11 Minuten Lesedauer
Mobilität  mit neuen Augen sehen
i

Report - Design Mobility

Mobilität mit neuen Augen sehen

Automobilhersteller sehen sich als Teil eines neuen Mobilitäts-Ecosystems, dessen Design vom Menschen her gedacht wird. Zukunftsmusik und ohne Bedeutung für die Fahrradbranche? Keineswegs, wie unser Autor Reiner Kolberg im Gespräch mit der branchenübergreifend tätigen BMW-Group-Tochter Designworks festgestellt hat.

Wer beim Thema Design nur an das ästhetische Erscheinungsbild denkt, der vergisst, wie weit diese Disziplin reicht und in welchem Maße sie in der Lage ist, das Verhalten und die Nutzungsgewohnheiten von Menschen auf der ganzen Welt zu prägen. Man muss nur an Steve Jobs und Bill Gates denken, die mit intuitiv erfassbaren, grafischen Benutzeroberflächen nicht allein den Welterfolg ihrer Unternehmen begründeten, sondern die Bedienung von Computern und Handys revolutionierten. Durch sie sind Fenster und Mausklicks heute selbst bei Kleinkindern ebenso selbstverständlich, wie Wisch- und Zoom-Gesten mit den Fingern.
Auch die Mobilitätswelt steht angesichts vielfältiger neuer Anforderungen und einer umfassenden Digitalisierung voraussichtlich vor enormen Umbrüchen und disruptiven Veränderungen. Die aktive Gestaltung, also das Design dieser Entwicklungen, Prozesse, neuer Produkte und Dienstleistungen, wird für die Zukunft wohl von entscheidender Bedeutung sein. Das gilt insbesondere für Automobilhersteller – aber auch für die Bike-Branche.

Teil eines neuen Mobilitäts-Ecosystems

»Die Automobilindustrie geht in ein komplexes Ecosystem hinein«, fasst Tim Müller, Director Creative Consulting bei Designworks, einer Tochter der BMW Group, die Sicht der Designer und Designstrategen im Gespräch zusammen. »Kaum ein anderer Wirtschaftsbereich verändert sich derzeit so grundlegend wie der Mobilitätssektor. Befeuert von der Digitalisierung und gestiegenen Kundenerwartungen, der Urbanisierung und der gesellschaftlichen und politischen Einflüsse, lösen sich die Grenzen zwischen Branchen wie Automobil-, Zug- oder Luftfahrtindustrie zugunsten eines ganzheitlichen Ecosystems auf. Auch das Fahrrad wird in diesem System seine Rolle und den Beitrag erweitern und neu erfinden.«
Natürlich muss man diese Sätze angesichts ihrer Tragweite und der aktuellen Diskussionen um neue Antriebe und Dieselfahrverbote erst einmal sacken lassen. Andererseits ist natürlich die Frage berechtigt, ob teure, zwei Tonnen schwere Privatfahrzeuge mit 150 PS, die durchschnittlich nur mit 1,5 Personen besetzt sind und 23 Stunden am Tag herum- oder im Stau stehen, in Zukunft wirklich Sinn machen. Vor allem, wenn den Kunden eine Vielzahl von Alternativen geboten werden, um ihre Bedürfnisse nach Mobilität, und ja, auch Spaß und Status, besser zu befriedigen.
Tatsächlich entwerfen auch Unternehmensberatungen längst konkrete Szenarien für die neue Rolle der Automobilhersteller: »Urbanisierung, Digitalisierung und autonomes Fahren entziehen den Geschäftsmodellen teilweise die Grundlage«, betont zum Beispiel die Unternehmensberatung Deloitte, mit über 280.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 43 Mrd. US-Dollar in 2018 einer der Big Player in der Branche. In einer 2017 erschienen Sonderbeilage der Automobilwoche entwirft sie verschiedene Szenarien für das Jahr 2025. Die gesamte Wertschöpfung müsse neu gedacht und ausgerichtet werden. Umsätze könnten »im besten Fall um über 70 Prozent steigen, sofern OEMs es schaffen, sich als Manager von Daten- und Mobilitätsdienstleistungen zu positionieren.« Die Kehrseite der Medaille: Wenn das nicht gelänge, könnten in einem Worst-Case-Szenario bis zu 50 Prozent der Belegschaft ihre Arbeit verlieren.

Der Mensch im Mittelpunkt

Auf den ersten Blick nicht weniger erstaunlich klingt das Credo von Designworks, »den Menschen und nicht das Auto« in den Mittelpunkt zu stellen. Diese Position kennt man in der Regel ja eher von zukunftsgerichteten Stadtplanern, wie dem Architekten Jan Gehl, oder dem bekannten Experten für urbane (Fahrrad-)Mobilität Mikael Colville-Andersen. Fasst man allerdings ins Auge, dass sich mit dem autonomen Fahren beispielsweise ganz neue Möglichkeiten und Erwartungen im Hinblick auf die Gestaltung eines Fahrzeug­innenraums ergeben und nimmt man dann noch die Möglichkeiten hinzu, die sich aus der Digitalisierung, neuen Sharingsystemen, intermodaler und Mikromobilität ergeben, dann erscheint diese Sichtweise nur logisch.

