
Report - Meistertitel
Titel mit Zukunft?
Für die Auszubildenden beim Mainzer Fahrradhändler »Die Radgeber« gehört der Meistertitel zum guten Ton. Geschäftsführer Andreas Ehrhardt gibt an, dass es bei seinem Team üblich ist, Ausbildung und Meister als einen Durchgang anzusehen und direkt aufeinander folgend zu absolvieren. Dass Ehrhardt dem Meistertitel so eine hohe Bedeutung beimisst, hat einen besonderen Hintergrund: Er selbst hat keinen. »Ich habe keinen Meister gemacht, bin jedoch autodidaktisch ausgebildet und beherrsche meine Aufgaben. Damit keine fachlichen Lücken entstehen, verfügen wir im Betrieb über einen Meister sowie über eine Kollegin mit MBA-Qualifikation, die die jeweiligen Bereiche ausfüllen«, erklärt Ehrhardt. »Der Meister sichert eine Qualifikation ab, die ein Autodidakt sich in vielen Jahren zwar aneignen kann, aber nur mit Lücken.« Wer einen Gesellenbrief im Zweiradgewerk erlangt und es dabei belässt, verzichtet auf einen Teil dessen, was Ehrhardt als Gesamtwerk der Ausbildung ansieht. »Die Komponente Führungskraft fehlt mir dann sowie die Ausbildungsfähigkeit, dass man weitere Auszubildende einstellen kann.« Für die Fachkräfte selbst gilt es zusätzlich, das niedrigere Niveau zu bedenken, auf dem man ohne Meister entlohnt wird.
Meisterpflicht und Ausnahmen
Im Zweiradmechanikerhandwerk ist es laut der Anlage A der Handwerksordnung verpflichtend, einen Meister im Betrieb anzustellen. Diese Pflicht allein verleiht dem Meister einen gewissen Stellenwert im Handwerk und macht ihn ein Stück weit unverzichtbar.
Ausgenommen von dieser Regelung sind Betriebe, die nur in geringfügigem Maße Arbeiten an Zweirädern durchführen, zum Beispiel, weil sie nur Handel betreiben und keine Werkstattleistungen anbieten. David Lauzi, Referent beim Verbund Service und Fahrrad e. V. (VSF) präzisiert: »Wer einen Handel anmeldet, darf in einem nicht umfänglichen Rahmen auch Service-Arbeiten ausführen. Das ist alles sehr vage beschrieben. Es geht darum, dass man als Händler mal Griffe oder eine Klingel montieren kann.«
Solche Fälle seien allerdings eher selten. Gerade, wer sich selbstständig machen möchte, profitiert in starkem Maße von einem Meistertitel. Allgemein beobachtet Lauzi: »Bei uns ist die Werkstatt sehr stark mit dem Handel verknüpft. Mittlerweile gibt es auch öfter reine Werkstätten, die sich alleine tragen.«

Der Meistertitel ermöglicht es, wie hier bei den Radgebern in Mainz, Auszubildende einzustellen.
Unproblematisch ist in Lauzis Augen, wenn ein Kfz-Meister mal ein Fahrrad repariert oder sich zunehmend in den artverwandten Berufszweig entwickelt. Wer etwa schon 20 Jahre Kfz-Meister ist, bringe die richtige innere Einstellung mit, was Qualitätssicherung und Ausbildung angeht. Ausnahmegenehmigungen für Kfz-Meister fielen demnach für ihn nicht in die Kategorie Pfusch oder unlauterer Wettbewerb.
Grundsätzlich, so findet Andreas Ehrhardt, habe das Handwerk heutzutage ein gutes Image. Dieser Umstand rühre auch daher, dass die Leute mitunter froh darüber sind, überhaupt noch Handwerker vieler Gewerke für die von ihnen benötigten Leistungen zu finden. Der Meistertitel hingegen wirkt etwas eingestaubt, wie Ehrhardt meint: »Viele Menschen denken an einen grantigen 60-Jährigen, so wie Meister Eder.« Gerade junge Menschen stünden der Meisterpflicht teils kritisch gegenüber, beobacht der Händler.
Auch David Lauzi sieht einen Unterschied mit Blick auf verschiedene Generationen. »Also ich bekomme schon mit, dass zumindest ältere Semester bei der Kundschaft Wert auf den Meister legen. Ganz junge Menschen kennen das teilweise gar nicht. Manche Menschen, egal welchen Alters, wissen nicht, dass der Meister im Zweiradbereich notwendig ist, finden es dann aber gut, wenn sie davon erfahren.« Lauzi findet, der Meister könne Vertrauen schaffen und Qualität sichern. Und er hat eine Erklärung parat, warum viele die Rolle des Meisters heute unterschätzen: »In vielen Gewerken ist die Meisterpflicht weggefallen.« Umso wirkungsvoller kann es sein, auf den Meisterbrief aufmerksam zu machen, etwa indem man ihn im Annahmebereich der Werkstatt zur Schau stellt. »Der Meisterbrief ist Verbraucherschutz«, erläutert Lauzi und fügt hinzu: »Es ist eine Frage der Einstellung. Man hat als Meister mal über seinen Tellerrand hinausgeschaut.«
Meister oder zertifiziert?
