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Die Details zählen: Bei Campagnolo legt man Wert auf technische Perfektion.
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Report - Italien

Tüftler mit Tradition

Italien war einst das gelobte Land für Rennradenthusiasten. Im globalisierten Fahrradmarkt haben viele Traditionshersteller jedoch zunehmend Schwierigkeiten bekommen – doch manche punkten mit gewachsenem Know-how. Auch für Händler bietet Italien ein interessantes Thema.

Der bunte Lack glänzt, Ketten und Felgen sind blank geputzt, die Kleidung dazu ist farbenfroh und durchgestylt. Wer schon einmal an einem Radrennen in Italien teilgenommen hat, wird keinen Zweifel haben: Der hohe Anspruch an das Material und die Perfektion der eigenen Erscheinung macht Rennradfahren dort zu einem ästhetischen Erlebnis – viel mehr als in den meisten anderen Ländern.
Es gibt viele Rennradnationen auf der Welt. Aber nur dieses eine Land hat den Glanz, die Anmut und die ­Tradition, von der man sich seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg auch in Deutschland inspirieren lässt: Über Jahrzehnte beseelte Italien mit seinen Produkten die Rennradliebhaber, brachte mit Marken wie De Rosa, ­Colnago, Bianchi und natürlich Campagnolo Generationen zum Schwärmen. Doch welchen Stellenwert hat diese traditionsreiche Industrie heute noch – im Zeitalter der Global Player und in der Canyon-Ära?
Wer sich als Kunde hierzulande nach Händlern umsieht, die eine relevante Auswahl italienischer Marken anbieten, muss für das Beratungsgespräch mitunter eine weitere Anreise in Kauf nehmen. Klar: Viele preis­sensible Kunden sind längst zu Versendern abgewandert. Im stationären Handel gibt es dagegen eine Vielzahl an Geschäften, die einen ganzen Mix an Weltmarken anbieten – aber oft eben kein Thema haben.
Anders macht es zum Beispiel Il Diavolo in Bad Honnef nahe Bonn. Alberto Kunz nennt sein Geschäft »sozusagen die italienische Botschaft des Radsports in Deutschland«. Im Sortiment führt er die italienischen Hersteller Pinarello, Cipollini, Colnago und Wilier – nicht gerade Marken, die man im dicht besiedelten Rheinland an jeder Ecke findet.
Aber warum sollte man das auch? Sind die italienischen Hersteller nicht im weltweiten Wettbewerb längst abgehängt, produzieren sie nicht das gleiche wie all die anderen Hersteller hochwertiger Sporträder – nur teurer?
Anruf bei Wilier Triestina in Rossano Veneto in der Nähe von Vicenza, einer der historisch bedeutsamsten Regionen der Rennradindustrie auf der Welt. Luca Violetto, der Sprecher des Unternehmens mit einer mehr als 110 Jahre währenden Tradition, spricht über ein durchaus schwieriges Marktumfeld, in dem sich Wilier behaupten muss. So zeigt sich, dass Wilier nicht nur dem Rennrad vertraut, sondern ein diversifiziertes Angebot mit Mountainbikes, Gravelbikes und auch E-Bikes ausbaut. »Wer jetzt nur noch auf Rennräder setzt, hat sicher eine schwere Zeit«, sagt Violetto mit Blick auf viele traditionsreiche Wettbewerber im Heimatland. Wenn es um den Straßenradsport geht, baut Wilier nicht nur Räder der höchsten Preiskategorie, aber Violetto sagt: »Wir fokussieren uns auf die High-End-Nische, denn dort können wir uns als sehr wettbewerbsfähig profilieren.« Im hart umkämpften globalen Markt erhofft man sich von der Partnerschaft mit dem französischen Team Direct Energie im kommenden Jahr eine Teilnahme an der Tour de France und mithin größere Marketingeffekte.

Ist der Chef mit Lötlampe passé?

