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Ungenutzte Chancen
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Report - Neue Potenziale im Tourismus

Ungenutzte Chancen

Fahrräder, Mountainbikes und Elektroräder sind in touristischen Destinationen inzwischen ein bekanntes Phänomen. Doch der Markt entwickelt sich weiter und die Ansprüche der Kunden steigen. Insbesondere mit sportlich orientierten Radtouristen fremdeln Entscheider und Anbieter bislang. Dabei sind Potenziale für neue Kunden und neue Umsätze durchaus vorhanden.

Den Fahrradtouristen an sich gibt es nicht«, war bereits vor Jahren das Fazit intensiver Marktforschungen. Daran hat sich bis heute wohl nichts geändert. Und auch Mountainbiker oder E-Bike-Fahrer sind keineswegs homogene Gruppen. Trotzdem klingt gerade der E-Bike-Tourismus noch immer nach Genussradeln, Schmankerltour und Wellnesshotel. Und genau so werden die allermeisten Angebote auch kommuniziert und vermarktet. Bilder zu Tiefeinsteigern und seniorenparadiesischen Wellness­hotels drängen sich unwillkürlich auf. »Dafür bin ich zu jung!« möchte man gleich rufen und schnell weiterblättern oder wegklicken. Aber auch wenn man sich für manche Angebote tatsächlich interessiert, machen es einem die Touristiker meist schwer herauszufinden, was vor Ort an Material und Touren tatsächlich geboten wird. Merkwürdig. Denn im Winterurlaub sind sie, sowohl im Angebot, wie in der Darstellung, in der Regel deutlich differenzierter und auskunftsfreudiger.

Ein E-Bike ist ein E-Bike, oder?

Ja, sagt zum Beispiel der Zweirad-Industrie-Verband ZIV, der Elektroräder in seiner jährlich vorgelegten Statistik als eigene Kategorie führt, die offenbar keiner weiteren Differenzierung bedarf. Ja, sagt auch das Statis­tische Bundesamt in Wiesbaden, das Anfang Juni feststellte, dass zum Jahresanfang 2014 rund 1,2 Millionen Privathaushalte mindestens ein E-Bike besitzen. Um welche Arten dieser Elektroräder es sich konkret handelt, welche Segmente boomen und wozu sie konkret genutzt werden? Leider Fehlanzeige. Kein Wunder, dass an der Masse potenzieller Kunden neue Entwicklungen, Produkte und Marken, von Singlespeed bis hin zu Enduro-MTBs, einfach vorbeigehen und stattdessen weiter bestehende Bilder und Vorurteile existieren. Dabei gibt es kaum eine Fahrzeuggattung, die sowohl bei den Produkten, wie auch in der Nutzung, ausdifferenzierter wäre als das Fahrrad und inzwischen ganz selbstverständlich auch das E-Bike.
Ähnlich geht es auch bei Anbietern oder Verleihern vor Ort zu. Im zugegeben noch recht jungen Markt mischt sich Unkenntnis mit einem Angebot, das wenig mit den Ansprüchen einer inzwischen anspruchsvollen und ausdifferenzierten Kundengruppe zu tun hat. Selbst auf gezielte Nachfrage bei Touristikunternehmen, welche E-Bikes denn konkret vor Ort zur Verfügung stünden und ob es sich bei angebotenen Touren um sportlich orientierte oder technisch anspruchsvolle Routen handelt, erhält man nur die Auskunft »Das können wir Ihnen leider nicht sagen«. Verbunden mit dem Hinweis, dass es ja um die Landschaft und die Region und nicht um das Material ginge.

