
Markt - Zielgruppe Mädchen
Mädchen fürs Fahrradfahren begeistern
Der »Fahrradmonitor 2023«, der seit 2009 alle zwei Jahre vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr in Auftrag gegeben und vom Sinus-Institut durchgeführt wird, ermittelte vor Kurzem, wie viele Frauen und Männer Fahrrad oder Pedelec fahren. Dabei stellte sich wie schon in den Jahren zuvor heraus, dass Frauen (36 Prozent) seltener als Männer (42 Prozent) aufs Fahrrad steigen. Nimmt man Kinder und Jugendliche in den Blick, fällt auf, dass es für diese Personengruppen kaum belastbare Zahlen gibt. Dabei wären gerade sie für den Fahrradfachhandel interessant, denn was in diesen Lebensphasen geschieht, ist »prägend im Hinblick auf das Mobilitätsverhalten im Erwachsenenalter«, wie die Autorinnen des Abschlussberichts des hessischen Forschungsprojekts »Aktiv & selbstständig unterwegs – Mobilitätsbedürfnisse jugendlicher Mädchen«, der im Februar 2024 erschien, feststellten. Allein die Analysen des Infas-Instituts »Mobilität in Deutschland – MiD« aus dem Jahr 2017 machen eine Aussage zum Fahrradverhalten bei Jungen und Mädchen: Demnach nutzen Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren das Fahrrad deutlich häufiger (23 Prozent) als Mädchen (18 Prozent). Diese Kluft vertieft sich vor allem während der Pubertät. Gründe dafür sind gesellschaftliche Erwartungen, wachsende Unsicherheiten in der Pubertät aufseiten der Eltern und der Mädchen, eine nicht mädchengerechte Stadtplanung sowie das Fehlen von Vorbildern. All diese Punkte verdienen einen genaueren Blick.
Gesellschaftliche Bedingungen
Trotz vier zentraler Frauenbewegungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts werden Mädchen nach wie vor mit traditionellen Rollenbildern konfrontiert, wenn auch subtiler als früher. So sollen sie zurückhaltender, ruhiger und gepflegter als Jungen sein. Sie sollen nicht »wild« sein oder Risiken eingehen. Oft sind es die Eltern, die bewusst oder unbewusst diese gesellschaftlichen Erwartungen auf ihre Töchter übertragen. Sie sorgen sich auch mehr um ihre Töchter als um ihre Söhne, wenn es heißt, am Straßenverkehr teilzunehmen.
Über den gesellschaftlichen Rechtsruck und neokonservative Ideologien treten antifeministische Narrative und traditionelle Rollenbilder derzeit wieder in den Vordergrund. Der Trend der »Tradwives« (»traditional wives«) hält, aus den USA kommend, nun auch über Influencerinnen in Deutschland Einzug. Dabei steht die Romantisierung und Idealisierung alter Rollenbilder hoch im Kurs. Gerade in der Pubertät identifizieren sich viele Mädchen und ihre Peergroup damit. Fahrradfahren gilt plötzlich als »uncool«. Gleichzeitig verändern sich die Mädchenkörper, was viele von ihnen als eine Phase der Unsicherheit erleben. Fahrradfahren wird plötzlich als unangenehm und unvorteilhaft empfunden. Auch die Angst vor unangenehmen Situationen, Belästigungen oder Übergriffen verstärkt sich in dieser Zeit. Ein Faktor, den auch die Autorinnen von »Aktiv & selbstständig unterwegs – Mobilitätsbedürfnisse jugendlicher Mädchen« bestätigen: Mädchen möchten insbesondere nachts nicht allein mit dem Rad unterwegs sein.
