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Signalgeber aus dem Sauerland
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Report - Familienunternehmen Busch und Müller

Signalgeber aus dem Sauerland

Vom Katzenauge zum Hightech-Strahler: Das Familienunternehmen Busch & Müller ist in drei Generationen vom Kleinstunternehmen zur Weltspitze aufgestiegen und expandiert gerade wieder. velobiz.de sprach mit den beiden Chefs über Innovation, Erfolg und Führungsstrategien.

»Wer hier das Sagen hat?« Seniorchef Dr. Rainer Müller wiederholt die Frage und lächelt seinen Sohn Guido an. Der lächelt zurück. Die Frage scheint nicht leicht zu klären. Unvermittelt lachen beide los.
Wir sitzen im Besprechungsraum bei Busch & Müller in Meinerzhagen. Der Senior hat vor acht Jahren sein Unternehmen an den Junior weitergegeben. Ein Unternehmen, das vor allem aufgrund seiner Innovationskraft in den letzten Jahrzehnten stetig gewachsen ist und enormes Ansehen in der Branche besitzt. So ein Unternehmen braucht ständig Input, neue Ideen aber natürlich auch den Willen, sie umzusetzen. Hört sich das nach einem klassischen Familienunternehmen an? Einem Patriarchen? Oder einem jungen, dynamischen mit vielen Entscheidern? Wir werden noch sehen.

Strahlend in die Zukunft

Erst jüngst auf der Eurobike 2015 hat das Unternehmen seinen jüngsten innovativen Meilenstein gesetzt: Der neue IQ-X leistet als erster LED-Scheinwerfer mit StVZO gut 100 Lux. Erreicht wird Lichtleistung bei B & M seit der IQ-Baureihe aufgrund einer 2007 ganz neuen Konstruktion. Die LED sitzt nicht in der Mitte der Leuchte und leuchtet nach vorn – sie strahlt rückwärts in einen aufwendig entwickelten Reflektor, der das Licht bündelt und fokussiert.
»Vor einiger Zeit wäre es technisch noch gar nicht möglich gewesen, bei dieser geringen Größe so viel verwendbares Licht zu bündeln«, erklärt Guido Müller. »Je kleiner die Reflektoren, desto höher die Ansprüche an Genauigkeit bei seiner Entwicklung und Form.«
Doch wichtiger als pure Zahlen war in Meinerzhagen immer schon die Praxis: Ausleuchtung und weitere Eigenschaften der Strahler. So hat der IQ-X alles, was man sich an einer Frontleuchte fürs Velo wünschen kann: Unter anderem Tagfahrlicht mit verschiedenen Modi, die per Sensorautomatik angewählt werden, ein großflächiges Lichtfeld, Nahfeldausleuchtung und natürlich Standlicht. Wichtig ist auch sein Auftritt: Er wirkt sehr klein und puristisch. Viel Leistung in einer edel wirkenden Alu-Fassung. Der Vergleich dieses Hightech-Strahlers mit dem ersten Produkt von Busch und Müller bietet sich an, um das Ausmaß der technologischen Entwicklung zu verstehen: Die ersten Produkte, die Willy Müller und sein Mitgründer August Busch 1925 vertrieben, waren Katzenaugen: Reflektoren für Räder. Ein farbiger Glaskörper in einer schlichten Fassung mit zwei Befestigungsösen. Noch in den 1980er Jahren waren übrigens Reflektoren, und zwar die bekannten, gelben Speichen-Elemente, eines der umsatzstärksten Produkte.