Alles wächst zusammen

Welches Auto für welche Zielgruppe? Oder doch Bahn- oder Radfahren? Das wird in Zukunft wohl immer schwerer fassbar. »An die Stelle einer Zielgruppe mit einem festen Set an Bedürfnissen treten Menschen, deren Rollen und Erwartungen sich permanent ändern«, so Tim Müller von Designworks. »Je nachdem, ob jemand zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit oder ins Grüne ist und ob die Wetter-App ein Gewitter, Sonne oder Schnee vorhersagt.« Dazu käme die Zunahme des intermodalen Verkehrs, bei dem verschiedene Lösungen in völliger Gleichberechtigung koexistierten. »Die Differenzierung zwischen Mobilität auf der Straße und der Schiene wird immer geringer, beispielweise wenn der Fahrer wegfällt. Alles wird Teil eines holistischen Ecosystems Mobilität«, erläutert Müller. »Veränderte Nutzer-Gewohnheiten und die digitalen Möglichkeiten lösen die Grenzen zwischen den Industrien auf und schaffen Raum für neue, modulare Mobilitätslösungen.«

Micro-Mobility Startup »Rydies«

Das deutsche Micro-Mobility Startup Rydies hat es sich zum Ziel gesetzt, als Schnittstelle zwischen Kurzstrecken-Mobilitätsanbietern und Mobilitätsportalen zu agieren. Dabei vernetzt und digitalisiert Rydies alle Angebote rund um das Zweirad von der ersten bis zur letzten Meile: vom sicheren Parken über elektrisches Laden und Bike-/Scooter-Sharing bis zur Fahrradvermietung. So soll zum einen die Fahrrad- bzw. Kurzstrecken-Mobilität auch für Wenig- oder bis dato Nichtnutzer einfach zugänglich werden. Zum anderen bekämen Unternehmen und Städten so die Möglichkeit, Micro-Mobilität effizient zu digitalisieren und zu managen.
Die Kreativen bei Designworks helfen dem Startup, sein Angebot zu visualisieren und bei Mobilitätsanbietern, Portalen, Servicedienstleistern oder städtischen Verwaltungen optimal zu präsentieren. Zusätzlich öffnet die Designberatung ihr Netzwerk und bringt das Startup mit Experten der BMW Group und anderen Kunden und Partnern im übergeordneten Mobilitätsbereich zum Knowhow-Transfer zusammen. »Das Konzept von Rydies hat uns sofort überzeugt. Es passt zu unserem Anspruch, die Mobilität von morgen ganzheitlich zu gestalten und vernetzte Lösungen für gesunde Städte zu bieten. Das wollen wir unterstützen«, so Sonja Schiefer, Direktorin des Münchner Studios von Designworks.
Interessant für Städte und Kommunen ist dabei auch das von Rydies zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme entwickelte Tool »Simulate«. Mit ihm hilft das Startup »zeitnahe, datenbasierte Entscheidungen zu treffen, um urbane Mobilitätsinfrastruktur, Anschluss-Mobilität und Verkehrslenkung effektiv, flexibel und unter Berücksichtigung einer rasant wachsenden Zweiradmobilität weiterzuentwickeln«.
»Die Fahrrad-Mobilität hat das Potenzial zur Verkehrswende noch lange nicht ausgeschöpft«, analysiert Andreas Nelskamp, Geschäftsführer von Rydies die aktuelle Situation. »Wir brauchen den Mut, attraktive, neue Geschäftsmodelle und Fahrzeugkonzepte zu starten und schnell umzusetzen, um die Masse der Verkehrsteilnehmer zu motivieren, den Pkw öfter stehen zu lassen.« Für die Zukunft sieht er die Fahrrad-Mobilität »als Bestandteil von digitalisierter und vernetzter Mikro-Mobilität inklusive neuer Fahrzeugkonzepte wie E-Micro-Scooter und neuer Geschäftsmodelle, wie Bike-Sharing, Firmenräder, Fahrrad-Abos für persönliche Räder und Ähnliches.«

Disruptive Veränderungen auch in der Fahrradbranche?

