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Aufmacher beim Spiegel:

Radfahrer im "Wettlauf der Aggressionen"

An der Ägäis geht gerade ein Staat mit über zehn Millionen Einwohnern Pleite - mit noch unvorhersehbaren Folgen für die europäische Währung. Doch aus Sicht der Zeitschrift „Spiegel“, so zumindest die Interpretation der gestrigen Titelseite, haben die Deutschen noch viel dringendere Sorgen, nämlich die Radfahrer in der „Rüpel-Republik Deutschland“.

Dass es das Fahrrad auf eine der Titelseiten einer auflagenstarken Zeitschrift schafft, hat in Deutschland Seltenheitswert. Wenn es dann doch mal geschieht, steht zwischen den Umschlagseiten meist wenig Schmeichelhaftes über die Radfahrer.

Die schon reichlich abgedroschene, aber offenbar immer noch obligatorische Phrase vom Radl-Rambo kommt beim „Spiegel“ zwar erst in der Mitte des Texts vor, aber sonst werden alle Klischees vom Outlaw auf zwei Rädern gleich nach dem Vorspann bedient. Da verprügelt im zweiten Absatz ein Radfahrer einen Fußgänger, der daraufhin mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus landet. Da werden aussteigende Busfahrgäste von Radfahrern umgenietet und Mülltonnen umgefahren. „Früher galt der Mercedes-Stern als Symbol der eingebauten Vorfahrt, jetzt ist es der Fahrradlenker“, schreiben die „Spiegel“-Autoren.

Auffallend oft nimmt der Spiegel-Bericht die Sichtweise des genervten Autofahrers ein. Etwa wenn die Autofahrer in Berlin Unter den Linden an der roten Ampel von Radfahrern „umzingelt“ werden und dann bei Grün nur „im Tempo der langsamsten Radler“ weiter kommen. Auf der Eurobike hätten sich die Fahrradhersteller gerade erst gebärt, „als wären sie die neuen Porsches und Daimlers der Mobilität“. Auch ein Zitat aus dem vieldiskutierten Buch der erklärten Fahrradhasserin Annette Zoch darf nicht fehlen, nämlich dass der Mensch auf dem Fahrrad zum Monster werde.

In diesem Ton geht es noch einige Absätze des siebenseitigen Berichts weiter, bis dann offenbar die Pro-Fahrrad-Autoren beim „Spiegel“ die Tastatur übernehmen durften. Gegen Ende des Berichts wird der „Spiegel“-Bericht jedenfalls deutlich ausgewogener und skizziert die verfehlte Verkehrspolitik vieler Städte in den vergangenen Jahrzehnten. Etwa, dass in Berlin für die drei Opernhäuser der Stadt 18-mal so viel Geld ausgegeben wird wie für die Fahrradinfrastruktur, die täglich von 500.000 Radfahrern genutzt wird.

Der Berliner Verkehrsplaner Burkhard Horn bringt es im „Spiegel“-Bericht auf den Punkt: „Autofahrer müssen erst mal lernen, Radfahrer zu akzeptieren.“ Der beste Beweis, dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, ist zumindest in der ersten Hälfte der Bericht selbst.

13. September 2011 von Markus Fritsch
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