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Nur noch Handlanger des ­Mobiltelefons?
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Report - Digitalisierung des Rads

Nur noch Handlanger des ­Mobiltelefons?

Die Digitalisierung erfasst längst auch das Zubehörsegment im Fahrradmarkt. Kannibalisieren Smartphone und Co. als digitale Alles­könner klassische Zubehörprodukte? Beispiele für und wider diese These.

Steigen wir ganz konkret ein. Wer den ambitionierten Freizeitsport beobachtet, der konnte, nein musste in den letzten drei Jahren unter anderem einen Trend erkennen: Der hin zum GPS-gestützten Fahrradcomputer für Mountainbiker und Rennradfahrer. In Vereinen und Radsportgruppen, wo sich Produkttrends besonders schnell verbreiten, sind heute gefühlt weit über 50 Prozent der Fahrer mit solchen Bike-Computern ausgestattet. Innerhalb dieser Entwicklung, und das ist vielleicht noch interessanter, kann man eine weitere ausmachen: Viele Fahrer steigen innerhalb der Klasse um; oft von einem der Geräte des Marktführers in Sachen Highend-GPS-Computer hin zu weniger komplexen, günstigeren Geräten, die nicht nur über Smartphone-Konnektivität einfacher einzustellen sind: Das Handy nimmt oft über Apps einiges an Funktion ab. Etwa das Aufbereiten von GPS-Tracks für das Routing – über andere Apps, wie das etwa die Element-Serie von Wahoo macht.
{b}Vorteil 1:{/b} Diese Bike-Computer müssen weniger komplexe Funktionen selbst beherrschen. Umso weniger kompliziert muss ihr Aufbau sein – und desto zuverlässiger und effizienter und zuverlässiger funktionieren sie im Optimalfall. Laut Nutzer auf Dauer deutlich sicherer als die Multifunktionsgeräte der Navigations-Benchmark, die mehr Funktionen in sich vereinen, dafür aber manchmal auch mehr Zuwendung brauchen. »Das Ding soll doch einfach funktionieren, Punkt«, sagt Frank Jeniche, PR-Mann für Wahoo in Deutschland. »Als Rennradfahrer will ich mich nicht damit beschäftigen müssen – es kann doch nicht sein, dass mir das Gerät die Zeit stiehlt, die ich mit meinem Hobby verbringen will.« Und deshalb kommt das Smartphone als Tool, das das GPS-Gerät zum Einstellen und beschicken braucht, gerade recht. Ein ganz wesentlicher Punkt dieser Computer ist auch der automatische Anschluss an Sportler-Netzwerke wie Strava. Ist eine Tour beendet, lädt der Computer sie bei der entsprechenden einmaligen Einstellung per Handy automatisch auf eines dieser Netzwerke hoch – mit allen Leistungs- und Navigationsdaten, die für Nutzer relevant sein können. »Wo es die Möglichkeit gibt, an solchen Plattformen teilhaben zu können, da machen wir das«, bekräftigt Jeniche.
Der Trend scheint weg zu gehen von der Ausreizung dessen, was mit einem Gerät machbar ist. Es geht um Einfachheit, um Komfort. »Wir haben auf ein Farbdisplay zugunsten besserer Ablesbarkeit verzichtet, dafür eine Zoomfunktion integriert. Auch Touchscreen am Outdoor-Gerät ist unpraktikabel – man muss es nicht haben, nur weil es machbar ist.«
{b}Vorteil 2:{/b} Produkte wie das genannte haben nicht nur über das Smartphone Verbindung zu bestimmten sozialen Sport-Plattformen, sie werden mit einfachen Apps per Handy eingestellt – also über das Gerät, mit dem heute ohnehin jeder umgehen kann. So spart man weitere Bedienfunktionen am Gerät ein, die die Menüführung und die Komplexität und letztlich den Nutzer herausfordern. Doch: Warum dann nicht gleich das Smartphone mit seinen vielen Möglichkeiten nehmen? Dagegen sprechen viele Gründe: Zum einen ist des Menschen bester Freund vielen zu kostspielig dafür, möglicherweise am Lenker einem Sturz ausgesetzt zu werden. Und auch das beste Handy-Display ist bei starker Sonneneinstrahlung nur schlecht ablesbar, und dann noch die Sache mit dem Touch-Display und dem Regen …

Das Beste aus zwei Welten?

