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Kolumne - Marius Graber

Sargschreiner vs. Fahrradmechaniker

Letzthin durfte ich im Rahmen eines Podiums in erlauchtem Kreis über den Fachkräftemangel bei uns in der Branche diskutieren. Mit dabei waren der Bildungsobmann des Schweizer Verbands...

... der Fahrradmechaniker, ein junger Berufsmann und ein Journalist. Auslöser war die Shimano-Service-Studie, welche klar skizzierte: Werden die Velos nicht repariert, werden sie nicht mehr gebraucht und die Menschen steigen wieder auf andere Mobilitätsmittel um. Oder anders gesagt: Die aktuelle Verkehrssituation in den Städten und Agglomerationen bieten uns in den nächsten Jahren einen Steilpass, den wir verschießen werden, wenn wir in den Werkstätten nicht genügend Kapazität anbieten können. So spielen wir mit dem Erfolg des Velos und dem wirtschaftlichen Potenzial unserer Unternehmen. Meine Prognose: Die Velonutzung wird stärker zunehmen als die Räder und E-Bikes weniger Wartung brauchen. Ergo wird es mehr Menschen benötigen, welche die Fahrzeuge in Betrieb halten. Doch woher nehmen? Das Thema hat eine größere Dimension.
Natürlich kann man von einer solchen Gesprächsrunde nicht allzu viel erwarten. Dass sich die Diskussion über den Fachkräftemangel in der Folge einzig um die Ausbildung von Lernenden und Berufsmeisterschaften drehte, setzt mir dann aber schon ein paar Sorgenfalten auf die Stirn. Es ist zwar gut zu hören, dass die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge für Fahrradmechaniker und Fahrradmechanikerinnen in den letzten Jahren in der Schweiz prozentual zugenommen hat. Doch die absolute Anzahl neuer Berufsleute bleibt auch damit leider trotzdem bescheiden. Damit ich richtig verstanden werde:
Die Arbeit an einer qualitativen guten Berufsausbildung ist richtig und wichtig, doch allein damit löst sich das Problem nicht.
Zumal gemäß Statistiken 30 Prozent der Azubis kurz nach Ausbildungsabschluss den Beruf verlassen. Das wird oft laut bejammert und natürlich ist es kurz gedacht schade um die investierte Lehrzeit. Doch ich sehe in dem Umstand der hohen Berufsabgänge überhaupt nicht nur Schlechtes. Denn in anderen Brachen ist die Quote mindestens so groß. Auch in den höheren Schulen gibt es eine schöne Anzahl junger Menschen, die irgendwann begreifen, dass sie doch lieber mit den Händen arbeiten würden, eine sinnhafte Arbeit oder einen KI-sicheren Job suchen, auch wenn Mama und Papa das Gymnasium mal als einziges Tor in die Erwachsenenwelt sahen. Da schlummert für uns ein Riesenpotenzial an künftigen Berufsleuten. Denn unsere Startposition ist doch äußerst gut: Das Velo ist eine der genialsten Maschinen, im Gebrauch mit so vielen positiven Emotionen besetzt, es fasziniert und zieht Menschen an. T-Shirts mit Fahrradmotiven verkaufen sich immer, sagte mir mal die Verkäuferin im Kleidergeschäft.
Als Flachdachisolierer, Sargschreiner oder Sanitäre hätten wir da eine ganz andere Ausgangslage.

Marius Graber ist seit über 35 Jahren Fahrradhändler in Luzern und schreibt seit 25 Jahren für Fachmagazine über Fahrradtechnik, Reisen und die Branche.

29. April 2026 von Marius Graber
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