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Verjüngungskur im Sattel
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Studie - Fit durch E-Biken

Verjüngungskur im Sattel

Radfahren hält nicht nur fit. Mehr noch: Wer regelmäßig moderat radelt, senkt sogar sein biologische Alter um bis zu 15 Jahre. Wie gesund Pedelec fahren im direkten Vergleich zum Radfahren ohne Motor ist, will Professor Uwe Tegtbur mit seinem Team an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) zurzeit in einer Studie herausfinden.

Bewegung ist gesund, das ist bekannt. Doch wie hoch muss die Dosis an Bewegung tatsächlich sein? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche. Dazu zählen Spazierengehen, Gartenarbeit oder auch Radfahren. Aber wie schnell muss man in die Pedale treten, damit das ­Training auch wirkt? Und gilt das eigentlich auch fürs E-Biken? Hier hakt Uwe Tegtbur mit seiner aktuellen Studie ein. Er will wissen, wie groß die körperliche Anstrengung beim Fahren mit und ohne Motor ist, und wie stark der ­Trainingseffekt vom Pedelec zum Fahrrad variiert. Bereits die Ergebnisse seiner ersten Pedelec-Radfahrer-Vergleichsstudie von 2016 sind vielversprechend.
Seine Crossover-Studie »Pedelecs und Gesundheit« an der MHH hat erstaunliche Ergebnisse geliefert. Damals sind 101 Probanden zwei Wochen mit einem E-Bike und zwei Wochen mit einem normalen Fahrrad gefahren. Dabei haben sie Dauer und Intensität ihrer Fahrten per Smartphone-App aufgezeichnet. Es ist die bislang größte Pedelec-Studie.
Erstaunlich für den Wissenschaftler war die Herzfrequenz der Probanden. »Die Herzfrequenz bei den E-Bike-Fahrten lag nur etwa zehn Schläge unter der der Fahrrad-Fahrten«, sagt Tegtbur. Er schätzt, dass die Fahrer einen Unterstützungsmodus gewählt haben, der ihnen das Fahren erleichtert, aber sie immer noch fordert. So hatten sie eine Herzfrequenz, die sich positiv auf ihr Herz-Kreislauf-System auswirkte.
»Im Ruhezustand pumpt das Herz etwa fünf Liter Blut pro Minute durch die Adern. Das entspricht etwa ein Drittel Wasserglas pro Herzschlag«, erklärt Tegtbur. Steige der Puls von 70 auf 110 an, pumpe das Herz etwa zwölf Liter durch die gleichen Blutgefäße, was etwa einem halben Wasserglas pro Herzschlag entspreche. »110 ist immer noch eine moderate Belastung«, sagt der Wissenschaftler. Aber der gewünschte Effekt sei aus medizinischer Sicht bereits gut. Denn während das Herz schneller pumpt, setzt die sogenannte Endothelzelle, mit der alle Gefäße des Herz-Kreislauf-Systems ausgestattet sind, Stickstoffmonoxid (NO) frei. Das ist gut. Denn das sorgt dafür, dass sich die Gefäßwände entspannen und erweitern. Folglich wird mehr Blut durch die Gefäße gelassen und der Blutdruck sinkt.

Jede Ausfahrt mit dem Rad zählt

Um diesen Effekt zu erreicht, genügen bereits 20 Minuten Radfahren pro Tag. Wer 60 Minuten mit dem Rad unterwegs ist, steigert den Effekt. Dann ist der Blutdruck selbst 24 Stunden später und auch noch in der folgenden Nacht niedriger. »Das ist ein super Nutzen«, sagt Tegtbur. »Diesen fühlen sie auch im Kopf, weil sie entspannter sind, stressresistenter und weniger Adrenalin ausstoßen über den Tag.« Wer es schafft, morgens und abends mit dem Rad zu fahren, hat laut Tegtbur einen sofortigen Nutzen für die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit an dem Tag.
In der ersten Pedelec-Studie hat Tegtbur festgestellt, dass die Fahrer mit den E-Bikes 60 Prozent mehr gefahren sind als mit dem Rad ohne Motor - beispielsweise, weil sie das E-Bike für die Fahrt zur Arbeit benutzt haben. »Der Alltag ist die größte Ressource, die wir haben, um die Vorgabe der WHO zu erfüllen«, sagt Tegtbur. Das zeigt auch eine weitere MHH-Studie.

