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Untersuchungen haben gezeigt, dass Senioren auch auf dem E-Bike eher langsamer fahren als jüngere Menschen.
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Report - Generation 60+

Senioren im Sattel

Sie sind die am schnellsten wachsende Zielgruppe für die Fahrradbranche. Das ist demographisch bedingt, aber auch sozial und gesundheitlich: Die Senioren von heute sind deutlich unternehmenslustiger und fitter als vorangegangene Generationen. Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass 60+ Käufer spezielle Bedürfnisse haben, wie neue Studien-Ergebnisse zeigen.

Die Sonne legt sich Ende September noch mal ordentlich ins Zeug und so sind auch an diesem Nachmittag viele Rentner im Alten Land auf ihren Rädern unterwegs. Die Region ist beliebt bei Senioren. Die Gegend ist flach, die alten Gutshäuser mit ihren Reetdächern imposant und auf die schmalen Landstraßen, die sich durch die Apfelplantagen schlängeln, verirren sich nur wenige Autos. Zu zweit, in Vierergruppe oder zu zehnt radeln die Senioren durch die Apfelplantagen. Gesprächsfetzen und ihr lautes Lachen begleiten ihr gemütliches Treten.
Die heutige Rentnergeneration ist fit. Die Senioren sind in der Regel finanziell gut abgesichert und äußerst mobil und sie werden immer mehr. Jeder fünfte Deutsche ist über 65 Jahre alt. Im Jahr 2040 wird es fast jeder Dritte sein. Elf Prozent von ihnen steigen derzeit regelmäßig aufs Rad.
Wissenschaftler beobachten diese Entwicklung wachsam. Fest steht: Radfahren ist ideal in diesem Alter. Es hält fit, gesund und mobil. Allerdings beunruhigt die steigende Unfallrate der radelnden Rentner die Experten. Jeder zweite tödlich verunglückte Radfahrer in Deutschland hat das 65. Lebensjahr überschritten. Wissenschaftler sehen hier ganz klar Handlungsbedarf. Jetzt haben Forscher im In- und Ausland erste Studien mit Älteren durchgeführt und kommen zu interessanten Ergebnissen.
Um die Sicherheit von Pedelecs geht es in der Feldstudie»E-bike safety: speed choice and mental workload for middle-aged and elderly cyclists« aus den Niederlanden. Dort fährt inzwischen jeder zehnte über 60 Jahre mit eingebautem Rückenwind. Vor diesem Hintergrund und der steigenden Zahl der schwer verletzten Pedelec- und Fahrradfahrer hat die Wissenschaftlerin Divera Twisk vom niederländischen Institut für Verkehrssicherheitsforschung (SWOV) in der noch nicht veröffentlichten Feldstudie den Zusammenhang von Geschwindigkeit und psychischer Belastung von jungen und älteren Radfahrer untersucht.
Die Wissenschaftlerin schickte zwei Gruppen mit jeweils 26 Teilnehmern auf die Teststrecke. Allesamt routinierte Radfahrer. Die einen waren im Schnitt 38 Jahre, die andere 70 Jahre alt. Jeder von ihnen absolvierte auf der 3,5 Kilometer langen Fahrt durch ein Wohngebiet verschiedenen Aufgaben: Gefälle, Steigung, scharfe Linkskurven. Einige Aufgaben sollten den Radfahrern bewusst Stress bereiten.
