
Gastbeitrag von Ernst Brust
Sachverständiger in Sorge wegen neuer Tuning-Methode
Aus Sicht des öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen Ernst Brust zeigt diese Entwicklung, wie schnell sich der Markt für Manipulationssysteme an neue Antriebstechnologien anpasst.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Avinox-Antrieb ohnehin bereits Leistungsspitzen von bis zu 1.500 Watt erreichen kann und damit zu den leistungsstärksten EPAC-Antrieben am Markt zählt. Trotzdem genügt dies einigen Nutzern offenbar nicht. Bereits kurz nach der Markteinführung werden Manipulationslösungen angeboten, um die Geschwindigkeitsbegrenzung aufzuheben.
„Dass ein derart leistungsstarkes Antriebssystem bereits kurz nach seiner Markteinführung getunt wird, zeigt, dass nicht die Motorleistung das eigentliche Problem ist. Entscheidend ist die Bereitschaft, gesetzliche Sicherheitsgrenzen bewusst außer Kraft zu setzen.“, erklärt Ernst Brust.
Bei der aktuellen Manipulation wird die Geberscheibe an der hinteren Bremsscheibe gegen eine Scheibe mit einer geringeren Anzahl von Impulsen ausgetauscht. Dadurch erkennt der Geschwindigkeitssensor nur etwa die halbe tatsächliche Fahrgeschwindigkeit und der Motor unterstützt weit über die zulässigen 25 km/h hinaus.
Das gesamte Fahrzeug wird überlastet
Die Folgen betreffen nicht nur den Motor. Durch die deutlich höheren Geschwindigkeiten steigen sämtliche mechanischen Belastungen erheblich. Rahmen, Gabel, Laufräder, Speichen, Lager, Reifen und Bremsen werden außerhalb ihrer konstruktiven Auslegung betrieben.
„Viele glauben, lediglich der Motor müsse etwas mehr arbeiten. Tatsächlich wird das gesamte Pedelec außerhalb seiner konstruktiven Auslegung betrieben. Die Belastungen steigen mit zunehmender Geschwindigkeit erheblich und können die Produktsicherheit gefährden.“
Die Dauerfestigkeitsprüfungen nach EN 15194 erfolgen für Fahrzeuge mit einer Unterstützung bis 25 km/h. Geschwindigkeiten von 50 bis 60 km/h erzeugen völlig andere Belastungen hinsichtlich Bremsenergie, Stoßbeanspruchung und Materialermüdung.
Rechtliche Folgen
Mit einer solchen Manipulation verliert das Fahrzeug seine Konformität als EPAC beziehungsweise Pedelec. Mögliche Folgen sind:
-Erlöschen der Konformität,
-Verlust von Garantie- und Gewährleistungsansprüchen,
-möglicher Verlust des Versicherungsschutzes,
-zivil- und strafrechtliche Konsequenzen bei einem Unfall.
Hersteller und Gesetzgeber gefordert
Nach Auffassung von Ernst Brust zeigt dieser Fall, dass sich die Tuning-Szene zunehmend von Software-Hacks hin zu einfachen mechanischen Manipulationen entwickelt. „Wir benötigen manipulationssichere Sensorsysteme, intelligente Plausibilitätsprüfungen im Steuergerät und europaweit einheitliche Prüfverfahren. Nur so lassen sich Produktsicherheit und Verbraucherschutz langfristig gewährleisten.“
Fazit: Dass bereits wenige Monate nach Einführung eines der leistungsstärksten EPAC-Antriebe erste Tuninglösungen verfügbar sind, macht deutlich, wie dynamisch sich der Markt entwickelt. Die Herausforderung besteht heute nicht mehr nur darin, leistungsfähige Antriebe zu entwickeln, sondern diese gleichzeitig wirksam gegen Manipulationen zu schützen. Nur so können Sicherheit, Produkthaftung und das Vertrauen der Verbraucher dauerhaft gewährleistet werden.
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