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Report // Bikefitting Radschuhe

Mysterium Fuß

Eine Kundenberatung rund ums Fahrrad kann auch so schon sehr anspruchsvoll werden. Wenn es um Bikefitting für den Fuß geht, wird es mitunter sogar widersprüchlich. Das macht es spannend für Spezialisten.

Ein Fahrrad perfekt auf den Kunden anzupassen, ist ein hehrer Anspruch, den wohl viele Fahrradfachhändler verfolgen. So ist das Bikefitting ist zu einem elementaren Bestandteil der Kundenberatung geworden. Wenn es um Sättel oder Lenkergriffe oder die Wahl der passenden Rahmengröße und -geometrie geht, hat die Branche über die Jahre viele wesentliche Verbesserungen hervorgebracht, die das Radfahren zu einer angenehmen und schonenden Betätigung machen, ohne dass dabei Körperteile einschlafen, fiese Druckstellen entstehen oder unnatürliche Körperhaltungen eingenommen werden. Auch die Füße gehören heute selbstverständlich zum weiten Feld des Bikefittings, allerdings gibt es hier noch viel mehr zu beachten.
Wenn man in dieses Thema richtig einsteigt, entsteht schnell der Eindruck, dass hier in deutlich geringerem Umfang ein Konsens darüber besteht, wie man an dieser Stelle Bikefitting richtig betreiben soll.
»Der Fuß gehört mit zum Kompliziertesten, wenn es um Bikefitting geht«, sagt etwa Tobias Hild, Geschäftsführer bei SQlab, und seinerseits mit einem passenden Produkt im Markt vertreten. Ihm ist schon vor langer Zeit aufgefallen, dass die Empfehlungen der verschiedenen Hersteller widersprüchlich sind.
Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass der Fuß eines der Wunderwerke der Natur ist. Das Fußskelett besteht aus beachtlichen 26 Knochen, die sich zusammen mit zwei Sesambeinen zu 27 Gelenken mit über 100 Bändern, 60 Muskeln und 214 Sehnen zu einem Gewölbe formen, das die Stöße beim Laufen natürlich abfedern soll. Diese Konstruktion ist jeweils individuell unterschiedlich und so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck. »Der Sattel ist einfach. Der geht hoch und runter, vor und zurück. Der Lenker auch. Der Fuß aber geht vor und zurück, nach außen und innen, mit Ferse außen und Ferse innen, dazu wird er mit V-Keilen innen oder mit Einlegesohlen außen erhöht«, erklärt der Fachmann Hild die Grundlagen. Dazu kennt der Experte noch die Unterstützung von Quer- und Längsgewölbe.
Als wäre das nicht schon kompliziert genug, wurde der Fuß von der Natur für eine Nutzung »konstruiert«, die kaum mehr im natürlichen Umfeld vorzufinden ist. »Die Lebens- und Beschäftigungsart besonders der Städter ist grundverschieden von der unserer Vorfahren«, hieß es schon vor knapp 80 Jahren in der »Fachkunde für Schuhmacher« von Max Sahm. Das Ergebnis waren schon damals Füße, »die alles andere als die Bezeichnung ›gesund‹, ›ebenmäßig‹ und ›kräftig‹ verdienen.« Die Situation hat sich nach Aussagen heutiger Orthopädieschuhmachern seitdem nicht verbessert, sondern eher weiter verschlechtert. Dazu kommen die Menschen mit ihren mehr oder weniger stark zivilisationsgeschädigten Füßen nun auf die Idee, Rad fahren zu wollen, was nochmals eine andere Art der Beanspruchung ist. Damit wird das ganze Feld auch zu einer Fragestellung für den Fachhandel.