Vom Skitourismus lernen

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wie zum Beispiel beim Skianfänger-Massenvergnügen in Winterberg, bekommt man in Wintersportregionen im Verleih inzwischen eine breite hochwertige Materialauswahl geboten. Vom Anfängerski bis zur Premium-Ausrüstung für den Könner ist nach Preisen abgestimmt für jeden das richtige Markenprodukt dabei und bereits vorab übers Internet reservierbar. Die exzellent präparierten Pisten sind hinsichtlich technischem Niveau, Kondition und gebotenem Naturerlebnis ausgiebig beschrieben, erstklassig kartiert und bestens beschildert. Und wenn man nachfragt, bekommt man bei Vermietern, Verleihern und am Lift vielfältige Informationen und Tipps zu Lieblingspisten und Hütten.
Und beim Fahrrad oder E-Bike? Viele Hotels und Destinationen entdecken inzwischen zwar den Radfahrer als Kundengruppe. Und weil man irgendwie vom Trend profitieren möchte, werden gern auch ein paar Fahrräder angeschafft oder eine Kooperation mit einem E-Bike-Verleiher initiiert. Allerdings offensichtlich manches Mal ohne sorgfältig auf die Topographie, die Anforderungen der Routen und die anvisierte Kundschaft zu achten. So kommt es schnell vor, dass man sich zwar mit Motor aber ohne Stollenprofil und einer nur knapp ausreichenden Übersetzung Routen hochmüht, für die der Wanderführer auf jeden Fall festes Schuhwerk und eine gute Kondition empfohlen hätte. Aber Verbesserungen sind in Sicht: Immer mehr lokale Anbieter haben beispielsweise inzwischen auch E-Mountainbikes im Programm. Und auch beim Verleih-Pionier Movelo, der in über 80 Regionen und 1.000 Stationen in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich 3.500 E-Bikes im Angebot hat, tut sich etwas: Seit Anfang der Saison arbeitet Movelo mit Derby Cycle zusammen. Mit voll ausgestatteten Kalkhoff E-Bikes mit Rücktrittbremse für die Trekking- und Genusssparte und E-MTBs der Marke Focus wird erstmals eine saubere Differenzierung des touristischen Angebots ermöglicht. Sportliche E-Biker können sich über ein 27,5-Zoll E-MTB mit einem speziell abgestimmten hauseigenen Impulse-Mittelmotor freuen. Vor allem der eingesetzte 612 Wh starke Akku macht hier Sinn, denn am Berg schmilzt die Akkuleistung wie Schnee in der Sonne und nicht immer ist eine Ladestation in Reichweite. Mit Blick auf das Material ist damit ein entscheidender Fortschritt gemacht, der künftig deutlich mehr Touristen als bisher für die Themen Radtourismus und Mountainbike begeistern dürfte.

Kunden in den Mittelpunkt

Neben Verbesserungen beim Material bleibt auch noch im Hinblick auf die Infrastruktur, die Kommunikation und vor allem die persönlichen Erfahrungen der Menschen vor Ort viel zu tun. Was nützt beispielsweise Informationsmaterial, das sich vorzugsweise an klassische Mountainbiker richtet, und die Kategorisierung der Routen in leicht, mittel und schwer, die sich am Faktor Höhenmeter und nicht an den technischen Herausforderungen festmacht? Wichtig wären auch persönliche Eindrücke und die Beantwortung der Frage, ob der Akku für die geplante Tour ausreicht bzw. wo man noch mal zwischenladen kann oder sollte. Der Urlauber von heute hat wenig Zeit und mag es bequem – auch bei sportlicher Betätigung. Hilfreich sind also Services vom Bike-Taxi über den Gepäcktransport und Informationen – von detaillierten Tourenbeschreibungen und Beschilderungen bis hin zu informativen Apps. Schließlich will man ja gerade im Kurzurlaub Genuss von Anfang an und sich nicht erst mit einer langwierigen Routenplanung herumschlagen müssen. Und ein leerer Akku am Berg? Geht gar nicht! Dabei bieten gerade Ladestationen hohes Potenzial, Radtouristen an bestimmte Orte wie Hütten, Gaststätten oder touristische Attraktionen zu locken.
Im jungen Markt gibt es noch vielfältige Potenziale, um die neuen Fahrradtouristen dahin zu stellen, wo sie hingehören: in den Mittelpunkt. Denn zum aktiven oder sportiven Entdecken von Landschaft, Natur und Sehenswürdigkeiten gehört das Rad heute vielfach einfach dazu. In Mittelgebirgen gern auch mit Motor. Angesichts einer klimabedingt voraussichtlich immer kürzeren Skisaison und Millioneninvestitionen in Lifte, Hotels und sonstige Infrastruktur, ist der Sommertourismus inzwischen unverzichtbar.
Auch die Fahrradbranche selbst kann noch viel tun. Zum Beispiel Anschlussgeschäfte anstoßen, die über den Verkauf des Produkts Fahrrad und E-Bike hinausgehen und zur Kundenzufriedenheit und -treue beitragen. Der hohe Wert eines zufriedenen Bestandskunden wird dabei bei Weitem noch nicht reflektiert und ausgeschöpft. Warum, fragt Mountainbike Techniktrainer Andi Kromer, werden beispielsweise Käufern von Mountainbikes nicht schon im Laden Gutscheine für einen rabattierten Technikkurs an die Hand gegeben? Und warum wird der Kunde eigentlich nicht nach einem absolvierten Kurs an einen Transalp-Anbieter oder einen Hersteller für Mountainbike-Kleidung (im Lady-Kurs natürlich eine frauenspezifische Marke) weitergeleitet? Der Kunde oder die Kundin sind sicher nicht böse, sondern eher dankbar, wenn Beratung, Angebot und Qualität Hand in Hand gehen und der Preis stimmt.

15. Juli 2015 von Reiner Kolberg

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