Die Testpersonen fuhren einmal auf einem Pedelec und einmal auf einem herkömmlichen Fahrrad. Die Wissenschaftler zeichneten mittels Helmkamera ihre Fahrten auf und überwachten via Sensoren Punkte wie Balance, Herzfrequenz sowie ihre physische und psychische Belastung.
Wie erwartet seien beide Gruppen mit den Elektrofahrrädern schneller unterwegs gewesen als mit dem konventionellen Rad, erläutet Divera Twisk ihre vorläufigen Ergebnisse. Auf der Geraden steigerten sich die Älteren von 17,1 km/h (herkömmliches Fahrrad) auf 20,7 km/h (Pedelec). Die Jüngeren von 19.6 auf 23,3 km/h.
Insgesamt waren die Senioren in sämtlichen Situationen langsamer unterwegs als die jüngere Vergleichsgruppe. Für alle Radfahrer waren komplexe Situationen wie Linksabbiegen mental psychisch fordernder als das Fahren auf einer geraden Strecke. Für Ältere war die Anstrengung höher als für die Jüngeren. Allerdings stellten die Wissenschaftler etwas Entscheidendes fest: Der Grad der Anstrengung ist nicht an den Fahrradtyp gekoppelt. Es ist unerheblich, ob die Senioren mit oder ohne Motor fahren. Ob eine Situation Stress bereitet, ist abhängig von der jeweiligen Verkehrssituation. In kritischen Verkehrssituationen verlangsamen Radfahrer ihre Geschwindigkeit.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der Gesamtverband der deutschen Versicherungsgesellschaft (GDV) in einer vergleichbaren Studie mit ähnlichem Versuchsaufbau, die im Frühjahr veröffentlicht wird. Auch hier zeigen laut Siegfried Brockmann, Leiter der GDV-Unfallforschung, die Ergebnisse keinen signifikanten Zusammenhang zwischen steigender Unfallgefahr und höherer Geschwindigkeit beim Fahren mit Motor.
»Pedelecs werden von älteren Fahrern nur geringfügig schneller im Straßenverkehr bewegt als Fahrräder ohne Motor«, sagt er. Im Schnitt etwa 5 km/h. Das sei keine dramatische Temposteigerung. Das Problem sei auch nicht die Geschwindigkeit für die Radfahrer mit eingebautem Rückenwind, sondern, wie bei allen Radfahrern, dass sie von anderen Straßenverkehrsteilnehmern gesehen werden.
Dieser Punkt ist entscheidend für alle Radfahrer. Gesehen werden, aber selbst auch vorausschauend fahren und jederzeit angemessen reagieren können. »Die technische Kompetenz des Fahrers muss stimmen«, sagt Christian Burmeister. Der Radfahrlehrer unterstützt seit Jahren jüngere wie ältere Anfänger und Wiedereinsteiger bei ihrem Weg in den Sattel. Wenn die »technische Performance« des Fahrers nachlasse, sagt Burmeister, also der Schulterblick schwer falle oder das Auf- und Absteigen, müsse der Radfahrer nachbessern und seinen Fahrstil anpassen.

