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Ort für Kraft und Können: Auf der steilen Holzbahn im Kölner Westen erlebt man puristischen Radsport.
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Report - Bahnradsport

Ohne Schnickschnack

Bahnradfahren ist eine der traditionsreichsten Formen des Sports auf zwei Rädern. Zudem ist es eine urtümliche Art: Ohne Gangschaltung und Bremse bekommen die Athleten ein unverzerrtes Fahrgefühl. Auch für Händler ist diese Disziplin ein Thema – doch sollten sie nicht allzu viel Wachstum erwarten.

Ein früher Mittwochabend im März. Es ist kühl, der Wind hat die Regenwolken des Tages davongeblasen, ein paar kleine Pfützen glänzen noch auf dem Beton. Der Sonnenuntergang taucht das Sportareal im Westen Kölns in ein sanftes Licht, der Himmel darüber ist blau. Und das Geräusch der surrenden Ketten, die über große Blätter schnarren, der Sound der Laufräder auf der hölzernen Schräge der Radbahn lassen beinahe eine meditative Stimmung aufkommen.
Wenn es eine ursprüngliche Form des Radsports gibt, eine Disziplin, die dem Anspruch auf »Unplugged« nahekommt, dann ist dies ganz sicher das athletische Fahren auf der Bahn. Schon seit dem späten 19. Jahrhundert gibt es dieses Wettfahren auf geneigten Holzpisten, immer gegen den Uhrzeigersinn. Die Sportart ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil sie zum ansonsten mit Technik vollgepackten Rennradfahren einen Kontrast bildet: Fahren dort mit elektronischen Schaltsystemen und bei immer mehr Aktiven auch mit Scheibenbremsen ausgestattete High-tech-Modelle über den Asphalt, so gibt es beim Bahnradfahren weder Schaltung noch Bremse – und das wird so bleiben. Es ist purer Sport mit Muskelkraft und der möglichst passend gewählten Übersetzung von Kettenblatt und Ritzel. Natürlich ist auch für den Bahnradsport gutes Material nötig. Wo aber rüsten sich die Fahrer aus? Und ist das ein interessantes Geschäft für die Händler?