Unterschiede zum normalen Schuh

Dass hier ein neuer Zugang gefragt ist, zeigen die deutlich verschiedenen Anforderungen. Zur Erinnerung: Was beim natürlichen Gehen relevante Kriterien sind, die von einem Schuh befördert werden sollen, kehrt sich auf dem Rad ins Gegenteil um. Statt raffiniertem Abdämpfen von Energie geht es um verlustfreie Kraftübertragung, also sind statt elastischer Sohlen möglichst unverwindbare gefragt. Der Fuß soll sich nicht biegen und wölben, um Schläge von unten abzufedern, sondern im Gegenteil soll möglichst wenig der von oben eingeleiteten Kraft in das Biegen von Fuß und Sohle vergeudet werden, sondern zu Vortrieb über das Pedal führen. Und hier fangen die praktischen Probleme für Bikefitter erst so richtig an.

Fragezeichen Pedalposition

Wo soll der Radfahrer, insbesondere, wenn er mit Klickpedalen unterwegs sein will, seine Füße auf dem Pedal positionieren? Erstaunlicherweise besteht schon hier keine Einigkeit mehr zwischen den verschiedenen Herstellern, Bikefittern, Ergonomieexperten. Üblich ist laut Hild die Positionierung zwischen Groß- und Kleinzehengrundgelenk und das ist auch die Empfehlung von SQlab: »Wir empfehlen die Positionierung zwischen Groß- und Kleinzehen, aber eher in Richtung Kleinzehengrundgelenk, also eher etwas nach hinten. Der Fuß kommt also etwas nach vorne auf dem Pedal«, erklärt Hild. Der Bikefitter Götz Heine hat mit seiner Firma bio-mxc² das Patent auf einen mittig unter dem Schuh positionierten Cleat. Ergon bietet für eine optimale Positionierung das hauseigene Cleat Tool an. Mit dem Werkzeug soll die optimale Einstellung gelingen. Auch hier nimmt man die genaue Anpassung sehr ernst und stellt ein 27-seitiges Ergonomiehandbuch nur zu diesem Thema zur Verfügung. Im Ergebnis unterscheidet man bei Ergon auch nach dem jeweiligen Einsatzzweck. »Bei hohen Tretfrequenzen (Bahn, Rundstreckenrennen) ist die Platte etwas weiter vorne, bei niedrigen Trittgeschwindigkeiten (MTB, Triathlon) etwas weiter hinten«, heißt es dort. Mit dem Tool werden neben dieser Längsorientierung auch die Stützweite (Q-Faktor) und der Fußwinkel berücksichtigt.
Damit sind die nächsten zwei Punkte angesprochen, in denen sich auch die Experten nicht einig sind. Ein geringer Q-Faktor, also der erzwungene Abstand zwischen den Füßen, trägt laut Ergon zu einer besseren Kraftübertragung bei. Insbesondere bei kleineren Fahrern oder bei Personen mit schmalem Becken solle das berücksichtigt werden. Wie viel eine derartige Winkelveränderung, die sich über den ganzen Beinapparat auf wenige Grad beschränkt, tatsächlich ausmacht, ist aber abzuwägen mit einer natürlichen Fußhaltung, die mitunter ganz automatisch zu etwas breiterer Stellung führt.
Der Fußwinkel ist ein weiteres Thema, bei dem sich die Geister scheiden. Gemeint ist, dass die Füße im Stand laut Ergon zwar bei den meisten Menschen leicht nach außen zeigen, auf dem Rad aber meist parallel verlaufen. Zur Feineinstellung kann diese Position entweder nach innen oder außen verdreht werden. SQlab empfiehlt die Fußwinkelberücksichtigung entsprechend der natürlichen Fußstellung, also mit der Ferse nach innen.
Ein anderer Fußwinkel ist die Verdrehung des Fußes nach innen. So haben die meisten Menschen die Tendenz, die Fußsohlen im unbelasteten Zustand nach innen zu drehen. So hat etwa das amerikanische Unternehmen Bikefit, das vor Kurzem den Besitzer wechselte, eine eigene App entwickelt, um diesen Winkel zu messen. Entsprechend dem gemessenen Wert wird dieser entweder über V-Keile im Schuh oder auf dem Cleat berücksichtigt. Auf dem Rad wird zusätzlich eine gewisse Verwindung des Tretlagerbereichs einkalkuliert. Beim normalen Gehen wird der Fuß in die gerade Ebene gedrückt, auf dem Rad empfehlen die verschiedenen Anbieter entweder eine Einlegesohle, die den Fuß außen erhöht, um diese Tretlagerverwindung auszugleichen (SQlab) oder legen besagte V-Keile ein, die 1,5 % Winkel einstellen (bikefit) oder um 1,5 mm die Innenseite erhöhen (Specialized) oder einen noch stärkeren Varuswinkel mitbringen (Ergon bei den eigenen Pedalen).