Stadtplanung hat Mädchen kaum im Blick
Eine gute Beleuchtung der Radwege würde hier mehr Sicherheit bieten, doch die Stadtplanung wird nach wie vor zumeist von Männern betrieben und so »werden Bedürfnisse von Gendergruppen, wie beispielsweise auch die von jugendlichen Mädchen, in Verkehrsplanungsprozessen selten berücksichtigt«, so der Bericht weiter. Planungen wie gut gewartete und beleuchtete Radwege, verkehrsberuhigte Zonen, Tempo 30 und die Berücksichtigung von Alltagsrouten, die von Mädchen bevorzugt werden, haben von daher eher Seltenheitswert. Isabell Eberlein, eine der drei Geschäftsführerinnen bei Velokonzept und Gründerin des Netzwerks Women in Cycling Germany, plädiert zudem für breite Radwege: »Mädchen haben sich insbesondere in der Pubertät viel zu erzählen. Öffentliche Verkehrsmittel punkten damit, dass Teens dort entspannt miteinander quatschen können. Wären Radwege so breit, dass Mädchen gut und sicher nebeneinander herfahren könnten, ohne dauernd auseinandergeklingelt zu werden, wäre der Spaß am Fahrradfahren sicher auch größer.«
Der Mangel an Vorbildern
Neben der Verkehrs- und Stadtplanung, in der Mädchen kaum vorkommen, fehlen auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen radelnde weibliche Vorbilder. Beispielhaft ist die Liste der Preisträgerinnen und Preisträger des Deutschen Fahrradpreises, der seit 2003 jährlich an die »Fahrradfreundlichste Persönlichkeit« verliehen wird: Fünfzehnmal ging der Preis an Männer, fünfmal an Frauen und zweimal an nicht lebende »Wesen« wie den Fußballclub SC Freiburg und die Maus von der »Sendung mit der Maus«.

Sie werden vielleicht nicht so leicht zu Materialfetischisten wie männliche Radler, trotzdem haben auch Mädchen ein gutes Auge für zu ihnen passende Bikes.
Gleichzeitig ist erwiesen, dass weibliche Teens in der Pubertät ihre Freizeitaktivitäten zunehmend von draußen nach drinnen verlagern. Tendenziell werden sie auch früher und stärker gerade in Bezug auf ihr Körpergefühl von sozialen Medien beeinflusst, was sich schließlich negativ auf ihre Lust an Bewegung auswirkt. So bleiben auch die wenigen Frauen, die Mädchen zum Fahrradfahren motivieren möchten, für diese eher »unsichtbar«.
Was der Handel tun kann
Ansatzpunkte zur Veränderung gibt es viele. Indem der Fahrradfachhandel bewusst mehr Ausbildungs- und Arbeitsstellen an junge Frauen vergibt, stärkt er heranwachsende Mädchen in ihrer Rollenfindung. Trotzdem werden Mädchen als Kundinnen von Händlerinnen und Händlern nach wie vor mehr als vernachlässigt. Für eine zielgruppenspezifische Ansprache braucht es ein Umdenken in der Produktwahl und -präsentation, im direkten Kontakt und in der Werbung, aber auch bezüglich der Haltung zur Infrastruktur und Städteplanung.
Wenn Händlerinnen und Händler diese Zielgruppe bedienen wollen, brauchen sie natürlich passende Rahmenhöhen und Designs für junge Radlerinnen im Sortiment, zusammen mit einer passenden Präsentation. »Die richtige Passform sorgt für die nötige Sicherheit und Kontrolle und die Wunschfarbe oder eine coole Klingel motiviert die Kids, das Rad bei jeder Gelegenheit nach draußen zu holen«, hält Judith Schäfer, Projektmanagerin bei Liv, der Fahrradmarke, die Bikes speziell für Frauen entwickelt, fest. Auf Mädchen abgestimmte ergonomische sowie stylische Produkte, die im Schaufenster und im Internet präsentiert werden, ziehen junges weibliches Publikum ebenso an. Im Verkaufsgespräch gilt es dann, auf die Bedürfnisse und Wünsche der Mädchen vorurteilsfrei einzugehen. Vorgebrachte Sicherheitsbedenken sollten sensibel ausgeräumt und die sicherheitsrelevanten Merkmale am Produkt ausführlich erklärt werden.
Händlerinnen und Händler, die Events und Workshops für Mädchen organisieren, verdeutlichen, dass sie die Zielgruppe wirklich ernst nehmen. Dabei sollten sie die traditionellen Mädchen- und Frauenbilder ruhig ironisch aufbrechen und ein authentisches und reflektiertes Empowerment anbieten.
Kooperationen mit Schulen seien eine weitere gute Möglichkeit, um Mädchen für das Radfahren zu begeistern, meint Judith Schäfer von Liv. »Dort kann man auch an Fahrsicherheitstrainings mitwirken oder Fahrrad-AGs unterstützen.« In einigen Städten bieten auch Vereine und Initiativen Fahrradtrainings und Reparaturworkshops speziell für Mädchen an, mit denen man ebenfalls kooperieren könnte. Beispielhaft sind hier die Berliner Organisation »#BIKEYGEES e. V.«, der ADFC Berlin mit seiner »FrauenFahrradSchule«, die Freiburger Initiative »Bike Bridge« mit ihren Ablegern in Frankfurt, Köln und Stuttgart oder »VELO – Ladies on the Road« im Großraum Stuttgart. Manche von ihnen organisieren auch Radtouren für Mädchen. Allerdings sollten sich Händlerinnen und Händler überlegen, ob sie Reparaturkurse und Radtouren für Mädchen nicht selbst anbieten wollen, denn damit bietet sich die Möglichkeit, selbst eine Community aufzubauen, die dann direkt an den Fahrradladen angebunden ist.
