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Schwäbische ­Bodenständigkeit
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Portrait - Birkhold

Schwäbische ­Bodenständigkeit

1988 stellte Julius Birkhold erstmals ein Präsentationssystem für Fahrräder auf der IFMA in Köln vor. Somit feierte das schwäbische Unternehmen in diesem Jahr ein Jubiläum, auch wenn der Familienbetrieb insgesamt auf eine weitaus längere und bewegte Geschichte zurückblicken kann. Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1926 zurück. Und schon damals spielte das Fahrrad eine wichtige Rolle.

Wer an den Firmensitz der heutigen Julius Birkhold GmbH in Steinheim am Albuch reist, der darf sich auf eine rasante Abfahrt freuen und zwar egal aus welcher Himmelsrichtung er nach Steinheim kommt. Der Ort liegt inmitten eines Meteoriten-Kraters, der vor rund 15 Millionen Jahren entstanden ist und in den Geographie-Büchern als Steinheimer Becken beschrieben ist.
Das Birkhold’sche Firmendomizil liegt zentral gelegen in der Weberstraße der 9000-Seelen-Gemeinde im Osten Baden Württembergs – und das schon seit 1926, als das Unternehmen von Paul Birkhold als Schlossereibetrieb mit angeschlossenem Fahrradverkauf gegründet wurde.
Nach den Kriegswirren stellte sich das Unternehmen auf mehrere Beine und erkannte jeweils rechtzeitig die Zeichen der Zeit. Das Motorradgeschäft hatte lange Zeit eine große Bedeutung. Die Übernahme der Vertretungen von so bekannten Marken wie Dürkopp, Victoria und Triumph zeugen davon. Weitere Standbeine wurden geschaffen, wie das Autogeschäft oder der Vertrieb von Stihl-Motorsägen und weiteren Motorgeräten. Aber auch Erfindergeist war schon immer ein Teil der Firmengeschichte. Weit über den süddeutschen Raum bekannt ist die Konstruktion einer freitragenden Treppe, die anlässlich der 22. Internationalen Erfinder- und Neuheiten-Ausstellung IENA Nürnberg im Jahr 1967 ausgezeichnet wurde. Ein weiteres tragfähiges Standbein war damit geschaffen, um das Unternehmen auch in schwierigen Zeiten auf Kurs zu halten. Und schwierige Zeiten gab es durchaus: So sorgten beispielsweise das Ende der Firma Borgward, deren Fahrzeuge von Birkhold vertrieben wurden, sowie auch die Krise der Motorradindustrie für die eine oder andere Umsatzdelle bei den Schwaben.

Aus der Not geboren

Die Fertigung und der Vertrieb von Präsentationssystemen für Fahrräder ist das jüngste Standbein bei Birkhold. Die Idee dazu war mehr oder weniger aus der Not geboren: Der Fahrradboom Ende der 80er-Jahre stellte viele Fahrradhändler vor die Herausforderung, ein stark erweitertes Angebot auf einer begrenzten Verkaufsfläche präsentieren zu müssen. Vor dieser Herausforderung stand auch der Fahrradeinzelhandel von Birkhold. Firmenchef Julius Birkhold, der 1959 die Geschicke des Unternehmens von Vater Paul übernommen hatte, begann nach entsprechenden Präsentationshilfen im Markt zu suchen. Er wurde nicht fündig, zumindest nicht auf einem für ihn akzeptablen Niveau. So begann Birkhold selbst einen Präsentationsständer zu entwerfen – die Geburtsstunde des noch heute bekannten Twin-Präsenters. Dabei setzte er auf Prämissen, die noch heute fester Bestandteil des Präsentations-Leitbilds von Birkhold ist: Flexibel im Einsatz und einfach in der Handhabung sollte das System sein und dabei ästhetisch ausschauen. Aufgrund der Möglichkeiten des firmeneigenen Schlos­­ser­betriebs ließen sich diese Vorgaben vom Reißbrett direkt in den Prototypenbau umsetzen.

Philosophie 3aB

Mit einem Prototypen des Twin-Präsenters ging es im Jahr 1988 auf die IFMA – zusammen mit einem Präsentations-Leitbild, das noch heute in Grundzügen Bestand hat. Julius Birkhold nannte diese Philosophie 3aB: Hinter der einfachen Formulierung steckten drei einfache Leitsätze: Aufmerksamkeit erzeugen, Positives hervorheben und auffallen – das erste »a«. Hinzukommt Argumentieren, dabei aber unaufdringlich und kundenfreundlich argumentieren – das zweite »a« und nicht zuletzt: Abschließen – also eine unterstützende Präsentation, sodass sich der Verkäufer voll auf den Kunden konzentrieren kann – das dritte »a«. Die Lösung: Produkte von Birkhold, die alle Phasen des Verkaufsgesprächs unterstützen – das abschließende »B« der Philosophie.
Der Erfolg auf der IFMA war groß. Julius Birkhold hatte offensichtlich die Zeichen der Zeit richtig erkannt. Mit vollen Auftragsbüchern kehrte Birkhold aus Köln zurück und bereits ein Jahr später war die Nachfrage nach den platzsparenden Präsentationssystemen derart angestiegen, dass man in der heimischen Produktion kaum mehr hinterherkam.
Mittlerweile ist aus dem schwäbischen Familienunternehmen ein international agierender Fertigungsbetrieb geworden. Tausende von Verkaufsräumen wurden über die Jahre hinweg ausgestattet. In über 40 Ländern werden die Präsentationssysteme von Birkhold mittlerweile exportiert. »Sogar in Dubai haben wir einen Fahrradladen eingerichtet«, erzählt Werner Birkhold, einer von drei Söhnen des im Jahr 1999 verstorbenen Julius Birkhold, der mittlerweile in dritter Generation die Geschicke des Unternehmens leitet.