Ein Kritikpunkt, der im Zusammenhang mit dem Meister immer wieder hervorgebracht wird, zielt in Richtung der Werkstattzertifikate. Wenn der Meister doch Vertrauen schaffen soll und Qualität sichert, wieso braucht es diese Zertifizierungen dann noch? Wieso erhält der Meistertitel als Gütesiegel nicht mehr Aufmerksamkeit? Andreas Ehrhardt erklärt: »Meiner Meinung nach sind die ganzen Siegel der Versuch, Professionalität in die Branche zu bringen. Das verkennt aber einfach, dass wir einen hervorragenden Bildungsweg aus Ausbildung plus Meisterbrief haben, der einem Studiengang gleicht.«
Es irritiert den Radgeber, dass der Meister im Kontext der Zertifizierungen kaum eine Rolle spiele, obwohl er doch für höchste Qualifikation stehe: »Wenn man es ganz genau nehmen wollte, könnte man solche Zertifikate eigentlich nur an Betriebe geben, die auch einen Meister haben.« Entsprechend plädiert Ehrhardt an die Industrie, die Fahne für den Meistertitel hochzuhalten. Diese sollten keine Unternehmen als Service-Partner zertifizieren, die keinen Meister im Betrieb haben.
»Es ist eine Frage der Einstellung. Man hat als Meister mal über seinen Tellerrand hinausgeschaut.«David Lauzi, Verbund Service und Fahrrad
David Lauzi bewertet die Einwände in Richtung der Werkstattzertifikate aus Sicht des VSF, der selbst die All-ride-Zertifizierung anbietet. Dieser Prozess solle nicht dem Meister Konkurrenz machen, sondern in der Werkstattpraxis Feinheiten ergänzen, die sich im Meister nicht abbilden lassen. Lauzi: »Oft fehlt Erfahrung. Mit All-ride sind wir seit Jahrzehnten mit Best Practices aus Fahrradwerkstätten am Start. Da geht es um Zahlen, die andere teuer erarbeitet haben.« Etwa die Reparaturannahme im Dialog sei ein Qualitätsmerkmal, das im Meister nicht tiefgehend genug behandelt werde. Zudem prüfen Lauzi und seine Kolleginnen und Kollegen unter anderem die Arbeitsbedingungen, etwa indem sie mit einem Luxometer die Lichtverhältnisse an den Werkstattplätzen messen.
Dass die Werkstattzertifikate wichtig geworden sind, lässt sich grundsätzlich als positives Zeichen für das Handwerk werten. Die Branche nehme die Werkstatt heute ernster als früher, sagt auch Jan Paulus, Leiter der Bundesfachschule Zweirad in Frankfurt am Main: »Die Werkstatt ist für die Branche viel wichtiger geworden.« Das dürfte damit zusammenhängen, dass ein gesundes Werkstattgeschäft einen Fachhändler resilienter gegen rückläufige Nachfrage im Verkauf von Rädern und E-Bikes macht.
Das lässt sich mit einem Blick in die Fachhandelsbilanz 2024 des VDZ (Verband des Deutschen Zweiradhandels e. V.) mit Zahlen belegen, die vor knapp einem Jahr veröffentlicht wurde. Ein- bis zweistellig rückläufige Umsätze in verschiedenen Verkaufssegmenten stehen einem Umsatzplus von zehn bis zwölf Prozent bei den Werkstattleistungen gegenüber.
Laut Jan Paulus wurde das Thema Werkstatt in der Fahrradbranche lange etwas stiefmütterlich behandelt. Dass sich das zu ändern scheint, freut ihn. Ein Indiz dafür lässt sich auch in den Meisterkursen finden, die laut Paulus äußerst gefragt sind und mitunter hohe Vorlaufzeiten haben. Eine Besonderheit führt dazu, dass die Kurse an der Bundesfachschule in Frankfurt am Main besonders gefragt sind: »Wir bilden zwei Klassen, da wir eine so hohe Nachfrage haben, und bereiten aber auf dieselbe Prüfung vor«, erklärt Paulus. Die Klassen sind unterteilt in die Kursschwerpunkte Fahrrad und Motorrad. Damit unterscheidet sich die Schule in Frankfurt am Main von anderen Institutionen, die Meisterkurse anbieten.
