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Porträt - Somo

Somo-Bikeshops machen die Welt für alle ein bisschen gerechter

Das Somo-Franchise-Konzept ist im Fahrradfachhandel noch ein Newcomer. Aktuell gibt es drei Fahrradläden, Anfang März 2026 kommt ein vierter hinzu. Die Somo-Bikeshops sind Sozialunternehmen, die unter der Rechtsform gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) laufen. Gemeinnützig deshalb, weil der Kern des Konzepts die Inklusion von Menschen mit Behinderung ist.

Somo-Bikeshops weisen eine Besonderheit auf, die eigentlich keine sein sollte: In den Läden arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung. Damit dies gelingt, braucht es ein Konzept, das auf Multiprofessionalität setzt und schon von daher etwas komplexer ist. Florian Dobner, der bei der Genossenschaft der Werkstätten für behinderte Menschen Süd (GDW Süd) für die Somo-Bikeshops zuständig ist, erklärt zunächst die Struktur der Genossenschaft: »In der GDW Süd haben sich anerkannte Einrichtungen der Behindertenarbeit zusammengeschlossen. Zum einen sind das Werkstätten für behinderte Menschen, zum anderen sogenannte Inklusions- oder Sozialunternehmen. Unser primäres Ziel ist dabei, Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung zu schaffen und langfristig zu sichern. Aktuell sind 60 Sozialunternehmen in der GDW Süd organisiert.«
Der erste Versuch der GDW Süd, auch im Handel Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu inkludieren, startete vor 25 Jahren mit den sogenannten CAP-Supermärkten. Wichtiger Partner dieses Franchise-Modells ist Edeka. Ein erfolgreicher Versuch, denn inzwischen laufen bundesweit über 100 Märkte unter dem CAP-Label.

Die Struktur des Franchisemodells

Mit den Somo-Bikeshops, die Abkürzung steht für »soziale Mobilität«, möchte die GDW Süd nun ein zweites Franchise-Modell im Handel etablieren. Die ersten drei Zweiradfachgeschäfte in Hechingen, Heidelberg und Murgtal in Gernsbach mit 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, davon zwölf mit Beeinträchtigung, laufen bereits. Anfang März 2026 soll in Bretten ein vierter dazukommen, doch dazu später mehr. »Die GDW Süd ist bei allen Betrieben in ihrer Funktion als Genossenschaft der Franchise-Geber«, stellt Florian Dobner von der GDW Süd klar.

»Mich begeistern inklusive Teams. Sie arbeiten multiprofessionell und sorgen gleichzeitig für einen Spirit, der in der Wirtschaft nur noch selten zu finden ist.«

Florian Dobner, Bereichsleiter bei der GDW Süd für die Somo-Bikeshops

Die Aufgaben, die damit zusammenhängen, sind vielfältig: »Wir unterstützen unsere Franchise-Nehmer, also die zukünftigen Shop-Betreiber, die alle aus der Sozialwirtschaft kommen, bei der Suche nach einem geeigneten Standort, wir erstellen eine Marktanalyse und erarbeiten mit den Vertretern der Industrie Konzepte zur optimalen Produktauswahl. Darüber hinaus bereiten wir die Einführung des Warenwirtschaftssystems zur späteren Abrechnung aller Geschäftsvorgänge vor. Damit dann in der Praxis alles gut läuft, schulen wir auch. Gerade weil inklusive Betriebe noch selten sind, gilt es etwaige Voreingenommenheit abzubauen und ein echtes Team zu bilden, das in der Praxis spezifische Bedürfnisse erkennen und erfüllen kann.« Für alle Franchisenehmer im Fahrradfachhandel gilt: »Sie verkaufen ausnahmslos zu den von den Marken vorgegebenen UVP-Preisen und sind klar als Fachhandelsgeschäft positioniert.«
Die drei bereits existierenden Somo-Läden zeichnen sich durch ein einheitliches Erscheinungsbild nach innen und außen aus. »Die Richtlinien zur Corporate Identity, die die Kommunikationsagentur Königspunkt mit uns entwickelt hat, bieten aber auch so viel Spielraum, dass sie individuell auf jeden Somo-Bikeshop angepasst werden können. Gleichzeitig übersteigt unsere CI den üblichen Rahmen, da unser Ziel eine größtmögliche Barrierefreiheit auch in der Kundenkommunikation ist«, erklärt Dobner. »Das bedeutet, dass wir in der Ansprache auf Anglizismen verzichten und eine klare einfache Sprache und Symbolik verwenden. Ein Beispiel hierfür ist unsere Website.«

