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Treibende Kraft hinter dem Vivavelo-Kongress: Albert Herresthal
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Interview mit Vivavelo-Macher Albert Herresthal

Neue Kongress-Bausteine stärken Präsenz der Radbranche in Berlin

„Andere Wirtschaftszweige sind längst in der Hauptstadt vertreten“, sagt VSF-Vorstand und Vivavelo-Initiator Albert Herresthal im Interview mit velobiz.de. Die Fahrradwirtschaft besitzt solch eine Präsenz in der Bundeshauptstadt bislang noch nicht. Doch das wird sich im Herbst ändern, wie Herresthal ankündigt. Im Interview mit velobiz.de blickt Herresthal auf mittlerweile drei Ausgaben des Branchenkongresses Vivavelo zurück, der 2010 erstmals Premiere feierte. Spätestens seit dem Vivavelo-Kongress 2014 ist die Veranstaltung in der Branche richtig angekommen. Jetzt soll Vivavelo noch wertvoller und die politische Einflussnahme gestärkt werden.

Treibende Kraft hinter dem Vivavelo-Kongress: Albert HerresthalHier wird künftig das Vivavelo-Büro beheimatet sein - im Haus der Bundespressekonferenz

{b} Velobiz de: 2010 fiel der Startschuss für den ersten Vivavelo-Kongress, heute schreiben wir das Jahr 2014 und bereits die dritte Ausgabe wurde durchgeführt. Wie sieht Ihre persönliche Bilanz aus?{/b}

Albert Herresthal: Als wir 2008 mit der Planung für den Branchenkongress begannen, taten wir das, weil die Fahrradwirtschaft aus unserer Sicht zu wenig aktive Lobbyarbeit betrieb, und wenn, dann nur jeder für sich. Dabei ist die politische Wirkung gemeinsamer Aktivitäten deutlich höher. Unser Ansatz war also, dass sich die Fahrradwirtschaft in Berlin mit einem repräsentativen Kongress stärker ins politische Bewusstsein bringt.
Schon der erste vivavelo Kongress war ein Erfolg. Der Kooperationsgedanke wurde von den wichtigsten Verbänden und vielen Unternehmen aus der Fahrradwirtschaft unterstützt. Aber erst jetzt, mit vivavelo 2014, ist der Kongress in der Branche wirklich „angekommen“. Bei dieser Veranstaltung habe ich ein „Wir-Gefühl“ der Branche erlebt, das es so noch nicht gegeben hat.
Allerdings bin ich mit der Performance der Bundespolitik noch nicht zufrieden. Die Schirmherrschaft des Kongresses von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die Ansprachen von zwei Staatssekretären aus den Bundesministerien und die vivavelo Teilnahme von diversen Parlamentariern zeigen zwar, dass die Politik diese Veranstaltung wichtig nimmt, aber in der politischen Umsetzung ist hier noch sehr viel zu tun.

{b} Skeptische Stimmen aus der Branche gab es zu Beginn von Vivavelo ja viele. Kam das überraschend?{/b}

Nein, keineswegs. Skepsis am Anfang ist normal. Entscheidend ist, dass wir jetzt wohl die meisten Skeptiker mit den Kongressen überzeugen konnten. Es gab unterschiedliche Motive für die anfängliche Zurückhaltung: Zunächst einmal gab es Akteure, für die ein Branchenkongress mit Zukunftsthemen und auch das Engagement für Lobbyarbeit zu abstrakt war. Dann gab es solche, die dem VSF die erfolgreiche Umsetzung eines derartigen Kongressformats nicht zutrauten. Und schließlich gibt es auch unter Verbänden nicht nur gemeinsame Interessen, sondern leider auch so etwas wie Verbandsegoismen und Eitelkeiten. Beispielsweise hat die ZEG trotz mehrfacher und persönlicher Einladungen auf unsere Kooperationsangebote nie geantwortet.

{b} Welche Entwicklung innerhalb des Vivavelo-Kongresses hat Sie im Nachhinein am meisten gefreut?{/b}

Eindeutig: Dass der Kongress zu einem festen Termin im Kalender der Branche geworden ist und dass hier über die Jahre etwas zusammen gewachsen ist. Auf dem Kongress begegnen sich die Akteure der Fahrradwirtschaft offen und nicht so sehr als Wettbewerber, sondern im Geist der Zusammengehörigkeit zu derselben Branche. Auch das Selbstbewusstsein gegenüber der Politik war 2014 deutlich stärker als am Anfang, was sich z.B. während der Podiumsdiskussion mit der Radverkehrsbeauftragten der Bundesregierung zeigte. Das sind sehr positive Entwicklungen.

{b}Wenn Sie Vivavelo 2010 mit Vivavelo 2014 vergleichen: Inwieweit hat sich der Stellenwert des Kongresses verändert?{/b}

Der VSF gilt vielen in der Branche als Vorreiter, wenn es um neue Ideen geht. So waren viele Teilnehmer 2010 vor allem neugierig, was sich der VSF da wieder ausgedacht habe. Heute ist vivavelo eine etablierte Veranstaltung für alle, die über den Tellerrand ihres Alltagsgeschäfts hinaus schauen wollen. vivavelo ist zum Branchentreffen über Zukunftsthemen der Fahrradwirtschaft und für den Dialog mit der Politik geworden.
Auch für die politischen Funktionsträger ist vivavelo zu einem Pflichttermin geworden – wenngleich wir hier noch lange nicht am Ziel sind.

