, Rumpflänge und Kniebewegung beim Treten, auch Dinge wie Haupteinsatzzweck des Bikes oder muskuläre Einschränkungen abzufragen beziehungsweise zu überprüfen.
Ganz ohne Grundinteresse an der menschlichen Anatomie im Allgemeinen und den daraus resultierenden entsprechenden Schlussfolgerungen für Radfahrer im Speziellen, geht es im Fitting nicht. Egal, welches System eingesetzt wird. Wer jedoch willens ist, regelmäßig etwas Zeit in Aus- und Fortbildung zu investieren, sich Zeit nimmt, genau hinzuschauen und hinzuhören, wenn ein Kunde zur Sitzpositionsanalyse kommt, kann sich eine treue Zielgruppe erschließen und an sich binden. Denn wer einmal gut beraten worden ist, kommt immer wieder. Und sei es, um den kürzeren Vorbau zu kaufen, der laut Sitzpositionsanalyse komfortabler wäre.

20. Dezember 2015 von Carola Felchner
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