Wenn man die romantischen Bilder der alten italienischen Radindustrie vor Augen hat, wo der Chef noch im Keller die Stahlrahmen von Hand lötet, passt Wilier nicht mehr so recht dazu. »Wenn du im Markt bleiben möchtest, dann musst du in Asien produzieren. Dabei geht es nicht nur um Kosten, sondern auch darum, dass wir dort sehr gut qualifizierte Mitarbeiter finden«, sagt Violetto.
Während die Rahmen in Norditalien entwickelt werden, stellt sie ein Partner in China her, mit dem Wilier seit mittlerweile 12 Jahren zusammenarbeitet. Violetto sagt: Zweifellos seien diese Räder weiterhin italienische Rennräder, nicht zuletzt auch wegen ihres farbenfrohen Designs und ihrer auffälligen Schriftmuster.
Auch wegen dieser auffälligen Fahrrad-Charakteristika kommen Kunden zu Fratelli Cycle im schwäbischen Holzgerlingen, doch Wilier-Räder finden sie hier nicht. »Italienische Räder sind vor allem erst mal schön, sie wecken Emotionen. Das macht sie besonders in einer Branche, die sonst eher auf Technik und Nüchternheit setzt«, sagt Inhaber Guido Sedda, der das Geschäft 2010 gründete. »Viele Kunden sind auf der Suche nach echten Italienern, nach Rädern mit weißem Griffband und schmucker Lackierung. Die wollen etwas Individuelles, das für sie hergestellt wird.« Sedda macht allerdings eine Unterscheidung zwischen echten italienischen Herstellern mit eigener Fertigung und Know-how im Land und jenen Marken, die nur den italienischen Charakter vermarkten.
Zwar führt Sedda auch Räder von Ridley im Sortiment – um Kunden in speziellen Preissegmenten bedienen zu können. Doch ansonsten verkauft er am liebsten Räder, die nicht nur italienisch wirken, sondern tatsächlich in Italien gebaut werden – und zwar individuell für seine Kunden. Zu ihm kämen zumeist Menschen »im besten Alter, die zu schätzen wissen, wie schön es ist, wenn etwas eigens für sie gefertigt wird. Hier geht so gut wie kein Rad von der Stange raus.« Und so sind die allermeisten Räder komplett auf Maß gefertigt, wo es auch mal vier Monate vom ersten Besuch bis zum Auftrag dauert – und noch einmal zwei oder drei Monate, bis die Fahrräder mit Tommasini-, Passoni- oder Rewel-Rahmen ausgeliefert werden.
Natürlich handelt es sich um Nischenangebote – und es wäre naiv zu glauben, dass sich jede Firma den Gesetzen der Marktwirtschaft entziehen und etwa eine Produktion von Carbon-Rahmen in Europa problemlos aufsetzen könnte. Auch Colnago – welcher Name wäre klangvoller als dieser? – fertigt den allergrößten Teil ­seiner noch immer gefeierten Fahr­rad­körper in Taiwan. Nur das Colnago C-60 wird noch in Italien produziert, eine Sache, die für Firmengründer und Rahmenbauer Ernesto Colnago besonders bedeutsam ist, wie er immer wieder betont hat. Viel will er für diese Geschichte nicht sagen, nur dieses: »Wir versuchen, mit dem Markt mitzuhalten. Wir sind seit 63 Jahren dabei. Wir müssen jedes Jahr genauso kämpfen wie in unserem ersten.«

Lichtblick für Made in Italy

Preis-Leistung, kapitalstarke Global Player, Industrie-Know-how in Fernost – es ist nicht leicht für italienische Hersteller, in dieser Gemengelage die eigene Position zu behaupten. Ein Unternehmen, das zuletzt eine erstaunlich positive Entwicklung genommen hat, ist die Firma Basso aus San Zenone degli Ezzelini, ebenfalls in der vom Mittelstand geprägten Region nahe Bassano del Grappa, Treviso und Vicenza gelegen. Basso, 1977 von Alcide Basso gegründet, setzt ausschließlich auf Rennräder – und baut alle seiner 12.000 Rahmen im Jahr vollständig im eigenen Tochterwerk in Italien. Wohlgemerkt: Carbonräder mitten in Europa. »Es war lange Zeit schwierig, mit unserem Preisniveau konkurrenzfähig zu bleiben«, sagt Alessandro Basso, der Junior-Chef, »aber wir haben alles in unserem Haus behalten und merken jetzt, wie sich die Lage verbessert. Es gibt eine steigende Nachfrage nach besonderen Fahrrädern – und genau hier haben wir etwas zu bieten.«
Was macht das italienische Rennrad für Basso aus? Der Juniorchef nennt vor allem die handlaminierten Carbonfasern, die in seinem Werk in Autoklaven ausgehärtet werden und als beinahe perfekte Rahmen vorliegen, an denen keine Schleifarbeit mehr nötig sei. Der zweite Aspekt, der für Basso die italienische Qualität ausmacht: Die Lackierung, eine Familien‑
tradition, auf die man hier besonderen Wert legt. Das Dritte: Bei Basso fertigt man tatsächlich noch von Hand Stahlrahmen. Zwar sind das wenige, aber die Tradition soll erhalten bleiben. Der Rahmenbauer, eigentlich in Rente, kommt für jede Order einzeln aus dem Ruhestand in die Werkstatt.
Interessanterweise hat Wilier deutlich mehr Marktanteil in Italien als Basso, wo man Deutschland zu seinen drei wichtigsten Märkten zählt. »Hier bei uns verstehen die Menschen unsere Produkte nicht so recht«, sagt Alessandro Basso. In Deutschland beispielsweise sei es eher möglich, eine Konsumentengruppe zu erreichen, die für qualitativ hochwertige italienische Produktion auch nicht vor höheren Kosten zurückscheue. Deswegen setzt Basso auf gute Kontakte zu Händlern, auf sehr persönliche Beratung und auf faire Konditionen für die Läden, die die eigenen Produkte an die Verbraucher bringen.