Der Elektronik-Trick

90 Jahre nach Firmengründung – und viele technische Revolutionen später – laufe ich mit Guido Müller durch das Unternehmen. Es tut sich viel im Fahrradbereich, und das Zauberwort heißt heute Elektronik – auch bei diesem Unternehmen. Müller erinnert sich an die ersten LEDs in Fahrradscheinwerfern mit Zulassung, 2004, und drei Jahre darauf der erste IQ-Tec-Scheinwerfer mit damals sagenhaften 40 Lux. »Von 15 auf 40 Lux – das kam auf dem Markt toll an«, so der Junior. »Obwohl ein Frontlicht damit viel teurer war, sind wir völlig überrannt worden. Heute haben die meisten Mitbewerber LED-Licht mit ähnlicher Technik, doch die Vorreiter waren wir,« meint Müller lächelnd und mit Stolz in der Stimme. »Kopien? Natürlich gab es die, denn auch mit Patenten sind sie nur schwer auszuschließen. Auf der Eurobike belagerten uns die Mitbewerber mit Kameras. Das war mir anfangs absolut unheimlich.« Er grinst: »Aber wahrscheinlich müsste man sich eher Sorgen machen, wenn die irgendwann nicht mehr kämen …«
Irgendwo zwischen Verwaltung und Spritzguss liegen Entwickler-Büro und -Labor. Mitarbeiter sind mit CAD-Grafiken und Platinenbestückungen auf Bildschirmen beschäftigt. Oder sie schrauben in einem Labor gegenüber, das wie ein riesiger Elektronik-Baukasten wirkt, an Entwürfen für neue Lichter.
Mittlerweile arbeiten hier vier Fachkräfte. Noch vor wenigen Jahren war es nur eine. »An der Zahl der Leute merkt man, dass die elektronische Entwicklung im Beleuchtungssektor ungemein voranschreitet,« erklärt Müller und zeigt mir eine nebenher kleine, prallvolle Platine, wie sie im neuen IQ-X-Scheinwerfer steckt.
»Klar, die Vorreiterrolle im Licht-Bereich ist uns wichtig«, erklärt er. »Wir müssen technologisch schon deshalb immer vorn dabei sein oder besser noch den Trend bestimmen, weil wir in Deutschland produzieren und somit am Kampf um das günstigste Produkt ohnehin nicht teilnehmen.« In vielen Bereichen sind die Entwickler zugange. Zum Beispiel auch gemeinsam mit dem Kölner Unternehmen Croozer – bis vor kurzem als Zwei plus Zwei bekannt. Für es baut B & M derzeit ein integriertes Beleuchtungsmodul für eine Jogger-Schubstange. Nach vorn wie nach hinten strahlen im breiten Winkel Diodenleuchten, sodass der Jogger und seine kleine Fracht von allen Seiten gesehen werden.
Doch Trends setzen ist beim Sauerländer Unternehmen fast schon Programm. »Als wir damals das erste Standlicht in eine Rückleuchte eingebaut haben, war es wie so oft eine Antwort auf die Frage: Was braucht der Markt?«, erklärt Müller die Strategie. »Heute gibt es keine Komponente mehr ohne Standlicht. Das war ein Impuls, auf den alle eingestiegen sind. Markt Monitoring: Wir versuchen einfach Dinge reinzubringen, die auch die allgemeine Entwicklung weitertreiben.« So kam auch vor Jahren das Tagfahrlicht auf die Rad-Welt. »Anfangs wurde das nicht ganz verstanden«, so Müller »aber mittlerweile sind die Mitbewerber nachgezogen.« Besonders viel tut sich derzeit natürlich im E-Bike-Sektor, sodass man hier besonders die Augen offen hat und die Fühler nach möglichen Trends – oder Bedürfnissen – ausstreckt.