Training im Alter

Hier setzen die Universitäten Leipzig und Dresden an. Sie haben vergangenes Jahr das Projekt »Training für ältere RadfahrerInnen« durchgeführt, das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur gefördert wurde. Mit dem fahrradbezogenen Sportprogramm sollten Ältere all das trainieren, was sie auf der Straße brauchen, um sicher mit dem Rad unterwegs zu sein.
»Im Alter lässt die Beweglichkeit nach, ebenso die Muskelkraft, das Hör- und Sehvermögen«, sagt Carmen Hagemeister, Professorin für Diagnostik und Intervention an der Universität Dresden. Einige Senioren haben auch Herz- oder Kreislaufprobleme. Das führt dazu, dass Menschen ab 60 Jahren häufiger Unfälle haben als Jüngere. Sie rutschen von den Pedalen, haben Schwierigkeiten beim Auf- und Absteigen, können in der Situation schlecht die Spur halten oder kommen zu Fall, wenn sie sich zum Linksabbiegen umschauen oder bei Schlaglöchern und Bordsteinkanten.
Natürlich passiert das auch Jüngeren. Aber die Folgen für Ältere sind in der Regel schwerwiegender. Senioren reagieren in Gefahrensituationen langsamer und können sich bei einem Sturz schlechter abfangen. Zwar tragen häufig andere Verkehrsteilnehmer die Schuld an dem Unfall und es verunglücken jährlich mehr PKW-Fahrer über 65 als Radfahrer, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Altersgruppe besonders gefährdet ist.
Damit müssen sich die Rentner allerdings nicht abfinden. Die abnehmende Fitness im Alter kann man bis zu einem gewissen Punkt aufhalten oder auch umkehren. Mit Hilfe des fahrradbezogenen Sportprogramms sollen Ältere all das trainieren, was sie auf der Straße brauchen, wenn sie mit dem Rad unterwegs sind. Jedoch nicht auf der Straße, sondern im geschützten Raum einer Turnhalle.
Der Bedarf ist da. »Wir wurden regelrecht überrannt«, sagt Prof. Dr. Petra Wagner vom Institut für Gesundheitssport und Public Health an der Uni Leipzig, die mit Carmen Hagemeister das Projekt betreute. Die Wissenschaftlerinnen brauchten für die Sport- und die Vergleichsgruppe rund 300 Teilnehmer. Über 400 Anmeldungen gingen bei ihnen ein.
Sechs Monate haben 148 Männer und Frauen zwischen 60 und 88 Jahren zwei Mal pro Woche jeweils eine Stunde in kleinen Gruppen in Turnhallen trainiert. Die Übungen für die Sportler sollten ihre Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit stärken.
»Die Handkraft ist eine wichtige Größe beim Radfahren«, sagt Petra Wagner, »beim Geradeausfahren wie beim Abbiegen.« Mit zunehmendem Alter lässt sie nach, deshalb lassen viele Ältere das Handzeichen gleich ganz weg. Mit gezielten Greifübungen wurde die Handkraft in der Sportstunde trainiert. Ebenso wie die Reaktionsfähigkeit und das Gleichgewicht.
Etwa mit dieser Übung: Ein Teilnehmer sitzt auf einem großen Gymnastikball und hält eine Stange in den Händen. Ein weiterer Teilnehmer versucht, den anderen aus dem Gleichgewicht zu bringen, indem er immer wieder die Stange anschubst.
Zu Beginn und zum Ende der Studie absolvierten die Senioren mit ihrem Fahrrad einen alltagsgerechten Parcours. Sie mussten langsam fahren, Slalom, eine schmale Gasse bewältigen, einhändig Achten fahren, immer wieder bremsen sowie auf- und absteigen.
Auf den ersten Blick sind die Ergebnisse ernüchternd. »Im Parcours machten sie nach dem Training etwa genauso viele Fehler wie zuvor«, sagt Petra Wagner. Jedem fünften Teilnehmer bereitete das punktgenaue Bremsen Schwierigkeiten, jeder dritte scheiterte beim Durchfahren einer schmalen Gasse und 44 Prozent beim Fahren einer einhändigen Acht. Und das, obwohl ihre Kraft ebenso zugenommen hatte wie ihre Beweglichkeit. »Aber wahrscheinlich hängt die Kraft mit einer höheren Risikobereitschaft zusammen und die Teilnehmer machen deshalb mehr Fehler«, sagt Petra Wagner. Mit spürbar mehr Kraft und wachsender Leistung dürften die Teilnehmer auch risikofreudiger sein – im Parcours wie auf der Straße.
Das Fazit der Wissenschaftler aus dem Training: »Um einen Lerneffekt im Straßenverkehr zu erzielen, muss zukünftig das Fahrrad stärker ins Training einbezogen werden«, erklärt Wagner. Außerdem müsse die Gruppe anders zusammengesetzt sein. »Diese Gruppe war fit«, berichtet die Wissenschaftlerin. 50 Prozent der Teilnehmer sagten bei der ersten Befragung, dass sie täglich oder fast täglich Radfahren. Eine Steigerung ist also kaum noch möglich.
Die verschiedenen Studien werden in den kommenden Monaten veröffentlicht. Mit ihren Themen sind die Wissenschaftler brandaktuell. Die Zahl der Senioren in der Bevölkerung wächst kontinuierlich und das Fahrrad ist ein beliebtes Fortbewegungsmittel in der Gruppe. Das hat auch noch mal das Fahrradtraining gezeigt. Die Teilnehmer haben sich außerhalb der Sportstunde verabredet und gemeinsame Fahrradtouren unternommen.
Der demografische Wandel erfordert neue Verkehrskonzepte, die steigende Zahl an Senioren bleibt nicht ohne Folgen für den Straßenverkehr. Noch sind interessante Angebote, die sie darin unterstützen, möglichst lange aktiv und sicher mit dem Rad unterwegs zu sein, Mangelwaren.

3. Dezember 2014 von Andrea Reidl
Velobiz Plus
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