Einst ein König

Wann ist ein italienisches Rennrad wirklich italienisch – muss dafür ein Komponentensatz von Campagnolo montiert sein? Alessandro Basso sieht das natürlich gern, allein schon um das Unternehmen aus Vicenza zu unterstützen, von dem es immer mal wieder heißt, es sei kurz vor dem Untergang. Sicher steht Campagnolo emblematisch für Italiens Rennradtradition. »Eine traditionsreiche, von Geschichte durchtränkte Firma hat manchmal Schwierigkeiten, sich neuen Trends anzupassen«, sagt Joshua Riddle, Sprecher von Campagnolo. Sein Unternehmen sei der »König« gewesen in einer Zeit, als jeder Rennradfahrer äußersten Wert gelegt habe auf die persönliche Zusammenstellung jedes einzelnen Teils. Unter dem Aufstieg der OEM-Marken, der großen Anbieter von der Stange, litt das Unternehmen bei aller technischen Expertise dann aber gewaltig. Heute versuchte man mit Nachdruck, auch auf den OEM-Zug aufzuspringen. »Die Firma hat viel dafür getan, sich mit an das Timing der OEM-Produzenten anzupassen, um bei im Handel verkauften Kompletträdern deutlich präsenter zu werden.« Auch an Canyon hat man sich inzwischen nicht nur angepasst, sondern liefert die Komponenten für die Canyon-Rennräder des Profiteams Movistar.
Campagnolo mit Sitz in Vicenza, wo man entwickelt, vermarktet, forscht und ebenso wie in einem Werk in Rumänien auch produziert, genießt noch immer enormes Ansehen für seine neuen technischen Lösungen und seine Bereitschaft, immer neue Innovationen fürs Rennrad auszutüfteln. Besonders weißt Riddle auf die neuen Gruppen für Scheibenbremsen-Systeme hin, wo Campagnolo nun nicht nur eine, sondern gar sechs Lösungen bereithält – vier mechanische und zwei elektronische.
Viel erhofft sich die traditionsreiche Edelmarke nun von einem anderen Trend, der vielleicht auch andere Italo-Radanbieter fördern könnte: »Es gibt einen stets wachsenden Wunsch bei Konsumenten, mehr Freiheiten bei der Auswahl und beim Aufbau des eigenen Fahrrads zu haben – eine Wiederauferstehung der Maßanfertigung oder Halb-Custom-Aufbauten«, argumentiert Riddle.
Auf genau diesen Mix, italienische Tradition und Ästhetik in Verbindung mit individueller Anfertigung setzt der Frankfurter Händler Thomas Fülberth, der seit 2014 die Marke Milanetti hält und mit einem kleinen Rahmenbauer in Bassano del Grappa die Räder für jeden Kunden einzeln anfertigen lässt. Zwischen 80 und 120 solcher Räder verkauft sein Geschäft im Jahr.
Warum macht Fülberth das? Er führt auch andere Marken wie Pinarello und Colnago – die tragen ihm sogar das Geschäft. Aber er sagt: »Ich will keinen Laden haben, der aussieht wie alle anderen – deshalb verkaufe ich meine eigene Marke.« Die habe den Vorteil, dass Fülberth seinen Kunden ein handgemachtes, persönliches Produkt zu einem attraktiven Preis bieten könne – und den Preis kontrolliert. »Diese Räder werden nirgendwo anders mit unfairem Rabatt zu finden sein.« Man könne aber auch nicht in die Vollen greifen – mehr als 10 bis 20 Prozent höhere Preise als bei vergleichbaren anderen Herstellern nehme kaum ein Kunde hin.
Für Fülberth ist die Sache natürlich Geschäft, aber er setzt auch viel Leidenschaft in die Sache mit den Rädern mit italienischer Seele. »Wir reden so viel über Steifigkeit und Aero – aber dabei vergessen wir oft den Spaß, das Erlebnis am Radfahren.« Genau dafür aber steht Italien. Für leuchtenden Lack und eine Tradition, die man fühlen kann.

11. Dezember 2017 von Tim Farin
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