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Produkte vom Pro
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Report - BBB Cycling

Produkte vom Pro

Der niederländische Zubehörhersteller BBB blickt auf eine gut zwanzigjährige Geschichte zurück. Doch seine Spezialität kennen auch viele deutsche Händler nicht: Bei BBB wird selbst entwickelt. Wir haben die Zentrale in Leiden besucht.

Carolin Schiff hat eine ziemlich lange Anreise hinter sich. Sonntag war sie noch in Tschechien, jetzt, Montagmittag, steht sie hier in der Leidener Europa-Zentrale von BBB, nur ein paar Kilometer von der holländischen Küste entfernt. Einmal quer durch halb Europa und vorher noch die 4-Tages-Rundfahrt Gracia Orlova gefahren – mit einer Gesamtplatzierung unter den ersten 30! Jetzt steht die Marketing- und PR-Koordinatorin leicht geschafft, aber dennoch voll Tatendrang im kleinen Besprechungsraum und unterhält sich mit dem Geschäftsführer von BBB, Folkert Lamsvelt, einem Mann Anfang 40 mit freundlichem Gesicht und leicht spitzbübischen Einschlag, der – mit abwechselnden Aufgabengebieten – seit 2016 für BBB arbeitet. »Fast alle unsere Mitarbeiter haben privat oder beruflich einen Fahrrad-Hintergrund«, so Schiff. Sie selbst macht da als Rad-Bundesligaathletin keine Ausnahme. Und wer ein paar Mitarbeiter-Namen bei Strava eingibt, wird garantiert fündig. Von manchem entdeckt man vielleicht, dass er – tatsächlich haben wir bei unserem Besuch nur wenige Frauen bei BBB gesehen – sogar seine Arbeitsstrecke täglich mit dem Fahrrad fährt. Auch Ex-Radprofis trifft man hier durchaus an.

Praxis statt Repräsentation

Die Zentrale eines weltweit agierenden Unternehmens stellt sich mancher womöglich anders vor, aber wir sind in Holland – »da protzt man auch nicht so«, meint Carolin Schiff lächelnd. Tatsächlich ist das BBB-Head Office Teil eines Industrie-Gebäudekomplexes an der Leidener Rooseveltstraat. Drei von insgesamt 16 zusammenhängende Hallen belegt der Zubehör- und Bekleidungshersteller. Gesamtfläche BBB: 5.000 Quadratmeter. Das Meiste davon, 4.000, ist Lager und Versand. Den Rest teilen sich Verkauf, Marketing und die große Entwicklungsabteilung. Diese ist insofern bedeutend, weil der größte Teil der derzeit etwa 1.500 Produkte aus der Feder von BBB-Entwicklern stammt, wie wir noch sehen werden. Wer nach zwölf Uhr durch die Versandabteilung schlendert, hat viel Platz: Vorher werden palettenweise Komponenten, Bekleidung und Tools verfrachtet. Und zwar überallhin: 42 Länder der Welt bedient BBB mit seinen Produkten. Die Lage des Unternehmens ist denkbar praktisch: Die Sendungen erreichen den zentralen Umschlagplatz vor allem über den Rotterdamer Hafen, der gerade mal eine Dreiviertelstunde entfernt ist. Gern möchte man wissen, wie viele Paletten etwa pro Tag diese BBB-Zentrale über diese Versandabteilung verlassen – leider gibt es darüber wie über Stückzahlen keine Auskunft.

Kommissionieren 4.0

Im Lager daneben werden eifrig die Lieferungen für die Kunden zusammengestellt – natürlich mit elektronischer Hilfe: Alles, was bei BBB gelagert wird, ist codiert. Die Kommissionierer laufen mit ihren elektronischen Lieferscheinen durch die Gänge des Hochregallagers und sammeln ihre Bestellungen zusammen. Wichtigstes Werkzeug dazu: Das Handy, das die Kommissionierer wie eine große Uhr am Handgelenk tragen. Über eine App wird der nächste Posten der Bestellung und sein Lagerplatz angezeigt. Der Lagerist scannt das Produkt, stellt es auf seinen Wagen und zieht weiter. So werden Pakete und ganze Paletten kommissioniert. »Wir haben über 95 Prozent der Produkte auf Lager und können daher sehr zuverlässig liefern«, sagt Carolin Schiff, und ein gewisser Stolz schwingt mit.