Da entsteht der Eindruck, dass Tools wirklich nur Tools sind – Werkzeuge, um etwas anderes zu erreichen: die Einbettung in sein soziales Sport-Netzwerk etwa. Das zeigen auch Funktionen wie das Life-Tracking, das bei immer mehr Highend-Geräten möglich ist. Auch hier wird die Konnektivität von Handy und GPS-Hardware benutzt, um andere in Echtzeit miterleben zu lassen, wo und wie schnell man gerade unterwegs ist. Kannibalisiert also das Smartphone die Hardware, wenn es um Gadgets und Computer geht? »Wo es Sinn macht, die Funktionen extra zu haben«, – oder sicherer ist – »da wird sich die spezielle Hardware weiterhin beweisen können«, so Jeniches These.
Neben Garmin die zweite Größe im deutschen Navi-Markt ist heute, nach dem Ausscheiden von Falk, der Anbieter Teasi. Durch eine andere, eher touristisch orientierte Ausrichtung stellen seine Geräte allerdings den Gegenpol der Entwicklung dar: Hier hat man es mit meist weniger technisch orientierten Nutzern zu tun, die nur eines wollen: Auf der ausgesuchten Route bleiben, mit einem gut ablesbaren Display und keinem hantieren mit dem Handy im Hintergrund – sportliche Zusatznutzen, Internet-Anbindung etc. sind Nebensache.

Connectivity reloaded

Wenn es um die überspitzte Ausgangsthese – das Smartphone macht andere elektronische Produkte überflüssig – geht, findet man auch beim Unternehmen Cobi gute Gesprächspartner. »Zunächst ist da ja die Idee, alles ist mit allem verbunden«, sagt Erik Troppenz, Marketing Director ­Global, den wir beim Cobi-Stand auf der Eurobike treffen konnten. »In der Autobranche seit langem Realität, da geht dabei gar nichts mehr ohne Connectivity. Beim Rad fing es mit Cobi gerade erst an.« Der Zugang dieses Unternehmens passt in die These: »Wir müssen doch keinen weiteren Fahrradcomputer bauen, wir haben doch einen ständig dabei! Die gesamte Smartphone-Welt kann in den Fahrradverkehr integriert werden!« Die Argumente für so ein Gerät sind zahlreich: Den Lenker aufräumen, indem ich Schalt-, Unterstützungsmoduswahl und andere Funktionen auf wenige Tasten oder Schalter lege, die klassischen Handy-Funktionen auf dem Rad, vor allem also Telefonieren und Navigation auf dem Rad ermöglichen etc. Aber auch so altehrwürdige, simple Hardware wie die Klingel wird hier ersetzt. Und wieso sollte man den Diebstahlschutz beziehungsweise die Überwachung des Rades oder Sturzerkennung nicht auch mit dem Smartphone ermöglichen? »Die Single Purpose Gadget Applications fallen weg« – oder werden im Sonderfall, dann immer noch als separate Hardware, integriert, siehe Frontlicht. Das «Herzstück«, wie Troppenz es nennt: die App. Aber natürlich ist der Smartphone-Halter mindestens genauso wichtig. Schließlich läuft ohne ihn gar nichts, er macht den Hosentaschencomputer erst Bike-fähig. Und der Daumencontroller macht die Handy-Nutzung sicher und im Straßenverkehr zulässig. Mittlerweile werden unter anderem auch Fitnessdaten wie Puls, Kadenz und Kalorien gemessen und gespeichert. Das Cobi-System ist nun außerdem offen für Entwickler. So sollen, so Troppenz, neue Ideen auch von Seiten der User und Entwickler einfließen.
Tatsächlich scheint es also, als wäre Cobi genau das: Der Materie gewordene Traum vom Tod der Hardware, auch wenn es selbst ein Multi-Purpose-Gerät ist. Fürchten sich die Geräte-Hersteller vor dieser Art von Connectivity?

Idealfall Koexistenz?

Nein, meint Daniel Conka vom Unternehmen Sigma Sport. Dort hat man zwar in den letzten Jahren tatsächlich einen deutlichen Rückgang der Umsätze bezüglich der einfachen Fahrradcomputer festgestellt. »Die Ursache hierfür ist aber weniger das Smartphone,« so der Produktmanager, »sondern vor allem das E-Bike: Dessen Display hat immer einfache Fahrradcomputer-Funktionen, sodass E-Biker den separaten, einfachen Tacho nicht mehr brauchen.« Der Fahrradcomputer im Niedrigpreissektor, der nicht mehr kann als ein normales E-Bike-Display, dürfte weiterhin Punkte verlieren. Interessant ist, dass Sigma seit einiger Zeit auch Produkte vertreibt, die die wichtigsten Fahrrad-Merkmale per GPS produzieren. Der aktuelle »Pure« etwa hat 13 Bike-Funktionen. Ohne einen Geschwindigkeitssensor zu montieren, ist das Gerät betriebsbereit. Trotzdem wird nach Conka der GPS-Computer auch auf lange Sicht den Einsteiger-Tacho mit Geschwindigkeitssensor nicht ablösen; schon die lange Batterielaufzeit, Zuverlässigkeit und Robustheit des Bike-Computers mit Kabelsensor und die damit verbundenen geringen Kosten stünden dem klar entgegen. Am Rad ohne Unterstützung wird er die Nummer eins bleiben – weit vor dem Handy und Apps.
Andererseits wird auch der separate Highend-Rechner fürs Rad nicht aussterben, Conka geht sogar weiter: »Der vollwertige Sigma-Navi wird mit Sicherheit kommen, allerdings werden auch wir möglicherweise auf Koexistenz von Smartphone und Endgerät setzen.« Derzeit gibt es bei Sigma mehrere Highend-Computer, die ohne fest installierte Karten GPS-Track-Navigation bieten. In der neuen Generation gibt es auch Strava-Segmente, also Abschnitte auf Tracks, in denen die Zeit für die Durchfahrenden gestoppt wird, sodass man sich später beim Einlesen der Daten auf Strava-Cloud mit Mitstreitern vergleichen kann. Wer bei Strava gemeldet ist, weiß auch: Man kann hier noch viel mehr machen außer vergleichen und kommentieren; vor allem Training und Analyse sind im Fokus. »Was wir hier zuverlässig und unkompliziert bieten – auch mit unseren Wearables – ist eine Ergänzung zum Smartphone. Für uns geht es gar nicht darum, die Funktionen des Smartphones zu übernehmen.«