Wertschätzung hat höchste Priorität

Betreiber von Betrieben, die inklusiv arbeiten möchten, müssen auch auf bauliche Besonderheiten achten. Nicht nur Flure und Eingänge müssen so breit sein, dass zwei Rollstühle bequem aneinander vorbeikommen, geeignete Rückzugs- und Ruheorte und ausreichend große Toiletten sind nur zwei weitere Aspekte, die bei der Ladenwahl bedacht werden müssen.

»Neben der Beratung und dem Verkauf liegt unser Schwerpunkt klar auf der Werkstatt, deshalb verfügen wir auch über sehr große Werkstatträume.«

Florian Dobner, Bereichsleiter bei der GDW Süd für die Somo-Bikeshops

Sind Lösungen gefunden, eröffnen die Läden für Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. »Damit wir den Menschen hierfür die nötige Wertschätzung entgegenbringen, haben wir die Stellenbeschreibungen entsprechend formuliert – weg vom Hilfskräfte-Gedanken hin zur Professionalität der geleisteten Arbeit. So gibt es in den Somo-Läden beispielsweise die Position der ›Fahrradmechaniker-Assistenz‹. Denn unser Motto ist: ›Wir passen die Aufgaben an unsere Mitarbeiter an, nicht unsere Mitarbeiter an die Aufgaben.‹ Über Schulungen professionalisieren wir die Menschen mit Beeinträchtigung ebenso wie die ohne. Unter stressfreiem Arbeiten im kollegialen Umfeld mit Fachkräften aus der Bikebranche können sich diese Menschen dann weiterentwickeln und wachsen«, erzählt Florian Dobner, der auf eine 30-jährige Branchenerfahrung, beispielsweise auch bei Paul Lange & Co, zurückblickt. »Der gute Draht zur Industrie zahlt sich auch bei der Organisation der Schulungen aus.
So kommen ihre Vertreter dafür direkt in die Somo-Läden, damit die Menschen mit Behinderung stressfrei in angenehmer und bekannter Atmosphäre lernen können.«
Mitentscheidend für den Erfolg eines inklusiven Betriebs ist darüber hinaus die individuelle Betreuung, die an den drei Standorten ein dafür qualifiziertes Betreuungspersonal leistet. Es sind zumeist Sozialarbeiterinnen und -arbeiter, die sich ausschließlich um die Menschen mit Beeinträchtigung kümmern und nicht im produktiven Prozess stehen. Um Reibungspunkte gar nicht erst auftreten zu lassen, stimmen diese sich mit der jeweiligen Shopleitung über die optimalen Einsatzgebiete ab. Ein Prinzip, das auch den Teamgedanken nachhaltig stärkt. Dies hebt auch Thorsten S., Shopleiter des Somo-Bikeshops Murgtal, besonders hervor: »Alle meine Mitarbeiter fühlen sich hier als ein großes Team. Das ist für mich gelebte Inklusion und motiviert mich jeden Tag.« Ein Gefühl, das seine Inklusionsmitarbeiterin Vivien S. nur allzu gern bestätigt: »Der Kontakt zu den Kunden und die Arbeit mit meinen Kollegen macht mir viel Spaß.«