Der mitwachsende Standort

In der zentral gelegenen Montagehalle, dem alten Herzstück des Unternehmens, ist viel los. An etwa 60 Plätzen werden Scheinwerfer und Rücklichter assembliert. Fast das ganze Portfolio entsteht hier – natürlich nicht gleichzeitig. Immerhin umfasst es mit Fahrrad- und Motorradspiegeln und Sonderteilen einige Tausend Produktvarianten. Nur einige weniger komplexe Produkte kommen fertig aus dem Spritzguss.
Mit vielen Fahrradherstellern wie zum Beispiel Koga oder Derby Cycle, Gazelle und Stevens entwickelt B & M auch individuelle Ausführungen seiner Leuchten – schließlich wird Integration sowie Individualisierung auch im Fahrradbereich immer wichtiger.
Da muss die technische Entwicklung Schritt halten – in jedem Sektor. Und der zur Verfügung stehende Platz natürlich auch: Das Firmengelände »Auf dem Bamberg 1« ist in den 1960er Jahren entstanden, als der damalige Bau in der Innenstadt aus allen Nähten platzte. An die erste lange Montagehalle wurde vorn – rechts – links – immer wieder angebaut; so entstand ein Konglomerat an Bauten, deren Front das schlicht-elegante Bürogebäude mit auffälligem Runddach bildet. Es wurde 1964 gebaut und 2004 renoviert. Die Fassade wirkt licht und vertrauenserweckend – passend für den Hersteller sicherheitsrelevanter Produkte fürs Fahrrad.
Doch das Gelände ist schon wieder zu klein geworden, bei unserem Besuch steht ein neuer Rohbau knapp vor der Vollendung. Er schließt im Westen an das Gelände an. »Wir hatten Glück, das Nachbargrundstück wurde verkauft. Zu den heutigen 8.500 Quadratmetern kommen so etwa 5.000 weitere hinzu.« Im Juni 2016 soll der Anbau fertig sein. In der Spritzguss-Abteilung scharrt man schon mit den Füßen: Die 30 Spritzgussmaschinen teilen sich mittlerweile viel zu wenig Raum und sind über zwei Hallen verstreut. Im neuen Gebäude ist eine komplette Ebene für sie reserviert.
Apropos Spritzguss: Die Fertigungstiefe ist ein Erfolgsfaktor von Busch und Müller: Jedes Kunststoffteil wird im eigenen Hause gegossen. Und auch die Werkzeuge, also die Gussformen dazu, werden hier entwickelt und im eigenen Werkzeugbau hergestellt. So kann man flexibel reagieren, ist nicht von Zulieferern abhängig und hat die Fertigungsqualität immer im Blick.

Spieglein fein

Die Reflektoren der Scheinwerfer haben aufgrund ihres hohen technischen Standards eine Schlüsselrolle bei Busch & Müller inne. Was sie betrifft, muss alles hundertprozentig perfekt sein. Die physikalische Berechnung der Form, ihre technische Ausführung, also der Spritzguss, die Verankerung im Gehäuse der Leuchte ... und natürlich das reflektierende Material selbst. Auch wenn es anders aussieht: Die Spiegel-Oberfläche der Reflektoren bildet aufgedampftes Aluminium. Mehrere hundert Rohlinge aus transparentem Kunststoff werden per Hand auf Walzen aufgesteckt, die sich um sich selbst und um die gemeinsame Achse drehen können. Dieses ganze Modul kommt in die Bedampfer-Trommel. Der Vorgang des Bedampfens selbst dauert Stunden. Was herauskommt, glänzt wie Chrom – und darf natürlich nur noch mit Handschuhen angefasst werden; schon ein einzelner Fingerabdruck in der Reflektorfläche verringert die Lichtleistung.

Früher war alles – anders!

In vielen Bereichen lässt sich die Entwicklung und Veränderung der letzten Jahrzehnte sehr gut darstellen: Seniorchef Rainer Müller erinnert sich an ein Telefongespräch mit dem Verkehrsministerium. Zeit: 80er Jahre. Es ging um die Vorgaben in den »Technischen Anforderungen« der Straßenverkehrszulassungsordnung StVZO am Fahrrad: »Ich fragte den Referatsleiter im Verkehrsministerium, warum eigentlich das Rücklicht nur mit dem kleinen Rückstrahler kombiniert werden dürfe – man könne die Rückleuchte doch auch mit dem großen Rückstrahler kombinieren.« Nach kurzer Bedenkpause kam die Antwort des Verkehrsministers: »Warum eigentlich nicht? Ich ändere das noch.« »Und damit hatten wir quasi auf kurzem Dienstweg erreicht, das erste Rücklicht für Gepäckträger-Befestigung mit deutscher Zulassung zu bauen.« Bis dahin hatte die alte StVZO-Regelung verhindert, eine einfache Lösung als Alternative zum am Schutzblech befestigten Rücklicht zu entwickeln, das dort sehr bruchgefährdet war.
»Früher habe ich meist den Anstoß für neue Technologien und Entwicklungen gegeben«, erinnert sich der Senior. »Heute haben wir ein Entwicklungs-Team, regelmäßige Meetings mit bis zu 15 Leuten, in denen es um neue Ideen für die Zukunft geht«, ergänzt Guido Müller. »In diesem Team kann jeder Vorschläge einbringen. Wenn es schließlich bei einer erfolgsversprechenden Idee darum geht, eine neue Produktlinie einzuführen, liegt diese Entscheidung dann letztendlich bei mir – aber natürlich nicht, ohne dass wir uns vorher besprochen hätten.«