Bahnen sind selten geworden

Überdachte Radbahnen wie in Köln oder gar Hallen gibt es nicht häufig in Deutschland – meist ist eine längere Anreise für die Fahrer nötig, wenn sie auf der Bahn trainieren möchten. Aber das Trainieren im Oval gehört eben noch immer zur Grundausbildung ambitionierter Radsportler – und ist auch für so manchen Hobbyfahrer eine attraktive Art, ohne Ampelstopps und mit hoher Gleichmäßigkeit Leistung in die Pedalen zu bringen. Das ist in Köln so, in Büttgen nahe Düsseldorf, in Hamburg, Cottbus, Erfurt und natürlich in Berlin. Hier steigt man ein in das Bahnradfahren, hier trainiert man Intervalle und Ausdauer – vor allem im Winter.
In Köln gibt es, so schätzt Werner Schleicher vom Sportamt der Stadt, heute etwa 200 Athleten der verschiedenen Altersklassen, die sich zum Training auf der Albert-Richter-Bahn einfinden. Dazu gehören Profis wie der World-Tour-Fahrer Nils Politt ebenso wie der Nachwuchs aus Radsportfamilien und die Einsteiger, die über das Studium oder über Bekannte dazukommen. Wer mit dem Sport beginnen will, leiht üblicherweise zunächst ein Gefährt – die Arbeitsgemeinschaft Bahnradsport Köln stellt dafür Stahlräder von Schauff zur Verfügung, die schon einige Jahrzehnte im Einsatz sind. Und wer den Sport dann ernsthafter betreiben will, muss sich umhören, ins Material einarbeiten, Tipps von den Mitstreitern, Bahnkameraden und in Vereinen holen – denn man kann nicht gerade von einem florierenden Handel mit Bahnrädern sprechen. Und auch im Internet oder in Magazinen gibt es im Vergleich zu anderen Segmenten kaum übersichtliche Informationen, keine Tests oder gar Magazine mit aktuellen Käufertipps.
Auch Jürgen Kißner, eine Legende des Bahnradsports in Deutschland, ehemaliger Leistungsathlet der DDR und BRD und nach Karriereende Sportlehrer und Dozent, muss lange überlegen, wohin er in Köln jemanden schicken würde, der ein neues Bahnrad braucht. Einem Studenten habe er eines der Sportgeräte zur Verfügung gestellt, die in seinem Büro im Souterrain der Kölner Radbahn an der Wand hängen. Dann fällt Kißner doch noch ein Radladen ein, der auch Bahnräder aufbaut, gar nicht so weit weg von hier. Werner Schleicher sagt: »Das ist hier ein bisschen wie auf der Rodelbahn.« Man kaufe sich nicht gleich einen eigenen Schlitten und gehe damit zum ersten Mal an die Piste. Vielmehr müsse man erstmal ausprobieren, ob das Hobby überhaupt für jemanden geeignet sei. »Erst nach einer Weile kauft man sich das eigene Material und holt sich die Informationen oft bei den anderen Aktiven oder Vorgängern, die schon Bahnradsport betrieben haben.«
In den verschlossenen Radkellern in der Kölner Bahn zeigt Werner Schleicher die Vielfalt an Rädern – solide Stahlrahmen, die seit Jahrzehnten im Einsatz sind; das Material der Kaderathleten, das der Radsportverband hier lagert; Stahlrohre, auf denen die Namen von Herstellern stehen, die gar keine Bahnräder produzieren – die Besitzer finden eben eine andere Marke schicker; und auch die persönlichen Räder der individuellen Lizenzfahrer – von schmucklos funktional bis funkelnd individuell, von Stahl bis Carbon. Der Sport mag unplugged sein, die Technik des Bahnfahrens an sich recht überschaubar – doch für Laufräder, Lenker und Rahmenkonstruktionen kann man auch hier weit mehr als den Einstiegspreis investieren.
Draußen drehen sie weiter ihre ­Runden. Inzwischen ist das Licht an. Eine Mutter gibt ihren beiden Söhnen systematische Trainingsanweisungen. Routiniers fahren im Grüppchen. Unten am Zaun macht Malte Ahrens eine Pause. Dass er eigentlich Hamburger ist, hat man schnell geahnt – fährt er doch im Trikot des FC St. Pauli. Ahrens hat sich gerade ein Straßenrennrad gekauft, doch damit hat er sich noch nicht so recht angefreundet. »Da ist viel zu viel Geklicker«, sagt er – und schwärmt vom puristischen ­Fahren mit dem Bahnrad. Ahrens kam über das Fixie auf der Straße ins Velodrom, genauer über das Fahrrad­geschäft in Köln-Ehrenfeld, in dem er sich sein Cinelli-Rad hatte zusammenstellen lassen.

Nische in der Nische

Sore Bikes, nur wenige Kilometer von der Bahn entfernt gelegen, ist kein typisches Sportradgeschäft – Räder mit Gangschaltung sind hier fehl am Platze. Es gibt Räder ohne Freilauf und mit festem Gang, Material also, wie es aus dem Bahnradsport stammt. Das 2009 gegründete Unternehmen zog einmal um und vergrößerte sich dabei kräftig – heute ist es in diesem Segment nach eigenen Angaben das größte in Deutschland. Sore fertigt Unikate und verkauft keine Räder von der Stange – diesen hohen Anspruch untermalt das Ladenbaukonzept mit viel Holz und einer sehr akzentuierten Präsentation der einzelnen Rahmen und Komponenten für die Räder. Mit »Track Bikes«, wie die Radgattung mit starrer Nabe und ohne Gänge im Englischen nach der Radbahn benannt ist, macht Gründer Markus Wieneke einen guten Teil seines Geschäfts – allerdings nur zu einem geringen Teil mit Kunden, die in Vereinen in Velodromen trainieren. »Die Klientel kommt vor allem aus der Fixed-Gear-Szene«, erklärt Wieneke, man habe Kunden, die bei der Serie »Rad Race« und anderen Underground-Rennen mitmachen. »Mit dem klassischen Bahnsport gab es früher wenig Berührungspunkte, aber das ändert sich gerade langsam.« So entdeckten Fixiefahrer den Reiz der Bahn für sich, so organisiert Sore Bikes dort in diesem Jahr erstmals ein Event für seine Kunden dort – und so spricht sich dann eben auch auf der Bahn herum, dass man hier gute Räder fürs Velodrom aufbauen lassen kann. Übrigens inklusive in Ehrenfeld angefertigter Laufräder, denn Wieneke zeigt mit Stolz seine Speichenmaschine von Phil Wood.
Spannend am Thema Bahnrad ist auch, dass es sich weit über das Velodrom hinaus zum Szene- und gar Lifestyle-Objekt entwickelt hat. »Wir bedienen natürlich auch Lifestyle-Kunden, die Bahnräder schick finden und sie sich manchmal nur an die Wand hängen. Das gibt es alles«, erklärt Wieneke. Denn Individualität und Design spielen in der Szene und in seinem Geschäft wichtige Rollen – und ebenso bei den Marken, die er im Angebot hat, etwa dem italienischen Traditionsunternehmen Cinelli. Der Hersteller ist in der Bahnradszene eine feste Größe – aber eben auch weit darüber hinaus für seine Produkte angesehen.