Jetzt aber mal Öl bei die ­Ketten

Nicht zuletzt ist diese Entwicklung auch etwas, was den Händler betrifft oder betreffen kann. Lothar Könekamp vom Fahrradfachgeschäft Nirala in Köln sieht sie gelassen: »Ich sehe eine Entwicklung, aber ich denke, das wird sich vor allem bei den Funktionen auswirken, die viel Nutzen bringen – zum Beispiel Abschließen des Fahrrads – Schlösser, die sich wie die Autotür per Handy aufschließen lassen etwa, oder das Tracken per GPS, wenn ein Fahrrad gestohlen wurde. Und natürlich Navigation.« Doch im auf Tour und Urbanes spezialisierten Laden merkt man seiner Angabe nach kaum von dieser Entwicklung. »Ich glaube, dass allgemeine Konnektivität und integrierte Funktion, die über das Handy zu schalten sind, auf mittlere Sicht nur Spezialisten interessieren.« Angst brauchen Händler also seiner Meinung keine vor technischen Umlagerungsprozessen haben. »Schlimmstenfalls«, so sieht auch er es, »geht es nicht um Ersatz der Hardware. Das Smartphone dürfte mit neuen Apps und Funktionen eine ergänzende Rolle spielen.
Dass Händler, die die Entwicklung mitnehmen wollen, einen großen Elektronik-Bereich einrichten sollten, sieht er eher nicht: »Elektronik ist enorm beratungsintensiv. Wer darauf setzt, braucht viel und immer aktuell geschultes Personal, man muss dranbleiben.« Zu bedenken sei auch, dass dies eine Sparte mit nur geringer Gewinnspanne sei. Geht also wirklich eine Entwicklung an dem einen oder anderen Händler vorbei, verzichtet er nur auf geringe Einnahmen – auf der Gegenseite steht viel Aufwand.

Gegenbeispiele …

Wer dagegen den Markt aufmerksam verfolgt, kann an jeder Ecke ­Beispiele für eine Gegenentwicklung zur These feststellen – sprich, analoge Ein-Funktion-Produkte werden veredelt oder zu Hightech-Geräten weiterentwickelt: Fahrradklingeln in vor zehn Jahren noch undenkbaren Preisbereichen sind auf dem Weg zu Must-Haves. Knogs Oi-Schelle und besonders die Spurcycle sind hochpreisige Lifestyle-Accessoires – und das haben sie mit vielen anderen neuen Dingen fürs Bike gemeinsam. Etwa dem Navigationsgerät Beeline: Es zeigt nur wie ein Kompass die Richtung zum Ziel an. Karte oder Abbiegehinweise? ­Fehlanzeige. Was auf den ersten Blick wirkt wie ein misslungenes Einsteiger-Navi, bringt in der Praxis durchaus Mehrwert: Das Beeline soll dazu einladen, neue Wege und Plätze in seiner Stadt oder seinem Umland zu entdecken. Auch in fremden Städten kommt man per Fahrrad über Nebenstraßen, die ein »normales« Navi nicht auswählt, zum Ziel. Dabei nimmt man nicht den kürzesten Weg, sondern den nach eigener Wahl schönsten Weg. Man verfährt sich ja nicht, da die grobe Richtung immer angezeigt bleibt. Mit diesem Gerät kommt also tatsächlich ein Zusatznutzen an den Lenker. Allerdings: Auch der ist ohne Koppelung per iPhone- oder Android-App nicht ­möglich.
Auch Beleuchtungsprodukte dürften höchstens so weit vom Smartphone vereinnahmt werden, dass man sie mit ebendiesem in puncto Helligkeit oder anderen Wahlmöglichkeiten einstellt. Abschließ-Vorrichtungen als weitere Produkt-Gattung werden nie ganz elektronisch ersetzbar sein, auch wenn Schlösser immer smarter werden – die mechanische Komponente bleibt hier auf Dauer einfach notwendig, denn auch wenn elektronische Hightech immer besser helfen wird, gestohlene Räder wiederzufinden: Gegen Gewaltanwendung hilft wohl auch in Zukunft keine Elektronik.

9. Oktober 2017 von Georg Bleicher
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