Auch die Bike-Branche befindet sich in einem Veränderungsprozess. Wie groß dieser sein wird und ob er bestehende Geschäftsmodelle nur infrage oder doch ganz auf den Kopf stellt, ist noch nicht entschieden. Eins scheint aber klar: Neue Entwicklungen und veränderte Kundenanforderungen mitzudenken und zu antizipieren, sich auch mit Playern aus anderen Branchen auszutauschen und die Fähigkeit zu entwickeln, flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren, macht wohl nicht nur Sinn, es kann auch zu einer Überlebensfrage werden.
»Das exponentielle digitale Wachstum sorgt für eine nur schwer vorstellbare Beschleunigung der Veränderung. Das heißt wir werden kontinuierlich lernen und uns anpassen müssen. Deshalb erwarten viele in der Branche in den nächsten fünf Jahren dasselbe Maß an Wandel, wie in den vergangene 30 Jahren«, betont Tim Müller von Designworks und schließt daran die Frage an »Wie sieht das für die Bike-Industrie aus? Wie kann das lernende Bike dazu beitragen, sich auf das rasante Tempo des Wandels und die sich stetig ändernden Kundenerwartungen einzustellen?«

Veränderungen kommen jetzt, nicht morgen

In Design- und Beratungsprojekten beobachtet Designworks, wie der rasante und oft disruptive Wandel nicht nur den Automobilbereich seit Jahren verändert, sondern auch von der Bike-Industrie ein neues Selbstverständnis und die Bereitschaft zum Perspektivwechsel fordert. Ob Service, Technologie oder Design – bahnbrechende Mobilitätskonzepte würden auch von der Bike-Industrie erwartet. »Viele Unternehmen reden vom zukünftigen Wandel und wie sie sich darauf vorbereiten können«, analysiert Tim Müller den Status Quo der Fahrradbranche. »Der rasante und in vielen Bereichen disruptive Wandel in der Fahrradindustrie steht jedoch nicht bevor, er ist bereits in vollem Gange.« Innerhalb des Ecosystems Mobilität würden die Rollen der Beteiligten nach den Erkenntnissen von Designworks gerade neu verteilt. »Die Veränderungen bieten ein enormes Potential für Unternehmen, Key-Player in dem Ecosystem zu werden, in dem Mobilität für den Nutzer und die Gesellschaft relevant gestaltet wird. Veränderte Nutzer-Erwartungen und die Digitalität sind auch hier die Treiber.«
Weitere prägnante Treiber im Mobilitätssektor seien die Themen Convenience und Connectivity, deren Bedeutung künftig noch zunehmen würde. »Der Convenience-Aspekt und die Frage, wie Reisezeit sinnvoll genutzt werden kann, erhalten einen immer höheren Stellenwert. Auch für das Rad«, so Tim Müller. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Umfrage der BMW Group, nach der 73 Prozent der Befragten ihre Marke wechseln würden, wenn ein Konkurrenzprodukt bessere Connectivity-Lösungen anbietet. Ein durchaus auch in der (E-)Bike-Branche wichtiger Aspekt, wo es längst nicht mehr nur um den besten Antrieb, sondern vor allem auch um Ad-ons, wie die Steuerung per App, Navigation etc. geht und sich Anbieter wie Bosch eBike Systems mit eigenen Systemen oder der Übernahme von Herstellern wie Cobi immer mehr zu Platzhirschen entwickeln.

Blick in die Zukunft

Wie sieht die Mobilität der Zukunft aus? Diese Frage ist sicher noch nicht konkret beantwortet. Aber es gibt eine ganze Reihe von Strömungen und Indizien, die zeigen, in welche Richtung es geht. Interessant für die Bike-Industrie sind dabei aktuell vor allem die Erfolge von Leasing-, Verleih- und vor allem Sharing-Anbietern bei Fahrrädern, E-Bikes, elektrischen Tretrollern und Autos. Dazu kommen mobile Werkstattservices, wie zum Beispiel LiveCycle und neue, niedrigschwellige Abo-Angebote, wie bei Swapfiets. Der niederländische Abo-Anbieter Swapfiets vermeldet aktuell 100.000 Kunden und ein Wachstum von 500 Prozent pro Jahr. Und das Thema Lastenräder? Wenn in den Städten tatsächlich auf Mikromobilität umgestellt wird, entstünde ein Bedarf von mehreren Millionen Lastenrädern, so die Meinung von Experten. Wie schnell der Markt umgekrempelt werden kann, hat in der Vergangenheit bereits der Erfolg des E-Bikes gezeigt, der gleichzeitig untrennbar verbunden ist mit Bosch, als einem bis dato branchenfremden Anbieter, der sich in wenigen Jahren zu einem marktbestimmenden Player entwickelt hat.

1. April 2019 von Reiner Kolberg
Velobiz Plus
Die Kommentare sind nur
für unsere Abonnenten sichtbar.
Jahres-Abo
69,55 € pro Jahr
  • 12 Monate Zugriff auf alle Inhalte von velobiz.de
  • täglicher Newsletter mit Brancheninfos
  • 10 Ausgaben des exklusiven velobiz.de Magazins
Jetzt freischalten
14-Tage-Pass
Einmalig 5,50 €
  • 14 Tage Zugriff auf alle Inhalte von velobiz.de
  • täglicher Newsletter mit Brancheninfos
Jetzt freischalten
Sie sind bereits Abonnent?
Zum Login