Rad-Profis werden Business-Profis

BBB wurde 1998 von den zwei Ex-Radprofis gegründet: Von Chris Koppert und dem bereits 2015 verstorbenen Frank Moons. Auch der Name geht auf die beiden zurück: »Bikeparts for Bikers by Bikers«, so die ursprüngliche Bedeutung der drei Großbuchstaben. Mittlerweile wurde der Slogan zu »Part of your Ride« geändert. Der werbliche Hintergedanke: »Wir sind bei jeder Ausfahrt dabei, bringen Spaß ins Training und sorgen dafür, dass Radfahrer mehr Zeit gemeinsam mit ihren Freunden auf dem Rad verbringen«, erklärt die Internetseite www.bbbcycling.com das aktuelle Unternehmensmotto. Auch das Logo auf den Produkten hat sich mittlerweile geändert: Statt den drei »B« ziert jetzt ein einzelnes, offenes »B«, das auch als »3« interpretiert werden kann, Brillen, Helme und Handschuhe. Wie auch immer, die zwei Radfreaks, die schon Ende der 1980er vom Asphalt ins Business gewechselt waren, wussten darüber Bescheid, worauf es in der Praxis ankommt. Vor allem im Sport-Sektor. Sie suchten und fanden Partnerschaften für die Produktion in Fernost und bauten mit frischen Ideen ein Unternehmen im Bikebusiness auf.
Unter ihren ersten Produkten waren Sportbrillen und – wofür BBB auch in Deutschland bekannt war – Luftpumpen. Und sie machten das von Anfang an mit Blick auf das Design. Schon in den frühen Jahren wurden Produkte im Unternehmen selbst entwickelt – ein Merkmal, das für BBB sehr wichtig war und ist, wie wir noch sehen werden.

Wenn der Vertriebspartner geht ...

Mit dem norddeutschen Unternehmen Sport Import wurde ein Vertriebspartner gefunden, der über lange Zeit die BBB-Produkte in den hiesigen Handel brachte – BBB war mit gut seiner Hälfte der Produkte, etwa 2.000, Teil des Standard-Portfolios. Händler, die über dieses Unternehmen bestellten, hatten also auch immer BBB-Produkte vor Augen. Diese Ausgangsposition änderte sich komplett, als die Gründer im März 2015 Ihr Unternehmen an die Pon-Holding verkauften – einem niederländischen Mischkonzern, dessen Produkte vom (Nutz-)Fahrzeugvertrieb und Service bis hin zur Schifffahrt reichen. Bei Pon steht seitdem BBB als Zubehör- und Komponenten-Marke neben Fahrradhersteller und -Marken wie Derby Cycle, Gazelle, Cervelo oder Santa Cruz – man kennt diese Strukturen auch von anderen großen Namen: Bei der Winora Group beziehungsweise dem Accell-Konzern ist es unter anderem die hauseigene Komponentenmarke XLC, die für kurze Wege und Kostenersparnis bei der Ausstattung von bestimmten eigenen Radserien sorgt. Trek hat Bontrager. Ähnlich läuft es auch bei Pon. Vor zwei Jahren wollte man beim fahrradhungrigen Pon-Konzern auch die Accell-Gruppe übernehmen. Der Deal, der aus der familiengeführten Holding den weltweit größten Fahrradhersteller gemacht hätte, kam aber nicht zustande. Allerdings gingen 2018 insgesamt 20 Prozent der Accell-Aktien an Pon.Bike. Übrigens lernte auch Marketing-Frau Schiff den umtriebigen Gründer Moons kennen, als sie selbst noch bei Sport Import arbeitete. Als BBB dann als Vertriebspartner für ihren Arbeitgeber wegfiel, war es für sie wohl nur ein kleiner Schritt, zu BBB zu wechseln. Zumal sich hier sehr gute Voraussetzungen boten: »Ich habe hier eine halbe Stelle«, erklärt sie, »und auf Sport-Termine etc. wird zusätzlich Rücksicht genommen.« Auch ihr Home-Office in Bremen ist nicht immer besetzt: Zusammen mit ihrem Freund, natürlich ebenfalls Radsportler, betreibt sie dort noch das Radgeschäft Riha Bikes.