Infrastruktur und Führungsstrategie

Bei Junior- und Seniorchef genügen wenige Blicke, um zu sehen, dass da zwei ganz unterschiedliche Führungspersönlichkeiten ein Team bilden.
Der Senior tritt bei aller Gelassenheit sehr bestimmt und selbstsicher auf. Der Ausdruck »selbstverständliche Autorität« drängt sich auf. Guido Müller wirkt zurückhaltender, wie jemand, der gern den anderen erst mal lange zuhört, bevor er zu einem Thema etwas sagt. »Natürlich haben wir hier jetzt auch keine Demokratie«, schmunzelt er, »aber die Kommunikation ist anders geworden.« Dem stimmt der Vater zu: »Schon äußerlich merkt man das. Guido ist mit allen in der Firma per Du, was für mich immer unmöglich gewesen wäre.« Und der Sohn ergänzt vorsichtig: »Wenn du mich fragst, ich glaube, ich lasse den Leuten heute mehr Freiräume. Es muss aber auch sein: Wenn ich heute 200 Leute überblicken soll – das geht nicht mehr. Die Mitarbeiter haben mehr Verantwortung übernommen, und das ist eine natürliche Entwicklung.« »Stimmt«, bekräftigt auch Rainer Müller, »früher hätte ich mir beispielsweise nicht vorstellen können, dass die Leute selbst bei Zulieferern nach Preisen für Produkte fragen. Das musste alles über uns laufen. Heute wäre das wohl gar nicht mehr möglich.« »Das ist ja auch eine Frage der Infrastruktur«, so der Junior. »Sie schafft Dezentralisierung. Vor zwanzig Jahren gab es einen Hauptanschluss fürs Telefon und Nebenstellen im Büro, alles lief über diese Leitung. Heute ist unvorstellbar, dass wenige einzelne Personen die gesamte externe Kommunikation mit Zulieferern, Händlern etc. leisten könnten.«

Loslassen geht ganz einfach

Ob der Schritt, abzugeben und loszulassen schwierig gewesen sei? »Nein, gar nicht«, lacht der Seniorchef. »Das ist immer noch ein fließender Vorgang bei uns, und das ist gut so. Ich habe das damals zu meiner Zeit ganz anders erlebt. Ich bin froh, dass ich es uns einfacher machen kann. Guido kümmert sich heute vor allem um das Tagesgeschäft, ich habe mehr Ruhe, um mich um Dinge wie Verträge, Verbandsarbeit, Patent-Probleme und Prüfzeichen und um einen Großkunden zu kümmern.«
Geht es um wichtige strategische Entscheidungen, die beide zusammen fällen, machen sich dann unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungshaltungen doch bemerkbar. Wenn es um den Bedarf an neuem Personal geht beispielsweise. »Ich tendiere grundsätzlich dazu, keinen ›Wasserkopf‹ aufzublähen«, meint der Vater. »Während Guido schneller einstellen will. Wenn ich überlege … vor ein paar Jahren hatten wir einen internen Elektroniker, mehr brauchten wir nicht. Jetzt haben wir vier und reden über den Fünften! Man muss doch auch im Auge haben, dass das Fahrrad vielleicht nicht auf ewig so boomt!«
Ist es die Unterscheidung »klassisches Familienunternehmen versus modernes Unternehmen in Familienbesitz«, was sich hier aufdrängt? Eher nicht. Es sind zwei Pfade, die intern häufig zu einem Kompromissweg zusammenlaufen – und auf dem ist Busch & Müller in den letzen Jahren verdammt weit gekommen. Denn ohne das Unternehmen stünde das Alltagsfahrrad und Pedelec womöglich noch fast im Halbdunkel.

15. Februar 2016 von Georg Bleicher

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