Möglichkeiten der Kooperation

Die meisten Menschen mit Beeinträchtigung arbeiten in der Werkstatt. »Dort arbeiten sie mit mindestens einem Fahrradmechatroniker mit Meisterbrief zusammen. Auch alle anderen Mitarbeiter ohne Behinderung sind Profis und verfügen über die nötigen Abschlüsse und Zertifikate«, weiß Dobner. »Neben der Beratung und dem Verkauf liegt unser Schwerpunkt klar auf der Werkstatt, deshalb verfügen wir auch über sehr große Werkstatträume. Dies hat den Vorteil, dass bei uns zum Beispiel auch Lastenräder ohne Platzprobleme angenommen und gewartet beziehungsweise repariert werden können.«
Da dies nicht in allen Fahrradläden möglich ist, bieten die Somo-Bikeshops Kooperationen mit anderen Fahrradhändlerinnen und -händlern an. Neben Engpässen bei der räumlichen Ausstattung haben diese womöglich hie und da auch zeitliche Engpässe. »Wir unterstützen diese Händler gerne, indem wir ihnen unseren Reparatur- und Wartungsservice anbieten. In der Praxis bedeutet dies: Wir holen die kaputten Fahrräder ab, reparieren sie und bringen sie zurück. Darüber hinaus können wir bei geringer Montagekapazität unserer Mitbewerber auch die Endmontage der OEM-Fahrräder übernehmen. Natürlich bleibt dabei unser Kooperationspartner der Ansprechpartner seiner Kunden. Denkbar sind ebenso Hol- und Bringdienste mit unserem Servicemobil für Unternehmen mit Jobrad-Tickets oder der Wartung von Leihradflotten.«

Für einen Inklusionsbetrieb ist es wichtig, jeden Menschen dort einzusetzen und zu unterstützen, wo seine individuellen Fähigkeiten liegen. Eine spezielle Betreuung und interne wie externe Schulungen helfen dabei, dies zu ermöglichen.

Gegenseitige Empfehlungen lohnen sich ebenso. So gibt es in den Somo-Bikeshops Erfahrungen mit Spezialfahrrädern für Menschen mit Behinderung. Umgekehrt können Mitbewerber, die über ein besonderes Portfolio verfügen, von den Somo-Shops empfohlen werden.

Die Nachfolge inklusiv gestalten

Nun noch einmal zurück zum vierten und aktuellen Somo-Bikeshop-Projekt in Bretten. Anfang März 2026 geht der Betrieb, der zuvor »Tretlager Fahr-Rad-Laden« hieß, unter neuem Namen an den Start. Der neue Betreiber, die Multicap gGmbH, ist ein Unternehmen der Lebenshilfe Bretten-Bruchsal. Multicap betreibt bereits vier CAP-Lebensmittelmärkte, in denen ebenfalls Menschen mit und ohne Behinderungen arbeiten. Der Betrieb »Tretlager Fahr-Rad-Laden« von Inhaber Egon Fenrich wird infolge des altersbedingten Verkaufs also ein Sozialunternehmen und unter dem Namen »SOMO Bikeshop Bretten« weitergeführt. Als Gründe für diese Entscheidung geben Manuela und Egon Fenrich auf ihrer Webseite an: Die Lebenshilfe Bruchsal-Bretten habe ein schlüssiges, zukunftsorientiertes Konzept vorgelegt und die Weiterbeschäftigung der Mitarbeiter garantiert. Außerdem gefalle ihnen der soziale Gedanke der Inklusion. Sie seien darüber hinaus froh, einen Nachfolger, der langfristig ein breites Sortiment an Kinderrädern, Fahrrädern, E-Bikes und Zubehör anbietet, gefunden zu haben, der zudem gewährleistet, dass die Wartung und Reparaturabwicklung mit Werkstattbetrieb für Bretten und die Umgebung aufrechterhalten bleibt. Damit wird aus dem professionellen und mit Herzblut betriebenen Fahrradladen »Tretlager Fahr-Rad-Laden« ein ebenso professioneller, nun jedoch auch inklusiver Bikeshop – mit vier zusätzlichen Arbeitsplätzen für Menschen mit Behinderungen. //
Wer für sich Ähnliches plant und weitere Informationen sucht, wird hier fündig: https://www.somo2rad.de

18. März 2026 von Dorothea Weniger

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