100 % made in Germany

Und trotz der starken internationalen Ausrichtung – beinahe die Hälfte des Umsatz erzielt Birkhold mittlerweile mit Kunden aus dem Ausland – und einem Produktportfolio, das heute über 30 verschiedene Präsentationslösungen umfasst, hat sich Birkhold den Charme eines kleinen, schwäbischen Familienunternehmens erhalten.
Alle Produkte, die das Unternehmen verlassen, werden an Ort und Stelle gefertigt und sind zu 100 % made in Germany, wie Werner Birkhold betont. Grundlage vieler Präsentationssysteme ist wie vor 25 Jahren auch die Präsentationsschiene, die aus hochwertigem Stahl gefertigt wird. »Das Rohmaterial wird speziell für uns so angefertigt und ist keine Stangenware«, sagt Birkhold mit Blick auf ein tonnenschweres Lager mit den sechs Metern langen Stahlschienen – die Grundlage jedes Präsentationssystems, die in vielen Fertigungsschritten an großteils selbst konstruierten und bis zu 25 Jahre alten Spezialmaschinen am Ende zu Presentern zusammen gefügt werden, die dann Namen wie Twin, Vario oder Rolli tragen. Insgesamt bis zu zehn Mitarbeiter sind für diesen aufwändigen Fertigungsprozess zuständig.
Stillstand ist ein Zustand, der in der beinahe 90-jähigen Firmengeschichte wohl schon immer ein Fremdwort war. Und so ist Werner Birkhold immer weiter auf der Suche, nach Möglichkeiten, die bestehenden Produkte zu verbessern, aber auch neueste Trends und Herausforderungen bei der Fahrradpräsentation aufzuspüren. Bis zu 400 Fahrradläden besucht Birkhold jährlich, auch um die dort gewonnenen Eindrücke in neue Entwicklungen einfließen zu lassen.
Auch das Boom-Thema E-Bikes stellt neue Herausforderungen an die Fahrradpräsentation – und das nicht nur aufgrund des höheren Gewichts und deshalb schwierigeren Handlings. »E-Bikes sind erklärungsbedürftige Produkte. Umso wichtiger ist der optimale Zugriff auf die E-Bikes für Kunde und Verkäufer«. Damit spricht Birkhold eine häufige Situation in der Fahrrad- und auch E-Bike-Präsentation an: Zu viele Modelle werden auf kleinen Raum präsentiert, der Kunde kann das einzelne Angebot gar nicht mehr identifizieren und wenn ein Verkäufer hinzukommt, kann das Rad nur mit großem Aufwand hervorgeholt werden. »Von der Gefahr von Beschädigungen durch Kratzer oder Umfallen eines Rades ganz zu schweigen«, so Birkhold. So sind alle Birkhold-Systeme seit kurzem mit speziellen Adaptern für E-Bikes erhältlich, mit dem insbesondere auch alle Modelle mit Mittelmotor sicher gehalten werden können.

Testfeld eigener Fahrradladen

Eng arbeitet Werner Birkhold mit seinem Bruder Rolf zusammen, der für den angeschlossenen Fahrradeinzelhandel verantwortlich ist. Neue Produktideen lassen sich hier in der Praxis auf ihre Kundenwirkung testen. So wurde Anfang des Jahres der vordere Bereich des Birkhold-Ladens auf 140 Quadratmeter neu gestaltet und dabei auch eine Maxime in der Präsentationsphilosophie von Birkhold zumindest aufgeweicht: Und zwar die strikte Trennung zwischen Präsentationssystem und Dekorationsmittel, die bislang recht konsequent eingehalten wurde, um von Modetrends unabhängig zu sein und eine relativ unproblematische Veränderung der Dekoration zu ermöglichen.
Erstmals wurden die Präsentationssystemen mit großflächigen Fotowänden kombiniert, die sich thematisch in die Ausstellung einbinden. Aber auch hier ist man sich einem Grundsatz treu geblieben: Die Fotowand ist flexibel einsetzbar und lässt sich in Sekundenschnelle auf- und abbauen oder an einen anderen Ort verschieben.
Aber auch dem Thema Internet hat sich das Unternehmen nicht verschlossen. So hat man in diesem Jahr im Frühjahr einen Online-Shop eröffnet, in dem u. a. auch Gebrauchtsysteme zu attraktiven Konditionen angeboten werden.

4. Dezember 2013 von Markus Fritsch

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