Ein Fahrrad ist kein Motorrad
Dass Fahrrad und Motorrad im Kontext Meister in einem Atemzug zu nennen sind, stößt immer wieder auf Verwunderung und wirft Fragen auf. Eine Händlerin aus Baden-Württemberg hat die Kritik eines Mitarbeiters an velobiz.de weitergegeben: »Laut meinem Mitarbeiter muss er vorwiegend Motorradtechnik lernen, also 75 Prozent von seinem Lernstoff hat er nie gehabt und wird ihm auch nie nützen.« Weiter schreibt sie: »Was in der Vergangenheit richtig war, muss doch nicht in der Zukunft so sein. Ich kenne keinen einzigen Fahrradhändler, der auch Motorräder anbietet.«

_Die Werkstattplätze sind an der Bundesfachschule Zweirad ein limitierender Faktor für die Kapazität der Meisterkurse. _
Auch Jan Paulus weiß, dass Fahrrad und Motorrad in der Praxis nicht häufig im selben Betrieb bearbeitet werden, auch wenn es diesen Fall durchaus gibt. Hinzu kommt, dass es durchaus Überschneidungen in den Inhalten gibt. Für beide Fahrzeugklassen ist es in der Ausbildung wichtig, über Werkstoffkunde, Metallbearbeitung und Antriebstechnik zu sprechen oder eine Überschlagsberechnung für Bremsvorgänge zu berechnen. In den Kursinhalten orientiere sich die Schule ungeachtet der Klasse ohnehin an den von der Bundesinnung für den Rahmenlehrgang vorgegebenen Inhalten. Praxisbeispiele ließen sich dann auf den jeweiligen Schwerpunkt anpassen.
Fahrrad und Motorrad im selben Meisterkurs abzubilden, bietet auch organisatorische Vorteile, weil die Meisterprüfungen sich so in einem Rutsch durchführen ließen. Ohnehin stehen die Fachschulen auch vor anderen Herausforderungen.
Die Kapazitäten für Meisterkurse sind durch die vielen überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen (ÜLUs) begrenzt. »Wenn man sich die Auslastung unserer Werkstätten ansieht, kommen wir da mit 60 Teilnehmern pro Jahr einfach an Kapazitätsgrenzen. Das ist die eine Grenze. Die zweite Grenze ist das Personal. Wir machen den Meisterkurs nicht komplett mit fest angestellten Mitarbeitern. Viele Kollegen von uns arbeiten auf Honorarbasis mit – diese guten Leute muss man erst mal finden.«
Andere Schulen hätten Pläne, die Kapazitäten bei Meisterkursen hochzuschrauben, berichtet Paulus. Auch in Frankfurt befindet sich ein neues Berufsbildungszentrum im Bau, bis zu dessen Fertigstellung jedoch noch mindestens ein halbes Jahrzehnt vergehen dürfte. Bezüglich der hohen Wartezeiten ließe sich Abhilfe schaffen, indem ein Sommerkurs die Meisterkurse im Winterhalbjahr mit Prüfung in den Monaten März und April ergänzt. In der Vergangenheit habe man das bereits erfolglos probiert, nun sei es jedoch wieder eine Überlegung wert, so Paulus.
Fahrrad muss man ernst nehmen
Zur Frage, wie sich die Bedingungen für die Meisterkurse im Zweiradmechanikerhandwerk verbessern ließen, haben alle Gesprächspartner Vorschläge parat. Andreas Ehrhardt wünscht sich, dass die Kammern mehr untereinander kommunizieren und dass Landespolitik und Kammern dem Ausbildungsgang mehr Aufmerksamkeit widmen. Er sagt: »Meine Forderung wäre, das Fahrrad auf allen Ebenen ernst zu nehmen, ob als Verkehrsmittel, als Wirtschaftsfaktor oder im Ausbildungssektor.«
»Für uns wäre es cool, ziel-gerichtete und bedarfsgerechte Förderung aus der Industrie zu bekommen.«Jan Paulus, Bundesfachschule Zweirad
Für die Berufsschulen hält David Lauzi vom VSF es für notwendig, dass die Länder neue aufbauen und die bestehenden besser ausstatten. Mehr Geld würde auch helfen, Fachkräfte zu sichern, die die Ausbildungsinhalte vermitteln.
Auch die Akteure aus der Industrie könnten helfen, die Meisterkurse besser auszustatten, sagt Jan Paulus: »Für uns wäre es cool, zielgerichtete und bedarfsgerechte Förderung aus der Industrie zu bekommen.« //
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