Radfahren kann biologisches Alter um 15 Jahre reduzieren

Die Idee der Studie »Rebirth« war es, unsportliche Mitarbeiter der MHH dazu zu bringen, sich täglich zu bewegen. 400 Männer und Frauen meldeten sich freiwillig. Sie hatten die Aufgabe, sich über ein halbes Jahr lang werktags durchschnittlich 30 Minuten zu bewegen. Das Angebot an der Hochschule war vielfältig und reichte vom Schwimmen bis zum Training im Kraftraum.
Tatsächlich haben aber rund 35 Prozent der Mitarbeiter ihren Weg zur Arbeit modifiziert. Statt Auto, Bus oder Bahn zu nutzen, sind sie mit dem Fahrrad zur Arbeit gefahren. So kamen die, die sich vorher nicht bewegt haben, während der Studie im Schnitt auf 207 Minuten körperliche Aktivität pro Woche. Das klingt wenig, aber das Ergebnis ist frappierend. Denn nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit hat bei den Studienteilnehmern zugenommen, auch ihre Zellen haben sich verjüngt.
Die Wissenschaftler haben bei den neuen Freizeitsportlern die Länge der Chromosomen-Enden (Telomere) der weißen Blutzellen untersucht. Dabei haben sie festgestellt, dass diese in den sechs Monaten deutlich gewachsen sind. Obwohl das Training moderat war. Das ist ungewöhnlich. Denn in der Regel verkürzen sich die Telomere bei jeder Zellteilung. Das ist ein natürlicher Vorgang. Die Folge ist eine Alterung der Zellen und des gesamten Organismus. Für die Wissenschaftler sind die gewachsenen Telomere daher ein Hinweis darauf, dass sich die Zellen verjüngt haben. Selbst moderates Radfahren sorgt dafür, dass sich das biologische Alter reduziert. Am Ende der Studie wurden alle Teilnehmer untersucht. Dabei habe sich herausgestellt, dass die »Verjüngung« bis zu 15 Jahre betragen kann.
Was Tegtbur besonders freut: Etwa drei Viertel der Studienteilnehmer sind nach dem Abschluss der Studie weiterhin aktiv geblieben. Sie treiben jetzt im gleichen Umfang Sport wie zur Zeit der Untersuchung. Diese Verhaltensänderung ist auch für Arbeitgeber interessant. Denn eine Begleiterscheinung der Studie war, dass der Krankenstand der Trainingsteilnehmer um mehr als 40 Prozent zurück ging.
Das ist für eine alternde Gesellschaft und eine älter werdende Belegschaft in Unternehmen eine wichtige Erkenntnis. Jetzt geht es darum, den Effekt in der aktuellen Studie zu bestätigen. In der ersten Pedelec-Studie haben die Studienteilnehmer das E-Bike gestellt bekommen. Der Aspekt könnte laut Tegtbur das Fahrverhalten beeinflusst haben. Allerdings zeigen bereits weitere Studien wie »Pedelection«, dass E-Bike-Fahrer mehr Alltagsfahrten mit Motor bestreiten als ohne Motor.
Damit die Studie repräsentativ ist, brauchen Tegtbur und sein Team 800 E-Biker und 400 Radfahrer aus der ganzen Bundesrepublik. Die Probanden messen in zwei Zeiträumen, die knapp ein Jahr auseinander liegen, jeweils einen Monat lang per Sportuhr am Handgelenk Daten wie Herzfrequenz, gefahrene Strecke, Steigung und Geschwindigkeit. Zusätzlich geben sie über einen Fragebogen Infos zum Gesundheitszustand und zum Nutzungsverhalten ihres Rades. Rund 1000 Teilnehmer sind bereits dabei. Anmelden kann man sich hier: sportmedizin-ebike@mh-hannover.de
Das Projekt wird vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) 2020 gefördert.

4. Juni 2018 von Andrea Reidl
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