Die Liv-Projektmanagerin Schäfer schätzt auch folgende Möglichkeit der Ansprache: »Bietet man einen Family-Day oder Mutter-Tochter-Tag an, an dem man unter anderem auch Wartungs- und Reparaturtipps geben kann, ist das Kundenpotenzial noch größer. Einige unserer Händler arbeiten mit Liv-Markenbotschafterinnen zusammen, die bei solchen kleineren Events vor Ort eingesetzt werden können. Es muss auch nicht gleich ein ganzer Tag sein – kleine Angebote machen oft schon einen Unterschied und lohnen sich langfristig.«
Besondere Bedeutung obliegt der Bildsprache in der Werbung und im Marketing: Zum einen sollten viel mehr radelnde Mädchen dargestellt werden, zum anderen sollte darauf geachtet werden, dass auf den Fotos keine traditionellen Rollenbilder bedient werden. Die Marketingstrategie sollte vielmehr gezielt an den Bedürfnissen von Mädchen orientiert sein. »Es hilft, wenn im Laden, auf der Website und in den sozialen Medien Bilder von Frauen und Mädchen auf sportlichen Bikes gezeigt werden, denn das führt zum ›Oh cool, das will ich auch machen!‹«, berichtet Schäfer aus ihrer Praxis. »Spannende Sportlerinnen und/oder Freizeitradlerinnen aus der Region, die tolle Erlebnisse teilen können und die man zu sich in den Fahrradladen einladen kann, damit sie Mädchen von ihren Abenteuern erzählen und als Vorbilder fungieren können, sind ebenso wertvoll.«
Einige Vertreter aus der Fahrradindustrie beteiligen sich auch mit Aktionen an besonderen Tagen, die Mädchen oder Frauen im Fokus haben: So lud der Reifen- und Schlauchhersteller Schwalbe anlässlich des »Girls‘ Day2025« Schülerinnen weiterführender Schulen in die Firmenzentrale in Reichshof ein. Ihr Engagement kommunizierte die Firma auch auf Social Media. »Fahrradhändlerinnen und -händler könnten sich an diesen Aktionstag anhängen und niedrigschwellig zum Beispiel Mädchen zu einer Happy Hour einladen. Ein zeitlich begrenzter Reparaturkurs könnte das Programm abrunden«, empfiehlt auch Eberlein von Velokonzept.
Die Bedürfnisse von Mädchen mitdenken
Rose Bikes Schweiz bedankte sich anlässlich des Internationalen Frauentags am 8. März 2025, der unter dem Motto »Für ALLE Frauen und Mädchen: Rechte. Gleichheit. Ermächtigung« stattfand, bei seinen Mit-arbeiterinnen und rief dazu auf, weiterhin daran zu arbeiten, »Gleichberechtigung und Empowerment für alle zu fördern« und schloss seinen Post im Internet mit der anerkennenden Botschaft ab: »Wir wünschen allen Frauen einen tollen Weltfrauentag!« Ein Beispiel, das sich auch Händlerinnen und Händler zu eigen machen könnten.
Sind diese in ihrer Freizeit politisch aktiv und nehmen sie an Versammlungen der Bürgerinnen und Bürger vor Ort teil, sollten sie bei Planungen zum Straßenverkehr oder zur inklusiven Stadtplanung die Bedürfnisse von Mädchen mitdenken und sich dafür einsetzen, dass diese in den entsprechenden Gremien gehört werden. Ihre Aktivitäten sollten die Händlerinnen und Händler dann auch in ihrem Betrieb kommunizieren, genauso wie die folgende Botschaft: Fahrradfahren erhöht den Radius, erweitert den Blick auf die Welt, nützt der mentalen, psychischen und physischen Gesundheit, führt zu einem besseren Körpergefühl und zur Selbstbestimmung. Aspekte, die gerade für Kinder und Jugendliche essenziell sind, insbesondere für Mädchen.
für unsere Abonnenten sichtbar.