Synergie-Effekte noch mehr nutzen

BBB wurde also zur Zubehörmarke von Pon.Bike. Doch »der Übergang an den Pon-Konzern war für BBB auch schwierig, weil wir sehr viele Händler verloren haben«, erklärt Schiff. Der Hauptgrund: Mit dem Verkauf fiel für das Unternehmen letztendlich auch der deutsche Vertreiber Sport Import weg – und damit musste man in Sachen deutsche Partnerhändler fast neu anfangen. Das Unternehmen brauchte neue Strukturen – »denn Deutschland ist für uns enorm wichtig«, bestätigt Schiff. In den letzten drei Jahren wurde intern ein kompletter Außendienst-Bereich aufgestellt, den es bis dahin nicht gab. Auch in Sachen Marketing wurde aufgestockt. BBB-Produkte werden über Händler und diverse Online-Händler verkauft. Auch in der Imagepflege und Öffentlichkeitswirksamkeit wollte man daher zulegen. So sind auch Sponsoring-Verträge mit Profi-Teams für BBB mittlerweile selbstverständlich. Schon 2017 wurde auf World Tour- Level das französische FDJ-Team gesponsert. Aber auch eine Nummer kleiner ist man gern dabei: So wird etwa Carolin Schiffs Frauen-Team »Maxx Solar – Lindig« in puncto Helme gesponsert. Eine der Synergie-Effekte aus der Übernahme durch Pon ist die Partnerschaft mit dem Fahrradhersteller Focus: Bei vielen Modellen kommen nun die Komponenten wie Lenker, Vorbauten und Sattelstützen von BBB. »Doch wir wollen die Partnerschaften auch innerhalb von Pon noch ausbauen«, erklärt Schiff.

Neue Normen mitentwickeln

Laut Leon Overgaag, Leiter der Produktentwicklung, wird jedes einzelne BBB-Produkt selbst entwickelt. »Und jedes der Produkte bekommt den speziellen BBB-Finishing-Touch, bevor wir eine Serie auf den Markt bringen«, erklärt er. Vor allem bei genannten Helmen und Brillen legt man besonders viel Wert darauf, denn hier sieht man sich und das achtköpfige Entwicklerteam besonders kompetent. Mit dem Helm hat es eine besondere Bewandtnis: BBB und andere Helmhersteller konnten zusammen mit dem niederländischen Normeninstitut NEN die Norm NTA 8776 entwickeln. Diese Norm ist nun die Basis für die in Europa zugelassenen S-Pedelec-Helme. Auf ihrer Grundlage wurde auch der Helm BBB Indra, einer der ersten Helme für S-Pedelecs, entwickelt. Auf ihn ist man bei BBB stolz. Auch wenn man manchen Helm vor allem als Aufmerksamkeitsträger entwickelt. Derzeit dürfte das sicher auch noch für den Indra gelten. »Helme sind aufgrund der komplexen Form aufwendig und teuer herzustellen«, erklärt Over­gaag – auch er war übrigens Profi-Rennfahrer vor seiner BBB-Karriere.

Aus der Praxis für die Praxis

»Wir orientieren uns, wenn es um neue Produkte geht, zunächst gern am Nutzer-Feedback«, so Overgaag. Am Feedback der Händler und Kunden und natürlich der der eigenen Mitarbeiter – noch ein Vorteil, wenn die Kollegen am liebsten mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen. Ideen werden zusammengetragen: Was hätten die Nutzer gern, was fehlt auf dem Markt. Mit diesem Input fangen die Designer an, zu skizzieren. Das Team berät mehrmals, wie es weiter geht. Ist eine Basis für ein neues Produkt geschaffen, wird die Idee – meist per Zeichenprogramm – genauer ausgeführt. Immer wieder wird in Teamarbeit ein nächster Schritt gemacht, Fragen geklärt wie: »Erfüllt das angestrebte Produkt so seinen Zweck?« »Welches interessante Feature kann womöglich eine Alleinstellung auf dem Markt mit sich bringen?« »Haben wir eine gelungene Farbzusammenstellung?« Um den richtigen Riecher für Letzteres zu bekommen, ist eine Grafikdesignerin unterwegs. Sie checkt die modische Entwicklung der Farben, unter anderem auf Messen. Nicht aber auf Fahrradmessen – den Trend der nächsten Jahre zeigen andere Messen früher.
Dann werden, je nach Art der neuen Komponente, die 3-D-Ducker eingesetzt: Overgaag zeigt ein Pedal, das aus einer Plattform- und einer SPD-Seite besteht. Und noch eines und noch eines ...: Hier hilft der Drucker enorm; ein neuer Prototyp ist in wenigen Stunden fertig – und kostet wenig. »Doch wird das Produkt in der Praxis getestet, muss beim Pedal ein anderer Weg gefunden werden.« Er zeigt einen CNC-gefrästen Prototypen – deutlich aufwendiger als der 3-D-Druck. Bis dann die Produktionswerkzeuge für bestimmte Produkte fertig sind, dauert es manchmal sechs Monate – das bedeutet Zeit- und Geldaufwand. ­Deshalb wird, je nach Komponente, die Produktion auch schon früh in den Entwicklungsprozess mit eingebunden.
Und natürlich ist man immer froh über große und kleine kreative Ideen, die der Mitbewerber nicht hat – die aber relativ einfach umgesetzt werden können. Overgaag zeigt einen Helmschirm, der nicht mehr mit drei Pins am Helm befestigt wird, sondern kleine Haken am linken und rechten Ende hat. Sie passen wie kleine Bügel einer auf den Kopf gestellten Brille in die fast unauffälligen Aufnahmen links und rechts am Helm und können dort verankert werden. Wird der Helmschirm jetzt abgenommen, bleiben keine Löcher für die Pin-Befestigung sichtbar, wie bei anderen Helmen.