Wechselwirkungen

Als ob das alles nicht genug wäre, reicht es nicht, den Fuß isoliert zu betrachten. Wo ein Fuß ist, ist ein Knie nicht weit. So wie eine falsche Fußstellung Knieschmerzen verursachen kann und wahrscheinlich auch wird, so können auch Knieprobleme umgekehrt Anpassungen der Fußstellung notwendig machen. Gleiches gilt weiter oben für Hüfte und Rücken, die ebenfalls das Fußsystem beeinflussen und von ihm beeinflusst werden.
Obendrauf kommt die grundsätzliche Anforderung, die bei den meisten Kunden beim Kauf oft das einzige Kriterium ist, nämlich die gute Passform und Sitz. Wenn diese Grundlage nicht gegeben ist, erübrigt sich auch jede weitere Diskussion über Detailanpassungen. Im High-End-Bereich wird gerne mit hitzeverformbaren Sohlen und Leistenformen gearbeitet, die sich dann perfekt an die Füße des jeweiligen Nutzers anpassen lassen. Hiermit kann über weniger Lagerbedarf bares Geld gespart werden, da viel häufiger ein passender Schuh gefunden respektive hergestellt werden kann. Allerdings sind solche Lösungen nach wie vor eine Nische für Spezialisten. Die Zielgruppe ist angesichts der aktuellen Preislage solcher Produkte deutlich ausgedünnt. Zudem erreicht sie all jene Kunden nicht, die gerade nicht einen völlig steifen Fuß für maximale Kraftübertragung suchen, sondern auch mal ein paar Schritte laufen wollen.
So zeigt sich, dass der hohe Anspruch, perfekte Produkte für jedes Individuum anbieten zu wollen, mitunter gar nicht so leicht umzusetzen ist. Wenn es um den Fuß geht, steht der Händler ebenso wie der Kunde derzeit vor der Situation, dass ihm viele verschiedene, sich mehr oder weniger widersprechende Systeme und Produktausführungen angeboten werden. Das kann man kritisch sehen, man kann es aber auch als Einladung verstehen, selbst in diese Materie einzutauchen, um dann aus der Fülle der Optionen für die Kunden das nach eigenem Befinden beste Produkt oder sich ergänzende Ansätze zu finden. Die Vielzahl der Lösungen ist vielleicht auch Ausdruck der höchst individuellen Anforderungen der Kunden und ihrer Füße. Das bedeutet aber auch, dass das Segment Fahrradschuhe eine andere Art der Präsentation benötigt als nur eine Wand mit möglichst vielen Schuhkartons.
So komplex und anspruchsvoll das alles auf den ersten und genau genommen auch zweiten Blick scheint, dürfte es gerade für die Händler, die ambitionierte Sportler als Zielgruppe haben, eine dankbare Gelegenheit sein, sich mit diesem Extra an Kompetenz und Beratungsqualität abzuheben. Die Anbieter von Bikefitting-Systemen bieten die entsprechenden Schulungen an. In Deutschland allein gibt es fast 2000 Orthopädieschuhmacher, die knapp eine Milliarde Euro pro Jahr umsetzen. Die Schuhmacher interessieren sich dabei nur selten für Radschuhe und ihre richtige Einstellung. Umgekehrt sind viele ihrer Kunden sehr wohl Radfahrer. Es wäre nicht zuletzt eine neue Chance, diese Kunden wieder im Radladen abzuholen und das Segment im Fachhandel zu halten beziehungsweise neu aufzubauen. //

11. Februar 2021 von Daniel Hrkac
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