{b}Welchen Beitrag hat nach Ihrer Einschätzung der Vivavelo-Kongress geleistet, um dem Thema Fahrrad/Radverkehr auch auf politischer Ebene mehr Gehör zu verschaffen?{/b}

Wenn man es an Äußerlichkeiten festmachen will, dann zeigt der Besuch zweier Staatssekretäre pro Kongress, die Schirmherrschaft von Frau Kraft oder die Einbindung von Prof. Klaus Töpfer, der den VSF-Ethikpreis im Rahmen des vivavelo Kongresses 2012 überreichte, dass wir uns mit vivavelo auf „Bundesliga“ Niveau befinden. Mir wäre es aber lieber, wir wären bei der Radverkehrsförderung mit der politischen Umsetzung schon weiter. Hier sind die Defizite offenkundig. Politik braucht Druck als Schmierstoff für Bewegung. Deshalb können wir nicht zufrieden sein und müssen die öffentliche Wahrnehmung der Fahrradwirtschaft verbessern sowie den politischen und medialen Druck erhöhen. Das ist der Hintergrund, weshalb wir die vivavelo Präsenz in Berlin jetzt verstetigen werden.

{b}Ist die Fahrradbranche damit schon am Ziel?{/b}

Wir sind gerade erst losgegangen. Der Radverkehrsanteil an allen Wegen beträgt aktuell rund 12%. Wenn wir uns vor Augen halten, dass sich aber nur 0,2% des Personals im Bundesverkehrsministerium mit dem Thema Radverkehr beschäftigen, dann spricht das Bände. Der Radverkehr hat für die Politik – allen Sonntagsreden zum Trotz – noch lange nicht den Stellenwert, der ihm gebührt.

Veränderungen für mehr Einfluss auf die Politik

{b} Was wird oder kann sich an Vivavelo ändern, um künftig noch mehr Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben?{/b}

Wir brauchen eine effektive, permanente Präsenz der Fahrradwirtschaft gegenüber Medien und Politik. Das Fahrrad wird politisch im Konkreten viel zu oft „vergessen“! Radverkehrsentwicklung findet in großem Umfang zwar auf kommunaler und Länderebene statt, aber die Bundespolitik hat eine erhebliche Bedeutung nicht nur in der Gesetzgebung, sondern auch in der öffentlichen Wahrnehmung und dadurch wesentlichen Einfluss auf die Politik der Länder und Kommunen. Deshalb ist sie uns so wichtig.
Um die Präsenz der deutschen Fahrradwirtschaft gegenüber Medien und Politik zu erhöhen, wird es ab Ende August ein umfassendes Informationsportal geben, in dem die ökonomische Bedeutung der Branche im Mittelpunkt steht – verbands- und unternehmensneutral. Das Portal, das an die vivavelo Website angegliedert sein wird, informiert ausführlich über Zahlen, Daten, Fakten der Fahrradwirtschaft und macht die Branche transparent. Das Portal wird alle verfügbaren Daten aus Industrie, Handel und Handwerk in Deutschland übersichtlich darstellen und mit Informationen über Verbände, Medien, Umfragen, Forschung und Politik ergänzen. Es enthält keine Produktinformationen und auch keine tagesaktuellen Firmennachrichten – dafür gibt es ja bereits andere Medien.

Ein weiterer, neuer Baustein der Verstetigung von vivavelo ist das Hauptstadtbüro, das es ab Mitte Oktober geben wird. Bisher hat nur der ADFC eine Adresse in Berlin, nicht aber die Fahrradwirtschaft. Andere Wirtschaftszweige sind längst in der Hauptstadt vertreten, denn ein Berlin-Büro ist bedeutsam für das politische Gewicht einer Branche. Das mag man als „Berliner Arroganz“ empfinden, aber das ist nun mal so. Mit dem vivavelo Hauptstadtbüro wollen wir die Wahrnehmung der Fahrradwirtschaft verbessern. Wir haben mit diesem Schritt ein wenig gewartet, weil wir für dieses Office einen optimalen Standort haben wollten, der repräsentativ ist und zugleich sehr nah am politischen und medialen Geschehen. Den haben wir nun gefunden: Im Haus der Bundespressekonferenz, direkt an der Spree im Regierungsviertel.

{b}Wie wird das Vivavelo-Büro besetzt sein?{/b}

In der Anfangsphase wird das vivavelo Büro vor allem in den Sitzungswochen des Deutschen Bundestages besetzt sein, denn auf diese Zeiten konzentrieren sich die meisten politischen Termine in der Hauptstadt. Für Meetings in Berlin können übrigens auch die vivavelo Partner Konferenzräume nutzen, die uns im Haus der Bundespressekonferenz zur Verfügung stehen. Und wenn es dann auf die Detailplanung für den nächsten Kongress zu geht, können wir das gleich von hier aus machen.

{b}Gibt es schon einen Termin für Vivavelo 2016?{/b}

Nein, noch nicht genau. Wir wollen sicherstellen, dass der Termin für die Fahrradwirtschaft gut passt, dadurch scheiden gewisse Zeiträume aus, z.B. die Taipeh-Messe. Da wir den Kongress wieder in der NRW-Landesvertretung durchführen wollen, gibt es aber noch ein weiteres Tabu: Die Karnevalswoche…

{b}Vielen Dank Herr Herresthal für das Gespräch. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg bei Vivavelo und sind als Medienpartner gerne auch in Zukunft mit an Bord.

Das Interview mit Albert Herresthal führte Jürgen Wetzstein

29. Juli 2014 von Jürgen Wetzstein

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