Kreative Ideen zur ­Optimierung

Auch Sebastiaan Bowier schwört auf den 3-D-Drucker. Der Senior Product Designer zeigt, worauf es im Wettbewerb ankommt: Details zu kreieren, welche die optische Erscheinung möglichst wenig stören, die Funktion und Qualität aber um möglichst vieles verbessern. Wie zum Beispiel die Längeneinstellung des Bügels bei Sportbrillen. Beim Modell Commander löst man ihre Teleskop-Verstellung mit einem Knopfdruck auf den Bügelansatz aus – nach dem Verstellen rastet ein kleiner Knopf wieder innen in die Riffelung des Bügels ein. Diese Lösung macht bei BBB den Bügel vorn am Brillenrahmen nur unwesentlich dicker, ist aber laut Verbraucherfeedback robuster als beim namhaften Mitbewerber. »Wir verkaufen eben über die Funktion«, sagt Bowier, mit etwas Stolz auf die BBB-Version. »Der je nach Modell doppelt so teure Mitbewerber verkauft vor allem über sein Image.« Teamkollege Tjerk Bakker ist der Product Manager der Sparte und kümmert sich bei neuen Projekten schon frühzeitig um das Pricing. Natürlich geht man zunächst von den Mitbewerbern aus, checkt, an welchen Preislevels man sich orientieren will. Als nächstes stehen bei BBB neue Minitools an, dieser Bereich ist ein Topseller des Unternehmens. »Die Philosophie ist für uns in jedem Bereich dieselbe«, so Bakker: »Gute Qualität, günstiger Preis.«

BBB-Händler: Erkennungs­zeichen blaue Wände

Die Preis-Leistungs-Kategorie war für BBB auch schon zu Zeiten der beiden Gründer entscheidend. Doch was die Händler laut des Geschäftsführers Folkert Lamsvelt auch binden soll, ist das Gesamtpaket, das BBB liefert: »Wir bieten tolle, einzigartige Ideen und Umsetzungen zu einem guten Preis«, erklärt er. »Und wir sind die Niederländer unter den Komponentenspezialisten in Deutschland, mit dem eigenen, niederländischen Design. Und das macht uns einzigartig. Auch damit kann sich der Händler absetzen.« Noch die Gründer des Unternehmens schufen ein eigenes Shop-in-Shop-System: Beim Händler sollte das Sortiment der Produkte von BBB komplett an einer Wand hängen – ein Prinzip, das laut dem Unternehmen im Fahrradbereich damals noch unbekannt war und Furore machte. Und dabei auch zu einer Art Erkennungszeichen für BBB-Händler wurde. Natürlich kann man auch ohne blaue Wände zum BBB-Partner werden. Für den Komponentenhersteller jedenfalls ist das System eine gute Möglichkeit zur Kunden- wie zur Partnerbindung.
Heute hat das Unternehmen 60 Angestellte in Deutschland, den Niederlanden und Belgien. In 39 weiteren Ländern arbeitet man grundsätzlich mit Distributoren. Ein mehrköpfiges eigenes Team in Taiwan sorgt dafür, dass BBB seine Qualitätsvorstellungen direkt dort umsetzen kann, wo produziert wird. Strukturen, die einem modernen Unternehmen entsprechen.
Da kann gut auf Außendarstellung in Form einer pompösen Firmenzentrale verzichtet werden.

3. Juni 2019 von Georg Bleicher

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