Lifestyle oder Sport?

Unterhält man sich mit dem Importeur von Cinelli in Deutschland, der Firma Traffic aus Köln, dann erfährt man: Es gab vor einigen Jahren diesen größeren Trend zu Bahnrädern, der auch etwas mit Lifestyle zu tun gehabt hatte. Dieser Trend habe eine Gruppe von Sportbegeisterten abseits des organisierten Radsports mobilisiert – die dem Fixie-Fahren und auch den Produkten verbunden blieben. »Der Hype ist vorbei, aber viele sind dabei geblieben«, sagt Christoph Faber von Traffic. Aber klar: Bahnradsport ist eine Nische – egal ob im Velodrom oder mit dem Bahnrad auf der Fahrbahn.
Wie klein die Nische ist, kann man bei Händlern ermessen, die in ihrem sportlichen Angebot auch dieses Segment führen. So etwa JEDI Sports in Krefeld, wo Geschäftsführer Stephan Schendel eine klare Verbindung sieht: Das Vorhandensein nur weniger intakter Radbahnen bedeute auch einen geringen Absatz von Bahnrädern. Auf zwei Prozent beziffert er den Anteil mit Bahnrädern an seinem gesamten Umsatz, damit sei dieses Geschäft zuletzt immerhin konstant gewesen und zuvor sogar dezent gewachsen. Schendel vertreibt nur Premium-Marken wie etwa Look, die stark auf Performance setzen. Für ein 875 Madison von Look, ein Carbonrad, zahlt man eben auch 1999 Euro – ein stolzer Preis für ein Sportgerät ohne Schaltgruppe und Bremse. »Kein Normalo«, sagt Schendel, kaufe so etwas. Ein Einsteigerfixie gibt es im Netz bereits für 600 Euro. Da die Radbahn in Kaarst-Büttgen nicht weit von seinem Laden entfernt liegt, kommen fast ausschließlich von dort Kunden für dieses Radsegment in seinen Laden. Er könne sich nur an ein einziges Mal erinnern, dass ein Konsument bei ihm ein solches Rad für den späteren Einsatz als Fixie im Straßenverkehr genutzt habe.
Das Geschäft mit dem Bahnradsport ist also genauso ein Nischen-Business wie der Sport selbst. Das zeigt sich auch in Berlin, wo Carsten Kupsch mit dem Rad-Kreuz in Kreuzberg voll auf Rennrad setzt – und seit langer Zeit der Lieferant für viele Bahnfahrer im Berliner Velodrom ist. Werbung macht er dafür nicht, das laufe über Mund-zu-Mund-Propaganda. »Ich kenne die Kunden. Viele von denen machen Spitzensport, da sind immer mal wieder Weltmeister dabei«, berichtet Kupsch – und das sei eben auch eine kleine Szene. Wer in Berlin auf der Bahn ein Rad brauche, der komme schnell auf sein Geschäft. Aber allzu viele Menschen sind das nicht. 15-20 Bahnräder verkauft Kupsch im Jahr – gemessen an 150 bis 190 Rennrädern insgesamt also wirklich eine kleine Sache. Der Durchschnittspreis für die Bahnräder, sagt Kupsch, betrage zwischen 1300 und 1400 Euro.
Der Markt mit den schnörkellosen Rädern regt kaum zum Fantasieren an. Auch bei Kupsch ist das so. Das Bahnrad gehört zum Geschäft, sagt er. Wenn man ein Sportladen sein wolle und diesen Auftrag ernst nehme, dann müsse man auch Bahnräder und das Zubehör anbieten. Aber wachsen werde dieser Zweig in den kommenden Jahren wohl kaum. Man merke ja, dass nur wenige große Radhersteller noch mit Nachdruck in dieses Segment drückten. Und man erkenne auch recht schnell, dass die Vereine und die Anzahl ihrer Aktiven der begrenzende Faktor für dieses Geschäft darstellten. Die Nische ist mit seinen Worten schnell vermessen. Ganz einfach fasst Kupsch das zusammen: »Jeder kennt jeden.«

16. April 2018 von Tim Farin
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